Meinung

Der HSV muss seine Heimschwäche ablegen

und es eigentlich auch noch ist. Ich glaube ebenso, dass Hannes Wolf, Bruno Labbadia und viele andere beim HSV letztlich gescheiterte Trainer gute Trainer sind. Warum sie…

Der HSV muss seine Heimschwäche ablegen

Ich persönlich glaube, dass Christian Titz ein sehr guter Trainer für einen Neuaufbau ohne große Finanzen war/gewesen wäre und es eigentlich auch noch ist. Ich glaube ebenso, dass Hannes Wolf, Bruno Labbadia und viele andere beim HSV letztlich gescheiterte Trainer gute Trainer sind. Warum sie trotzdem gescheitert sind, lässt sich eh nicht auf einen Punkt runterbrechen. Fakt ist, dass dieser HSV in den letzten Jahren schlichtweg zu viele Trainer und Spieler verschluckt hat. Es gab in den letzten Jahren nie diesen einen gemeinsamen Weg, wie es beispielsweise beim SC Freiburg perfekt funktioniert. „Christian Streichs Kunst ist, dass er seine Ideen so durchsetzt, dass sich alle mitgenommen fühlen und einige sogar glauben, es sei ihre Idee gewesen“, hat mir ein Kollege vor dem letzten Bundesligaduell des HSV mit dem SCF mal gesagt. Und ich fand diese Beschreibung extrem passend – obwohl sie mir auf den HSV bezogen komplett fremd vorkam.

Denn hier in Hamburg ist es das immer gleiche Spiel mit den Trainern: Sie werden alle gefeiert, wenn sie gewinnen – und verantworlich gemacht, wenn sie verlieren. Dazwischen liegt fast nichts und dadurch sind HSV-Trainer naturgemäß die meistgefährdeten Mitarbeiter im Klub.  In aller Regel werden sie am Ende zu Bauernopfern eines sportlichen Versagens gemacht, das nie allein auf sie zurückzuführen ist. Im Gegenteil: Im Fall Christian Titz‘ war es sogar so, dass der Trainer schon als intern untragbar erachtet wurde, ehe er seine Vertragsverlängerung ob des öffentlichen Drucks unterschreiben hatte. Hier wurde fortan sogar gegeneinander gearbeitet.

Aber: Das ist aktuell anders. Tim Walter genießt weiterhin das Vertrauen der Verantwortlichen. Vielleicht auch, weil Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel wissen, dass ihr dritter Neuanfang sitzen muss, weil es sonst auch für sie eng wird. Fakt aber ist: Weder Mutzel noch Boldt rücken von dem Extrem-Trainer Walter in irgendeiner Phase ab. Sie stärken ihm den Rücken, verteidigen ihren Trainer. Auch in den Off-Gesprächen. Und mit „Extrem“-Trainer meine ich vor allem Walters kraftintensiven Offensivfußball und seine stoische Art, diesen gegen jede Form von Kritik bedingungslos zu verteidigen. Bislang war zumindest noch kein anderer Trainer in den letzten 21 Jahren, die ich den HSV nun begleite, so überzeugt von seiner Spielweise – abgesehen vielleicht von Titz.

https://soundcloud.com/user-36211795/mi171121-bleibt-alidou-beim-hsv-hunt-vor-karriereende-johanssons-ziele-und-muheim-wackelt?si=5e2fedfdb76e42f9a608de385aad9e02

Und das ist zunächst gut, weil der HSV so in sich geschlossen wirkt. Einzig die offene Zielsetzung sorgt hier und da noch für Fehlinterpretationen und lässt den Trainer etwas vorsichtiger wirken als seine direkten Vorgesetzten. Aber beide – also Trainer wie Vorgesetzte – wissen, dass sie zum Ende dieses Jahres eine knallharte Analyse machen müssen, um zu sehen, ob ihr im Sommer gemeinsam begonnener Weg noch eingehalten wird und vor allem: Ob dieser weiter eingehalten werden kann. Von daher kann ich die Reaktionen, die m ich heute morgen nach dem MorningCall von einige Seiten erreicht haben, nicht nachvollziehen.

