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Der HSV sucht weiter seinen Hoeneß - bis dahin soll Wüstefeld Schulterschlüsse herstellen -

Es passt gut zum aktuell sicherlich heißesten HSV-Thema, das ausnahmsweise mal nicht der Werdegang von Faride Alidou ist. Denn heute diskutiert Fußball-Hamburg über…

Der HSV sucht weiter seinen Hoeneß - bis dahin soll Wüstefeld Schulterschlüsse herstellen -

Es passt gut zum aktuell sicherlich heißesten HSV-Thema, das ausnahmsweise mal nicht der Werdegang von Faride Alidou ist. Denn heute diskutiert Fußball-Hamburg über Geisterspiele und vor allem über die  Entwicklung im Vorstand, die dazu geführt hat, dass der HSV mit Dr. Thomas Wüstefeld einen neuen Vorstand und dadurch einen Aufsichtsratsboss weniger hat. Wüstefeld ersetzt Frank Wettstein, Marcell Jansen ersetzt Wüstefeld. Und Letztgenannter hat heute ein Interview auf der Vereinswebsite gegeben, das interessant zu lesen ist, ohne dass man es direkt bewerten kann. Denn Wüstefeld spricht naturgemäß noch viel im Konjunktiv und über zukünftige Vorhaben. Wie wertvoll diese Aussagen sind, wird die Zukunft zeigen.

Begonnen wird damit schon sehr zeitnah, denn Wüstefeld will sich auch um den Zuschauerausschluss kümmern. „Ich werde jetzt schnell Kontakt zur Hamburger Politik aufnehmen, um die aus meiner Sicht nicht nachvollziehbare Corona-Behandlung bzw. den Zuschauerausschluss für den Hamburger Profisport im Vergleich zum Amateursport oder auch zur Kultur anzusprechen und dort unsere Position zu vertreten. Da gibt es viel Gesprächs- und Erklärungsbedarf“, so Wüstefeld, nachdem sich gestern schon St.-Pauli-Präsident Oke Göttlich kritisch zu dem neuen Beschuss des Hamburger Senats geäußert hatte.

Wüstefeld zweifelt Sinnhaftigkeit von Geisterspielen an

Nachvollziehbar ist das auch alles nicht mehr ehrlich gesagt. Wieso dürfen 2000 von 2200 Plätze in der Elbphilharmonie im Innenraum besetzt werden aber keine 5000 von möglichen 57.000 Zuschauern im offenen, luftigen Volksparkstadion Platz nehmen? Warum dürfen deutlich schwieriger zu kontrollierende Amateurspiele bis zu 1000 Zuschauer live am Platz haben, der HSV aber nicht? Erschließt sich mir nicht.

Aber zurück zum Vorstandsthema – denn das hat der HSV gefühlt seit Jahrzehnten. Oder besser gesagt: Der HSV hat diesen Vorstand eben nicht, den beispielsweise der FC Bayern in Uli Hoeneß hatte. Über Jahrzehnte hat sich Hoeneß weltweit zu einem der erfolgreichsten Fußballmanager aller Zeiten hochgearbeitet – und dem FC Bayern dadurch die Möglichkeiten eröffnet, zu einem der weltbesten, erfolgreichsten Fußballklubs zu werden. Der HSV hat indes gefühlt noch nie einen wirklich unumstritten autoritären und akzeptierten Mann an der Spitze gehabt. Und ddas Ergebnis beider Klubs macht deutlich, wer es richtig gemacht hat…

Apropos: Ja, ich weiß, dass Hoeneß Steuern hinterzogen hat und ich werde das auch in keinster Weise relativieren. Es ist Betrug an der Allgemeinheit, den man nicht entschuldigen kann. Aber dafür wurde Hoeneß bestraft – und Strafe ist dafür da, um Straftaten und andere Vergehen abzugelten. Hoeneß hat das gemacht. Von daher sollte weniger das das Thema sein, wenn man sich an ihn erinnert, denn die vielen Dinge mit Langzeitwirkung. Und ich persönlich kann sagen, dass ich in Hoeneß einen hoch emotionalen, oft sicherlich auch übertrieben emotionalen Menschen kennenlernen durfte, der mir außerhalb seiner Steuersünden mächtig imponiert hat.

