Der HSV hat Zweite Liga gelernt - Kittel auch?
Es war gut gemeint. Und es ist auch nicht unangebracht, mal darauf hinzuweisen, dass der Umgang mit Fußballern immer auch der Umgang mit Menschen ist. Von daher haben wir von…

Es war gut gemeint. Und es ist auch nicht unangebracht, mal darauf hinzuweisen, dass der Umgang mit Fußballern immer auch der Umgang mit Menschen ist. Von daher haben wir von „MoinVolkspark“ den Post des HSV auch mit unserem „Like-Daumen“ unterstützt. Denn der Umgang mit Sonny Kittel nach dessen unnötiger Gelbroten Karte gegen Hannover 96 (0:1) war grenzwertig. Sportlich hatte der offensive Mittelfeldspieler mit dieser Aktion allen Kritikern Tür und Tor geöffnet, ihn zu kritisieren. Menschlich gingen viele deutlich zu weit. Auch ich habe damals an dieser Stelle davor gewarnt, dem Menschen Sonny Kittel zu nahe zu treten. Das sahen längst nicht alle so. Jetzt reagierte der HSV nach den zwei Treffern und der Wahl Kittels zum „Man oft the Match“ und schrieb via soziale Netzwerke: „Wir wünschen uns jetzt nur noch, dass alle, die vor ein paar Monaten über Sonny geschimpft haben, darüber nachdenken, wie wir mit unseren Jungs umgehen sollten. Jedem passieren bei der Arbeit Fehler, aber wenn wir zusammenstehen und uns auch in schwierigen Momenten gegenseitig unterstützen, holen wir das Beste für den HSV aus uns allen heraus.“
Stimmt. Wobei man den respektvollen Umgang nicht mit zu unkritischem Verhalten verwechseln sollte. Kritik ist in der richtigen Form ein Motor für Verbesserung. Und Kittel liefert (wie alle anderen auch) weiterhin viele Ansätze, über die man sich als HSV-Fan freuen darf – aber eben auch eine Menge Ansätze für Kritik. Nach seiner Gelbroten gegen Hannover war ich auch enttäuscht und schrieb:
„Und auch wenn einige es aktionistisch nennen mögen, aber Sonny Kittel hat sich am Sonnabend geoutet. Nicht allein wegen der dummen Gelbroten Karte. Für mich viel entscheidender war und ist, dass er zuvor schon ein paar Spiele in Folge teilnahmslos wirkte. Bei ihm entscheidet für mich die Summe der Minusleistungen in den letzten Wochen darüber, wie ich mit ihm umgehen würde. Mein Ergebnis: Er wäre bei mir hintendran. Ganz weit hintendran, ehrlich gesagt. Bis er im Training oder sonstwie beweist, dass er der Mannschaft wieder helfen kann - und vor allem auch will. Denn die Mannschaft muss immer - also genau so, wie es Thioune bei seinem Amtsantritt gesagt hatte - über dem Einzelnen stehen. Und wer da nicht mitmacht, der wird nicht mehr berücksichtigt. Dazu käme bei mir übrigens eine Strafe für diese Gelbrote Karte. Denn die hätte jeder Spieler bekommen. Nicht, um nach außen etwas zu demonstrieren. Sondern vielmehr, um nach innen zu wirken.“
Rautenperle-Blog-Beitrag nach dem Hannover-Spiel am 05. Dezember 2020
Und dazu stehe ich, obwohl Daniel Thioune diese Ratschläge offenbar nicht angenommen sondern seinen eigenen, deutlich liberaleren Weg gewählt hat. Mit Erfolg, wenn ich die letzten Wochen mal zugrunde lege, denn Kittel liefert ab. Acht Torbeteiligungen in sieben Spielen, nicht nur deshalb hat Elvis in seinem Spieltagssong die Zeile „Über Hamburg geht der Sunny auf“ gewählt. Und dennoch bleibe ich dabei, dass Kittel noch zu wenig macht, Zumindest macht er noch immer deutlich zu wenig aus dem, was er kann. Oder besser, was er könnte.
Kittel - eine geniale Diva mit Streitpotenzial
Kittel ist von seiner fußballerischen Veranlagung her ein sehr guter Erstligakicker. Er hat ein gutes Tempo, er ist handlungsschnell, technisch eine glatte eins. Er ist dribbelstark und hat eine außergewöhnlich hohe Passsicherheit. Vor allem aber verfügt er über die vielleicht beste Schusstechnik aller Zweitligisten und macht dementsprechend viele Tore bzw. bereitet demenstprechend viele Tore vor. Nur eines fehlt Kittel: Der Wille, auch wenn es mal härter wird voll durchzuziehen. Man könnte behaupten, Kittel sei eine sportliche Diva. Ein Hasenfuß in Zweikämpfen und keine große Hilfe im Defensivverhalten – aber dafür mit einem genialen Fuß für die spielentscheidenden Szenen. Er ist der Typ Spieler, der überragt oder abtaucht – dazwischen gibt es nicht viel. Oder anders formuliert: Kittel ist der Typ Spieler, mit dem ich früher als Kapitän meiner Mannschaft am meisten geredet habe. Positiv wie negativ.
