Analyse

Der HSV ist ein sinkendes Schiff - gewesen?

„Statistik ist nur solange was wert, wie ich daraus einen Vorteil erzielen kann“ hat mir mal ein älterer, niederländischer HSV-Trainer gesagt und den Phrasenschwein-Satz…

Der HSV ist ein sinkendes Schiff -  gewesen?

„Statistik ist nur solange was wert, wie ich daraus einen Vorteil erzielen kann“ hat mir mal ein älterer, niederländischer HSV-Trainer gesagt und den Phrasenschwein-Satz „wichtig ist am Ende nur auf dem Platz“ hinterhergeschoben. Aber obwohl ich diesen Knurrer bis heute für einen der besten HSV-Trainer der letzten 20 Jahre halte, muss ich ihm hier widersprechen. Denn neben der Wahrheit auf dem Platz gibt es eben auch die Entwicklungen, die sich nicht direkt in Toren und Punkten äußern. Und dazu zählen statistische Werte, wie sie gestern unsere Freunde von Createfootball.com hier angeführt und analysiert haben. Zum Beispiel in Sachen Offensivspiel, das beim HSV als wirklich gut bezeichnet werden kann – bis zum Abschluss.

https://open.spotify.com/episode/7Gw3Z2pPeyM75msYXUlDiB?si=X9Ezadd7Rkq6EDvO2pzQsw&dl_branch=1
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Denn dort schwächeln Robert Glatzel, Bakery Jatta und Co. noch zu sehr. Aber: Die Entwicklung hin zu immer mehr Torabschlüssen und guten Torchancen ist gut. „…der enorme Ballbesitzanteil von 67% ist unübertroffen…Dazu spielt der HSV unter Tim Walter die meisten Pässe mit der höchsten Genauigkeit (87%) und zeigt sich besonders stark im Spiel ins letzte Drittel, wo sie die beste Quote der Liga aufweisen. Spannend ist zudem das Flankenspiel des einstigen Bundesliga-Dinos, das als Schlüsselelement im Kreieren von Torchancen gilt. Nur die Fortuna aus Düsseldorf schlägt mehr Flanken…“ haben uns die Kollegen gestern hier geschrieben und damit verdeutlicht, dass der HSV ein Spiel hat, das sehr viel Potenzial birgt. Und genau hier besteht zwischen vielen von Euch und mir eine Differenz, die immer wieder dazu führt, dass einige hier alles zu positiv dargestellt sehen. Aber ich versuche gern, das noch einmal aus meiner Sicht zu erklären:

Die Richtung stimmt, die Umsetzung noch nicht

Denn ich finde das Offensivspiel des HSV in seiner Grundausrichtung sehr gut. Ich mag mutige Spieler und ein mutiges Spiel. Ich mag laufintensives Pressing ebenso gern gegen den Ball wie mit dem Ball sehen. Ich glaube auch fest daran, dass man nur so letztlich auch wieder erfolgreich wird. Problem hierbei ist, dass der HSV aus meiner Sicht in dieser Saison weder als Team noch individuell die Abschlussqualitäten hat, die das defensive Risiko rechtfertigen, das Trainer Tim Walter in Kauf nimmt.

Und: Entgegen der ersten Wochen, in denen es immer hieß, dass man sich eben noch finden werde und es dann defensiv auch besser würde, MUSS das JETZT auch endlich passieren. Schon am Sonnabend gegen die starken Düsseldorfer muss diese Entwicklung, die der HSV gegen Heidenheim, in Teilen auch gegen Darmstadt und Nürnberg angedeutet hat, fortgesetzt werden. Ansonsten wird sich Walter zurecht sagen lassen müssen, dass sein Spielsystem spektakulär ist – aber eben auch genauso spektakulär scheitert.

Aber zurück zu den unterschiedlichen Ansichten von mir und einigen hier im Blog: Ich weiß, dass dieser HSV ob der Misswirtschaft der letzten Jahre zwangsläufig Rückschritte in Kauf nehmen musste, die man unter Schlagwörtern wie „Umbruch“ oder auch „Jugend forscht“ als gewollt zu kaschieren versuchte. Vorstand und Sportliche Leitung versuchten so, öffentlich Zeit und Geduld zu generieren. Und ich war/bin trotzdem bereit, sie allen Verantwortlichen zu geben, solange eine Entwicklung zu erkennen ist. Dabei dürfen sogar Spiele verloren werden, wenn es letztlich der Entwicklung zugute kommt. Aber: Derart entwicklungsfreie Phasen wie gegen Aue und zuvor Nürnberg dürfen nicht zu oft vorkommen.

Genau DESHALB ist das Düsseldorf-Spiel so wichtig

Und genau deshalb habe ich dem Spiel gegen Düsseldorf am Sonnabend eine besonders wichtige Rolle zugeordnet. Nicht, weil ich an einem Spiel ablesen werde, ob alles gut oder alles schlecht ist. Nein, das halte ich für grundfalsch. Aber noch verkehrter ist, wenn Dinge zum Selbstzweck werden und Verantwortliche den „Umbruch“ bzw. den Einsatz junger Talente als Alibi für fehlende Leistungsfähigkeit missbrauchen. Wobei: Tim Walter hat das bislang noch nicht gemacht, obgleich seine Position sicherlich am unsichersten im gesamten HSV-Konstrukt ist. Er hat am ehesten mit Konsequenzen zu rechnen, aber der HSV-Coach nennt die Dinge beim Namen. Er taktiert nicht – was mir persönlich sehr gefällt. Aber das schützt trotzdem nicht vor notwendigen Konsequenzen, wenn sein Bereich sich nicht nach vorn entwickelt. Und das wiederum ist und bleibt die Leistungsfähigkeit der Mannschaft.