Als Hoeneß den HSV zerlegte - und damit richtig lag

Denn Hoeneß war hinter allem vordergründigen Getöse auch ein sehr sozial engagierter Mensch. Die Legende, dass er alle seine Werbeeinahmen gespendet hat, hat mir mal seine Tochter indirekt verraten. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich erinnere mich aber noch sehr gut an den Zeitpunkt, an dem sich der damals erfolgreicher werdende HSV selbst schwächte – an den Streit Hoffmann/Beiersdorfer. Damals rief ich ihn für meine Abendblatt-Story Uli Hoeneß an, um nach seiner Meinung zu fragen. Und er ging sofort ran. Obwohl er im Urlaub war. Wir sprachen über mein Anliegen und ich musste gar nicht viel Fragen, als es schon aus ihm heraussprudelte.

Hoeneß zerlegte den HSV in seine Einzelteile, ohne den HSV damit zu diskreditieren. Denn das wollte er absolut nicht. Ich merkte ihm an (er sagte es auch wörtlich), dass er den HSV mag und mochte. Er wollte, dass der HSV zum Gegenpart der Bayern im Norden wird. Und er sah den HSV auf einem guten Weg – bis zum Zeitpunkt der Eskalation zwischen Hoffmann und Beiersdorfer, die der Aufsichtsrat seinerzeit nicht mehr gekittet bekam. „Unfähig“, „Kindergarten“ und „Amateure sondergleichen“ waren Begriffe, die Hoeneß für den HSV-Aufsichtsrat seinerzeit wählte. Und er sagte deutlich, dass ein Verein wie der HSV niemals allein mit gutem Marketing groß würde – sondern vor allem mit gutem Sport. Beiersdorfer zu entlassen, würde den HSV um Jahre zurückwerfen, prophezeite Hoeneß – und er behielt recht. Denn der Aufsichtsrat trennte sich von Beiersdorfer, sprengte das erfolgreiche Duo Beiersdorfer/Hoffmann und der HSV schmierte ab.

Was Hoeneß selbst gemacht hätte? „Ich hätte mich mit beiden hingesetzt und ihnen klar gemacht, dass das alles kein Wunschkonzert ist und nicht sie sondern der Verein wichtig ist. Die sollen sich gefälligst zusammenraufen und fortführen, was gerade anfängt zu blühen“, so Hoeneß seinerzeit. Und das war nur eines von vielen interessanten und noch mehr brisanten Aussagen. Als ich im Anschluss daran fragte, an wen ich das abgetippte Gespräch denn zum gegenlesen senden sollte, sagte er nur kurz: „Herr Scholz, ich weiß, was ich gesagt habe. Und ich gehe davon aus, dass sie vom Hamburger Abendblatt das genau so auch abdrucken, wie ich es gesagt habe. Das reicht mir.“

Das HSV-Konstrukt lässt gar keinen Hoeneß zu

Klingt normal? Ist es aber absolut nicht. Im Gegenteil. In den allermeisten Fällen werden die abgetippten Interviews noch mal gegengelesen und dann stark abgeändert. Auch beim HSV war das jahrelang so. Und nicht selten wurden damals von übergeordneter Stelle aus einem „Ja“ ein „Nein“ gemacht, also der Sinn der Antwort komplett entfremdet. Ihr könnt Euch also vorstellen, wie viele Interviews ich im Nachgang nicht fürs Blatt freigegeben habe, weil es völlig entfremdet worden war und nicht im Ansatz den Kern des vorausgegangenen Gesprächs wiedergegeben hätte.  

Anders Hoeneß. Dessen Wort zählt – und ich hätte mich im Leben nicht getraut, auch nur ein Wort auszulassen oder dazuzudichten. Weil er diese natürliche Autorität hatte. Viele nannten es „Macht“. Zurevcht. Aber ich fand und finde, dass Hoeneß seine „Macht“ so effizient für den eigenen Klub einzusetzen wusste, dass der Klub heute da steht, wo er steht.  

