Analyse

Der HSV hat noch einen langen Weg vor sich

5 Gründe für eine erfolgreiche Saison 2021/2022 - so hieß es gestern von meinen Gastautoren Philipp und Konstantin. Die beiden HSV-Anhänger und Initiatoren des…

Der HSV hat noch einen langen Weg vor sich

5 Gründe für eine erfolgreiche Saison 2021/2022 - so hieß es gestern von meinen Gastautoren Philipp und Konstantin. Die beiden HSV-Anhänger und Initiatoren des "Nordleuchter-Podcasts", hatten sich die Mühe gemacht, uns hier aufzuschreiben, warum sie an eine gute Saison glauben. Und das haben sie sehr schlüssig hinbekommen. Dass diese Analyse natürlich auch Diskussionen auslöst - logisch. So ist es eigentlich immer. Und so war es ja auch gewollt! Deshalb habe auch ich mir mal die Mühe gemacht, und bin die Punkte einzeln nacheinander durchgegangen. Los geht's:

1. Trennung von Altlasten

Zuallererst darf man den HSV beglückwünschen. Sie haben es nach fünf Jahren endlich geschafft, sich von Bobby Wood zu trennen. Zudem zieht der HSV endlich Konsequenzen aus dem Nicht-Aufstiegs-Triple und dem wiederholten Erreichen des vierten Platzes. Der Verein trennt sich mit sofortiger Wirkung von Gideon Jung und Khaled Narey. Beide kassieren noch eine ordentliche Abfindung, da sie noch laufende Verträge hatten und nicht von sich aus gehen wollten. Anders sieht es bei Sven Ulreich aus, der von sich aus auf den HSV zukam, um seinen Vertrag aufzulösen. Deshalb wurde für ihn keine Abfindung fällig. Ulreich kehrt ablösefrei zum FC Bayern München als Vertretung von Manuel Neuer zurück. Der kurze Ausflug in ein Dasein als aktiver Profi offenbarte gravierende Qualitätsmängel, zumindest im Spiel mit dem Fuß. Neutrainer Tim Walter benötigt für sein Spielkonzept einen Torhüter, der fußballerisch versiert ist. Der HSV verabschiedet sich im gegenseitigen Einvernehmen von Aaron Hunt. Der Vertrag des altgedienten Mittelfeldmanns und Ex-HSV-Kapitäns lief aus und wurde auch aufgrund vieler Verletzungen und bleibender Zweifel am körperlichen Zustand Hunts nicht verlängert. Schließlich wurde auch der Vertrag von David Bates aufgelöst, der allerdings schon seit Langem keine Rolle mehr in den Überlegungen der HSV-Verantwortlichen spielte.

Meine Reaktion: Ich bin im Großen und Ganzen bei Euch zweien, Philipp und Konstantin! Aber die hier in Punkt 1 beschriebenen Trennungen sind zwar gut für die Kaderkonstellation – aber zugleich auch ein Armutszeugnis für die Transferphasen der letzten Jahre. Denn bis auf Sven Ullreich und Aaron Hunt sind es alles Spieler, bei denen man schon seit längerem nicht mehr wirklich wusste, wo man sie einsetzen könnte. Im Gegenteil: Man hat schon länger versucht, sie abzugeben. Sie am Ende nur noch per goldenen Handschlag abgeben zu können, obgleich sie zu Erstliga-Vereinen wie Fürth und Zweitliga-Topklubs wie Düsseldorf wechseln, zeigt auf, dass dieser HSV in seiner Gehaltsstruktur völlig unverhältnismäßig war. Mit anderen Worten, der HSV hat gerade mal einen teuren Fehler in Teilen korrigiert -  aber es bleibt abzuwarten, ob wir mit den Glatzels, Muheims und anderen Zugängen in Zukunft nicht mehr diese Probleme haben. Denn erst, wenn wir Spieler mit Vertrag gegen Ablösesummen abgeben und es für Spieler nicht mehr interessanter ist, den Vertrag auszusitzen als zu spielen – erst dann stimmt die Struktur beim HSV wirklich. 

