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„Der HSV kriegt jeden klein“ - wer wird Baumgarts Nachfolger?

Am morgigen Dienstag beginnt die Zeit nach Steffen Baumgart auch auf dem Trainingsplatz des HSV. Dann leitet Merlin Polzin seine erste Einheit als Interimscoach. Mal wieder.…

„Der HSV kriegt jeden klein“ - wer wird Baumgarts Nachfolger?

Am morgigen Dienstag beginnt die Zeit nach Steffen Baumgart auch auf dem Trainingsplatz des HSV. Dann leitet Merlin Polzin seine erste Einheit als Interimscoach. Mal wieder. Denn Polzin war schon unter Daniel Thioune und Tim Walter Cotrainer und leitete nach dem Aus von Tim Walter interimistisch die Mannschaft. „Wir haben hier ein großes Trainertalent“, sagte der damalige Sportchef Jonas Boldt im Februar über Polzin, als der 34-Jährige nach der Trennung von Tim Walter. Was folgte war ein 2:2 bei Hansa Rostock und die Verpflichtung von Steffen Baumgart. Eine Verpflichtung, die lange gefordert worden war vom verschiedenen Verantwortungsträgern im Klub. Bildt selbst zählte nicht zu Baumgarts Befürwortern, sondern sah diesen eher kritisch. So kritisch, dass er Baumgart auch nach dem Ende der Vorsaison wieder gehen lassen wollte. Im Ergebnis war es dann aber Boldt, der gehen musste.

Und dessen Nachfolger Stefan Kuntz hielt an Baumgart fest. Nicht gänzlich ohne Diskussionen, auch Kuntz hatte andere Kandidaten für den Trainerposten im Gepäck, ließ sich aber von Baumgart und dessen Befürworter im Aufsichtsrat überzeigen. „Mache nie etwas, wo du bei der Entscheidungsfindung schon Bauchschmerzen hast“, hat mir eine mir extrem wichtige Person einmal mit auf den Weg gegeben. Und dieser Rat wäre auch hier Gold wert gewesen. Denn Baumgart war mehr eine Besetzung auf Wunsch des Umfeldes, denn derer, die ihn sportlich einschätzen konnten. 

Kommt Kuntz-Buddy und Ex-HSV-Coach Bruno Labbadia?

Auch bei Baumgarts Vorstellung vor neun Monaten galt wie heute: Der HSV hat schon so häufig sein großes Ziel Bundesliga-Rückkehr verpasst, dass er die Erfüllung dieser Sehnsucht eher einem erfahrenen Trainer zutraut. „Wir sind jetzt in der Bringschuld, diesen Schritt auch zu schaffen“, sagte Sportvorstand Stefan Kuntz nach der Baumgart-Demission bei Welt TV. Und er weiß, dass diese Entscheidung sitzen muss, wenn der HSV nicht schon frühzeitig erneut den Aufstieg abhaken will. Dementsprechend sprießen einen Tag nach der Freistellung des 52-Jährigen Spekulationen aus dem Boden, aber noch keine belastbaren Hinweise auf die Baumgart-Nachfolge.

Gehandelt werden fast ausschließlich Namen, die naheliegen: Bruno Labbadia (58), weil er schon zweimal erfolgreich HSV-Trainer war und mit dem Sportvorstand Stefan Kuntz einst ein Sturmduo beim 1. FC Kaiserslautern bildete. Beide verbindet ein vertrauensvolles, freundschaftlich-gutes Verhältnis.  Ruud van Nistelrooy (48) und Niko Kovac (53) werden indes gehandelt, weil sie früher für den HSV spielten und eine in Hamburg weit verbreitete Sehnsucht nach dem „großen Namen“ bedienen. Beide wären aus meiner Sicht keine gute Lösung. Ebenso wenig wie Torsten Lieberknecht (51), Thomas Letsch (Ex-VfL-Bochum), Andre Breitenreiter und Friedhelm Funkel.

