Meinung

Der HSV setzt im Saisonfinale auf Thioune

Ich weiß, dass viele hier die Situation am Trainer festmachen und mit einem Trainerwechsel glauben, das Ruder noch einmal rumreißen zu können. Der Trainer hat in den letzten…

Der HSV setzt im Saisonfinale auf Thioune

Ich weiß, dass viele hier die Situation am Trainer festmachen und mit einem Trainerwechsel glauben, das Ruder noch einmal rumreißen zu können. Der Trainer hat in den letzten Wochen auch viele Fehler gemacht. Er hat oft zu spät auf Spielverläufe reagiert, er hat es taktisch nicht geschafft, den HSV gegen vermeintlich schwächere Teams so aufzustellen, dass diese Spiele auch gewonnen werden. Oder noch kürzer formuliert: Er hat schlichtweg nicht die nötigen Ergebnisse geliefert. Wer sich dazu gestern die erste Halbzeit gegen Regensburg angetan hat, der musste zu dem Schluss kommen, dass die Mannschaft keinerlei Lehren aus dem Sandhausen-Spiel gezogen hatte. Im Gegenteil: Ein so blutleerer Auftritt wie gestern grenzte schon an Charakterlosigkeit. Und ganz ehrlich: Zur Halbzeit schien Daniel Thiounes Zeit beim HSV beendet.

„Ich habe keine Zweifel am Trainer", sagte HSV-Sportvorstand Jonas Boldt dem TV-Sender Sky. Boldt bezweifelt den positiven Effekt bei häufigen Trainerwechseln. „Es wurde in der Vergangenheit mehrfach praktiziert, dass dann wieder ein neuer Trainer kam, und es ist nicht zwingend besser geworden. Also vielleicht mal einen Weg gemeinsam gehen“, so Boldt. So sei es mit dem Aufsichtsrat der Clubs im vorigen Sommer festgelegt worden. Unterstützung erhielt der Sportvorstand von Ex-HSV -Torhüter René Adler. „Dem HSV täte es gut, ein bisschen länger an den Trainern festzuhalten“, urteilte Adler in der TV-Sendung „Sky 90“. 

Heute nun heißt es, die zweite Halbzeit habe Trainer Daniel Thioune gerettet. Weil die Mannschaft dort engagiert und lebendig gewirkt habe, bleibt der Trainer auch am 31. Spieltag. Sollte es dann doch nicht besser werden, wäre es allerdings zu spät, um noch mit einem Trainerwechsel etwas zu probieren. Dann wird man sich am Saisonende hinsetzen und zusammen ein Resümee ziehen. Mit offenem Ergebnis. Und ich sage: Diese Entscheidung ist den Umständen entsprechend richtig. Vor allem, dass man die Diskussionen schnell beendet.

Der kolportierte Trainerwechsel hin zu Horst Hrubesch hätte für den HSV doppelt und dreifach teuer werden können. Zum einen hätte man einen Trainer mit großem Potenzial – und davon bin nicht nur ich, sondern auch die HSV-Verantwortlichen überzeigt – verloren. Zum anderen hätte man Hrubesch mit all seinen Vorzügen aus seinem eigentlichen Wirkungskreis abgezogen und liefe Gefahr, dass auch er sich auf der Ebene des Profi-Cheftrainers verbrennt und im Nachgang nicht mehr unbeschadet innerhalb des HSV zu vermitteln wäre. Und zu guter Letzt hätte man den Aufstieg verpassen können – und hätte damit am Ende gar nichts erreicht. Und mein absolutes Hauptargument: Diese Mannschaft hat diese Mühen nicht verdient. Und damit komme ich wieder zurück zu der Beurteilung des Regensburg-Spiels.

Bitte nicht schönreden! Regensburg war zu wenig...

Denn ich gehe nicht über die  Brücke, dass die zweite Halbzeit Hoffnung macht. Denn diese Leistung reicht nie und nimmer gegen Karlsruhe am Donnerstag. Und ich befürchte, dass die versuchten Erklärungen der Verantwortlichen zu kurz greifen. Boldt beispielsweise sieht eine Ursache für die instabilen Leistungen des HSV im öffentlichen Druck. „Da die Spieler vielleicht immer so gesehen werden, wie sie vielleicht noch nicht sind, weil der HSV einen sehr großen Namen hat und man vielleicht von ihm erwartet, dass er so spielt wie Bayern München“, sagte der HSV-Vorstand nach dem 1:1 in Regensburg“, sagte der 39-Jährige. Ich betrachte diese Aussage mal als taktisch, um im Schlussspurt die Mannschaft zu schützen. Hier versucht man sich noch einmal schützend vor die Mannschaft zu stellen, weil man ihr nicht zutraut, mit gerechtfertigter Kritik im Schlussspurt so umzugehen, dass es leistungsfördernd funktioniert. Nur wirklich so gemeint sollten sie bitte nicht sein. Denn das wären falsch Alibis…

