Analyse

Der HSV darf sich nicht zu schade sein für die einfachen Dinge

Steffen Baumgart weiß nach eigener Aussage, wo er ansetzen muss. Und dementsprechend will der HSV mit einem offensiveren Robert Glatzel und dem Rückkehrer Laszlo Benes am…

Der HSV darf sich nicht zu schade sein für die einfachen Dinge

Steffen Baumgart weiß nach eigener Aussage, wo er ansetzen muss. Und dementsprechend will der HSV mit einem offensiveren Robert Glatzel und dem Rückkehrer Laszlo Benes am Freitag beim Auswärtsspiel bei der Fortuna Düsseldorf offensiv mehr Durchschlagskraft haben. Mit anderen Worten: Glatzel muss das Delta an gefährlichen Pässen nicht mehr selbst ausbügeln, sondern soll sich auf Benes verlassen können, dem eine ganz wichtige Rolle unter Baumgart zuteilwird. Baumgart geht sogar so weit, dass er sagte, Glatzels Positionierung werde „schon wieder besser sein“, sodass „er viel besser in seine Abschlusssituationen kommt".

Denn das fehlte zuletzt. Gegen Elversberg hatte Glatzel ebenso wie gegen Osnabrück keine Torabschlüsse – vom Foulelfmeter mal abgesehen. Und das „auch aus dem Grund, dass er viel aus der torgefährlichen Zone herausgegangen ist, um der Mannschaft zu helfen“, erklärte Baumgart heute auf der Pressekonferenz. „Ich glaube, wir müssen dahin kommen, dass wir viele gute Jungs haben, die das für ihn machen können, sodass er im zentralen Bereich bleibt.“ Und damit sprach Baumgart kein Geheimnis an, sondern er wählte genau die Worte, die vor ihm auch Walter so gewählt hatte.

Problem hierbei: Glatzel selbst sah das immer wieder anders, wollte sich immer auch tief die Bälle selbst abholen und verteilen. Damit das nicht mehr nötig wird, soll Benes helfen. Der torgefährliche Mittelfeldspieler kehrt nach seiner abgesessenen (und viel zu langen) Rotsperre zurück in den Kader. Der 26 Jahre alte Slowake war im letzten Spiel unter Tim Walter in der Schlussphase gegen Hannover 96 mit Roter Karte vom Platz geflogen und hatte eine Sperre von drei Spielen kassiert. „Er wird auflaufen“, verriet Baumgart heute schon und lobte den Slowaken vorab: „Er wird eine große Rolle spielen, nicht nur aus dem Spiel heraus, sondern auch was Standards angeht. Wenn alles normal läuft, läuft er von Anfang an auf.“

Ein Vertrauensvorschuss, der sicherlich gerechtfertigt ist – der aber auch eine Erwartungshaltung an den Linksfuß richtet. Er soll richten, was Immanuel Pherai und Ludovit Reis zuletzt nicht hinbekommen hatte: Für Torgefahr zu sorgen. Wer am Ende für Benes rausrücken wird, ließ Baumgart noch offen. Und obgleich viele mit Reis rechnen, hoffe ich, dass er Reis nicht runternimmt. Reist braucht die Spielzeit, um langsam wieder zu alter Form zu finden. Wobei, nein: Er muss schnell wieder zu alter Form finden. Aber abgesehen davon, dass ich ihn in der zweiten Halbzeit gegen Osnabrück erstmals ein wenig im Aufwind empfunden habe, als er ausgewechselt wurde, ist er mit seiner Art im Mittelfeld extrem wichtig.

Zumindest so lange wie Baumgart weiter im 4-3-3-System (für mich war es zuletzt mehr ein 4-1-2-3-System) spielen lassen will. Denn dann hätte er mit Reis einen Spieler, der zwar nach vorn gefährlich werden kann, der aber auch die Defensive beherrscht. Und das wird nötig sein, wie auch Baumgart heute ankündigte: „Ich glaube, dass Düsseldorf noch eine höhere Qualität im Umschaltspiel als Osnabrück hat. Deswegen müssen wir höllisch aufpassen. Wir müssen halt klarer werden, wenn wir nach vorn spielen“, sagte Baumgart. „Ich gehe davon aus, dass wir viel Ballbesitz haben werden, dass wir viel in der gegnerischen Hälfte sein werden." Und in Benes erhält Baumgart einen wichtigen Spieler für die Offensive zurück, dessen Qualitäten dem HSV bei der 1:2-Niederlage in Überzahl gegen den Tabellenletzten VfL Osnabrück sicherlich gut zu Gesicht gestanden hätten.