2. Abschied vom Säulenspieler-Konzept

Der HSV verabschiedet das vor der letzten Saison ausgerufene „Säulenspieler“-Konzept, das mit den Abgängen von Ulreich und Toptorjäger Simon Terodde sowie der Leistung von Klaus Gjasula als „gescheitert“ bezeichnet werden kann. Stattdessen soll nun wieder vermehrt auf junge, hungrige Spieler und Talente aus dem eigenen Nachwuchs gesetzt werden. Wir glauben, das ist der richtige Ansatz. Dennoch brauchen junge Spieler zumindest ein bis zwei erfahrene Leute, an denen sie sich orientieren können und die sie wiederum zu führen vermögen. Auch wenn man sich in dem Bereich leider von Rick van Drongelen (500.000€ + Bonuszahlungen zu Union Berlin) getrennt hat, konnte der HSV auf den Verteidigerpositionen bereits vielversprechend nachverpflichten. Mit Sebastian Schonlau kommt ein erfahrener Mann aus Paderborn, der in der Innenverteidung auch den langzeitverletzten Stephan Ambrosius ersetzen soll. Und mit Miro Muheim kommt ein junger, dynamischer Außenverteidiger von St.Gallen, der auf der linken Außenverteidigerposition für Feuer im Konkurrenzkampf mit dem etatmäßigen Kapitän Tim Leibold sorgen soll. Beim Thema Tim Leibold sind wir übrigens der Ansicht, dass es eventuell sinnvoll wäre, wenn er die Kapitänsbinde an einen Mitspieler abgäbe, um sich wieder voll und ganz auf sich und seine Leistung zu fokussieren, da seine Formkurve in der vergangenen Saison einen negativen Trend hingelegt hat. Mit Meffert (Kiel) und Ludovit Reis (FC Barcelona) hat der HSV für das zentrale Mittelfeld sehr interessante Spieler verpflichtet, die großes Potential haben. Wir sind an dieser Stelle der Meinung, dass der HSV eventuell noch nach einem echten 10er Ausschau halten sollte, da sowohl Reis als auch Meffert eher auf der sechs spielen. Durch die Abgänge von Narey und Xavier Amaechi sind die Flügel recht dünn besetzt. Auch hier ist der HSV noch auf der Suche. Im Sturm musste der Verein den wohl größten Verlust verkraften. Mit 24 Saisontoren verliert der HSV eine echte neun und zudem einen extrem wertvollen Charakter im Mannschaftsgefüge. Aber es konnte bereits Ersatz verpflichtet werden. Robert Glatzel kommt aus Cardiff und Mikkel Kaufmann wurde für ein Jahr mit Kaufoption vom FC Kopenhagen an die Elbe gelotst. Beide treten das schwere Erbe von Terodde an. Der Abgang von Terodde und Hunt ist allerdings eine Chance. Jetzt kann und darf sich keiner mehr hinter den Leistungen und Namen anderer verstecken und Verantwortung ist auf dem Platz gleichmäßig verteilt.

3. Die richtige Transferpolitik

Bei den Transfers des HSV fällt zudem im Vergleich zur vergangenen Saison eine Sache sofort auf: Die Namen der Neuzugänge sind wohl nur echten Fußballfans ein Begriff und von einem Miro Muheim hat wahrscheinlich vorher maximal ein Fan der Schweizer Super League gehört. Das bedeutet aber auch, dass der HSV nicht mehr nach Namen einkauft, sondern endlich ausschließlich nach Statistiken und Leistungsdaten sowie Potential. Auf diese Weise vermeidet der Verein, dass er sich allein durch namenhafte Neuzugänge Aufstiegsambitionen auferlegt. Zudem hat der HSV bereits einige junge und fußballerisch extrem versierte Spieler auf fast allen Positionen (Onana, Ambrosius, Vagnoman, David, Meißner, Wintzheimer, Suhonen, Reis etc.). Das sind alles hungrige Spieler, die nicht die Altlasten mit sich herumtragen, schon dreimal hintereinander den Aufstieg knapp verpasst zu haben. Außerdem holt der HSV Ricardo Moniz als Techniktrainer zurück, der über die optimalen Fähigkeiten verfügt, gerade die jungen Spieler technisch zu schulen und besser zu machen. 

