Meinung

Der HSV darf nicht mit zu wenig zufrieden sein

Ich freue mich über Siege des HSV. Weil sie den Klub und alle Anhänger wieder ein Stück näher an die Erstklassigkeit heranrücken. Dazu zählen alle Siege. Denn auch die…

Der HSV darf nicht mit zu wenig zufrieden sein

Ich freue mich über Siege des HSV. Weil sie den Klub und alle Anhänger wieder ein Stück näher an die Erstklassigkeit heranrücken. Dazu zählen alle Siege. Denn auch die vermeintlich „hässlichen“ und „unverdienten“ Siege zählen drei Punkte. Und wenn mir eine/r hier zeigen kann, wo eine Mannschaft in einer Profiliga über eine gesamte Saison hinweg jeden Sieg auch zu 100 Prozent verdient hatte, dann werde ich Abbitte leisten. Bis dahin allerdings halte ich nichts davon, Leuten das Jubeln madig machen zu wollen, wenn ein Sieg mal nicht so souverän herausgespielt wurde. Auf der anderen Seite allerdings muss man immer auch aufpassen, dass der Jubel nicht die kritischen Töne so überdeckt, dass man sie vergisst. Denn genau darin liegt die Kunst, wenn man große Ziele erreichen will: Man muss auch in erfolgreichen Phasen immer wieder den Finger in die Wunde legen und sehen, was eben noch besser werden muss. Nur so macht man sich schwerer angreifbar.

Und vorweg: Bei Tim Walter habe ich eigentlich selten das Gefühl, dass er zu euphorisch ist. Das gilt auch für sein Statement nach dem Sieg gegen den Karlsruher SC, in dem er die erste Halbzeit seiner Mannschaft tadelte, um die zweite Hälfte dann zu loben. In der zweiten Hälfte aber habe ich dann wieder den HSV gesehen, den wir uns alle wünschen: „Wir haben etwas umgestellt, haben dadurch aggressiver verteidigt und sind höher angelaufen und hatten zudem auch gute Offensivaktionen mit Abschlusschancen… Doch egal wie - am Ende ist unser Sieg gegen einen wirklich sehr starken KSC verdient.“

Alles okay soweit. Dachte ich – und hatte irgendwie ein komisches Gefühl. Denn das Spiel gegen den KSC war wieder nicht so souverän, wie man es mit einer Führung im Rücken durchaus von einer Zweitliga-Spitzenmannschaft erwarten könnte. Mir fehlte wie zuvor schon einige Mal auch diesmal dieser unbedingte Wille, das Spiel vorzeitig zu entscheiden.  „Leider haben wir unsere Gegenstöße aber nicht immer gut genug ausgespielt und es so verpasst, das 2:0 zu machen, auch wenn trotzdem genügend Chancen da waren. Aber irgendwann wird auch vorn der Knoten platzen“, analysierte Walter zwar treffend. Aber eine Gefahr besteht: Dass die Mannschaft glaubt, es geht auch so.

Und genau hierzu habe ich von unserem Blog-Freund und Psychologen Dr. Olaf Ringelband eine sehr schöne, weil treffende Mail erhalten. Aber lest selbst:

Moin Scholle,

Kurzer Kommentar zum Spiel, kannst Du gerne verwenden:

Psychologisch ist der Sieg gegen Karlsruhe gefährlich. Klar, Karlsruhe war sehr stark, gerade in der ersten Halbzeit. Dass man das Spiel an glücklich dank Reis und Heuer-Fernandez gewonnen hat, wird die beim Trainer und den Spieler schon häufig geäußerte Haltung festigen, „wir müssen nur Geduld haben, unsere Qualität wird sich irgendwann durchsetzen“. Bei dieser Haltung wird vergessen, dass man ohne taktische Konzepte und Spieler, die in jeder Situation vollkonzentriert sind, nicht aufsteigen wird. 

Ich hätte mir gewünscht, dass sich Walter und die Spieler nach dem Spiel selbstkritischer geäußert hätten und statt von einem „verdienten Sieg“ zu sprechen die offensichtlichen Defizite angesprochen hätten. Kurz gesagt: ich erkenne eine gefährliche Selbstzufriedenheit, dass das, was man gegen Karlsruhe gezeigt hat, genug ist. Der HSV sollte mal einen Blick nach Berlin zur Alten Försterei werfen, da kann man sehen, wie man im Verein eine Hochleistungskultur aufbaut.

LG
Olaf

Zunächst einmal allerherzlichste Grüße mit einem großen Dank zurück, lieber Olaf. So selten das auch in einem solchen Maße ist: Dieses Mal stimme ich Dir zu 100 Prozent zu. Mein Opa hat früher in solch seltenen Momenten immer gesagt „zwei Doofe, ein Gedanke“ – aber das lasse ich an dieser Stelle mal weg ;-) Fakt ist aber, dass ich Deinen Gedanken genauso teile und mich frage, ob Walter diese Gefahr erkannt hat. Meine Vermutung ist: Das hat er – aber er lässt es in Maßen trotzdem zu, weil die klubinterne Situation es aus seiner Sicht erfordert. Denn aktuell scheint es noch so zu sein, dass Niederlagen gegen das Tandem Walter/Jonas Boldt verwendet wird. Dementsprechend gereizt reagieren diese beiden aktuell auf Kritik. Beziehungsweise, dementsprechend überhöht werden Siege ausgekostet und betont, dass alles in die richtige Richtung läuft.

Ich habe deshalb mit Spielern telefoniert, um eine Antwort auf unsere Befürchtungen zu bekommen. Allesamt wollten sich nicht über den Trainer äußern. Nicht, weil sie schlechte Sachen sagen müssten, sondern weil sie ihn und seine Art schätzen und den Respekt wahren. Im Off haben sie mir aber versichert, dass der Trainer intern sehr viel mahnender ist und sehr wohl auch nach Siegen unzufrieden sei. Man werde immer wieder davor gewarnt, mit zu wenig zu früh zufrieden sein. Und das deckt sich mit meiner Einschätzung des Trainers.

Hoffen wir mal, dass es auch so stimmt. Die richtigen Typen dafür hat der HSV dafür aktuell im Team. Heuer Fernandes, Schonlau, Vuskovic, Heyer, Meffert, Glatzel – um nur einige zu nennen. Und wer sich beispielsweise den gerade sehr gefeierten Ludovit Reis ansieht, der kann nicht zu dem Schluss kommen, dass hier falsche Zufriedenheit vor dem nötigen Einsatz abhält. Aber wir werden das Thema im Auge behalten. Schon am Freitag gilt es für den HSV in Kiel. Denn da hat man seit der Zweitligazugehörigkeit noch keinen Dreier einfahren können…

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

P.S.: In diesen Tagen wird auch das klärende Gespräch zwischen Klaus Michael Kühne und dem HSV stattfinden. Der Anteilseigner weilt bereits in seinem Hotel „The Fontenay“ an der Alster.

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