Unterstützung erhält der HSV im Rheinland von zahlreichen Fans. Mit bis zu 10 000 Unterstützern rechnen die Hamburger in der Fremde. Stephan Ambrosius, Miro Muheim, Jean-Luc Dompé, William Mikelbrencis und Daniel Heuer Fernandes (fiebrige Erkältung) werden dabei fehlen. „Heuer ist erkältet, hat die letzten zwei Tage auch Probleme und Fieber gehabt. Deshalb wollte ich da relativ schnell Klarheit haben, dass Tom (Mickel) mitfährt“, erklärte Baumgart heute glaubhaft. Dennoch habe ich das Gefühl, dass es nicht das letzte Mal in dieser Saison sein wird, dass Heuer Fernandes fehlt. Zumindest soll die Stimmung intern recht frostig geworden sein. Anders, als es bei der viel gefeierten Vertragsverlängerung des Keepers Anfang des Jahres offiziell verlautbart wurde. 

Dennoch, bei allem Unverständnis über den Torwartwechsel meinerseits dürfen persönliche Befindlichkeiten hier keine Rolle spielen. Baumgart muss genau hinschauen, wer voll mitzieht und wer nicht. Und Letztgenannte gehören raus aus dem Kader. Und das gilt für alle HSV-Profis, ganz klar.

Aber, und auch das sage ich ganz klar: Ich glaube nicht, dass es in dieser Mannschaft viele von dieser Sorte gibt, ganz im Gegenteil. Auch das mir viel zu pauschale Gebashe auf die Spieler, denen nach Osnabrück Leidenschaft und Wille abgesprochen wurde, halte ich in der Form für deplatziert. Denn es sind weniger die Spieler an sich, die den HSV immer wieder scheitern lassen, wenn es gegen die vermeintlich Kleinen geht. Es ist vielmehr das Umfeld, das die Stehenden Ovationen beim Abstieg und die dauerhaft ausverkauften Heimspiele falsch gedeutet haben.

Aus dem außergewöhnlich loyalen Beistand der Fans in schwierigsten Zeiten leiteten die Verantwortlichen für sich die fatale Interpretation ab, die Fans seien begeistert vom aktuellen Weg und man müsse diesen nicht ändern.  Immer wieder wurde davon gesprochen, dass man doch die Fans mit dem spektakulären Fußball endlich wieder begeistert habe. Und obgleich das in kleinen Teilen auch stimmen mag, wünschen sich die Fans nichts mehr als den Fußball, der zum Aufstieg führt. Denn obwohl sich immer mehr Fans fatalerweise mit der Zweiten Liga anfreunden, tut der größte Teil das eben nicht. Zu sehen und zu hören war das am Sonntag in der Nordkurve, wie auch Jan Euch im Talk bestätigt. Fakt ist, zumindest sehe ich das so, dass der HSV seine Leitkultur aufgeweicht hat und sich das gemäß dem Sprichwort „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ bis in die Mannschaft ausgewirkt hat. 

Für die völlig überhöhte Selbsteinschätzung des HSV gibt es viele kleine und größere Beispiel, die sich in Zitaten von Tim Walter immer wiederfanden. „Wir bleiben nur bei uns und entscheiden ganz allein, wer aufsteigt“ und ähnliche Sätze sollten das Selbstvertrauen demonstrieren, das Walter seiner Mannschaft mitgeben wollte. Und ich will Walter dabei auch gar keine üble Absicht nachsagen – ganz im Gegenteil! Er hat sich immer vor die Mannschaft gestellt und wollte auch hier vorangehen. Aber Walter ist ein gutes Beispiel für den schmalen Grat zwischen Selbstvertrauen und Überheblichkeit. Diese Haltung hat immer wieder dazu geführt, dass der HSV auf dem Platz dachte, mit viel Ballbesitz auch ausreichend Punkte einzufahren. Oder anders formuliert: Dominanz gepaart mit Arroganz scheitert. Immer wieder.

Und genau das will Baumgart in die Mannschaft hineinbekommen. Bodenständigkeit, Demut vor der Aufgabe, Basics wieder zum Normalen werden lassen und sie nicht mehr als einer Spitzenmannschaft unwürdig erscheinen lassen. Und das alles, ohne der Mannschaft das vorhandene Potenzial abzusprechen. Nach dem jüngsten Misserfolg müsse seine Mannschaft nun den Kopf hochnehmen. „Wir haben geguckt, dass wir hinsichtlich Freitag die richtigen Wege finden, auch einiges dann besser zu machen“, sagte Baumgart. In Düsseldorf werde man wieder „große Möglichkeiten“ auf einen Erfolg zu haben. Zugegeben: Das klingt alles noch nicht so greifbar für mich. Dennoch hoffe ich, dass Baumgart der Mannschaft klarmacht, dass grätschen, kämpfen und mehr zu laufen als der Gegner ausschließlich positiv besetzte Attribute sind. Attribute einer Spitzenmannschaft, die zwingend notwendig sind, wenn man aufsteigen will.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen CL-Abend, sofern Ihr schaut. Und: Bleibt gesund!

Scholle

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