Der HSV streckt sich maximal für Alidou - aber reicht das?
Ich war wirklich zufrieden. Und das nicht allein wegen des Ergebnisses, sondern vor allem wegen der Art, wie der HSV dieses Spiel gegen Regensburg gewonnen hat. „Der Jahn hat…

Ich war wirklich zufrieden. Und das nicht allein wegen des Ergebnisses, sondern vor allem wegen der Art, wie der HSV dieses Spiel gegen Regensburg gewonnen hat. „Der Jahn hat aber auch enttäuscht. Von denen kam ja gar nichts“, musste ich immer wieder hören. Und ich würde dieser abschätzigen Art dem HSV gegenüber inhaltlich gar nicht widersprechen. Allein das Zustandekommen der Tatenlosigkeit der Gäste resultierte meiner Meinung nach daraus, dass Tim Walter sein System an diesem Sonnabend modifiziert hat.
Mit Sonny Kittel auf der Zehn hatte der HSV in Ludovit Reis einen ersten Abräumer mit dem zweiten direkt dahinter: Jonas Meffert. Und der putzte wirklich alles aus, was mal über die Mittellinie kam – abgesehen vom 1:1-Gegentreffer und die fünf Minuten danach, wo der HSV im Ganzen wackelte, sich dann aber wieder sehenswert fing. Aber entscheidend für mich hier war, dass der HSV im Ganzen etwas weiter hochschieben konnte, weil die Regensburger gar nicht erst zu Kontersituationen kamen und den HSV hier nicht unter Druck zu setzen wussten.
Zugeben wird Walter sicher nicht, dass er das eigene System modifiziert hat. Der Trainer feierte das starke Spiel – auch zurecht, nachdem er in den letzten Wochen auch hier viel Kritik einstecken musste. Aber Fakt ist, dass sich das Innenverteidigerduo Schonlau/Vuskovic fast gar nicht über die Mittellinie bewegt hat – abgesehen von Offensivstandards natürlich. Aber ansonsten hatte der HSV nicht annähernd so viele wilde Läufe und Positionswechsel im Spiel wie sonst. Wenn gewechselt wurde, dann besprochen wie bei Bakery Jatta und Faride Alidou, dien einfach die Seiten auf Ansage bin tauschten.
Das Ergebnis: Der HSV wirkte defensiv stabil. „Weil Regensburg nichts hinbekommen hat“, sagen die einen. Ich behaupte: Weil der HSV in einer stabileren Ordnung nichts zugelassen hat. 71 Prozent gewonnene Zweikämpfe konnte Vuskovic verzeichnen. Und der Wert spiegelt wider, was man schon im Spiel mitbekam: Der Kroate war aggressiv und nahezu durchgehend Herr der Lage. Ein starkes Debüt des 20-Jährigen, der in den nächsten Wochen den zuletzt nicht minder starken Jonas David ersetzen soll.
Und wenn Vuskovic seine Position so interpretiert wie gegen Regensburg, dann macht mich das ein Stück weit optimistischer, dass die nächsten Spiele gegen den FC Ingolstadt am Sonntag und danach in Hannover ähnlich stabil werden. Bringen sie dann noch den nötigen Erfolg, dann wird auch Walter sein System dauerhaft modifizieren. Ob er es so benennt oder nicht, ist mir dann auch ziemlich wurscht. Es wird dem HSV im Ergebnis helfen. Da bin ich mir sicher.
Apropos sicher: Wer mir übrigens trotz des Abstimmungsfehlers vor dem 1:1-Gegntreffer neben den von allen gefeierten Sonny Kittel und Faride Alidou noch richtig gut gefallen hat, ist Miro Muheim. Der junge Schweizer tastet sich immer weiter ran und wirkte trotz seiner nur 44 Prozent gewonnener Zweikämpfe sicherer als zuletzt. Er ist so ein wenig wie David zu Saisonbeginn: Mit jedem Spiel macht er einen kleinen Schritt nach vorn. Gerade auch im Zusammenspiel mit Faride Alidou, dessen Vertragsverhandlungen beim HSV lange noch nicht so optimistisch zu sehen sind, wie es heute bei den Kollegen hieß „Alidou-Vertrag rückt näher“.
