Analyse

Der HSV fährt gut vorbereitet zum Topspiel nach Magdeburg

Okay, der Ausfall von Davie Selke wiegt schwer. Das muss man anhand seiner bisherigen Performance ehrlich zugeben. Dennoch tritt der HSV die Reise nach Magdeburg betont…

Der HSV fährt gut vorbereitet zum Topspiel nach Magdeburg

Okay, der Ausfall von Davie Selke wiegt schwer. Das muss man anhand seiner bisherigen Performance ehrlich zugeben. Dennoch tritt der HSV die Reise nach Magdeburg betont optimistisch an. Es gibt einfach viele positive Entwicklungen beim HSV, die mich tatsächlich mehr hoffen lassen als in der gesamten Zeit unter Walter und Baumgart zusammen. Nehmen wir als Beispiel den Vertragspoker mit eben jenem Selke sowie dem anderen Top-Mann in der Offensive, Jean-Luc Dompé. In den vergangenen Jahren wurden solche Gespräche oft mit Geld besiegelt – diesmal soll ein deutlich leistungsbezogenerer Ansatz gewählt werden. Und trotzdem stehen die Zeichen auf einen Verbleib der beiden gut, wie Sportdirektor Claus Costa andeutete.

Zu Dompé sagte er: „Wir arbeiten mit Hochdruck daran. Unser persönliches Gespräch mit seinem Management hier vor Ort würde ich als sehr angenehm und zielführend einstufen. Ich bin da optimistisch, ohne mehr sagen zu können. Er fühlt sich hier wohl, wir uns wohl mit ihm. Unter dem neuen Trainerteam blüht er auf und hat natürlich sportlich den höchstmöglichen Anspruch – und den haben wir auch.“ Konkret auf Selke kam Costa zwar nicht zu sprechen, er sagte aber: „In beiden Fällen gibt es noch offene Punkte zu klären. Da sind wir gerade dran. Beide hätten Bock, ihre Zeit hier fortzusetzen.“

Fakt ist, dass solche Gespräche in den vergangenen Jahren nicht selten zu Leistungshemmnissen geführt haben. Diesmal scheint das anders zu sein. Selke will sogar trotz seiner Sperre privat nach Magdeburg reisen, um seine Mannschaft vor Ort zu unterstützen – sofern ihn seine Bindehautentzündung nicht daran hindert. Das ist für mich zwar nicht annähernd so besonders, wie es jetzt hier klingt – aber auf Profiebene kommt so etwas eher selten vor. Und bei Selke – ich wiederhole mich da – hätte ich diesen übersprudelnden Teamgeist tatsächlich nicht erwartet. Doch er überrascht mich immer wieder aufs Neue – und immer positiv!

Überhaupt nicht überrascht bin ich davon, dass der HSV unter dem Trainerteam von Merlin Polzin erfolgreicher agiert als unter dessen Vorgängern. Die Mischung aus jahrelanger Erfahrung als Co-Trainer und dem Umstand, sich selbst noch beweisen zu müssen, führt hier zu einer völlig neuen Akribie in der Spielvorbereitung. Zum ersten Mal seit Langem darf man bei Standards hoffen, dass der HSV wieder Tore erzielt – zuletzt vergangenes Wochenende gegen Düsseldorf. Zudem habe ich erstmals das Gefühl, dass an der Seitenlinie Trainer stehen, die klare Ideen haben, wie sie auf unterschiedliche Spielverläufe unterschiedlich – aber eben richtig – reagieren können.

Klar, die eine oder andere Personalentscheidung geht auch mal schief – aber die Trainer sind sich nicht zu fein, ihre Fehler einzugestehen und vor allem umgehend zu korrigieren. Und dann gibt es endlich Einwechslungen, die tatsächlich positive Effekte auf den Spielverlauf haben – darauf musste man hier wirklich sehr lange warten. Kurzum: Der Umstand, dass hier das jüngste Trainerteam der HSV-Geschichte am Start ist, wird als Vorteil genutzt. Es agiert uneitel und konsequent leistungsorientiert. Und die Mannschaft erkennt das an. Sie steht hinter dem jungen Trainerteam. Nicht, weil dieses ihnen eine Wohlfühlzone offenhält, sondern weil Polzin, Favé und Co. die Mannschaft inhaltlich überzeugen. Sie bieten keine Durchhalteparolen, sondern Lösungen. Und nichts bindet Team und Trainer enger aneinander als eine gemeinsame Überzeugung – vor allem, wenn sie auch noch zum Erfolg führt.

Aber gut, ich will hier nicht unken. Das gab es immer wieder, und so soll es nicht sein. Zumal ich großen Respekt davor habe, was Christian Titz mit seinem Team auf den Platz bringt. Es ist kein Geheimnis, dass ich seine Entlassung damals als großen Fehler empfunden habe. Doch ich kann auch dem Argument von Stefan Schnoor im heutigen Talk folgen. Schnoor sieht die Titz-Entlassung eher als Glücksfall für den heutigen Magdeburg-Coach, weil dieser so neue Erfahrungen in einem anderen Umfeld sammeln und sich entscheidend weiterentwickeln konnte.