Mein Problem mit dieser Geschichte: Ich habe mir immer einen solchen Mann an der Spitze des HSV gewünscht. Aber damals wie heute gab es beim HSV eben niemanden, dessen Wort derartig Gewicht hatte und hat. Der HSV hatte und hat einfach keinen Uli Hoeneß, dem man abnimmt, dass er alles machen würde für seinen Klub. Lange wurde danach gesucht, aber niemand konnte auch nur ansatzweise in Sphären vorstoßen wie Hoeneß das im und mit dem FC Bayern machte. Stattdessen hatte der HSV in den letzten Jahren immer wieder Graben- und Machtkämpfe, weil es die allen übergeordnete Person nicht gab. Stattdessen wollten viele Kleine zu gern Große sein und stellten den Klub vor Zerreißproben. Bis man den HSV ausgehöhlt hatte. Bis man wirklich abstieg – und seither nicht mehr aufgestiegen ist.

Mit Wüstefeld soll intern jetzt ein Schulterschluss vollzogen werden. Was ein Hoeneß beim FC Bayern geschafft hat, soll hier auf viele Schultern verteilt im Kleinen funktionieren. Sagt Wüstefeld auch selbst. „Meine Person bzw. die Bedeutung meiner Person ist dabei unerheblich. Ich orientiere mich an Prozessen und an Themen. Als Führungskraft bin ich ein Teamplayer. Ich übertrage gern Verantwortung, wenn ich die Dinge nachvollziehen kann und sie für richtig erachte. Und ich bin sehr hartnäckig, wenn es darum geht, so lange zu bohren, bis alle Facetten beleuchtet sind.“ 

Wüstefeld spricht von „Verantwortung auf vielen Schultern“ 

Viele nette Worte in dem Interview, das Ihr HIER auch lesen könnt. Aber bewertet werden können selbige erst in einem Jahr, wenn Wüstefeld seinen Posten als Vorstandsvorsitzender wieder räumt. Bis dahin soll Wüstefeld das schwierige Unterfangen Lizenzierung in Angriff nehmen. Ein Prozess, den Vorgänger Frank Wettstein in den letzten Jahren mit viel Kreativität immer wieder gemeistert hatte. Problem heute: Die immer wieder generierten Maßnahmen für Sondereinnahmen (Anteilsverkäufe, Kühne-Darlehen, Grundstücksverkauf Stadion, Corona-Hilfe etc.) sind aufgebraucht.

Harte Zeiten für Wüstefeld, um sich zu beweisen. Als Umstrukturierer soll der erfolgreiche Pharma-Unternehmer den HSV in Hamburgs Politik und noch mehr in Hamburgs Wirtschaft so platzieren, dass Aufbruchsstimmung erzeugt wird. Und das alle pro bono, denn Wüstefeld verzichtet für seinen neuen Job auf Bezahlung.

Apropos Verzicht: Morgen wird es leider keinen Communitytalk geben, da die Jungs von AlphaFilms derzeit nicht verfügbar sind. Ich werde stattdessen zusehen, die Fragen, die per Email gekommen sind, schriftlich im Blog zu beantworten. Solltet Ihr auch noch Fragen haben, stellt sie zudem gern im Kommentarbereich. Dann beziehe ich diese morgen gern mit ein! Und jetzt: Das Interview mit Uli Hoeneß, das die Deutsche Presse-Agentur (dpa) zu Hoeneß‘ heutigem 70. Geburtstag veröffentlicht hat.

Alle, die das nicht interessiert, können also an dieser Stelle abschalten. Allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Lesen des Interviews.  

Scholle

Frage: Herr Hoeneß, zu Ihrem 60. Geburtstag hat der FC Bayern ein großes Fest im einstigen Münchner Postpalast mit Thomas Gottschalk als Moderator ausgerichtet. Wie werden Sie Ihren 70. Geburtstag in Corona-Zeiten feiern?

Antwort: Damals gab es zwei Feiern, eine des FC Bayern - ein tolles Fest. Da war alles da, was Rang und Namen hatte, nicht nur aus dem Sport, sondern auch aus der Wirtschaft, Kultur und Politik – unter anderem hat mir der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer die Ehrenbürgerwürde des Freistaates Bayern verliehen, eine Kopie-Band der Beatles hat gespielt. Daneben hatte ich privat ein Fest mit 150 Leuten ausgerichtet. Das wird diesmal alles wegfallen.

Frage: Was hatten Sie geplant?