Vielmehr habe ich jetzt gehört, dass der HSV ein für seine Verhältnisse sehr gutes Angebot unterbreitet haben soll. Der HSV streckt sich, wie er kann, nachdem er in den letzten zwei Jahren verpasst hatte, seinem Talent einen langfristigen Vertrag zu geben. Und das obwohl Alidous fußballerischen Fähigkeiten nie bestritten worden waren. Ich hatte im Mai 2020 im Blog der „Rautenperle“ zum wiederholten Male ebenso wie zu Jahresbeginn hier bei Moinvolkspark über Alidou geschrieben, dass er eines der größten Talente aus dem eigenen Nachwuchs sei. Ich weiß auch, dass der HSV Alidou damals einen Vertrag hatte unterschreiben lassen, der ihn zum einen an den HSV band und zum anderen eine Entwicklung voraussetzte, bei der sich selbiger nach einer gewissen Zeit in einen Profivertrag umwandelte.
Selbst Sportdirektor Michael Mutzel hatte mir damals schon gesagt, dass er Alidous Talent hoch einschätzen würde und die Hoffnung hätte, dass der Offensivmann dem HSV auf Sicht helfen könne. Man wollte seinerzeit aber nicht zu viel Theater um den jungen Außenstürmer entfachen, weil dieser immer wieder an sich selbst gescheitert war. Und das wollte man nicht neuerlich provozieren. Intern war der Name von Alidou häufiger genannt worden – allein bei den Trainern konnte das offenbar kein großes Interesse wecken. Auch Nachwuchschef Horst Hrubesch hatte Alidou nicht als Empfehlung genannt, woraufhin im Sommer dann auch Sportvorstand Jonas Boldt und Mutzel eine von Spielerseite angebotene, vorzeitige Vertragsverlängerung verpassten.
Keiner wollte Alidou so richtig - bis Walter kam
Und obwohl der neue HSV-Trainer einen sehr guten, vertrauensvollen Draht zu Alidou aufgebaut zu haben scheint, wird es jetzt wird es teuer. Denn selbst das bestmögliche Angebot aus HSV-Sicht ist nicht im Ansatz so lukrativ wie die Angebote der finanzstärkeren Zweit – und vor allem Erstligisten. Soll heißen: Woanders könnte Alidou mehr verdienen und höherklassig spielen. Eine für diesen HSV nur schwer zu schlagende Kombination. Zumindest glaube ich, dass es sehr schwer wird, Alidou bis zur Winterpause zum Unterschreiben zu bringen.
Egal wie demonstrativ er am Sonnabend die Raute auf seinem Trikot vor den Fans der Nordtribüne geküsst hat – sportlich gibt es reizvollere Angebote, die zudem auch noch besser bezahlt werden. Und auch wenn ich mir hier jetzt keine Freunde damit mache, und obwohl ich Alidou auch sehr gern weiterhin beim HSV sehen würde: Wäre ich er und hätte ein Angebot aus Freiburg, Mainz, von Union Berlin oder auch von so jungen Teams wie dem VfB Stuttgart, RB Leipzig oder Leverkusen – ich würde auch dreimal überlegen.
Mit anderen Worten: Das letzte Pfand des HSV sind der Faktor Heimat und die Aussicht, bei diesem Trainer zum Stammpersonal zu zählen. Aber ich befürchte, dieses Thema wird Spieler, HSV und Öffentlichkeit noch eine Weile begleiten. Und ich hoffe, dass es den Spieler nicht zu stark beeinflusst und er weiter einfach drauflosspielt. Denn vor allem diese bislang gezeigte Unbekümmertheit macht sein Spiel erst so richtig gut…
In diesem Sinne, bis morgen. Dann wieder um 7.30 Uhr mit dem MorningCall. Zudem könnt Ihr mir wieder ab sofort per Email ([email protected]) oder morgen ab 10 Uhr wieder via Instagram Eure Fragen für den nächsten Communitytalk stellen, die ich dann versuchen werde, zu beantworten.
Bis dahin!
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