Der HSV macht es sich schwer - sorgt aber für positive Schlagzeilen
Endlich wieder Fußball. Endlich mal kein beidseitiges Vorstands-Bashing, endlich mal keine neuen Vorwürfe sondern einfach nur Sport. Und das bei geilstem Wetter im schönsten…

Endlich wieder Fußball. Endlich mal kein beidseitiges Vorstands-Bashing, endlich mal keine neuen Vorwürfe sondern einfach nur Sport. Und das bei geilstem Wetter im schönsten Stadion Deutschlands vor 43.094 Zuschauern. Und mit dieser Vorfreude war ich ganz offensichtlich und hörbar nicht allein. Am Ende bekamen alle 45 richtig gute und zweite 45, deutlich zu verhaltene Minuten zu sehen. Aber: Es gab zumindest mal wieder einen Grund zum Jubeln, denn Glatzels Kopfballtreffer nach Muheim-Traumflanke bedeutete das 1:0-Endergebnis und drei wichtige Punkte im Kampf um den Aufstieg. Und es dürfte endlich mal wieder für ein paar positive Schlagzeilen sorgen. „Wir wollten ein anderes Gedicht zeigen. Das ist uns gelungen“, sagte Robert Glatzel und gab zu: „Das war ein hartes Stück Arbeit. Wir haben uns den Sieg vor allem durch die gute erste Hälfte verdient.“
Der Torjäger hatte den Erfolg mit seinen dritten Saisontor (42. Minute) perfekt gemacht. Nach einer traumhaft schönen Flanke von Linksverteidiger Miro Muheim setzte er den Ball per Aufsetzerkopfball in die Maschen. Der 28-Jährige, der von 2017 bis 2019 für die Heidenheimer gespielt hatte, war in der vergangenen Saison mit 22 Toren bester HSV-Schütze und ist jetzt wieder auf einem erfolgreichem Weg. „Wir haben gegen eine sehr gute Mannschaft sehr guten Fußball gespielt“, sagte Walter zufrieden.
Die Heidenheimer mussten nach zwei Auftaktsiegen die erste Saisonniederlage und das erste Gegentor hinnehmen. „In der ersten Halbzeit war es zu wenig von uns. Aber in der zweiten Hälfte hätten wir den Punkt verdient gehabt“, sagte FCH-Trainer Frank Schmidt, der die 15 Eckbälle seines Teams hervorhob. Allerdings habe vielfach „das Näschen gefehlt“, haderte er.
Die Heidenheimer profitierten lange von ihrer gut organisierten Defensive, blieben aber im Angriff zu ungefährlich. Ihre einzige Torchance im ersten Durchgang vereitelte Daniel Heuer Fernandes. Der seit Wochen starke HSV-Torhüter war nach einem Kopfball von Patrick Mainka mit sehenswerter Parade zur Stelle (10.).
Nach dem Seitenwechsel wurden die Gäste mutiger – und der HSV unverständlich passiv. Das Team von Trainer Schmidt rückte weiter auf, um dichter an den HSV-Strafraum zu kommen. Mit der Einwechslung von Kevin Sessa wurden die Offensiver des 1. FCH gefährlicher. Am Ende standen reichlich Ecken zu Buche, gute Chancen blieben jedoch Mangelware. „Wir haben es gut verteidigt“, befand Kapitän Sebastian Schonlau, der persönlich ein deutlich besseres Spiel machte als zuletzt. „Wir waren richtig gut, vor allem gegen den Ball.“ Aber: Allein Glatzel hätte in der ersten Halbzeit vier Tore schießen können. „Wir haben uns für eine gute erste Hälfte mit dem Treffer belohnt. Im zweiten Durchgang war es eine ganz enge Partie“, sagte HSV-Innenverteidiger Mario Vuskovic.
Die Einzelkritik:
Daniel Heuer Fernandes: Wurde in der 10. Minute mit dem ersten Ball aufs Tor nach einem Eckball gleich zu 100 Prozent geprüft – und bestand mit einem starken Reflex, der vor dem sicheren 0:1 bewahrte! Wieder stark. Note: 2
Moritz Heyer (bis 84.): Er ist immer aktiv, nervt die Gegner. Aber er ist momentan auch noch zu oft zu unkonzentriert im Abspiel. Er machte viel – zu viel? Ab der 65. Minute wirkte er schlapp. Wurde deshalb auch ausgewechselt. Note: 3
Jonas David (ab 84.): Er sollte defensiv noch mal stabilisieren. Der HSV spielte zu Null – also Auftrag erfüllt.