Antwort: Ich wollte wieder zu einem Fest einladen, weil ich fand, dass die Menschen gerade in diesen Corona-Zeiten auch mal etwas zum Lachen haben sollten. Ich hatte die Kabarettistin Monika Gruber gebeten, aufzutreten. Sie hatte auch zugesagt. Sie hat ein neues Programm. Und bei ihr lachen auch die mit, die kein Bayerisch verstehen. Alle diese Dinge kann man aber jetzt leider nicht machen. 

Frage: Wie verbringen Sie dann Ihren Ehrentag?

Antwort: Wir sind zuhause. Mein Bruder Dieter wird kommen. Wir werden die Regeln einhalten, kleiner Kreis, ein schönes Essen, das war's. Allerdings ist klar: Das wird nachgeholt. Meine Frau Susi wird auch 70 im kommenden Juni. Und wenn dann die Verhältnisse so sind, wie wir uns das vorstellen, gibt es ein Riesenfest im privaten Bereich. Man muss auch mal innehalten, zurückblicken und mit Freunden feiern.

Frage: Wenn Sie auf 70 Lebensjahre zurückblicken, fühlen Sie sich dann als ein Glückskind? 

Antwort: Natürlich bin ich ein Glückskind, wenn ich zum Beispiel alleine daran denke, dass ich mal als Einziger einen Flugzeugabsturz überlebt habe (1982). Und auch sonst, obwohl ich auch mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, etwa in meiner Fußball-Karriere. Wer ist schon mit 23 Jahren praktisch fertig? Nach meiner schweren Knieoperation 1975 habe ich zwar weitergespielt, bis ich 27 war. Aber das war nicht mehr der Uli Hoeneß, der ich vorher war, der wilde, schnelle Uli Hoeneß. Das Knie wurde vor den Spielen punktiert - und danach war es meistens dick.

Frage: Was stimmt Sie im Ruhestand glücklich?

Antwort: Ich habe eine tolle Familie. Ohne sie wäre das Ganze im Fußball nicht möglich gewesen. Susi hat mir immer den Rücken freigehalten. Als Manager habe ich oft morgens angerufen, dass ich abends mit Leuten zum Essen heimkomme. Dann hat meine Frau etwas zum Essen gezaubert. Ein Beispiel: Als 2010 die Geschichte mit Franck Ribéry beim FC Bayern zu Ende zu gehen schien, weil seine Berater ihn mehr oder weniger an Real Madrid verkauft hatten, haben wir ihn mit seiner Frau Wahiba zu uns zum Essen eingeladen. Susi hat extra für sie halal gekocht, wir hatten einen wunderbaren Abend, und gegen Mitternacht hat Wahiba schließlich gesagt: «Franck, nous restons à Munich!» Wir bleiben in München. 

Frage: Die Familie war und ist Ihnen also sehr wichtig?

Antwort: Ich bin stolz, dass meine Kinder die Wurstfabrik, die ich mit meinem verstorbenen Freund Werner Weiß aufgebaut hatte, vor fast acht Jahren übernommen haben. Florian ist Geschäftsführer und macht einen super Job. Sabine ist auch beteiligt. Ich habe schon Glück, dass ich so eine tolle Familie habe. Freunde habe ich nicht so viele - aber auf die kann ich mich verlassen. Und sie können sich auf mich verlassen. Zuverlässigkeit und Dankbarkeit sind mir in einer Freundschaft ganz wichtig. Wer mir mal etwas Gutes getan hat, ist geschützt - ein Leben lang.

Frage: Gibt es Dinge, die Sie aus Ihrer Vita gerne streichen würden, etwa Ihre Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung?

Antwort: Das ist auf jeden Fall ein Makel, den ich selbst zu verantworten habe. Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Aber es haben damals viele Leute respektiert, auch solche, die mich kritisch sehen, dass ich nicht in Revision gegangen bin – gegen den Rat meiner Anwälte. Das hätte Jahre dauern können, aber meine Familie und ich hatten in der Nacht nach dem Urteil entschieden, dass ich ins Gefängnis gehe. Die Zeit dort hat mich stark geprägt, und ich glaube, auch noch stärker gemacht. 

Frage: Sie sind im Anschluss sogar noch einmal Präsident des FC Bayern geworden. Vor zwei Jahren haben Sie sich dann endgültig aus der ersten Reihe zurückgezogen. Ein eigenes Büro haben Sie als Ehrenpräsident auf der Geschäftsstelle nicht mehr. Wie schwer fiel Ihnen das Loslassen?

