Meinung

Walter trotzt Schultz' Ansage - HSV ist fit für's Stadtderby

Diesem Fazit von Olaf Ringelband in seinem starken Beitrag „Warum werden die meisten Fußballvereine so unprofessionell gemanagt?“ stimme ich absolut zu! Dass ich von Olafs…

Walter trotzt Schultz' Ansage - HSV ist fit für's Stadtderby

Ich glaube, dass viele Vereine dem (erfolgreichen) Vorbild des FC Bayern nacheifern - ehemalige Profi-Spieler ins Management (Sportchef, Vorstand, Leiter Nachwuchszentrum, Aufsichtsrat, Trainer) zu holen. Ehemalige Spieler haben - von wenigen Glücksfällen abgesehen - zumeist aber nicht die notwendige Kompetenz für diese Positionen. Häufig überschätzen sie sich auch selbst und schließen aus ihrer nachgewiesenen Kompetenz in einem recht engen Bereich (Fußballspielen), dass sie auch in einem völlig anderen Bereich erfolgreich sein werden - dabei sind für Management-Rollen im Fußball ganz andere Kompetenzen erforderlich als auf dem Platz. Die fehlende Kompetenz als Manager wird dann durch unterschiedliche Verhaltensweisen kompensiert, die als Spieler hilfreich waren: vermeintlich sicheres Auftreten, keine klare Position beziehen, sich herausreden, an den Teamgeist appellieren, Härte zeigen, etc.

In gewisser Weise ist der Profifußball auch ein sich selbst aufrechterhaltendes System: inkompetente Führungskräfte stellen gerne inkompetente Mitarbeiter ein. So lange an den Spitzen der Vereine wenig Führungs- und Managementkompetenz zu finden ist, wird (außer durch glückliche Zufälle) auf den Ebenen darunter weiter Laientheater betrieben.

Dr. Olaf Ringelband in „Warum werden die meisten Fußballvereine so unprofessionell gemanagt?“

Diesem Fazit von Olaf Ringelband in seinem starken Beitrag „Warum werden die meisten Fußballvereine so unprofessionell gemanagt?“ stimme ich absolut zu! Dass ich von Olafs Expertise eh außergewöhnlich viel halte, ist hinlänglich bekannt. Dass ich ihm in einigen Punkten trotzdem mal widerspreche, haben wir in den letzten Gastbeiträgen sehen/lesen können. In diesem Fall aber habe ich aber tatsächlich absolut nichts gefunden, was ich anders sehe. Denn dieses sich selbst aufrechterhaltende System im Fußball ist bei den Trainern am besten zu erkennen (hier gefeuert – da Heilsbringer – bis er wieder gefeuert wird… usw..) und macht vordem Management seit vielen Jahren keinen Halt. Ich habe beim HSV in den letzten Jahren sehr viele interessante Menschen kennenlernen dürfen – wirklich überragende Fachleute waren davon die wenigsten – zumindest nicht auf Managementebene.

Wenn man Olafs Blogbeitrag auf die aktuellen Geschehnisse beim HSV herunterbricht, könnte man tatsächlich ein Gegenbeispiel finden: Denn Thomas Wüstefeld ist alles andere als ein Fußballfachmann, sondern ein erfolgreicher Manager gewesen. Wüstefeld hat mit seinem medizinunternehmen Millionengewinne eingefahren und war in Corona-Angelegenheiten sogar der persönliche Berater von Bürgermeister Peter Tschentscher. Er wurde in den Medien (vor allem im Abendblatt) als Erfolgsmanager tituliert und gefeiert, die stellvertretende Bürgermeisterin Katharina Fegebank ließ sich nur zu gern bei Besuchen in Wüstefelds Firma fotografieren. Auch deshalb hielt der (im Nachhinein zu) gutgläubige Aufsichtsratsboss Marcell Jansen seine Entdeckung – zumal glühender HSV-Fan – für die ideale Besetzung des Vorstandspostens für Finanzen. Eine Fehlentscheidung, wie sich inzwischen herausgestellt hat.

Jansens richtiger Ansatz - und die falsche Umsetzung

Mit anderen Worten: Jansens gedanklicher Ansatz könnte man Olafs Einlassungen zufolge sogar als richtig erachten. Dass das vor Fehlern nicht schützt, sehen wir heute. Dennoch muss sich der HSV davon lösen, für seine Führungskräfte den so oft betonten „Stallgeruch“ zur Grundvoraussetzung zu machen. Das schreibe ich hier schon seit vielen Jahren – und das ist auch alles andere als ein Geheimnis. Dass man sportliche Expertise in den sportlichen Bereichen (Trainer, Sportchef) braucht – logisch. Aber der Bereich Finanzen und der geschäftsführende Bereich muss von erfahrenen Managern geleitet werden. In einer solchen Konstellation kam der HSV seinerzeit mit dem wenig fußball-affinen Manager Bernd Hoffmann und dem Fußballfachmann Dietmar Beiersdorfer zu den größten Erfolgen der letzten 20 Jahre. Allein die Führung dieser beiden Vorstände gelang dem Aufsichtsrat damals nicht. Es wurden interne Machtkämpfe mit Hilfe der Aufsichtsräte ausgefochten - womit wir zu einem Problem kommen, das ich allen Ausführungen von Olaf noch beifügen will: Die Aufsichtsräte.