Erschwert wird die Suche nach dem richtigen Trainerprofil für den HSV auch dadurch, dass es der Club in fast sechseinhalb Zweitliga-Jahren beinahe schon mit jedem Trainerprofil versucht hat. Es war so ein wenig „Try and error“ beim HSV mit dem frischen, populären Christian Titz, dem Ausbilder und Konzepttrainer Hannes Wolf, dem erfahrenen, alten Hasen Dieter Hecking, dem aufstrebenden Daniel Thioune, der Club-Ikone Horst Hrubesch und dem Dogmatiker Tim Walter. Einen wirklichen Plan, der auch aufging, hatte der HSV vor Kuntz schon nicht.

„Der HSV kriegt jeden klein“ - warum scheitern alle Trainer in Hamburg?

Zuletzt scheiterte auch der Mann aus dem Volk, der Malocher Steffen Baumgart. „Der HSV kriegt jeden klein“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“ heute. Und das zeigt sich auch daran, dass das noch in Paderborn und Köln so erfolgreiche Trainerprofil von Steffen Baumgart in Hamburg nahezu null stattfand. Der einstige Starkstrom-Trainer ließ beim HSV am Ende nur biederen, offensiv zu uninspirierten Sicherheitsfußball spielen, der das Potenzial des so oft als bestbesetzten Zweitliga-Kaders nicht ausschöpfte.

Kuntz weiß um die Bedeutung seiner nächsten großen Entscheidung. Er hat die Zügel in der Hand, um in Hamburg für ein Umdenken und eine andere Arbeitsauffassung von Mannschaft und Umfeld zu sorgen. Der Sportvorstand machte auch schon klar, dass nach Baumgart in den nächsten Wochen auch noch einige Spieler den Verein verlassen sollen. „Der eine oder andere Spieler weiß auch schon Bescheid, dass er im Winter gehen könnte“, bestätigte Kuntz und meinte damit Spieler wie William Mikelbrencis, Levin Öztunali und für mich immer noch nicht ganz nachvollziehbar auch Anssi Suhonen. Aber völlig unabhängig vom Verständnis für einzelne Namen und Schicksale: Kuntz macht vieles richtig, wenn er versucht, alte Seilschaften, festgefahrene Abläufe und vor allem leistungshinderliche Stimmungen durch personelle Veränderungen zu verändern.

Dieser HSV braucht einen neuen Anstrich, mehr Leistungskultur – und dazu gehören in aller Regel auch prominente Opfer. Beim HSV ist es bislang Baumgart – aber ich bin mir sicher, dass ein guter neuer Trainer auch die mannschaftliche Hierarchie durchleuchtet und ggf. nachbessert. Denn eines ist auch klar: Die Entlassung von Baumgart ist nicht nur für den Trainer eine Niederlage – sondern für den gesamten HSV. Von der Mannschaft bis hin zu den Entscheidungsträgern…

Wer neuer Trainer beim HSV wird, ist also weiterhin offen. Es wird dementsprechend viel spekuliert werden, darauf können wir uns schon mal einstellen. Fakt ist: Polzin leitet die Geschicke bis auf Weiteres, weil Kuntz sich selbst als Traineroption ausschließt. Polzin wird dabei verstärkt von U21- und Nachwuchschef Loic Favé. Ein Duo, dem man eine Zukunft wünscht, wie sie einst Fabian Hürzeler über den FC St. Pauli genommen hat. Zu schön ist der Gedanke, dass der HSV aus dem eigenen Trainernachwuchs seinen neuen Erfolgscoach formt. „Es geht nicht um Geschwindigkeit, sondern darum, das Richtige zu machen“, sagte Kuntz, der bei aller Hoffnung auf sein interimistisches Nachwuchsduo nach der erfahreneren Lösung suchen muss.

HSV muss sich von Wunschkandidat Eichner verabschieden - und ihn schlagen

Ein Name, den Kuntz schon bei seinem Amtsantritt im Kopf gehabt haben soll, hat gerade in der vergangenen Woche seinen Vertrag verlängert: Christian Eichner. Und dieser Eichner wird das neue HSV-Konstrukt mit seinem starken Karlsruher SC schon am nächsten Sonntag auf die Probe stellen. Denn da gastieren Polzin, Favé und Co. beim derzeit bärenstarken Tabellenzweiten, dem Karlsruher SC, der gerade auf der Trainerposition voller Überzeugung langfrostig Klarheit geschaffen hat…

In diesem Sinne, hoffen wir alle mal darauf, dass Kuntz ein besseres Händchen bei der Trainerwahl hat als seine Vorgänger. 

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