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Der HSV hat noch 17 Tage, seine Mängel zu korrigieren

Tim Walter blieb versagt, was auch seinen beiden Vorgängern als Trainer des HSV nicht gelang. Wie Dieter Hecking und Daniel Thioune schaffte auch er es nicht, ein Stadtduell…

Der HSV hat noch 17 Tage, seine Mängel zu korrigieren

Tim Walter blieb versagt, was auch seinen beiden Vorgängern als Trainer des HSV nicht gelang. Wie Dieter Hecking und Daniel Thioune schaffte auch er es nicht, ein Stadtduell gegen den FC St. Pauli zu gewinnen und die alte Fußball-Hierarchie an Elbe und Alster wiederherzustellen. Die nächste Chance bietet sich erst in der Rückrunde Ende Januar wieder. Und bis dahin har der HSV noch extrem viel Arbeit vor sich. Insbesondere auch, weil man heute mit Jeremy Dudziak einen der wenigen zentral-offensiven Spieler abgab, die in der Lage wären, ein Offensivspiel ausreichend gefährlich zu machen. Dudziak, der sich mit Trainer Tim Walter ebenso wenig arrangieren konnte, wie er sich vorher an die Regeln der Trainer und der Mannschaft halten wollte, wechselt zu Erstligaaufsteiger Greuther Fürth.

Der Linksfuß, der einen geschätzten Marktwert von zwei Millionen Euro (Quelle: Transfermarkt.de) hat, bringt dem 800.000 Euro ein, wie meine Kollegen von der BILD berichten. Damit käme der HSV zusammen mit den Verkäufen von Amadou Onana (für 7 Millionen Euro) zum OSC Lille und Rick van Drongelen (500.000 zu Union Berlin) auf rund 8,3 Millionen Euro Transfereinnahmen. Ohne die eingesparten Gehälter gegen die der neuen zu rechnen, bleiben bei 2,3 Millionen Euro Transferausgaben rund sechs Millionen Euro Überschuss – die der HSV bei allem Sparzwang auch dafür nutzen muss, seine Mannschaft zu verstärken. Denn so wird es nicht reichen.

„Wir müssen jetzt tiefer in die Analyse gehen, denn es war vor allem in der Schlussphase auch nicht alles schlecht“, sagte Walter und trotzdem ein: „Am Ende ist es ein verdienter Sieg für den FC St. Pauli, weil wir die Derby-Time nicht so angenommen haben, wie wir es uns vorgenommen hatten. Für unsere Fans tut es mir sehr leid“, sagte der 45-Jährige nach dem 2:3 -  und bis dahin war das auch völlig okay für mich. Denn Walter selbst wirkte vorher, währenddessen und auch nach dem Derby noch so heiß, wie man es zu so einem Spiel nur sein kann.

Aber dann kam, was gestern auch durch Foren lief wohl fast immer der ers5te Reflex ist, wenn man mal nicht so spielt, wie man wollte. Plötzlich wurde nicht mehr über das Spiel in seinem Verlauf gesprochen. Es wurde nicht mehr analysiert, warum der HSV nicht so ins Spiel gekommen war, wie man es vorher tagelang angekündigt hatte. Leider legte auch Walter diese Platte auf: „Wenn fast das ganze Stadion gegen dich ist, dann elektrisiert das doch normalerweise. Mich jedenfalls treibt so eine Atmosphäre zu Höchstleistungen an. Eigentlich haben wir ein paar Typen in der Mannschaft, die so eine Atmosphäre auch zu Höchstleistungen treibt, da hatte ich mehr erwartet. Insgesamt haben wir unsere Farben nicht so vertreten, wie wir es hätten tun sollen. Wir haben nicht genügend Bereitschaft und Intensität an den Tag gelegt, wir haben die Bereitschaft zu häufig vermissen lassen. Das sind die Gründe.“ Aber das allein sind eben NICHT die Gründe.