Denn beim HSV hat die unprofessionelle Führung des Gesamten deutlich mehr Väter als nur das Management. Zu Zeiten Udo Bandows, der neben Alexander Otto vielleicht als einziger Aufsichtsratsboss unantastbar war, gab es diese Politisierung des Gesamtvereines nicht, weil ihre Anfänge schon im Kontrollgremium eingedämmt wurden. Erst Bandows gesundheitsbedingter Rücktritt sowie Ottos Rücktritt aus Sorge um seinen guten Ruf, machten dem „Kleingartenverein HSV“ wieder alle Türen auf und mehrheitlich schwache/manipulierbare Aufsichtsräte brachten den HSV an den Rande der Insolvenz.

Mit Klaus Michael Kühne, der seither viel Geld und ebenso viel Interessen beim HSV einfließen ließ, kam ein weiterer Faktor Politik hinzu. Ergebnis: Es bildeten sich Parteien – also der Anfang vom Ende. Und ich behaupte, dass in der aktuellen Konstellation des HSV erst dann Ruhe einkehrt, wenn man einen Glücksgriff im Aufsichtsrat landet. Erst wenn dort unpolitische Fachkompetenz einkehrt, wird der HSV überhaupt die Chance haben, gute Manager zu finden UND diese auch funktionieren zu lassen. Jansens HSV-bezogene Grundeinstellung ist unzweifelhaft gut. Er wollte den HSV einen, wurde dabei aber von seiner Naivität in Personalentscheidungen immer wieder überholt.

HSV-Aufsichtsräte bringen den HSV regelmäßig zum Scheitern

Ansonsten kann man es wie der FC St. Pauli halten, wo Präsident Oke Göttlich sein Ehrenamt zum bezahlten Fulltimejob umgewandelt bekam. Übrigens der Mann, der intern sagte: „Der FC St. Pauli ist eine Marke mit angehängtem Fußballverein.“ Das mag gerade für die immer so betont Anti-Kommerz-eingestellten Pauli-Fans vielleicht wie Verrat an der eigenen Philosophie klingen. Es ist aber der einzig richtige Weg für Fußballvereine, in diesen Zeiten konkurrenzfähig zu bleiben. Ohne diesen Gedanken und noch weniger ohne dessen konsequente Umsetzung wäre der FC St. Pauli sicher nicht mehr in der Zweiten Liga.

Wobei sie das aktuell auch sportlich gerade gefährden. Als Tabellenvierzehnter stecken sie im Abstiegskampf und wollen ausgerechnet mit einem prestigeträchtigen Derbysieg die Kehrtwende einleiten. FC-Trainer Timo Schultz war am Mittwoch zuversichtlich. „Ein Derby kannst du ausklammern von irgendwelchen Trends, der Tabellensituation und dem Rest der Saison. Da wird es einfach 90 Minuten zur Sache gehen“, “, sagte er auf der Pressekonferenz heute. Und er hat auch allen Grund zur Zuversicht, da St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann seinem Trainer gerade eine Jobgarantie gegeben hatte.

„Ich bin nicht dafür bekannt, in solchen Situationen die vermeintlich naheliegendste Lösung, den Trainer auszutauschen, gewählt zu haben“, hatte Bornemann der BILD trotz der Negativserie von zuletzt sieben Punktspielen ohne Sieg gesagt und verwies auf die Saison 2020/21. Damals lag der Kiezclub wochenlang auf einem Abstiegsplatz, ehe sich das Team in einer starken Rückrunde unter Ex-Profi Schultz (45) noch bis auf Tabellenplatz zehn verbesserte., um 2021/22 den Schwung mitnehmend langte Zeit, um den Aufstieg mitzuspielen. „Wir haben vor rund zwei Jahren eine ähnlich prekäre Situation zusammen gemeistert», erklärte der 51 Jahre alte Sportdirektor. Und er ergänzte: „Ich würde mir wünschen und ich bin auch davon überzeugt, dass uns das wieder gelingt.“

Pauli-Coach hofft auf Kehrtwende - Walter reagiert gelassen

Überzeugt ist auch HSV-Trainer Tim Walter. Von seinem Team. Walter kann personell nahezu aus dem Vollen schöpfen. Nur Linksverteidiger Tim Leibold (Muskelfaserriss im Oberschenkel) fehlt, nachdem sich sowohl Stammtorwart Daniel Heuer Fernandes als auch Jean-Luc Dompé gesund zurückzumelden. 

Dass nach anderen Trainern auch St. Paulis Timo Schultz („Wir wollen die HSV-Spieler stressen“) ankündigte, dem ungeliebten Nachbarn mit einer ekeligen Spielweise Probleme bereiten zu wollen, konterte Walter kühl lächelnd. „Jeder sagt, dass man uns wehtun will, aber jeder muss auch wissen, dass auch wir dem Gegner wehtun können und dies auch wollen“, sagte der 46-Jährige, der mit dem HSV seit sechs Punktspielen ohne Niederlage ist. Walter erwartet im ausverkauften Millerntor-Stadion „ein heißes Spiel, ein hitziges Duell - auch auf den Rängen, wo jeder seine Farben verteidigen will“, so Walter, ehe er ergänzte: „Aber auch das ist normal in so einem Derby.“ Anbei die Pressekonferenz:

Ich melde mich morgen aller Voraussicht nach etwas später bei Euch, weil den Tag über unterwegs bin. Jonathan wird wie immer das Training für Euch nachbereiten (sofern auf dem einsehbaren Platz trainiert wird) und ich melde mich dann am Abend mit allem, was vor dem Derby noch wichtig ist, bei Euch.

Bis dahin,

Scholle

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