Antwort: Wenn man so eine Entscheidung trifft, muss man sie konsequent durchziehen. Ich muss zugeben, dass es am Anfang nicht so einfach war. Ich bin zwei-, dreimal wöchentlich hierhergekommen. Aber im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, die Nachfolger schwimmen sich frei. Wenn ich mich zu sehr einmische und zu oft sehen lasse, ist das nicht gut. Man macht es dann den neuen handelnden Personen, die ich selbst ausgesucht und forciert habe, unnötig schwerer.

Frage: Wird Ihr Ratschlag noch gesucht?

Antwort: Natürlich bin ich zur Stelle, wenn mein Nachfolger Herbert Hainer etwas besprechen möchte. Hasan Salihamidzic lädt mich oft zum Kaffeetrinken ein. Mit Oliver Kahn habe ich aktuell weniger Kontakt, aber das ist normal. Er will einen eigenen Stil kreieren, und das ist gut so. Zudem ist er nicht mein Nachfolger, sondern der von Karl-Heinz (Rummenigge). Unser Verhältnis ist ausgezeichnet.

Frage: Die Jahreshauptversammlung im November eskalierte am Streitthema Katar. Sie haben sie später als «schlimmste Veranstaltung» bezeichnet, die Sie beim FC Bayern erlebt haben. Sie gingen damals ganz am Ende ans Rednerpult, verließen das Podium aber wortlos...

Antwort: ...ich bin froh, dass das Mikro keinen Saft mehr hatte...

Frage: Was hätten Sie den Mitgliedern und Fans denn sagen wollen?

Antwort: Ich hätte Herbert Hainer und Oliver Kahn zur Seite stehen wollen. Ich hätte den Leuten sagen wollen, dass es berechtigt ist, dass man Dinge kritisch sieht. Aber auch sie sind Teil des FC Bayern. Und das Bild, das der FC Bayern an diesem Abend abgegeben hat, kann niemandem von uns gefallen haben. Wie ich mich kenne, wären meine Worte emotional aus mir herausgekommen – und auch wenn ich es im Sinne des FC Bayern gut gemeint hätte, wäre es in diesem Ambiente vermutlich kontraproduktiv gewesen. In der Zeit, die es dauerte, das Mikrofon wieder anzuschalten, ist in meinem Kopf der Impuls aufgekommen, nein, das passt jetzt nicht.  

Frage: Wie würden denn Sie die Problematik Katar und den Sponsorenvertrag mit der staatlichen Fluglinie lösen?

Antwort: Das ist ein ganz elementares Thema auch für die Zukunft des Vereins. Ich habe neulich mit einem der größten deutschen Wirtschaftsbosse gesprochen, dessen Konzern eine Studie erstellt hat, laut der in nur sieben Prozent der Länder auf der Welt die Menschenrechte tatsächlich so sind, wie es sich die meisten vorstellen. Man muss das realistisch sehen, wie klein die Welt allein nach diesen Maßstäben wäre. Aber dann würde es sehr schwer werden.

Frage: Als Verein?

Antwort: Ja, sportlich gesehen. Wir haben in Deutschland gravierende wirtschaftliche Nachteile gegenüber den von Investoren und Staatsfonds finanzierten internationalen Vereinen, in die Geld ohne Ende gepumpt wird. Irgendwann könnte der Punkt kommen, an dem unsere Fans - und übrigens auch die Medien – akzeptieren müssten, dass die deutschen Fußballmannschaften international keine Rolle mehr spielen. 

Frage: Geld vor Moral, also?

Antwort: Ich glaube nicht, dass die Tatsache, dass der FC Bayern in Katar ein Trainingslager abhält, so wie zum Beispiel jetzt im Winter unsere Frauen-Mannschaft, dazu führt, dass es dort schlechter wird. Im Gegenteil. Der Besuch unserer FC Bayern Frauen treibt den Prozess der Gleichberechtigung voran. Die Devise lautet: Veränderung durch Annäherung. Wenn der FC Bayern eines Tages vielleicht nicht mehr nach Katar fährt und auch die Fußball-WM vorbei ist, geht es dort weiterhin um die Menschen. Die Menschenrechte werden nur besser, wenn man im Dialog immer wieder auf die Missstände hinweist. Nur das führt dazu, dass sich die Dinge verbessern. Meine Überzeugung ist, man muss dort präsent sein. 