Denn dort wollten einige schon wieder alte Muster der Entzweiung erkannt haben, weil Boldt offen anspricht, dass die Heimbilanz bis zum Jahresende deutlich besser werden muss. Einige werteten das als Abrücken vom Trainer – ich werte das als offensichtliche, ehrliche Analyse. Denn mit einem Sieg und insgesamt nur acht Punkten aus den bisherigen sechs Heimspielen hat man hier schon deutlich zu viel liegengelassen. Das ist für mich nichts anderes als ein Fakt. Und sowas muss gesagt werden dürfen. Vor allem, da Walter selbst das gar nicht anders sieht.

https://open.spotify.com/episode/0pkwt3U5reFH4dIjF73Cn0?si=73bbc7eca77c4721

Nein, für mich ist diese Art der Kritik eher produktiv, weil sie zuvor offensichtlich intern auch schon so angesprochen wurde. Die Zeiten, in denen Vorstandsvorsitzende am Sportchef und dem Trainer vorbei Pressekonferenzen einberufen haben und einfach mal den sportlichen Kollaps ausriefen, sind vorbei. Hier ziehen alle an einem Strang, ohne sich gegenseitig das Leben schöner zu zeichnen, als es in Wirklichkeit ist. Denn noch mal: Boldt weiß, dass ein Scheitern Walters vor allem ihn massiv in die Schusslinie rücken würde. Dass er dennoch Kritik äußert, ist gut. Und ehrlich gesagt schätze ich Boldt auch absolut nicht als jemanden ein, der auf Biegen und Brechen seinen Stuhl verteidigt. Vielmehr ist Boldt ein Ehrgeizling, der nichts mehr hasst, als nicht zu gewinnen…

Es kann nicht immer nur an den Trainern liegen

Ich wurde im letzten Communitytalk gefragt, ob ich an Walter festhalten würde – und ich habe trotz meiner durchaus kritischen Sichtweise des Walter-Fußballs mit ja geantwortet. Denn ich würde das Geld, das eine weitere sinnlose Trainer-Abfindung kosten würde, lieber in einen neuen Spieler investiert sehen. Ich glaube schon lange nicht mehr daran, dass dieser HSV immer an seinen Trainern scheitert. Vielmehr scheitert dieser HSV immer wieder an sich, seinen Ansprüchen, der daraus entstehenden Ungeduld und dem laut werden Rufen nach dem einen Schuldigen, den es zu opfern gilt. Ich glaube tatsächlich, dass das Konstrukt Vorstand/Sportdirektor/Trainer gerade harmoniert. Und bdem Ganzen einfach Ruhe und Zeit zu geben ist allemal besser, als alles wieder aufzubrechen – und wieder neu anzufangen. 

Daher bleibt nur zu hoffen, dass es auch sportlich in den nächsten Wochen funktioniert. Und da bin ich wieder bei Boldt: Angesichts von vier Heimspielen in den letzten fünf Partien ist es ein Muss, die Heimbilanz massiv zu verbessern. Die Frage ist nur, wie das funktionieren soll. Denn dass der HSV in Spielen Probleme hat, wo die Gegner tiefer stehen und schnell kontern, ist nicht neu. Siege gab es gegen Schalke, Werder, Sandhausen, Paderborn und Nürnberg. Also abgesehen vom Last-Minute-Sieg gegen Sandhausen alles Teams, die mitspielen. Jetzt kommt mit Regensburg eine der stärksten Offensiven ins Volksparkstadion, was erst einmal gut klingt. Aber: Die Überraschungsmannschaft dieser Saison bringt es bislang auf gerade einmal 48 Prozent Ballbesitz im Schnitt.  Zum Vergleich: Der HSV hat 61% Ballbesitz. Mit anderen Worten: Regensburg spielt bedachter, wartet eher mal ab als die offensiver ausgelegten Teams – und ist dennoch die Mannschaft mit den meisten Treffern. Oder gerade deswegen? 