Sebastian Schonlau: Die Heidenheimer hatten ihn im HSV-Aufbauspiel als Schwachpunkt ausgemacht und attackierten auffällig oft den zuletzt wahrlich nicht souveränen HSV-Captain. Aber: Nachdem Schonlau in der 4. Minute einen Heyer-Stellungsfehler clever und mit starker Rückwärtsbewegung ausgebügelt hatte, war er wieder da. Er zeigte genau das, was ihm bislang gefehlt hat: Cleverness und ein besonders gutes Stellungsspiel. Seine Leistungskurve ist endlich wieder aufsteigend. Note: 3
Mario Vuskovic: Wurde wenig gefordert. Wenn, dann war er aber da. Note: 3
Miro Muheim: Hellwach zu Beginn, immer anspielbar. Und dann dieser Tram von Flankenball in der 42. Minute. Davon träumen alle Stürmer! Aber mit Anpfiff der zweiten Halbzeit war er nicht mehr wach. Das hätte schiefgehen können. Note: 3
Jonas Meffert: Hatte alles im Griff im Zentrum. Da durfte er auch mal offensiv mitmischen – aber seine Torabschlüsse der Marke Jarolim (meine es nicht böse, Jaro!) sind ein weiterer Grund, weshalb er defensiver wichtiger ist. Note: 3
Ludovit Reis: Er spielt irgendwie antizyklisch: Zuletzt war er der einzige Aktivposten – heute zog er sich zurück, während die anderen von Beginn an wach waren. Und am Ende, als alle müde wirkten, wurde er aktiver. Er ist einer der wenigen Spielerdarf sich mal ein wenig Pause nehmen, wenn es passt… Note: 3
Maximilian Rohr (bis 53.): Brauchte eine knappe Viertelstunde, um im Spiel anzukommen. Aber auch danach war das insgesamt zu verhalten, zu langsam. Seine beste Szene hatte er, als er in der 52. Minute den Pass zum sicheren Ausgleich zur Ecke blockte. Direkt danach musste er raus. Zurecht. Er kann es deutlich besser! Note: 4
Laszlo Benes (ab 53.): Kam erstmals von der Bank und wollte zeigen, dass er dort nicht hingehört. Das gelang ihm nicht. Er nutzte den vielen Raum, den ihm die müder werdenden Heidenheimer gaben, nicht. Der Zugang aus Mönchengladbach wirkt noch zu oft wie ein Fremdkörper im Spiel des HSV. Note: 4
Ransford-Yeboah Königsdörffer (bis 73.): Durfte sich in der offensiven Dreierreihe frei bewegen - und das tat er auch mit offensichtlicher Freude. Er war durchgehend unterwegs und versuchte viel. Aber sein erster Ballkontakt ist einfach noch zu schwach. Damit zerstört sich der Zugang aus Dresden mindestens jede zweite gute Szene selbst. Und seine Schuhwahl schien heute auch nicht die richtige gewesen zu sein, er rutschte zu Beginn zu viel. Aber: Sein Engagement war heute lobenswert. Note: 2,5
Robert Glatzel: Von Beginn an extrem agil, früh (6.) mit dem ersten Totschuss – er demonstrierte zusammen mit Königsdörffer genau den Einsatz und Kampf, den (nicht nur!) der Trainer sehen will. In der 18. Minute hatte er das 1:0 erneut auf dem Fuß, nein: Kopf. Und in der 35. Minute hätte er das 1:0 machen MÜSSEN, als Kittel ihn im Sechzehner freispielte. Dennoch blieb er dran und verdiente sich in der 42. Minute per Kopf nach Maßflanke Muheims den Treffer zum 1:0 für den HSV. Note: 2
Sonny Kittel (bis 83.): Er spielt irgendwie immer so, dass man denkt: Warum zieht er nicht mal über 90 Minuten durch. Vor allem solche Szenen wie in der 35. Minute, als er sich erst den Ball erkämpfte, um danach Glatzel die Hundertprozentige aufzulegen, befeuern die Sehnsucht nach dem „Hundertprozent-Kittel“. Aber ich befürchte, den werden wir nie zu sehen bekommen. Note: 4
Filip Bilbija (ab 84.): Er vergab das sichere 2:0.
Trainer Tim Walter: Es kann auch ihm nicht verborgen bleiben, dass der HSV mit reinem Kombinationsfußball weniger Torgefahr auslöst als mit einem überraschenden, langen Ball zwischendurch. Ich gebe zu, in meiner gutmeinenden, naiven Art zwischendurch geglaubt zu haben, das sei heute vielleicht sogar genau so angesagt gewesen. Warum der HSV quasi nie auf schnelle Gegenstöße setzt, erschließt sich mir bis heute nicht. Ebenso wenig, weshalb der HSV in der zweiten halbzeit plötzlich so viel weniger investierte. Note: 3,5
Schiri Robert Hartmann: Ohne grobe Fehler, gut. Note: 2
VAR Johann Pfeifer: Bekam nichts zu tun.
DAS SPIEL IM STENOGRAMM:
HSV: Heuer Fernandes - Heyer (84. David), Vuskovic, Schonlau, Muheim - Meffert, Reis, Rohr (54. Benes) - Königsdörffer (74. Opoku), Glatzel, Kittel (84. Bilbija)
1. FC Heidenheim: Müller - Busch, Mainka, Maloney (65. Rittmüller), Föhrenbach - Schöppner, Beck (79. Thomalla), Burnic (46. Sessa), Pick (46. Schimmer), Beste (79. Kühlwetter) - Kleindienst
Tore: 1:0 Glatzel (42.)
Zuschauer: 43.094
Schiedsrichter: Robert Hartmann (Wangen)
Gelbe Karten: Rohr / Kleindienst, Mainka
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