Der HSV dreht sich im Kreis - also lernt draus!
bei Holstein Kiel lässt zwar noch rechnerische Möglichkeiten, glauben mag aber auch Trainer Tim Walter nicht mehr an die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga. „Wenn wir die…

Im Volkspark kann die Führungsspitze die Planungen für die fünfte Zweitliga-Saison aufnehmen. Die bittere 0:1-Niederlage bei Holstein Kiel lässt zwar noch rechnerische Möglichkeiten, glauben mag aber auch Trainer Tim Walter nicht mehr an die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga. „Wenn wir die Spiele nicht gewinnen, brauchen wir nicht vom Aufstieg zu reden“, sagte der Coach. Bei nur noch fünf anstehenden Spielen und sieben Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz ist der vierte gescheiterte HSV-Anlauf auf das Oberhaus seit dem Abstieg im Jahr 2018 kaum noch zu vermeiden. Auch Torjäger Robert Glatzel schiebt den Gedanken weit von sich, „so wie wir die Punkte leichtfertig verschenken“, wie er betonte. Der Fokus ist jetzt neu justiert. Glatzel: „Mit dem Pokalspiel haben wir noch ein Highlight. Das wollen wir natürlich nutzen, um das Bestmögliche rauszuholen aus der Saison.“
So bitter das klingt: Der HSV ist in dieser Saison erneut an sich selbst gescheitert. Der HSV ist das Zweitliga-Team mit dem meisten Ballbesitz. Das sieht meist gut aus, ist aber keine Garantie für Effektivität. In Kiel hatten die Hamburger zu 70 Prozent den Ball. Ein einziger Konter langte, um die beim Gegentor von Kwasi Wriedt (13. Minute) wie eine Schülermannschaft verteidigende HSV-Defensive zu überrumpeln. Der HSV hat die wenigsten Gegentore (30) in der 2. Liga kassiert und musste gemeinsam mit Werder Bremen die wenigsten Niederlagen (6) hinnehmen. Gemessen an Siegen (11) ist der HSV allerdings nur siebtbester Zweitligist, gemessen an den Unentschieden ist er mit dem KSC (je 12) zweifelhafte Ligaspitze. Die Bilanz nach 29 Spieltagen ist spärlicher als in den vorangegangenen drei Zweitliga-Jahren, als nacheinander die Trainer Christian Titz und Hannes Wolf (2018/19), Dieter Hecking (2019/20) und Daniel Thioune (2020/21) gehen mussten. 45 Zähler stehen bislang in dieser Saison zu Buche. Die Zahlen in den drei Spieljahren zuvor zum gleichen Zeitpunkt: 50, 49, 52.
Zahlen lassen sich in alle Richtungen deuten
Zahlen, die man deuten kann. Allerdings in beide Richtungen. „Das gehört zur Entwicklung dazu, daran arbeiten wir weiter“, sagt naturgmäß Walter, an dem der HSV festhalten will. Und an dem der HSV auch festhalten sollte, wenn er in den letzten Wochen dieser Saison unter Beweis stellt, dass alle sich entwickeln. Auch er. Denn bei allem Wunsch nach Kontinuität muss der Faktor „positive Entwicklung“ immer erkennbar sein. Und das ist er seit einigen Wochen nicht mehr.
Ich will und werde die Diskussion hier nicht einfach auf „Siegen = Feiern“ und „Verlieren = Entlassung“ kaprizieren, da das dem HSV nicht helfen würde. Dass mir einige hier unterstellen wollten, ich hätte meine Meinung vom Spieltag zum Montag hin verändert – das ist falsch. Der HSV hat in Kiel nicht funktioniert und viele altbekannte Fehler haben dem HSV eine deutlich bessere Tabellenposition gekostet. Auch das System Walter. Und das nervt mich schon seit Saisonbeginn. Das hohe Angreifen ohne Absicherung allein hat den HSV die Spiele Paderborn und Kiel gekostet. Und wo der HSV mit sechs Punkten mehr stehen würde, kann jeder ablesen. Aber was genau bringt es, alles wieder über den Haufen zu werfen? Genau: Nichts.
