Analyse

Der HSV findet seine Balance

Der HSV hat Blut geleckt. Genau so, wie ich es mir seit zwei Jahren erhofft habe, haben kleine Nachjustierungen dafür gesorgt, dass der HSV plötzlich allseits als „stabiler“,…

Der HSV findet seine Balance

Der HSV hat Blut geleckt. Genau so, wie ich es mir seit zwei Jahren erhofft habe, haben kleine Nachjustierungen dafür gesorgt, dass der HSV plötzlich allseits als „stabiler“, „reifer“ – und sogar „erwachsener“ bezeichnet werden. Vor allem aber mannschaftsintern sorgt die neue defensive Stabilität für neue s Selbstvertrauen – und Erleichterung. Denn wer sich in den letzten Wochen mal ganz genau angehört hat, was die HSV-Führungsspieler so gesagt haben, der wird erkannt haben, dass auch die Mannschaft trotz aller Loyalität zu Trainer Tim Walter und seinem System, diese defensive Nachjustierung lange erwartet hat.

„Dass wir jetzt dreimal hintereinander zu null waren, da sind wir hinten sehr froh darüber. Und ein bisschen stolz darauf, weil es lange her ist, dass wir dreimal hintereinander zu null gespielt haben“, sagte Mittelfeldspieler Jonas Meffert nach dem 2:0 gegen Hansa Rostock. „Ich bin vor allem stolz auf die Mannschaft, dass wir wieder zu null gespielt haben“, fügte Torschütze Laszlo Benes hinzu. Selbst Walters loyalster Verfechter, Kapitän Sebastian Schonlau, wurde deutlich und sprach nach seinem ersten Saisoneinsatz „hinten raus“ von einem „seriösen“ Spiel. Anders als in der Vergangenheit, wo die Mannschaft nervös geworden sei, wenn es mal länger keine Torchance gegeben habe, sei man diesmal ruhig und stabil geblieben. Nervosität? „Das Gefühl hatte ich heute und auch in den vergangenen Spielen überhaupt nicht. Das war einfach sehr kontrolliert“, fügte der 29-Jährige hinzu. „Deswegen sind wir von den Ergebnissen und Leistungen her auf einem guten Weg.“

Erstmals seit 2018 drei Spiele in Folge zu null

Und ehrlich gesagt ist es auch schon echt lange her, dass der HSV zuletzt dreimal in Folge die Null hinten halten konnte- Also schon lange vor Walters Zeit. Zuletzt blieb man im in der allerersten Zweitligasaison im Herbst 2018 dreimal in der Liga ohne Gegentor. Bis jetzt. Zumal der erwachsene und souveräne Auftritt von Walters Mannen den Eindruck erweckt, dass die Mannschaft im Vergleich zur Vorsaison einen entscheidenden Entwicklungsschritt gemacht haben könnte. Und ja, ich schreibe das bewusst im Konjunktiv, weil man bei Tim Walter nie sicher sein kann. Und obwohl ich ehrlich gesagt glaube, dass die neue defensive Sicherheit bzw. Walters taktische Umstellung eher der Personallage zu Saisonbeginn geschuldet war, will ich diese Leistung nicht schmälern. Soll heißen: Auch wenn Walter ein wenig geleitet wurde zur aktuellen Ausrichtung, es ist im Ergebnis gut. Auch, weil Walter erkennt, dass es besser funktioniert.

In der aktuellen Konstellation kommen auch die Innenverteidiger wieder besser zur Geltung, weil sie nicht dauerhaft im Mann-gegen-Mann spielen müssen, während der Rest der Mannschaft offensiv aufgerückt ist. Der HSV steht inzwischen tiefer und hat erkannt, dass die Offensive auch so noch ausreicht, um in jedem Spiel mehrere gute Torgelegenheiten herauszuspielen und vor allem auch zu treffen. Meine Bedenken zu Saisonbeginn die Innenverteidigung betreffend kommen auch deshalb weniger zum Tragen, weil die Abwehrspieler die Räume enger machen können und man nicht mehr ständig den Kontern schnellerer Gegenspieler ausgesetzt ist.

Zuletzt hatte mir Guilherme Ramos in Hannover bis zu seinem Platzverweis hervorragend gefallen. Jetzt kam Schonlau zurück und fügte sich so stark ein, dass ich zum nächsten Spiel nichts verändern würde. Zumal neben Schonlau auch Neuzugang Dennis Hadzikadunic eine starke Leistung. Der Bosnier, der sich – für meine Begriffe zu 100 Prozent der richtige Weg – über zunächst ganz einfach Verteidigung mit der Option, den Ball auch einfach mal ins Aus oder weit nach vorn zu schießen beim HSV immer wohler zu fühlen scheint.

Und wie ich mich schon nach Hannover festgelegt hatte: Hadzikadunic kann was! Ich glaube sogar, dass er noch deutlich stärker wird. Gleiches gilt übrigens für Ignace van der Brempt, der für mich gegen Rostock sein bislang bestes Spiel machte – obgleich er gegen Schalke sehr stark war. Der Belgier war diesmal in bester Abstimmung mit Bakery Jatta auch offensiv immer wieder beteiligt – und das, ohne die Defensive zu sehr zu öffnen. Stichwort: Balance! Sie herrschte beim HSV im ganzen Team vor. Bleibt nur zu hoffen, dass Schonlau, Meffert und Co. das jetzt zu konservieren wissen.

Denn eines ist auch klar: Selbst, wenn der HSV sich richtig tief stellen sollte – diese Offensive mit den schnellen Außenstürmern (die gegen Rostock noch nicht mal übermäßig stark waren) und diesem zentralen Mittelfeld bestehend aus Toptorjäger Laszlo Benes und dem wieder erstarkten Ludovit Reis ist IMMER in der Lage, zu treffen. Auch darauf kann man sich verlassen. Und für alle, die sich über meine Aussage, der HSV hätte noch mehr aufs dritte Tor gehen sollen, gewundert haben – der Trainer sah es ähnlich: „Das ist das Einzige, was ich meinen Jungs vorwerfe, dass wir nicht das dritte gemacht haben.“

Das ist Jammern auf hohem (Zweitliga-)Niveau.

In diesem Sinne, Euch allen eine gute Nacht!

Scholle 

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