Frage: Sie würden also erwägen, die Partnerschaft mit Qatar Airways über 2023 hinaus zu verlängern?

Antwort: Das habe nicht ich zu entscheiden. Ich persönlich würde zu einer Verlängerung tendieren, wenn wir das Gefühl haben, dass wir mit dieser Partnerschaft einen Beitrag leisten können, dass sich die Dinge vor Ort verbessern und weiter verbessern werden. 

Frage: Themenwechsel. Wie erleben Sie seit zwei Jahren die Corona-Pandemie. Sind Sie für eine Impfpflicht?

Antwort: Ich bin ganz klar für das Impfen, aber nicht für eine Impfpflicht. Zeitweise war ich dafür, aber ich habe mir dann vorgestellt: Was macht man mit einem Menschen, der sich partout nicht impfen lassen will? Ich halte eine Impflicht ohne Wenn und Aber für ein zu großes Problem, das die Gesellschaft eher spalten kann. Aber so, wie sich die Situation gerade darstellt, bedeutet das auch, dass die Rechte für Ungeimpfte eingeschränkt sein müssen. 

Frage: Wie sind Sie mit den Impfbedenken von Joshua Kimmich umgegangen, der dem FC Bayern erst als Kontaktperson und dann als selbst Infizierter länger fehlte und beim Pieks nun umgedacht hat?

Antwort: Joshua ist ein fantastisches Beispiel, dass man seine Meinung ändern kann. Ich habe das eine oder andere Mal mit ihm gesprochen, ohne Druck zu machen. Ich rechne es ihm hoch an, dass er sich hinstellt und sagt: «Ich habe das falsch eingeschätzt.» Das würde ich mir bei mehr Menschen wünschen. Ich finde es gut, dass er sich, sobald es möglich ist, impfen lassen möchte. Das kann vielen Andersdenkenden einen Impuls geben.

Frage: Nach Lungenproblemen infolge der Covid-Erkrankung hat sich Kimmichs Comeback verzögert. Kann er im neuen Jahr wieder loslegen?

Antwort: Das wird sich zeigen, wenn er unter Höchstbelastung trainiert. Aber ich hoffe es sehr und gehe auch fest davon aus. 

Frage: Glauben Sie, dass er wegen der Impfthematik nun anders betrachtet wird, womöglich auch innerhalb der Mannschaft?

Antwort: Die Mannschaft hat die Kohlen auch ohne ihn gut aus dem Feuer geholt. Da braucht er sich also keine Vorwürfe zu machen. Er kommt in eine Mannschaft zurück, die intakt ist und alle Ziele in der Hinrunde - bis auf den DFB-Pokal, wo er noch dabei war - erreicht hat. Er wird vom Team sicher positiv aufgenommen, weil er nicht nur ein großartiger Spieler ist, sondern weil ihn alle als Persönlichkeit insgesamt extrem schätzen. Zudem hat er bei diesem Thema ja auch umgedacht. 

Frage: Was halten Sie von Karl Lauterbach als Gesundheitsminister?

Antwort: Solange er nicht im Amt war, hatte ich meine Probleme mit ihm. Ich fand, dass er alles besser weiß. Jetzt bin ich ein totaler Fan von Karl Lauterbach, weil ich das Gefühl habe, dass er von der Sache sehr viel versteht und ein Macher ist. Er macht etwa eine Bestandsaufnahme beim Impfstoff und besorgt, was fehlt. Kaum ist das Medikament Paxlovid gegen schwere Covid-Verläufe akzeptiert, bestellt er eine Million Packungen. Sein Vorgänger Jens Spahn war Ankündigungsweltmeister, hat aber wenig zustandegebracht. Lauterbach dagegen hat eine Vision, er hat eine Idee - und die setzt er um. Deswegen habe ich meine Meinung zu Lauterbach total geändert. Er ist nicht jedem recht - aber er ist einer, der handelt, und so einer ist mir zehnmal lieber.  

Frage: Durch Lauterbach werden Sie am Ende womöglich noch zum Fan der Ampel-Koalition?

