Der HSV muss nachbessern - in allen Bereichen
Die Diskussionen sind nach Niederlagen immer vielseitig. Logisch. Es gibt auch immer mehr als nur einen Grund, der zu Niederlagen führt. Wer weiß das besser, als die…

Die Diskussionen sind nach Niederlagen immer vielseitig. Logisch. Es gibt auch immer mehr als nur einen Grund, der zu Niederlagen führt. Wer weiß das besser, als die leidgeprüften HSV-Anhänger, die mit der Derby-Niederlage gerade die Niederlage aller Niederlagen verdauen müssen? Und wenn ich nur die Gründe benenne, die als ultimativ und ausschlaggebend bezeichnet werden, ich hätte locker eine zweistellige Summe beisammen. Auch HSV-intern äußern sich die verantwortlich. Sie Und diese Diskussion ist wichtig, weil nur hierüber vorhandene Mängel und Fehler behoben werden können. Aber die Kunst, Fehler korrekt zu analysieren ist eine der größten Künste, die man beherrschen kann. Und der HSV hat sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren nicht besonders hervorgetan. Im Gegenteil. Von daher habe ich es mit Freude wahrgenommen, dass Trainer Tim Walter ein Mann der klaren Worte ist. Er sagt, was er sieht und denkt. Auch, wenn es mal weh tun kann. Und das ist gut so.
Aber in diesem Anflug von Selbstkritik steckt leider auch eine Gefahr. Nämlich, die dass man die Kritik der öffentlichen Wahrnehmung anpasst. Denn dann wird es zum Populismus und kontraproduktiv. Was ich meine? Ein Beispiel: Nach dem 2:3 beim FC St. Pauli selbst hatte Walter beispielsweise davon gesprochen, dass ihm Einsatz und Wille gefehlt hätten. Und ja, ein paar Prozentpunkte können immer noch draufgepackt werden. Zudem ist der Faktor Wille und Kampfgeist immer ein Argument, das zieht. Aber ich behaupte, dass dieses platte Draufhauen am Ziel vorbei geht. Denn die Spieler wollten am Freitag – aber sie konnten nicht. Und das wiederum hat vielschichtigere Gründe, als dass man sie binnen weniger Tage behebt.
Sehr spannend in solchen Zusammenhängen finde ich immer wieder die Einschätzungen aus wissenschaftlicher Sicht. Auch diesmal habe ich unseren Blogfreund und Dr. der Psychologie, Olaf Ringelbandt, nach seinen Ansichten befragt. Und er hat geantwortet:
Die Mentalität: Klar sind die Spieler gerannt und haben gekämpft. Aber haben sie 100% gegeben? Ich finde, nein. Man hat gesehen, wie erschrocken viele in der ersten Halbzeit geguckt haben, dass Pauli um jeden Ball und jeden Zweikampf gekämpft hat und dem lange nichts entgegensetzen konnten. Beim HSV scheint noch immer (unbewusst) eine Haltung zu sein, „wir sind der traditionsreiche HSV, wir sind eigentlich gar keine Zweitligamannschaft”. Diese Haltung war schon in den letzten Saisons tödlich, denn wenn alle davon reden, dass der HSV ein sicherer Aufstiegskandidat ist, glaubt der Verein irgendwann wirklich, dass das eine Art Automatismus sei, man müsse nur irgendwie genügend Spiele gewinnen und dann würde man aufsteigen. In den vorherigen Jahren lag diesem Glauben noch eine gewisse Realität zugrunde, denn in der Tat hatte der HSV eine der besten Mannschaften der zweiten Liga (ich nehme hier einfach mal den Marktwert und Etat als halbwegs verlässlichen Indikator für die Qualität). Von daher muss man im Rückblick sagen, dass es schon ein Kunststück war, mit diesen Etats nicht aufzusteigen. In dieser Saison ist die Lage anders, die Qualität der Mannschaft ist, na ja, halt Zweitliga-Qualität. Da ist ein Glaube, dass man nur irgendwie Punkte sammeln muss fatal. Jeder muss um jeden Ball, jeden Zweikampf, jedes zu schießende oder zu verhindernde Tor kämpfen - damit man nicht absteigt! Wenn der Trainer das der Mannschaft nicht vermitteln kann, wird der HSV nicht viele Spiele in dieser Saison gewinnen - denn es gibt mindestens ein Dutzend Mannschaften in der zweiten Liga, die genau dieses Mindset haben: sie wissen, dass sie keine Übermannschaft sind und dass sie nur mit Teamgeist, Hingabe und kompletter Kampfbereitschaft in der Liga überleben können.
Entscheidend aus meiner Sicht ist und bleibt, dass man seine Qualitäten korrekt einstuft. Und im Moment ist man sicher kein Topfavorit, hat aber eine Mannschaft, die über die Qualitäten verfügt, um die oberen Plätze mitzuspielen. Soll hei0ßen: In irgendeinem Bereich muss sich der HSV hervortun, um besser zu sein. Und wenn es aktuell die Laufbereitschaft und der Kampfgeist ist, dann ist es Walters gutes Recht, diese Tugenden immer und überall von seinen Spielern einzufordern.
ABER: Es muss auch einen Plan geben, der über das blinde Laufen hinaus geht. Wenn ich manchmal sehe, wie Jan Gyamerah und Jonas David nach einem gespielten Pass plötzlich im Sprint irgendwo hinlaufen, wo sie frei stehen – aber nicht angespielt werden können, dann macht das auf mich einen aktionistischen Eindruck. Und das merken auch die Spieler, denen irgendwann der Glaube an dieses System verloren geht, wenn es nicht erfolgreich ist.
