Meinung

Der HSV kann beweisen, dass das nur ein Ausrutscher war

Als mein Freund Elvis heute mit einem in zwei Hälften aufgeteilten Song um die Ecke kam, war ich sofort begeistert. Okay, zugegeben: Das bin ich bei seinen Spieltagssongs…

Der HSV kann beweisen, dass das nur ein Ausrutscher war

Als mein Freund Elvis heute mit einem in zwei Hälften aufgeteilten Song um die Ecke kam, war ich sofort begeistert. Okay, zugegeben: Das bin ich bei seinen Spieltagssongs immer. Aber in diesem Fall trifft er damit auch meine Nachbetrachtung auf das gestrige Spiel sehr gut.  Denn beide Halbzeiten warn grundverschieden. So gut wie die erste Hälfte war – so schwach war die zweite. Die Schwierigkeit in der Analyse dieses Spiels  ist am Ende tatsächlich, einen Zusammenhang zu finden. Wo gibt es die Gemeinsamkeiten, und welche davon waren am Ende verantwortlich für die zwei verschenkten Punkte? Es geht für Trainer Daniel Thioune und sein Team genau darum, diese bis zum nächsten Spiel am kommenden Sonnabend gegen Greuther Fürth nicht nur herauszuarbeiten, sondern sie auch ausmerzen zu können. Denn so ein Einbruch hat Gründe.

Auch wenn diese manchmal schwer erklärbar sind. Nicht einmal für die Experten, die auf Analysetools und Videos in Dauerschleife zurückgreifen können. „Wir hätten noch höher führen müssen“, war auch Sportdirektor Michael Mutzel heute noch ratlos. „Manchmal ist das rational nicht zu erklären.“ Stimmt. Aber es gibt dennoch immer Gründe. Und einer davon ist aus meiner Sicht die Erwartung. Nicht die überhöhte an die Mannschaft an sich. Die sehe ich kaum noch, ehrlich gesagt. Inzwischen haben sich die allermeisten mit dem Status Quo angefreundet. Dieser HSV ist ein Zweitligist – wenn auch ein richtig guter. Oder sogar der beste. Aber der Aufstieg ist eben kein Selbstgänger mehr.  Nein, ich meine die Erwartungen an einzelne Spieler wie beispielsweise Gideon Jung. Der ist beim HSV inzwischen so oft raus und wieder drin gewesen, dass er in der Wahrnehmung der allermeisten wenig bis kein Vertrauen mehr genießt. Und das weiß er. 

Während der ersten 45 Minuten und in der Halbzeit habe ich so viele Nachrichten bekommen, in denen sich alle über die starke Leistung des HSV freuten – und über Gideon Jung wunderten. Weil man ihm eine so gute Halbzeit nicht zugetraut hatte. Das allein ist noch kein Problem, schwierig wird es erst, wenn innerhalb der Mannschaft der Glaube verlorengeht. Denn zum einen wusste Jung selbst, unter welcher Beobachtung er steht. Er wusste und weiß, dass die meisten nur darauf warten, dass er Fehler macht. Souveränität auszustrahlen ist in einem solchen Wissen wirklich schwierig. Das schafft man zumeist nur, wenn man über allem stehen kann, weil man wirklich überragend gut ist. Oder wenn einfach alles klappt. Und das tat es in der zweiten Halbzeit nicht. 

Genau umgekehrt war es beim FC Erzgebirge Aue. Die hatten dem HSV in den ersten 45 Minuten so rein gar nichts entgegenzusetzen. Nicht einmal den Anschlusstreffer – denn den hatte der HSV dem Gastgeber geschenkt – und mit dem 3:1 nur anderthalb Minuten danach eigentlich wiedergutgemacht. Aber die komplett konsternierten Auer glaubten plötzlich wieder an sich – und nutzten das. „Die Auer haben dann aus ganz wenig zwei Tore gemacht. Es waren nicht mal so richtige Chancen“, ärgerte sich Mutzel über den Spielverlauf, „und dann glaubt eine Mannschaft, die eigentlich schon weg war, plötzlich wieder an sich. Sie haben Hoffnung geschöpft, und wir sind nicht mehr in unsere Abläufe gekommen.“ So einfach kann es manchmal sein.

Also: Mund abwischen und weitermachen?

Wäre ich einer der arrivierten HSV-Profis, würde ich es offiziell wohl genau so formulieren. Ich würde Jung sagen, dass er ein gutes Spiel gemacht hat, was ganz individuell betrachtet sogar nicht einmal falsch ist. Und ich würde wie Simon Terodde gestern schon den Blick nach vorn richten. Auch als Trainer würde ich dieses Unentschieden nicht höher bewerten als andere Spiele. Allerdings würde ich mir als Trainer sehr wohl Gedanken darüber machen, ob ich meiner Mannschaft gestern die Stabilität mit auf den Platz gegeben habe, die sie in den letzten Wochen ausgezeichnet hat. Warum beispielsweise bricht der HSV weg, nachdem Dudziak verletzt raus musste? Und warum war selbst der zuletzt stabilste Innenverteidiger Stephan Ambrosius neben Jung ein Unsicherheitsfaktor?