In den Punkten 2 und 3 liegt Ihr meiner Meinung nach auch richtig! Der Weg hin zu jungen, talentierten Spielern ist der einzig gangbare. Das wiederum beinhaltet aber auch eine Alternativlosigkeit. Von daher würde ich den Willen der Verantwortlichen, eben statt auf Terodde auf einen Robert Glatzel und einen Mikkel Kaufmann beispielsweise zu setzen, nicht überbewerten. Ich glaube ehrlich gesagt, dass der HSV diesen Weg mit volleren Kassen nicht gegangen wäre. Ich glaube, dass man hier von den Umständen gezwungen wurde und aus der Not eine Tugend macht. Sollte das klappen – umso besser. Denn wie schon seit Jahren behaupte ich auch heute unverändert, dass der HSV seine Selbständigkeit nur über den Weg der Ausbildung und dementsprechend über den Verkauf von eigens ausgebildeten Spielern überhaupt wieder erreichen kann. Dazu zählt es auch, aus den vorhandenen Spielern das Maximale herauszuholen. Und gerade in diesem Punkt hat sich der HSV das über Jahr(zehnt)e zu leicht gemacht. Denn zuletzt gab es den Begriff „Geduld“ nur verbal – nicht in der Umsetzung. Denn wenn ein junger Spieler nicht funktionierte, wurde er links liegen gelassen und per Neueinkauf schnell aufs Abstellgleis geschoben – oder verliehen. Wobei Letzteres richtig gemacht ein sehr probates Mittel sein könnte.

Zu 1000000 (und mehr!!) Prozent Zustimmung erhaltet Ihr von mir für den Part mit Ricardo Moniz. Seine Fähigkeiten sind die, die dem HSV in den letzten Jahren bei der Ausbildung seiner Talente gefehlt haben. Zwar hat man mit Alt-Internationalen wie Vahid Hashemian, Christian Rahn, Rodolfo Cardoso und Co. berühmte Individualtrainer eingebaut – aber alle zusammen – und sie mögen es mir auch alle zusammen bitte verzeihen – kommen nicht im Ansatz an die Qualitäten eines einzelnen Moniz heran. Aber: Nur, wenn der HSV Moniz auch die Freiheiten gibt, seine Aufträge nach seinem Plan zu erfüllen, wird der Comebacker beim HSV auch seine Wirkung entfalten können. Soll heißen: Gebt. Moniz klare Aufträge! Gebt ihm die Youngster Onana, Ambrosius, Vagnoman, Reis, David, Wintzheimer, Meißner, Suhonen und Co. mit klaren Aufträgen an die Hand – und wir werden extrem viel Spaß dabei haben, die Entwicklung dieser Talente in den nächsten Monaten und Jahren zu beobachten.  Denn den Jungs fehlen teilweise nur Kleinigkeiten. Ein Beispiel: Man stelle sich mal vor, Vagnoman würde mit seiner überragenden Physis plötzlich handlungsschneller Lösungen im Eins-gegen-Eins haben – dann reden wir in einem Jahr nicht mehr über 5 bis 8 Millionen Euro Ablösesumme, sondern über locker zweistellige Millionenbeträge. Oder wenn ein Onana allein schon den ersten Kontakt sicher verarbeiten und daraus sein Aufbauspiel aufzieht – er könnte den HSV  in ein paar Jahren allein finanziell sanieren… Okay, das ist zweifellos übertrieben formuliert – aber ihr wisst, was ich meine. Der HSV muss einfach anerkennen, dass er in der Ausbildung härter und zielgerichteter daraufhin arbeiten muss. Denn die Zeit der einfachen Kühne-Millionen sind erst einmal vorbei – und das ist auch gut so!

4. Ein Trainer mit klarem Konzept

Mit Tim Walter hat der HSV zudem einen Trainer, der eine klare Spielidee hat und gnadenlosen Offensivfußball mit viel Ballbesitz spielen lässt. Exzessive Variation tat dem HSV unter Thioune augenscheinlich nicht gut. Walter spielt zudem gerne mit Doppelspitze. Dies ist ein Spielsystem, das auch Interimstrainer Horst Hrubesch anwandte und die Ergebnisse in dieser Formation konnten sich sehen lassen. Zudem konnte der neue Trainer von Beginn an die Kaderplanung aktiv mitgestalten, sodass kein Spieler ohne sein Einverständnis geholt wurde. Er ist außerdem ein Fußballlehrer, der für Spieler, die aus der Reihe tanzen, auch unangenehm werden kann. Speziell im Fall Jeremy Dudziak, aber auch bezüglich Sonny Kittel kann diese Tatsache enorm wichtig werden. In Bezug auf das Trainerteam ist zudem zu beobachten, dass der HSV in der kommenden Saison auf sieben statt auf sechs Trainer im Stab um Walter setzen wird und dass Merlin Polzin eine Konstante bleibt, die dem HSV in den vergangenen Spielzeiten abgegangen ist.