Dass die aktuelle HSV-Führung auch nach der vierten Niederlage bei nur einem Sieg in den jüngsten sieben Spielen an Walter festhalten will, zeigt, dass man diese Fehler und den Nichtaufstieg als Kollateralschaden für etwas in Kauf nimmt, das aus ihrer Sicht größer ist. „Kontinuität spielt natürlich eine wichtige Rolle. Tim Walter macht die Sache sehr, sehr gut. Das sieht man in vielen Spielen. Da werden wir auch Geduld haben“, sagte Sportvorstand Jonas Boldt in Kiel. Anders als in den Vorjahren gilt für die HSV-Chefs: Kontinuität statt unproduktive Trainerrotation, langfristige Entwicklung statt kurzfristige, aber nicht dauerhafte Erfolge. Ein weiterer Wechsel auf der Trainerposition wäre tatsächlich kaum hilfreich, weil so ziemlich alle Typen und Strategien bereits ausprobiert worden sind.
Und genau darin liegt dann auch mein größtes Problem mit dem neuen Weg. Auf mich wirkt das alles wie Feldversuche. Als würde man nacheinander bekannte Strategien abklappern und jedes Mal hoffen, diesmal richtig zu liegen. Letztlich hat dieser HSV in seiner gesamten Zweitligazeit genau eines geschafft: Da wieder anzukommen, wo man direkt nach dem Abstieg schon war. Man hat sich vier Jahre lang im Kreis gedreht, um zu merken, dass man sich neu erfinden muss, um mit diesem HSV doch noch mal Erfolge zu feiern.
Nachdem man den vergleichsweise neuartig spielenden und von seinem System überzeguten Christian Titz und dessen Wunsch, auf junge, hungrige Spieler zu setzen, ablehnte und ihn entließ, versuchte man es im ersten Zweitligajahr mit Hauruck. Man versuchte, mit Erstligaspielern, einem aufstiegserprobten Trainer (Hannes Wolf) und viel Geld den Wiederaufstieg zu erzwingen. Klappte aber nicht, weil der junge Trainer in der Rückrunde die „Stars“ in seinem Team nicht mehr erreichte. Reaktion: Mit Dieter Hecking kam der erfahrene Trainertyp, der viel Autorität ausstrahlt. Aber auch er verlor die Mannschaft in der Rückrunde zunehmend. Also: Neuaufbau, Umdenken – und beim HSV bedeutete dies, dass man auf einen jungen Trainer setzte, der ein neues Team aufbauen sollte aus erfahrenen Spielern (so genannte „Säulenspieler“) und jungen, lernwilligen Akteuren. Klappte auch nicht.
Also: Wieder alles auf Null, zumal die Kohle für teure Säulenspieler eh fehlte – und hin zu einem Trainer, der sein Ding macht und der den Job beim HSV auch als Chance versteht. Oder anders formuliert: Man hat jetzt „Titz Nummer zwei“ geholt, also einen Trainer, der stur an seinem Weg festhält. Und das war bislang tabellarisch nicht erfolgreich, aber Walter hat zumindest viele alt eingefahrene Strukturen aufgebrochen und damit den Boden endlich wieder fruchtbar für neue Entwicklung gemacht. Und jetzt geht’s für ihn und Boldt darum, zu beweisen, dass er dieser Entwickler ist.
Fünf Ligaspiele und ein Pokalspiel hat er dafür mindestens Zeit. Vielleicht auch noch mehr wenn hier oder da ein kleines Wunder geschafft wird. Aber Fakt ist: Beim HSV steht alles auf dem Prüfstand. Und alle. Wo ich bei den Spielern ansetzen würde, beschreibe ich morgen noch etwas genauer. Bei den Führungspersonen muss aber deutlich werden, dass der für die neue Saison eingeschlagene Weg die Summe aller Lehren ist, die der HSV in seinen erfolglosen vier Jahren Zweite Liga gesammelt hat. Alles andere wäre zu wenig - und dementsprechend dann auch nicht fortsetzungswürdig.
Ich hoffe, dass die Verantwortlichen ihre Fehler erkannt haben und jetzt diesen Plan haben. Denn dieser wäre tausendmal besser und schneller zu adaptieren, als wenn man jetzt alles wieder neu besetzt und neue Leute neue Dinge machen lässt. Womit nicht neue Jungs aus dem Nachwuchs gemeint sind. Heute beispielsweise fehlten Maxi Rohr und Elijah Krahn wegen Faserrissen (beide fallen gegen den KSC und Fre9burg aus), während Sonny Kittel aus belastungssteuerlichen Gründen nur individuell trainierte. Dafür war Valon Zumberi aus der eigenen U21 mit an Bord. Der Innenverteidiger darf sich in den nächsten Tagen bei den Profis versuchen. Auch morgen und Freitag, wo jemals einmal trainiert wird, soll Zumberi dabei sein.
In diesem Sinne, bis morgen.
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