Antwort: Ich habe anders gewählt. Aber ich bin im Moment glücklich, dass diese neue Konstellation an der Regierung ist, weil ich ihr zutraue, die Probleme, die wir jetzt haben, gut zu lösen. Solange die CDU, ich sage bewusst die CDU, nicht CSU, immer noch mit sich selbst beschäftigt ist, würde ich ihr eine Regierung, die aktuell so viele Probleme zu lösen hat, nicht zutrauen.

Frage: Sie sind ein neuer Fan von Karl Lauterbach, waren aber schon vor seinem Wechsel zum FC Bayern ein großer Befürworter von Julian Nagelsmann. Ist er als Trainer ein Glücksfall für Ihren Club?

Antwort: Ich saß schon vor Jahren mit Julian in meinem Büro. Damals hatte er mir als Jugendtrainer zugesagt. Er sagte dann aber: „Herr Hoeneß, ich habe ein Problem: Sie müssen den Herrn Hopp anrufen, denn in Hoffenheim habe ich noch ein Jahr Vertrag.» Da habe ich in Julians Beisein Dietmar Hopp angerufen. Und er hat dann gesagt: «Uli, das kannst du nicht machen! Der soll unser Cheftrainer in der Bundesliga werden.» Julian hat dann gesagt, das mit dem Wechsel zum FC Bayern könne er Dietmar nicht antun.

Frage: Jetzt ist Nagelsmann hier Cheftrainer der Profis. Und Sie sind glücklich?

Antwort: Ich habe ihm als Trainer viel zugetraut. Er hat einen Erfolgsweg hinter sich. Aber dass er von der Persönlichkeit her in dem jungen Alter so über den Tellerrand hinausschaut, ist sehr beeindruckend. Er macht immer eine gute Figur und sagt auch bei schwierigen Themen stets das Richtige. Ich bin total happy, dass wir ihn haben.

Frage: Der FC Bayern musste dafür allerdings viele Millionen Euro Ablöse an RB Leipzig überweisen...

Antwort: ...jetzt warten wir mal ab, wie viel davon übrig ist, wenn das mit dem DFB vereinbarte Spiel zwischen dem FC Bayern und der Nationalmannschaft stattgefunden hat als Kompensation für Hansi Flick. Aber ich sage auch schon jetzt: Julian ist jeden Euro wert.

Frage: Werden Trainer-Transfers im Profifußball womöglich demnächst zur Normalität gehören wie Spieler-Transfers?

Antwort: Ich bin kein großer Freund davon. Der FC Bayern wurde attackiert dafür, dass wir den Leipzigern angeblich den Trainer weggenommen haben. Aber dann könnten wir auch sagen, der DFB hat uns Hansi Flick weggenommen. Er hatte vor seinem Wechsel ins Amt des Bundestrainers bei uns auch noch einen gültigen Vertrag. Ich habe aber nie eine Kritik am DFB gelesen. Ich habe auch nie eine Kritik an Hansi Flick gelesen, der den FC Bayern aus eigenen Stücken verlassen hat. Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Es sollte aber nicht zur Normalität werden, dass Trainer ständig auf dem Transfermarkt gehandelt werden.

Frage: Was zeichnet Nagelsmann aus im Umgang mit der Mannschaft?

Antwort: Ich hatte nur etwas Bedenken, weil er so alt ist wie mancher Spieler bei uns. Aber was ich höre, trifft er immer den richtigen Ton, nicht kumpelhaft, aber auch nicht wie ein strenger Lehrer. Er muss den Weg gefunden haben, den Spielern als Respektsperson etwas beizubringen. Was wir besonders gut gefällt, ist, dass es ihm gelingt, fast jeden Spieler besser zu machen - und so die Mannschaft.

Frage: Wie gut ist diese? Was ist möglich in dieser Saison?

Antwort: Das weiß ich noch nicht. Wir dominieren in der Bundesliga. In der Champions League kommen die schwierigen Aufgaben erst. Alle sechs Gruppenspiele zu gewinnen, ist eine überragende Leistung. Salzburg im Achtelfinale ist ein schwieriges Los, weil wir als Top-Favorit gelten. Falls wir die Runde schaffen sollten, gibt es danach nur noch etablierte Hochkaräter.