Ich bin weiterhin fest davon überzeugt, dass sich der HSV mit dem laufintensivsten Spiel der Liga entscheidende Körner nimmt, um vorn effektiver zu sein. Mich interessiert daher am meisten, wie Walter die nächsten Spiele taktisch angeht. Immer denselben Rhythmus mit maximaler Taktung – oder doch mal individuell auf den Gegner zugeschnitten?

Regensburg ist nicht nur tabellarisch ein schwerer Gegner

Ich habe mit Bekannten beim FC St. Pauli gesprochen, die ich seit vielen Jahren kenne und die mir gesagt haben, dass der Walter-Fußball bei jedem Gegner erst einmal Respekt auslöst, as gut ist! Aber eben auch, dass Walters immergleiche Art auch etliche Lösungsansätze liefert, wie man gegen den HSV bestehen kann. Unter anderem, indem man den HSV viel machen lässt bis zum letzten Drittel des Spielfeldes, wo man dann engmaschig verteidigt und auf schnelle Gegenstöße setzt. So haben bislang noch alle gegen den HSV gespielt – Werder mal ausgenommen. Und das ist zu einfach. Hier muss man von Walter genauso eine Entwicklung nach vorn erwarten dürfen, wie wir sie von den Spielern erwarten. Denn nur dann entwickelt sich auch der ganze HSV.

Zurück zum nächsten Spiel: Da befürchte ich, dass der HSV am Sonnabend gegen den SSV Jahn Regensburg böse einen auf die Mütze bekommt, wenn man wieder den Ballbesitz-Weltrekord brechen will. Ich glaube sogar, dass der SSV sich genau das von Walter und dem HSV erhofft, da man mit sechs verschiedenen Torschützen im Angriff sowie den Toptotschützen Max Besuschkow (5 Tore/ 2 Vorlagen) und Sapreet Singh (4 Tore/4 Assists) im Mittelfeld breitflächig extrem torgefährlich aufgestellt ist. Mit anderen Worten: Offensiv kann beim SSV nahezu jeder für einen Treffer sorgen. Dem HSV steht am Sonnabend also nicht nur tabellarisch ein sehr schwer zu bespielender Gegner gegenüber.

Dass heute mit Torhüter Daniel Heuer Fernandes und Leibold-Ersatz Miru Muheim zwei weitere defensive Spieler nur individuell trainieren konnten, macht die Sache für Walter sicher nicht leichter. Hier bleibt zwar noch abzuwarten, inwieweit diese beiden einsetzbar sein werden, aber durch den Ausfall von Jonas David muss hinten eh schon umgestellt werden. Nur gut, dass Jonas Meffert trotz gebrochenen Zehs offenbar spielen kann. Wobei: Wer weiß, wozu diese ganzen Ausfälle letztlich führen. Vielleicht setzt Walter ja wie im Testspiel gegen Nordsjaelland auf eine Dreierkette. Sollten die beiden Außen ihre Rolle etwas defensiver interpretieren, könnte es tatsächlich mal – wenn auch aus der Not heraus - ein kontrollierteres Defensivspiel geben. Mich würde diese unerwartete Abwechslung jedenfalls freuen...

In diesem Sinne, bis morgen. Dann wieder mit einem neuen Communitytalk, für den Ihr mir wieder via Instagram oder dem bekannten Weg per Email an [email protected] Fragen schicken könnt.

Scholle

P.S.: Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher hat heute bei der Landespressekonferenz verkündet, dass die Stadien weiter im 2-G-Modell besetzt werden. Für den HSV und die anderen Hamburger Vereine mit größerem Publikum ändert sich damit vorerst nichts in Sachen Ticketverkauf.

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