Ich glaube jedoch – und Polzin, Favé und Co. sind dafür aktuell ein gutes Beispiel –, dass diese Entwicklung mit den richtigen Führungskräften auch für Titz in Hamburg möglich gewesen wäre. Ich gehe sogar noch weiter und behaupte (natürlich hypothetisch), dass der HSV mit Titz schon vor ein paar Jahren aufgestiegen wäre.

Titz musste heute übrigens eine zweite bittere Personalnachricht verkraften: Sein gesetzter Kreativspieler Mohammed El Hankouri (elf Scorerpunkte bislang) fällt aufgrund einer Leistenverletzung mehrere Wochen aus und steht dem Klub im Aufstiegskampf nicht zur Verfügung. Zuvor war mit Daniel Heber bereits eine Stammkraft in der Abwehr weggebrochen.

Apropos, kleiner Tipp: Wer morgen Lust hat, kann sich Marcus Mathisen beim FCM genauer anschauen. Ein Spieler, den auch der HSV hätte holen können und der in Magdeburg in Windeseile zum Leistungsträger in der Innenverteidigung aufgestiegen ist. Hoffen wir mal, dass er morgen vor allem durch verlorene Zweikämpfe auffällt …

Egal wie: Der HSV ist bei allem Optimismus gewarnt. Der 1. FC Magdeburg wird Rückkehrer und HSV-Abwehrchef Daniel Elfadli alles abverlangen. Der FCM ist spielstark und verfügt über eine außergewöhnlich hohe individuelle Qualität in der Offensive. Aber auch hier bin ich überzeugt, dass Elfadli gewappnet ist. Selbst FCM-Sportgeschäftsführer Otmar Schork lobte ihn für seine neue Rolle: „Daniel hat sich aus der Regionalliga kommend bei uns sehr gut entwickelt. Ich traue ihm auch den Sprung in die 1. Bundesliga zu. Er ist sehr variabel, hat eine gute Einstellung und wirkt als echter Stabilisator im Team. Daniel spielt konstant auf hohem Niveau – ob nun als Sechser oder aktuell als Innenverteidiger beim HSV.“

An dieser Stelle möchte ich aber auch noch einmal betonen, wie entscheidend für das aktuelle HSV-Hoch die Formsteigerung von Dennis Hadzikadunic ist. Seit dem Trainerwechsel spielt er sehr konstant – neben Elfadli sogar noch besser als zuvor neben Sebastian Schonlau.

Ich freue mich auf jeden Fall auf das Top-Spiel in Magdeburg – trotz des bitteren Selke-Ausfalls. Denn ich erkenne beim HSV eine Grundstimmung, die leistungsorientiert und positiv ist. Dass der Kapitän von der Bank aus alles gibt und nicht rummosert – das war in den letzten Jahren nicht immer so. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass es immer wieder Spieler gab, die in vergleichbaren Situationen versucht haben, sich hintenrum ins Team zu „sabbelen“ – selbst, wenn sie dafür andere schlechtreden mussten.

Und dann noch eine Nachricht aus der Vereinspolitik: Club-Vize Michael Papenfuß wird nicht für die Nachfolge von HSV-Präsident Marcell Jansen antreten, möchte aber stattdessen sein Amt als Vizepräsident weiterführen. „Ich wollte eigentlich ein wenig kürzertreten, vor allem aber nie ins Scheinwerferlicht. Deswegen habe ich mich in Abstimmung mit meiner Frau auch dagegen entschieden, als Präsident zu kandidieren“, sagte der 70-Jährige meinen Kollegen vom Hamburger Abendblatt. Sein Ziel sei immer gewesen, zu gestalten – nicht zu repräsentieren. Und das sei aus der Position des Vizepräsidenten besser möglich.

Nach dem angekündigten Rückzug von Jansen bemühen sich bislang nur Ehrenratsvorsitzender Kai Esselsgroth und Unternehmer Frank Ockens um das Präsidentenamt. Ockens tritt gemeinsam mit Aufsichtsrat Ralph Hartmann und Beachvolleyball-Olympiasiegerin Laura Ludwig an – wobei die Satzung Einzelwahlen vorsieht. Fakt ist, dass es Einzelwahlen geben wird. Doch hierbei scheinen keine größeren Probleme zu erwarten zu sein. Alle schätzen sich, haben zwar Präferenzen, können sich aber auch eine Zusammenarbeit mit den Kandidaten des anderen Lagers vorstellen. Die Mitglieder können sich also – Stand jetzt – ihr Präsidium nach eigenem Gusto zusammenwählen.

Auf der Mitgliederversammlung am 21. Juni wird der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Ex-Nationalspieler Jansen gewählt. Bis zum 2. Mai können weitere Bewerbungen eingereicht werden. Irgendwie passend, dass es hier aktuell unter den Konkurrenten sehr harmonisch und in der Sache förderlich zugeht...

In diesem Sinne, ich melde mich morgen Abend nach dem Spiel wieder mit dem Blitzfazit und einem Blog samt Einzelkritiken bei Euch.

Scholle

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