Der HSV ist führungslos - und es fehlen Entscheider
Ich liebe diese Gänsehautmomente. Bei den Welt- und Europameisterschaften schaue ich mir Last-Minute-Entscheidungen quasi in eine Endlosschleife an, um mich auf besondere…

Ich liebe diese Gänsehautmomente. Bei den Welt- und Europameisterschaften schaue ich mir Last-Minute-Entscheidungen quasi in eine Endlosschleife an, um mich auf besondere Matches mental einzustimmen. Ich mag das! Auch die Aufholjagd der Kölner am Wochenende gegen Union habe ich mir noch mal angesehen, weil das Stadion nach dem Siegtreffer förmlich explodiert ist. So, wie das Volksparkstadion seinerzeit bei Luca Waldschmidts Last-Minute-Siegtreffer zum 2:1 am 34. Spieltag 2016 gegen den VfL Wolfsburg.
Oder eben so, wie das Volksparkstadion gefeiert hätte, hätte der HSV diese Saison sein Zeil erreicht. Aber: Das hat er nicht.
Dass die Fans die Mannschaft trotzdem feiern, als hätten sie Großes geleistet, es ringt mir Respekt ab. In Paderborn wurde die HSV-Mannschaft nach Schlusspfiff gefeiert, was selbst di Spieler verwunderte. Ich persönlich war nach der absolut bodenlosen sportlichen Frechheit in Paderborn so auf Zinne, dass ich das Blitzfazit noch einmal jugendfrei aufzeichnen musste. Ich habe für jede Niederlage Verständnis, wenn ich weiß, dass alle alles gegeben haben. Aber ich habe null Verständnis, wenn sich jemand verweigert bzw. sich nicht voll reinhängt. Und genau das ist – wider die Aussagen von Trainer Steffen Baumgart – in Paderborn passiert. Kein Aufbäumen, jeder schiebt die Verantwortung auf den anderen, keiner geht voran und letztlich ergeben sich alle ihrem Schicksal.
Es war ein jämmerliches Bild, das der HSV bei seiner allerletzten Chance in Paderborn abgab. Dass sie trotzdem von ihren Fans gefeiert wurden, sollte ihnen zwei Dinge sehr bewusst machen: Zum einen, dass die HSV-Fans den Verein auch dann unterstützen, wenn sie nahezu nichts dafür zurückbekommen. Zum anderen, dass sie den Anhängern etwas schulden. Zumindest diejenigen, die eine Portion Ehre in sich tragen. Denn eines ist mal ganz sicher: Diese Fans kommen nicht wegen dieser Mannschaft und dem aktuell gespielten Fußball – sondern trotzdem.
Damit will ich auch die Mär beenden, die ein Tim Walter (soll angeblich beim englischen Club Hull City kurz vor der Unterschrift stehen) gebetsmühlenartig wiederholte. Der ehemalige HSV-Trainer machte tatsächlich seinen Fußball dafür verantwortlich, dass der HSV einen besseren Zuschauerschnitt als die meisten Erstligisten hat. Und das ist Nonsens. Diese HSV-Fans kommen wegen des HSV an sich ins Stadion. In der Hoffnung, erfolgreichen Fußball zu sehen zu bekommen, zweifellos! Aber selbst wenn das nicht der Fall ist, kommen sie, um zu unterstützen. Siehe auch jetzt nach Schlusspfiff in Paderborn. Warum das so ist? Weil sie erstklassig waren, sind – und bleiben! Und ja, das ist gut so! Denn die Fans sind eine Basis für den HSV, die sonst nur wenige Klubs in Deutschland vorweisen können. Und für alle, die in der bedingungslosen Unterstützung eine Gleichgültigkeit gegenüber dem notwendigen Leistungsprinzip sehen: Eine solche Unterstützung selbst kann gar nicht schlecht sein, sondern nur das, was die Verantwortlichen fälschlicherweise daraus ableiten, ist es immer wieder.
Apropos: Meine herzlichen Glückwünsche gehen raus an die beiden Nordrivalen Holstein Kiel und den FC St. Pauli, die es sportlich absolut verdient haben, in der kommenden Saison erstklassig zu spielen. Schade nur, dass sich der FC St. Pauli in der Stunde des historischen Erfolges (erstmals eine Liga höher als der HSV) in Person seines Präsidenten nicht zu schade ist, tatsächlich niveaulose Spitzen abzufeuern in Richtung des Geschlagenen. Und dass sich der FC St. Pauli jetzt wieder als „der etwas andere Verein“, als politisch korrekter als andere und als Bereicherung für die Bundesliga darstellt schwer ernst zu nehmen. Denn glaubt mir, wirklich jeder, der auch nur ein bisschen hinter die Kulissen blicken kann und konnte, weiß, dass der Stadtnachbar keinen Millimeter weniger kommerziell agiert als alle anderen Profiklubs. Im Gegenteil. Der FC gilt in der Wahrnehmung führender FC-Mitarbeiter schon länger als „Modelabel mit angehängtem Fußballclub“. Ausgestattet mit einer zweifellos außergewöhnlich guten Marketing- und PR-Abteilung…
Aber noch mal: Sportlich zolle ich dem Stadtnachbarn hohen Respekt. Dort hat man in schwierigen Zeiten schwierige personelle Entscheidungen getroffen, die gefruchtet haben. Man hat immer wieder wichtige Spieler wie Gideon Burgstaller, Daniel-Kofi Kyereh, Omar Marmouch und andere verloren und gleichwertig zu ersetzen gewusst. Man hat einen bei den Fans extrem beliebten Trainer Timo Schultz wider alle Widerstände ausgetauscht und auf den jungen, unerfahrenen Fabian Hürzeler gesetzt. Und man hatte damit größtmöglichen Erfolg. Chapeau, die Damen und Herren! So agieren starke Führungskräfte.