Diese von Walter völlig zurecht immer wieder angemahnten Grundtugenden kann die Mannschaft sicher noch intensiver auf den Platz bringen. Ganz klar. Aber die Mannschaft hat gestern nicht vorrangig den Willen vermissen lassen – sondern die Umsetzung des selbigen. Ich behaupte, dass alle sehr wohl wollten und bereit waren. Aber der FC St. Pauli war cleverer. Nach Anfangspressing hatte man den HSV schnell verunsichert und nutzte diese Drangphase für das 1:0 und weitere gute Gelegenheiten. Und selbst, als der HSV aufkam und besser wurde, verlor der FC St. Pauli seine Ordnung nicht, sondern stellte immer mehr auf schnelle Gegenstöße um, da sich durch den Offensivdrang aller HSVer in der Defensive Räume für sie ergaben, die sie nur noch nutzen mussten.

Dass der routinierte Makienok beim ersten Gegentreffer den jungen HSV-Verteidiger Jonas David einmal düpierte – damit muss man rechnen, wenn man auf so junge, talentierte Spieler wie David setzt. Aber dass bei beiden Treffern der Gastgeber in der zweiten Hälfte der später K.O.-geschossene Rechtsverteidiger Jan Gyamerah (Gute Besserung, Jan!) weit vor dem Ball rumturnte – das sollte auch Walter zu denken geben. Denn die von ihm angekündigte, dringend benötigte Balance aus mutiger Offensive und stabiler Defensive ist bislang noch in keinem Spiel dieser Saison über 90 Minuten zu sehen gewesen. Im Gegenteil. Denn bislang passen System und Mannschaft nur phasenweise zusammen. Und das reicht einfach nicht.

Im Gegensatz zu einigen anderen werde ich an dieser Stelle aber keine Diskussion über Walters Eignung anstellen, sondern stelle die Frage in den Raum, ob der HSV-Kader in der aktuellen Konstellation überhaupt in der Lage ist, das oft zitierte „System Walter“ zu spielen. „Tims Fußballspiel sieht vielleicht wild aus, aber er ist nicht beliebig. Dahinter steckt ja eine Systematik. Ich weiß nicht, ob es im Fußball noch einen Trainer gibt, der das so konsequent spielen lässt wie Tim“, hatte Dynamo Dresdens Ex-HSV-Sportchef Ralf Becker vor dem Spiel beim HSV den Abendblatt-Kollegen gesagt und ausgeführt: „Tim Walter ist unberechenbar. Er ist ein sehr guter Trainer mit einer klaren Idee.“

Und obwohl ich extrem viel von Becker halte – wobei: nein, gerade weil ich sehr viel von Becker halte -, muss auch die sportliche Leitung des HSV vorher genau gewusst haben, wen sie holen und was für dessen Spiel notwendig ist. Sie Allein im Kader hat man diese Spieler – sie müssen mehr laufen können und offensiv effektiver sein als die Konkurrenz - noch lange nicht. Mit Dudziak geht sogar gerade noch einer mit diesen Attributen.

Auch deshalb habe ich gestern in meinem Blitzfazit der sportlichen Leitung noch mal knappe drei sehr intensive Wochen ans Herz gelegt. Dieser Mannschaft fehlen noch ein richtig schneller Defensivspieler, ein oder mehrere zentrale Mittelfeldspieler, die sowohl physisch als auch psychisch und technisch in der Lage sind, knappe Spiele zu lenken und der Mannschaft eine Richtung zu geben. Und wenn man es ganz hart analysiert, dann fehlt eben auch der eiskalte Vollstrecker der Kategorie Terodde. Denn der HSV muss mit diesem arg kraftraubenden, außergewöhnlich riskant-offensiven Spiel eben immer ein Tor mehr schießen, als er es hinten kassiert. Ergo: Ein Stürmer, der wie Terodde aus zwei Chancen eben drei Tore macht wäre gerade heute wichtiger denn je.

