Analyse

Der HSV ist wieder wer. Und zwar aus gutem Grund.

Das Wochenende hat Spuren hinterlassen. Nicht nur im Volksparkstadion, sondern in der ganzen Stadt. Ich bin heute durch die Hamburger Innenstadt gelaufen – und habe so viele…

Der HSV ist wieder wer. Und zwar aus gutem Grund.

Das Wochenende hat Spuren hinterlassen. Nicht nur im Volksparkstadion, sondern in der ganzen Stadt. Ich bin heute durch die Hamburger Innenstadt gelaufen – und habe so viele HSV-Trikots gesehen wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Vielleicht sogar mehr denn je. Es ist einfach erkennbar, dass der HSV wieder chic ist. Und das hat einen ganz simplen Grund: Dieser HSV weiß, wer er ist. Er liefert Leistung statt großer Worte. Keine hohlen Phrasen – sondern Arbeit, Klarheit, Charakter.

Die neue HSV-DNA: Arbeit, Haltung, Zusammenhalt

Merlin Polzin und sein Trainerteam haben diesem HSV eine neue Identität verliehen – eine, die sympathisch, aufrichtig und leistungsorientiert ist. In den letzten Wochen und Monaten hat sich die Mannschaft selbst bewiesen: Sie kann über den Kampf ins Spiel finden. Das Spiel gegen Ulm war der eindrucksvollste Beleg: Nach einer schwachen ersten Halbzeit und einem starken Gegner hat der HSV das Spiel noch vor der Pause gedreht – und am Ende mit 6:1 gewonnen. Zehn Tore in den letzten beiden Spielen. Genau in den Momenten, in denen es zählte. Und das sind genau die Spiele, die der HSV in den letzten Jahren immer wieder verloren oder zumindest nicht ausreichend gepunktet hat.

Spieler wie Poreba und Schmeichel stehen sinnbildlich für das Neue

Wer sich das Spiel gegen Ulm noch einmal anschaut – und dabei auf Lukasz Poreba achtet – der versteht sofort, was ich meine.
Ein Mittelfeldspieler, der eigentlich im Mittelfeld zu Hause ist, aber als Innenverteidiger alles gibt. Selbst in aussichtslosen Kopfballduellen gegen die Physis der Ulmer war er zur Stelle – mit Einsatz, Mut und Haltung. Diese bedingungslose Selbstlosigkeit ist das, was das Trainerteam dieser Mannschaft eingeimpft hat. Immer wieder davon auszugehen, dass es reicht, "sein eigenes Spiel" zu machen – das ist vorbei. Dieser HSV hat gelernt, sich auch selbst infrage zu stellen – und daran zu wachsen.

Das jüngste Trainerteam – und das erwachsenste der letzten Jahre

Polzin und Co. haben nicht deshalb den Aufstieg geschafft, weil sie mehr Ahnung von Fußball haben als ihre Vorgänger – sondern weil sie auf die Mannschaft eingegangen sind. Weil sie zugehört, sich mit den Problemen beschäftigt, Fehler eingestanden und vor allem daraus gelernt haben. Das jüngste Trainerteam der HSV-Geschichte war wider alle Unkenrufe nicht nur das erfolgreichste, sondern für mich zugleich auch das am erwachsensten handelnde Trainerteam der gesamten Zweitliga-Ära des HSV.

Das Ergebnis: Die Stadt lebt wieder HSV. Wenn man dann sieht, wie das Stadion schon Stunden vor Anpfiff bebt, wie die Fans mitsingen, mitfiebern, mitfeiern – dann spürt man: Der HSV hat seine Stadt wieder. Und es ist nicht abzusehen, wohin das alles noch führen könnte, wenn es dem Verein gelingt, den Fokus hochzuhalten und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wenn der erwartete Machtkampf um das HSV-Präsidium in den kommenden Wochen sachlich geführt wird, wenn dort der eingeschlagene Weg des HSV fortgesetzt werden kann, bin ich zuversichtlich.

Der nächste Schritt: klug verstärken

Und so stark der Zusammenhalt war – jetzt braucht es viele kluge Entscheidungen. Sportvorstand Stefan Kuntz und Kaderplaner Claus Costa stehen vor der Aufgabe, den Kader an mehreren Schlüsselpositionen entscheidend zu verstärken. Vor allem defensiv gibt es erheblichen Nachholbedarf – das haben wir im heutigen Talk mit Stefan Schnoor und Tom Hartmann auch noch einmal deutlich herausgearbeitet. Abgesehen von Miro Muheim hat dieser HSV keinen Erstliga-Verteidiger im Kader - Elfadli mal ausgenommen. Aber den braucht der HSV in der kommenden Saison unbedingt wieder im defensiven Mittelfeldzentrum.

Ergo: Vier neue, erstligataugliche Innenverteidiger werden benötigt. Oder auch drei plus den jungen Nachwuchsmann Aboubaka Soumahoro, den ich noch überhaupt nicht einzuschätzen vermag. Aber eines ist klar: In der Bundesliga reicht es nicht mehr, Die Spiele in der Ersten Liga mit einer überbordenden Offensivpower zu gewinnen, ist mit dem aktuellen Kader nicht gegeben. Auch deshalb muss man defensiv so stabil wie nur irgend möglich stehen, um überhaupt die Chance zu bekommen, den „Lucky Punch“ zum Sieg zu setzen. Freu nach dem Motto: "Wer kein Gegentor kassiert, verliert auch nicht", würde das der mannschaft eine ungeahnte Sicherheit verleihen.

Von daher meine große Bitte an Kuntz, Costa und Co.: Bitte keine Winter-Experimente mehr, sondern die jahrelangen Baustellen endlich erkennen und die personellen Lücken schließen. Die Fehler des Winters – insbesondere bei der Transfer teuer Nachwuchsspieler – dürfen sich nicht wiederholen. Das war fahrlässig und hat den Aufstieg unnötig gefährdet. Am Ende hat man es trotzdem geschafft. Aber mit Fehlern, aus denen man zwingend nun lernen muss.

Fazit: Der HSV ist wieder auf dem richtigen Weg – aber erst am Anfang

Wenn dieser HSV seinen eingeschlagenen Weg weitergeht, mit der Demut, der Haltung und der Offenheit der letzten Wochen – dann ist alles möglich. Aber dafür braucht es: Klarheit, Qualität – und den Mut, ehrlich zu sich selbst zu bleiben.

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