Und die braucht auch der HSV. Nun ist die Frage, wie es beim HSV weitergeht. Personell soll eine Menge passieren, ist zu hören. Sportvorstand Jonas Boldt steht im Visier der Aufsichtsräte, die allerdings noch keinen Plan entwickeln konnten, wie es ohne Boldt weitergeht. Bis auf Magath, der sich proaktiv und mit Hilfe seiner medialen Freunde beim HSV selbst ins Spiel gebracht hat, haben bislang alle Kandidaten abgesagt. Nicht wenige rechnen inzwischen damit, dass Boldt weitermachen darf/soll/muss. Und das nicht, weil alle von ihm als Bestbesetzung überzeugt sind, sondern weil die Herren Aufsichtsräte nichts gebacken bekommen. Sie schaffen es nicht, einen Nachfolger zu finden bzw. die sportliche Verantwortung so zu besetzen, dass sie von einer Verbesserung sprechen können. Und nein! Das ist KEIN Scherz.
Der HSV hätte „das Bayern-Problem“ titelten die Kollegen der BILD und meinten damit genau dieses Problem. Denn auch der deutsche Rekordmeister hat momentan Probleme, die sportlich wichtige Position des Trainers neu zu besetzen. Aber derlei Vergleiche sind nicht zulässig, da sich der HSV gerade im Taumel zur dauerhaften Zweitklassigkeit schwerlich mit einem Champions-League-Halbfinalisten vergleichen lässt. Wobei, wenn man die Namen hört und liest, mit denen sich der HSV auf der Ebene des Sportvorstandes beschäftigt, - Rangnick, Bierhoff, Liverpools Schmadtke – scheinen sich viele aktuell Verantwortliche des HSV noch in der Champions League zu wähnen…
Aber zugegeben: Es ist auch nicht einfach, diesen HSV neu zu besetzen. Zu wenig Kompetenz in verantwortlichen Gremien schreckt die neuen Kandidaten ab. Und das sage ich nicht nur so, das kommunizieren selbige wie beispielsweise Jörg Schmadtke sogar genauso… Die Frage, ob Boldt der bestmögliche Mann für diesen Posten für den HSV ist, könnte demnach im Ausschlussverfahren entschieden werden. Eine wunderbar vertrauensvolle Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit, oder?
Ich für meinen Teil habe in den letzten 25 Jahren viele Aufsichtsräte und andere Verantwortliche beim HSV erlebt. Und ich war oft erstaunt darüber, wie wenig einige fachlich mitbrachten und wie wenig sie am Ende auch umgesetzt bekamen. Ich war dagegen nicht erstaunt darüber, dass die wenigen Fähigen wie beispielsweise Alexander Otto irgendwann freiwillig ausschieden, um ihr Image nicht noch weiter zu beschädigen. Denn dieser Kontrollrat ist keiner. Dieser Aufsichtsrat ist wie der Bundestag, wo bei egal welcher Sch…. applaudiert wird - sofern sie denn aus dem eigenen Interessenlager kommt.
Was ich sagen will: Selbst ein Michael Papenfuß, dem ich absolut nicht aberkennen kann und noch weniger aberkennen will, dass er nur das Beste für den HSV will, wird den Rat als dessen Vorsitzender nicht so funktionieren lassen können, wie er funktionieren müsste, um die Begriffe „Aufsicht“ und/oder „Kontrolle“ zu rechtfertigen. Er wird sich mit den politischen Lagern auf einen Kompromiss einigen müssen. So, wie alle anderen auch in den letzten Jahren. Das Problem hierbei: Das hat noch nie – und das wird auf dieser Ebene einfach auch nie funktionieren. Es bleibt so, wie man sagt: Nur starke Entscheider treffen starke Entscheidungen. Aber die hat der HSV nicht.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Berufsentscheider vom internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne morgen und am Mittwoch die richtige Entscheidung fällen, wenn der Dopingfall von Mario Vuskovic neu aufgerollt wird. Bestenfalls mit einem Freispruch, sollte sich die Beweislage so darstellen.
In diesem Sinne, ich drücke Mario die Daumen.
Euch allen einen schönen Abend!
Scholle
P.S.: Ich schätze Steffen Baumgart wirklich mit seiner oft sehr realistischen, ungeschönten Art. Aber das, was er über das Spiel in Paderborn in Sachen Einsatz und Willen über die eigene Mannschaft sagt, ist so bodenlos schöngeredet, dass es schmerzt.
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