Ich persönlich habe ich dieser Saison nicht den Anspruch, dass der HSV immer um die Plätze eins bis drei mitspielt. Ich hoffe es – aber ich erwarte es nicht. Und das aus dem ganz einfachen Grund, dass ich andere Teams für reifer und aktuell stärker erachte. Mein Maßstab an diesen HSV ist also nicht der Tabellenstand, sondern die Fortschritte mit den jungen Spielern sowie die Entwicklung der Mannschaft. Und genau das sehen einige, die hier immer wieder Kaderwerte vergleichen, anders. Da werden virtuelle Werte mit Tabellenplätzen gleichgesetzt. Und das halte ich falsch. Da ich auch Spieler nie an ihren Ablösesummen oder Marktwerten messen werde, sondern an ihren Leistungspotenzialen im Verhältnis zu gezeigten Leistungen, verbietet sich das für mich eh.  

Ich werde immer wieder gefragt, ob ich Walter für den richtigen HSV-Trainer halte – und ich kann weder mit einem klaren Ja noch mit eine klaren Nein antworten. Weil Walter hier etwas neu aufbauen musste, was andere Trainer fertig vorgefunden haben. Er muss die Zeit bekommen, diese Mannschaft zu formen und Ihr sein eigenes, zweifellos anspruchsvolles Spiel beibringen dürfen. Und solange man berechtigt die Phantasie haben kann, dass es greift, ist es in Ordnung. Sobald dieser Glaube aber berechtigterweise nicht mehr da ist, muss sich etwas ändern.  Dann muss entweder der Trainer schnell einen neuen, besseren Weg finden – oder der Verein einen besser passenden Trainer. Wobei Letztgenanntes hier in Hamburg sicher nicht zur Paradedisziplin der Vorstände und Sportchefs zu zählen ist...

Der HSV kann aufsteigen - aber keiner sollte es erwarten

Es ist also in dieser Saison nicht so wie in den letzten Jahren, wo der HSV stets zu den Topfavoriten gezählt werden musste. Diese Saison kann der HSV es schaffen – aber man darf es nicht erwarten. Oder um es mal beim Namen zu nennen: Dieser HSV ist ein sinkendes Schiff, da man lange Zeit schwere, antike Motoren für wertvoll erachtete, weil sie so schön glänzten. Erst als man merkte, dass diese Motoren zwar glänzten aber das Schiff nicht wertvoller sondern nur unnötig schwer machten, warf man sie endlich über Bord. Das Ergebnis sehen wir heute: Denn das Schiff fährt wieder.

Langsamer, noch lange nicht sturmerprobt und mit Schlängellinien versehen, das stimmt! Rennen gewinnt man damit vielleicht seltener. Alle müssen aktuell mehr ackern als in den letzten Jahren, um auch mal besser zu sein. Dieses Risiko musste man aber in Kauf nehmen, damit sich das Schiff wenigstens wieder sicher über Wasser hält. Aber so bekommt man wenigstens die Zeit, das Schiff von zu reparieren. Solange ich sehe, dass man es diesmal kontinuierlich und von grund auf repariert, anstatt es wie in den letzten Jahren einfach nur zu flicken und chic anzumalen, halte ich es für richtig. Und dann vertrete ich diese Meinung auch gegenüber allen, die anderer Meinung sind.

Und nur um in dieser Metapher zu bleiben: Ich habe in den letzten Wochen keine Reparaturen erkennen können – deshalb erwarte ich sie jetzt dringend. Sie sind mein Maßstab an die Verantwortlichen. Und an die Mannschaft, die sicherlich nichts weniger braucht, als die alten Motoren wieder an Bord. In diesem Fall muss ich Peter Neururer, der heute in der SportBild die Rückholaktion von Aaron Hunt als Lösung für die aktuellen HSV-Probleme nannte, komplett widersprechen.

Neururer Idee wäre ein Rückschritt für den HSV

In diesem Sinne, bis morgen. Dann mit der Pressekonferenz und eventuell auch mit einem neuen Communitytalk, den wir heute im Studio zwar aufgezeichnet haben, deren Datei aber offensichtlich so beschädigt ist, dass wir es aktuell nicht gerendert (digital verarbeitet) bekommen. Meine Freunde und Experten von Alpha Films arbeiten noch daran und wir hoffen bis zum Schluss  – aber es sieht leider nicht allzu gut aus. Sicherer ist dagegen, dass ich mich morgen früh wieder mit dem MorningCall um 7.30 Uhr bei Euch melde und am Abend mit einem sportlichen Blog komme. Denn es darf jetzt endlich wieder um Fußball gehen. Oder um in der Metapher zu bleiben: Das Rennen beginnt wieder…

Scholle

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