Auch ich habe früher als Spieler (und Kapitän meiner Mannschaft) immer dem Trainerwunsch eine faire Chance gegebene, selbst wenn ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass diese Idee greift. Griff sie nicht, habe ich das Gespräch mit dem Trainer gesucht und auf dem Platz selbst „Anpassungen“ vorgenommen. Den eines ist immer noch klar: Eine Mannschaft hat mehr Erfolg, wenn alle einem Plan folgen. Selbst wenn dieser kleinere Schwächen beinhaltet, funktioniert das besser, als wenn elf Spieler elf perfekte – aber unterschiedliche Pläne auf dem Platz umzusetzen versuchen.
Ich habe Olaf vor einiger Zeit mal gebeten, die Maßnahmen im Auge zu behalten, die die sportliche Leitung zur neuen Saison umsetzt. Es wurde und wird ja immer wieder davon gesprochen, dass man alle Altlasten ablegen wollte. Es sollte ein nächster Neuanfang folgen, diesmal mit Walter an oberster Stelle. Olaf’s Statement hierzu ist noch etwas kürzer, aber nicht minder interessant:
Der Trainer: Du hattest mich ja schon mal um einen Kommentar zu unserem Trainer gebeten - leider habe ich aber noch nicht genug von ihm mitbekommen, um etwas auch nur halbwegs Qualifiziertes zu ihm sagen zu können. Aber eine Anmerkung habe ich doch: wenn ein mittelmäßiges Zweitligateam wie der HSV einige offenbar technisch und taktisch herausragende Spieler im Kader hat, dann muss es die Aufgabe des Trainers sein, diese in die Mannschaft zu integrieren, sie so stark zu machen, dass sie der Mannschaft helfen. Auch wenn ich gewisse Sympathie für hartes Durchgreifen bei Disziplinlosigkeiten habe - die „harte Hand” ist nicht die einzige Option um Spieler zu helfen, besser zu werden.
Und so sehe ich es auch. Allein die harte Hand bringt nichts, wenn die daraus resultierenden Maßnahmen nicht einem klar umrissenen Plan dienen, der von oben vorgelebt und vorgegeben wird. Und dazu zähle ich neben dem Trainer auch alle weiteren Entscheidungsträger beim HSV. Auch, nein vor allem auch: Jonas Boldt, der als Ranghöchster dem HSV den Weg vorgeben muss. Dass er sich selbst öffentlich zurückhält und sehr dosiert auftritt – es hat auch seinen Charme. Aber gerade in Phasen wie jetzt, wo alle noch ein bisschen wackeln und nicht wissen, wie der neue Weg greift, wäre seine Präsenz angebracht. Für die Mitarbeiter ebenso wie für die Fans, denn Boldt ist schon von seiner Position beim HSV her immer auch ein Orientierungspunkt. Taucht er ab oder teilt er sich nicht ausreichend mit, fehlt vielen diese Orientierung. Aber auch das kann Olaf deutlich besser in Worte fassen:
Leistungskultur: Mein altes Lieblingsthema der „Hochleistungskultur beim HSV” beschäftigt mich immer noch - und ehrlich gesagt sehe ich den HSV davon noch weiter entfernt als in den letzten Jahren. Was ich vermisse, ist eine klare und sichtbare Führung im Verein. Wer gibt der ganzen Organisation Orientierung? Wer lebt das Thema „Leistung” vor? Wer gibt die Richtung und das Selbstverständnis vor? An wem können sich alle - bis hin zu den Spielern orientieren? In Wirtschaftsunternehmen gibt es aus gutem Grund so etwas wie den/die “Vorstandsvorsitzende/n”, der/die Visionen und Strategien (gemeinsam mit anderen) entwickelt, vorlebt, der/die nach innen und außen das Unternehmen und seine Kultur verkörpert. Wenn man die Kultur einer Organisation verändern will, geht das nur von oben, die Unternehmensführung muss sichtbare Zeichen setzen, damit alle sehen, was die Organisation von ihnen erwartet.
Und um hier den Bogen zu meinen einleitenden Worten zu spannen, bleibe ich bei meiner Meinung, dass dieser HSV unausgewogen ist – in fast noch allen Bereichen. Von daher nützt es auch nichts, wenn man immer mehr läuft, sofern das dazugehörige System nicht greift oder man dafür noch gar nicht das personal hat, das man braucht. Zumindest habe ich gegen den FC St. Pauli gesehen, dass der HSV den Gegner verunsichern wollte – aber noch immer selbst viel zu leicht zu verunsichern ist. Und wie Ihr seht, hat auch das mehr als nur einen Grund.
In diesem Sinne, die HSV-Führung hat noch eine Menge Arbeit vor sich. Personell wie inhaltlich. Und für alle, die sich reflexartig über die freien Tage echauffieren: Trainer Tim Walter hat dafür zwei Tage mit je zwei Einheiten ab morgen angesetzt. An mangelndem Training jedenfalls wird es bei Walter, so wie ich ihn bislang einschätze nicht fehlen. Im Gegenteil. Also, bis morgen! Da melde ich mich dann um 7.30 Uhr wieder mit dem MorningCall bei Euch.
Scholle
P.S.: Wie in den letzten tagen schon berichtet, wechselt Jeremy Dudziak vom HSV zum Erstligaaufsteiger Reuther Fürth. So verkündete es der HSV heute auf seiner Homepage.
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