Frage: Mit neun Punkten Vorsprung startet der FC Bayern zwei Tage nach Ihrem Geburtstag gegen Gladbach in die Rückrunde. Der zehnte Meistertitel am Stück scheint Formsache. Was sagt das über die Stärke des FC Bayern aus? Und was über die Schwäche der Konkurrenz um den mal wieder abgehängten Tabellenzweiten Borussia Dortmund?

Antwort: Eigentlich sind es mit dem Torverhältnis sogar zehn Punkte Vorsprung. Trotzdem sind das Momentaufnahmen. Vor der Saison hieß es, der FC Bayern habe keinen breiten Kader, der von Leipzig sei besser und der von Dortmund auch. Jetzt sind wir Herbstmeister. Und plötzlich heißt es: Der FC Bayern hat ja auch den viel besseren Kader. In Wirklichkeit wird hier einfach sehr gut gearbeitet. Julian hat junge Spieler stark gemacht, Josip Stanisic oder Marc Roca, der Ende des Jahres immer häufiger zum Einsatz kam. Da haben wir jetzt einen Spieler, den du jederzeit einsetzen kannst. 

Frage: Bei drei Leitfiguren über 30 laufen Mitte 2023 zeitgleich die Verträge aus. Würden Sie mit Manuel Neuer (35), Robert Lewandowski (33) und Thomas Müller (32) nochmals verlängern?

Antwort: Derzeit kann ich mir die Jahre 2024 und 2025 ohne dieses Trio nicht vorstellen. Ich bin beim FC Bayern nicht mehr auf dem driver's seat. Aber ich denke, dass Oliver, Hasan und Herbert Hainer sich der Thematik bewusst sind und versuchen werden, mit diesen Spielern zu verlängern. Davon gehe ich aus.

Frage: Was zeichnet Neuer, Lewandowski und Müller aus?  

Antwort: Das sind drei verschiedene Persönlichkeiten, aber sie alle eint, dass sie für den FC Bayern alles geben. Das Schöne an unserer Mannschaft ist, dass wir generell sehr viele verschiedene Charaktere haben – und viele davon höchst intellektuell. Wenn ich höre, was Leon Goretzka zu gesellschaftlichen Themen so von sich gibt. Oder ein Thomas Müller, der sagt ja immer das Richtige. Und Manuel oder Robert sind im Laufe der Jahre zu absoluten Führungsfiguren geworden. 

Frage: Kontinuität als Erfolgsfaktor?

Antwort: Bei uns ist etwas Großes gewachsen. Manchester United versucht, die Mannschaft nach der Verpflichtung von Cristiano Ronaldo auf ihn auszurichten. Paris Saint-Germain muss Lionel Messi neben Kylian Mbappé und Neymar installieren - beim FC Barcelona hat er jeden Ball gekriegt, das ist nun also eine große Umstellung. Das sind drei starke Typen und so außergewöhnlich gute Spieler, dass man für sie eigentlich drei Bälle bräuchte... Bei uns hoffe ich jetzt, dass es auch gelingt, Kingsley Coman oder Serge Gnabry, der ein ganz wichtiger Spieler ist, über 2023 hinaus zu halten.

Frage: Wie schwierig wird das finanziell in Corona-Zeiten?

Antwort: Ganz kritisch wird es, wenn wir nicht irgendwann wieder Zuschauer im Stadion haben. Wenn das noch zwei Jahre so geht, können wir uns diese Mannschaft so nicht mehr leisten. Es sollte spätestens ab 1. Juli wieder ein volles Stadion geben.

Frage: Wie fühlen Sie sich eigentlich bei Geisterspielen als einsamer Tribünengast?

Antwort: Sportlich gesehen ist der FC Bayern ehrlicherweise ein Profiteur der Geisterspiele. Denn ohne Zuschauer ist die Qualität der Mannschaft noch wichtiger als ohne, weil die Fans eine Mannschaft zu Höchstleistungen treiben können. Ohne sie entscheidet die Qualität der beiden Mannschaften - und da sind wir überragend. Aber wenn ich oben auf der Tribüne sitze und kein Mensch da ist, könnte ich weinen. Wir machen das ja alles für die Fans. Wenn ich so eine Orgie in Rot-Weiß in der Allianz Arena sehe, dann weiß ich, wofür wir arbeiten.

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