Vorweg: Ich habe keine eindeutige Antwort dafür. Zumindest nicht im Fall Jung. Auch die These, dass Jung diese Unsicherheit auf andere überträgt, ist mir zu einfach. Denn gute Mannschaften ziehen eher einen Spieler hoch, als dass sie sich von einem Unsicheren runterziehen lässt. Und ich bleibe dabei, dass dieser HSV eine gute Mannschaft hat, die das können müsste. Von daher ist ein Jung hinten niemals ausschlaggebend für so eine zweite Halbzeit. Wichtiger als dass erscheint mir allerdings der „Faktor Dudziak“. Seine Spielstil hat der HSV nur einmal im Team. Ähnlich bei Kinsombi und möglich bei Kittel – aber diese beiden haben andere Rollen, während Aaron Hunt es gänzlich anders spielt.

Hunts Vereinnahme war richtig - zumindest vorher. Im Nachhinein aber...

Für mich war die Hereinnahme von Hunt erklärbar.  Und wenn der Routinier kurz nach der Halbzeit das 4:1 macht, hätte ich sie heute wohl gelobt und gesagt, dass Hunt als Backup super funktioniert. Ich hätte ziemlich sicher geglaubt, dass die strategischen Züge von Thioune ineinandergreifen.  So aber stelle ich mir selbst die Frage, ob eine mutigere Entscheidung hier nicht mehr geholfen hätte. Warum nicht Kinsombi neben bzw. etwas vor Heyer postieren und Manuel Wintzheimer bringen? Warum nicht der Mannschaft signalisieren, dass man weiter nach vorn spielt und alles daran setzt, Tore zu erzielen? Denn das war gestern in Aue gar nicht so schwer.  Nun weiß ich nicht, was Thioune der Mannschaft in der Halbzeit (hier war Hunt ja schon im Spiel) für die zweiten 45 Minuten mit auf den Weg gegeben hat. Vielleicht hat er ja genau das gesagt und seine Mannschaft darauf eingeschworen, weiter mutig nach vorn zu spielen. Aber diese Spielweise ging in den zweiten 45 Minuten verloren.

Mit anderen Worten: Ich will und werde dieses eine Spiel – oder besser gesagt: diese eine Halbzeit - nicht überbewerten. Aber ich glaube, dass dieser HSV durchaus gut beraten ist, weiter mutig zu sein. Junge Spieler wie Onana gilt es, maximal zu fördern – zumal sie es können. Der Junge ist absolut in der Lage, sportlich Spiele mitgestalten zu können. Aber dazu gehört es auch, ihn in wichtigen Phasen zu bringen, um ihm zu signalisieren, dass man ihm vertraut und dass man ihm so eine wichtige Rolle zutraut. Alles, ohne etwas zu erwarten. Nur daran kann Onana noch sehr viel wachsen. Ob das bei Jung noch mal hinzubekommen ist, weiß ich eher nicht. Es gibt leider immer wieder Spieler, an denen wird sogar gezweifelt, wenn sie wie Jung bislang 100 Prozent ihrer Spiele, in denen sie eingesetzt werden, gewonnen hatten. Und das war bei Jung tatsächlich so. Bis gestern. Schaut mal nach.

Nein, es gibt diese Spieler, die vielleicht einfach weggehen müssen, um noch einmal ihr Potenzial abzurufen (Jung). Und diese, die es in der Form nicht mehr können und als stolze Leistungsträger plötzlich nur noch partiell wichtig werden (Hunt). Normalerweise – das behaupte ich zumindest – kann dieser HSV beide Spieler ohne große Schwächung verkraften. Und für Trainer Thioune und sein Team wird es darum gehen, der Mannschaft genau das klarzumachen. Denn Fakt ist: Die Mannschaft muss es glauben. Was Glaube in einer Mannschaft freisetzen kann, hat nicht zuletzt Aue gestern in der zweiten Halbzeit eindrucksvoll bewiesen. Allerdings muss auch ein Trainer herausfinden, ob er die Mannschaft davon überzeugen kann, oder eben nicht mehr. Zumindest wird es in dieser Woche bis zum Spiel gegen Aufstiegs-Mitfavorit Greuther Fürth genau darum gehen. 

Denn es scheint nahezu sicher, dass nach Josha Vagnoman und Toni Leistner auch Jeremy Dudziak länger ausfällt. Mutzel heute Vormittag: „Es ist noch nicht klar, aber es ist eine Muskelverletzung. Er war in einer sehr guten Verfassung. Es ist schade, dass er nun ausfällt. Aber vielleicht ist es auch der Grund. Von daher sind wir froh, nun ein paar Tage durchpusten zu können.“  Sieben Tag genau genommen. Angefangen morgen mit einem trainingsfreien Tag. 

In diesem Sinne, es ist nicht alles schlecht, weil der letzte Eindruck schlecht war. Und auch aus dieser zweiten Halbzeit muss man keine Professur machen. Und solange der Trainer die richtigen Schlüsse daraus zieht, darf man diese zweiten 45 Minuten in Aue gern auch mit dem Begriff „Ausrutscher“ abtun. Der Rückblick entscheidet auch nicht darüber, ob das so ist, oder nicht. Entscheidend ist, dass der HSV in den nächsten Spielen zeigt, dass diese zweite Halbzeit in Aue nur ein Ausrutscher war. Und dafür muss der Trainer ein paar wichtige, grundlegende Entscheidungen treffen.

Bis morgen!

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