Unser Kittel hier seinerzeit Kai, war ein Linksfuß, kam jung – und überdurchschnittlich talentiert. Er machte Tore, bereitete welche vor und entschied Spiele mit seinen Aktionen – aber er nahm sich immer auch das Recht heraus, sich den Traineranweisungen zu widersetzen. Ging es gut, wurde er nicht selten unser „Man oft the Match“. Aber wenn das schiefging, hatte er mich zu erwarten. Und ich wurde ihm gegenüber immer sehr deutlich. Im Training gab es eine Vorwarnung, danach musste er schon sehr schnell laufen und sehr hoch springen, um für seinen Eigensinn nicht lang zu liegen.
Kai mochte mich – irgendwie. Irgendwie aber auch nicht. Aber das war für mich nur zweitrangig. Denn im Ergebnis führte dieses Miteinander wiederum dazu, dass Kai endlich anfing, nicht mehr allen Zweikämpfen aus dem Weg zu gehen. Er machte immer noch seine eigenen, besonderen Dinge für die er mal gefeiert und mal abgestraft wurde. Aber parallel dazu entwickelte er die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Zuerst für sich – später dann für die Mannschaft. Er nahm am Ende sogar knackige Zweikämpfe in den Spielen an, weil er im Training hundertfach die Erfahrung hatte machen dürfen, dass es viel mehr wehtut, wenn er nicht durchzieht. Und ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass Kittel das hier auch noch lernt. Auch wenn er dann sicher nicht mehr lang beim HSV spielen würde…
Kittel ist gut - und lässt noch so viel Potenzial ungenutzt
Was ich sagen will: Kittels Talent ist so groß, dass dessen teilweise Ausschöpfung mir ebenso wehtun, wie mich seine genialen Momente freuen. Bei ihm war ich immer hin- und hergerissen. Auch am Sonnabend beim 3:1 gegen den SC Paderborn. Er macht ein schönes Tor zum 2:0 – und bricht seinen Lauf zurück vor dem 2:1-Anschlusstreffer der Paderborner ab, bevor er es überhaupt richtig probiert hat. Aber Kittel hat versucht, sich defensiv einzubringen. Mit seinen Mitteln. Und schon deshalb hoffe ich, dass er diesem noch sehr zarten, ersten Schritt noch sehr viele Schritte folgen lässt.
Aber: Bis dahin nehme ich mir weiterhin das Recht heraus, ihn zu kritisieren. Völlig unabhängig davon, wie viele Tore er schießt und/oder vorbereitet. Nicht, weil ich ihn nicht mag – sondern, weil er so unsagbar viel Potenzial hat, das er noch nicht nutzt. Diese Art hat übrigens bei meinem ehemaligen Oberliga-Mitspieler Kai dazu geführt, dass er immerhin noch ein paar Jahre eine Klasse höher spielte als ich… Aber das nur als Erklärung, weshalb ich bei Kittel zweifelsfrei schneller kritisiere als bei einem Jatta, der nicht annähernd das Talent, dafür aber nahezu immer den absoluten Willen hat.
Generell aber muss ich sagen, gefällt mir die Entwicklung der HSV-Mannschaft gerade in den letzten Wochen unter Trainer Daniel Thioune sehr gut. Der HSV hat Zweite Liga gelernt, habe ich heute bei den Kollegen der Mopo in einer Zeile gelesen – und ich finde, das trifft es sehr gut. Denn es kommt hier definitiv nicht darauf an, jeden Gegner zu dominieren und auseinander zu kombinieren. Es geht darum, besser als der jeweilige Gegner zu sein – und dazu gehört eben auch mal die rustikale Gangart, der kämpferische Teil, der zu Lasten der Ästhetik geht.
Der Community-Talk kommt zurück!
Und genau das hat der HSV inzwischen angenommen. Der eine mehr, der andere weniger. Aber in der Summe ergänzt sich dieser Kader aktuell zu einer stimmigen, geschlossenen Einheit, die mit Rückschlägen ebenso gut umzugehen versteht wie mit Höhenflügen. Dass man sich dazu entschlossen hat, personell nicht noch einmal nachzulegen, hat sicherlich nicht nur damit (sondern auch mit der finanziellen Situation) zu tun. Aber es ist eine Entscheidung, die man argumentieren kann.
In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich am Abend wieder bei Euch und hoffe, dass Ihr bis dahin eine Menge Fragen für mich habt, die ich Euch dann im ersten CommunityTalk beantworten kann. Wer also etwas fragen will, der stellt seine Frage bitte genau HIER (einfach draufklicken!) rein. Ich werde dann versuchen, möglichst viele Eurer Fragen am Mittwoch aufzunehmen und zu beantworten. Aber jetzt erst einmal einen schönen Rest-Montag und bis morgen!
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