Denn die Erwartungen an die Mannschaft schätze ich nicht als zu hoch ein. Nicht mehr. Im Gegenteil: Ich persönlich hatte nur noch die Erwartung, dass die Mannschaft nach dem Sandhausen-Spiel in Regensburg so brennt, dass die ersten Spieler schon nach zehn Minuten vom Schiedsrichter ermahnt werden müssen. Einsatz zu erwarten ist Basis – diese Erwartung habe ich sogar an einen Kreisligisten. Darüber hinaus hatte ich gehofft (nicht erwartet!), dass die Mannschaft über den Kampf zum Spiel findet, hinten die Null unter allen Umständen verteidigt und vorn irgendwie einmal die Kugel über die Linie drückt. Wie auch immer das dann passiert. Mit anderen Worten: Ich habe keine hohen Erwartungen.

Ich erwarte tatsächlich nicht mehr als den Charakter, es besser machen zu wollen als bei den peinlichen drei Halbzeiten zuletzt. Und, nur um das klarzustellen: So eine Leistung wie in der zweiten Halbzeit kann ein Anfang sein – aber deshalb war das noch lange nicht gut. Grund, diese Halbzeit zu loben kann nur sein, dass man der Mannschaft so eine Labilität unterstellt, dass sie sogar derart offensichtliche Übertreibungen als Kompliment annimmt und daraus vielleicht sogar noch Selbstvertrauen zieht.

Aber egal wie, ich hatte es geschrieben: Diese Saisonendphase ist wie jede andere auch, in der es tabellarisch noch um Ziele geht, eine Ausnahmesituation. Und besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Jetzt geht es nur noch darum, schneller als der Gegner zu laufen, einen Meter mehr als der Gegenüber zu machen, immer einen Zentimeter höher zu springen, ein Tor mehr zu schießen und mindestens ein Tor weniger zu kassieren. Wie man das hinbekommt ist sowas von scheißegal, das kann man noch weniger bemessen als die Abseitssituation Heyers in Regensburg ohne kalibrierte Linie.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass viele Spieler solche Phasen als Druck auffassen und dieser sie lähmt. Andere entwickeln daraus eine besondere Motivation und das dabei ausgeschüttete Adrenalin lässt sie eben diese oben beschriebenen Meter mehr machen. Für mich waren diese Schlussphasen immer die einfache Phase der Saison. Denn hier hat allein die Tabellensituation schon klargemacht, dass es nur noch um das Ergebnis und den Kampf dahin geht. Und den habe ich angenommen. Denn mehr laufen ist nur eine Frage der Selbstdisziplin – das hat rein gar nichts mit fußballerischem Talent zu tun.

DAS MUSS JEDER PROFI KÖNNEN!

Und das muss man auch von jedem Profi verlangen können. Vom Bayern-Profi ebenso wie vom Braunschweig-Spieler mit Hosennummer 20. Von daher, lieber Sven Ulreich, Aaron Hunt, Simon Terodde, Sonny Kittel und Co. – versucht das doch einfach mal! Dann klappt es vielleicht auch mal auf Dauer mit dem Trainer, der sich bei aller Unterstützung von außen dennoch hinterfragen muss, ob er bei der Mannschaft die richtigen Stilmittel anwendet. Dass sie trotzdem so eine unmotivierte, bewegungsarme, erste Halbzeit hingelegt haben, hat mich persönlich enttäuscht. Ich hatte dieser Mannschaft mehr zugetraut. Denn Fakt ist, dass die Mannschaft vor dem Regensburg-Spiel davon ausgehen musste, dass mit einer zweiten Sandhausen-Leistung ihr Trainer weg ist.  Denn glaubt mir, wenn wir die Trainerdiskussion mitbekommen, wissen die Spieler das schon lange…

Insofern können wir eines machen – auch wenn das von Vereinsvertretern als „Druck von außen“ dargestellt wird: Wir dürfen Einsatz bis zum Umfallen erwarten am Donnerstag. Denn wie oben schon gesagt: DAS KANN JEDER. Das ist die Basis. Das darf auch jeder von ihnen als bezahlte Sportler erwarten. Denn das ist ihr Job. Wäre schön, wenn sie diesen mal wieder gut machen - wobei ich mit Kampf und Einsatz von der ersten bis zur letzten Sekunde schon zufrieden wäre.

In diesem Sinne, bis morgen.

Scholle

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