Und ja, ich ahne schon, wie die sportliche Leitung argumentiert. Denn die ist davon überzeugt, dass sich der HSV im Walter’schen Spielsystem mehr Chancen herausarbeiten wird als zuletzt und dadurch auch mit einem Stürmer hinreichend erfolgreich wäre, der eine etwas geringere Erfolgsquote als Terodde hat. Glatzel zum Beispiel, der in drei Spielen zwei Tore erzielte und zudem noch läuferisch so aktiv war wie Terodde vorher in 10 Spielen zusammen nicht…

Apropos Quote: Die ist mir bei den beiden Achtern des HSV, bei Ludovit Reis und David Kinsombi noch zu schwach. Drei Spiele lang durften die beiden ran – und nur phasenweise konnten sie zeigen, warum sie in der Startelf stehen. Im Stadtderby beispielsweise traute sich Reis offensiv wieder nichts, während Kinsombi komplett wirkungslos blieb bis zu seinem Pass auf Jatta vor dem 1:1. Aber dass der HSV eben hier den größten Bedarf hat, habe ich ja weiter oben schon deutlich gesagt.

Fazit: So sehr es auch für Walter spricht, dass er wider besseres Wissen immer wieder betont, dass er zufrieden mit seinem aktuellen Kader ist - der HSV muss seinen Kader den Voraussetzungen anpassen. Denn bislang passiert nichts, was man vorher nicht hätte ahnen müssen. Auch deshalb sehe ich die sportlich Verantwortlichen um Sportdirektor Michael Mutzel und Sportvorstand Jonas Boldt mit ihren Mitarbeitern vorrangig in der Pflicht. Sie haben Walter geholt – und sie müssen dafür dann auch die personellen Voraussetzungen im Kader herzustellen. Denn bisher bewegt man sich eher Richtung Mittelfeld der Zweiten Liga denn gen Spitzengruppe. Bislang sieht das alles aus wie gewollt - aber nicht gekonnt.

Womit ich eine passende Überleitung zu Günther Perl gefunden habe, der mal wieder als Videoschiedsrichter versagt hat. Ja, versagt! So deutlich muss man es benennen, wenn ein gelernter Schiedsrichter so eindeutige Bilder wie die Wiederholungen gestern beim eindeutigen Foul an Bakery Jatta nicht erkennt. Jeder, der schon mal Fußball gespielt hat, kann solche Stürze wie gestern bei Jatta richtig deuten. Denn dafür gibt es drei Möglichkeiten: Jatta stolpert, Jatta macht eine Schwalbe – oder Jatta wird so getroffen, dass er sich selbst in die hacken tritt und fällt.

Und genau unter diesen Vorgaben hätte ich mir die Szene als Videoschiedsrichter noch mal angeschaut. Denn dann hätte auch Perl gesehen, was die ganze Welt inzwischen sehen konnte: Dass es ein unabsichtliches aber eben auch glasklares Foulspiel war. Ergo: Der HSV hätte beim Stand von 1:1 in der kurzen Phase, in der er besser war als der FC St. Pauli, den Elfmeter kriegen müssen und damit die große Chance auf die 2:1-Führung gehabt. Was so eine Führung mit dem Spiel gemacht hätte – keine Ahnung. Aber die Perl-Entscheidung war katastrophal schlecht und disqualifiziert ihn als VAR.

Auch wenn das die vielen anderen Probleme des HSV im Moment nicht verdecken darf – das musste ich unbedingt noch mal loswerden. Denn Spielern auf dem Platz verzeihe ich Fehler. Schiedsrichtern ebenso, weil sie eben keine 300 Kameraeinstellungen haben, um Szenen zu überprüfen. Ich sage auch, dass das Foul an Jatta auf dem Platz für Schiedsrichter Harm Osmers nicht zu erkennen war. Dafür aber für jeden TV-Zuschauer – bis auf Perl offenbar.

In diesem Sinne, ich werde morgen an dieser Stelle aussetzen und melde mich dafür am Montag früh wieder mit dem MorningCall bei Euch. Bis dahin: Genießt das restliche Wochenende, ärgert Euch nicht über den HSV und Videoschiedsrichter – und vor allem: Bleibt gesund!

Scholle

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