Vor allem ist Walter keiner, der zu viel Pädagogik einfließen lässt, sondern einer, der klare Vorstellungen auch eindeutig äußert. Was vor einem Jahr die Hoffnung bei Thioune war – nämlich der vergleichsweise intensive Austausch mit den (vor allem bei den jungen!) Spielern, ist jetzt umgekehrt. Er ist eher der Typ „alte Schule“ – also hart, aber berechenbar für die Spieler. Walter zieht sein Ding durch und hält den Leistungsanspruch immer ganz oben. Sätze wie „Ich will nie verlieren, nicht mal im kleinsten Trainingsspiel“) gibt er weiter. Platt formuliert: Walter ist kein Mann für Ausreden. Er will nicht hören, warum etwas mal nicht funktioniert hat. Er will es beim nächsten Mal einfach besser sehen. Walter hält die Hierarchie nicht flach, sondern klar: Er ist oben. Deshalb – da stimme ich Euch auch wieder zu 100 Prozent zu – wird er Spielern, die aus der Reihe tanzen, auch keine Chance geben. Ich behaupte sogar, dass dies bei ihm auch sehr viel weniger vorkommen wird…

5. Veränderte Rahmenbedingungen

Die Saison 2021/2022 wird eine andere, weil der HSV nicht mehr zu den absoluten Favoriten auf den Aufstieg gezählt wird. Die Liga ist durch die neuen Absteiger (Bremen, Schalke) und die neuen Aufsteiger (Dresden, Rostock, Ingolstadt) sowie die Traditionsklubs, welche bereits vergangene Saison in der zweiten Liga um den Aufstieg mitgespielt haben (Kiel, Paderborn, Düsseldorf, Hannover etc.) auf einem ganz neuen Niveau. Das kann dem HSV allerdings in Karten spielen, da man nun nicht mehr die absolute Favoritenrolle in jedem Spiel einnehmen muss. Abschließend hat der HSV auch endlich wieder seine Fans live im Rücken, was gerade in der entscheidenden Saisonphase zu einem großen Faktor werden kann. Dies sind mehr als genug Argumente für eine erfolgreiche Saison 2021/2022. Wir sagen „Gut Kick“ und bis zum nächsten Mal, Philipp und Konstantin.

100 Prozent Zustimmung! Der Umstand, dass man stärkere Konkurrenz hat und eben nicht mehr den alleinigen Anspruch haben darf, auf dem ersten Platz zu stehen, wird dem HSV guttun – wenn er es richtig annimmt. Denn alles das bedeutet lange nicht, dass man nicht mehr den Anspruch an sich selbst haben darf, jedes Spiel und somit auch die Liga gewinnen zu wollen. Es ist allein der Unterschied: Dieses Jahr muss man nichts, aber man kann und will den Aufstieg schaffen – in den letzten drei Jahren musste man es schaffen. Wobei, wenn wir das Thema schon anreißen, dann noch schnell ein Zitat eines neuen vom HSV. Denn heute stand Miro Muheim Rede und Antwort und hat sich zum Thema Aufstieg wie folgt geäußert: „Ich denke, ich kann hier den nächsten Schritt machen. Und natürlich möchte ich helfen, den nächsten Schritt mit dem HSV zu erreichen, der Aufstieg ist natürlich das Ziel. Dabei denke ich, kann ich der Mannschaft helfen.“

In diesem Sinne, noch mal vielen lieben Dank an meine beiden Gastautoren Philipp und Konstantin! Das war großer Sport von Euch beiden! Morgen gibt es dann voraussichtlich einen frühen Blog mit dem ausführlichen Gespräch mit Neuzugang Miro Muheim. Für heute soll es das gewesen sein. Ansonsten gibt’s Ärger von der heimischen Regierung…

Bis morgen!

Scholle

P.S.: Im Nachgang noch eine wichtige, wenig erfreuliche Nachricht, wie sie der HSV gerade herausgegeben hat:

Tom Mickel wird dem HSV in den kommenden Wochen nicht zur Verfügung stehen. Der Rothosen-Keeper verletzte sich im Testspiel gegen den FC Augsburg (7. Juli, 2:2) bei einem Zusammenprall an der Schulter. In der Szene selbst bestätigte Mickel seine zuvor guten Trainingsleistungen mit einem starken Stellungsspiel. Nach einer längeren Behandlung biss der Keeper zudem auf die Zähne und spielte noch bis zur Halbzeit durch. Eingehende Untersuchungen ergaben nun, dass sich der 32-Jährige eine Schultereckgelenks-Verletzung zugezogen hat. Eine Operation ist nicht notwendig, stattdessen wird eine konservative Behandlung erfolgen.

Nicht nur der HSV sondern auch wir alle von MoinVolkspark sagen:

Gute Besserung, Tom!

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