Analyse

Der HSV braucht mehr Schultern - nicht mehr Rückholaktionen

Beim HSV ist nach dem Aus von Sportvorstand Stefan Kuntz Anfang Januar zunächst einmal das eingetreten, was sich viele im Umfeld lange gewünscht haben: Ruhe. Sportlich ist man…

Der HSV braucht mehr Schultern - nicht mehr Rückholaktionen

Beim HSV ist nach dem Aus von Sportvorstand Stefan Kuntz Anfang Januar zunächst einmal das eingetreten, was sich viele im Umfeld lange gewünscht haben: Ruhe. Sportlich ist man auf einem sehr ordentlichen Weg und könnte mit einem Sieg am Sonnabend gegen den 1. FC Köln einen riesengroßen Schritt in Richtung Klassenerhalt gehen. Folgerichtig sind alle ruhig. Es gibt keine täglichen Personaldebatten, keine hektischen Entscheidungen, keine öffentlich ausgetragenen Machtkämpfe. Sportdirektor Claus Costa hat mehr Verantwortung übernommen, Finanzvorstand Eric Huwer hält den wirtschaftlichen Kurs stabil. Der HSV wirkt derzeit geordnet.

Doch genau diese Ruhe birgt auch eine Gefahr: Sie darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die aktuelle Struktur auf Dauer zu schmal ist. Ein Bundesliga-Klub – und erst recht einer mit der Strahlkraft des HSV - ist längst ein hochkomplexes Unternehmen. Sportliche Strategie, Kaderplanung, wirtschaftliche Steuerung, Kommunikation, Politik, Sponsoren, Fans: All das lässt sich nicht dauerhaft auf zwei Schultern verteilen. Übergangsweise mag das funktionieren. Als langfristiges Modell wäre es fahrlässig.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ausgerechnet der Hinweis von Jonas Boldt. Der ehemalige HSV-Sportvorstand warnte in der Sendung Sky90, es sei „gefährlich“, wenn ein Klub nur mit einem Vorstand oder Geschäftsführer arbeite. Das Geschäftsmodell Fußball sei inzwischen so komplex, dass man es kaum auf zwei Schultern verteilen könne. Diese Einschätzung ist absolut richtig.

Sie wirkt allerdings auch ein wenig doppeldeutig. Schließlich war es Boldt selbst, der während seiner Amtszeit ein drittes Vorstandsmitglied beim HSV eher verhindert als befördert hat. Dass er heute die Notwendigkeit eines breiter aufgestellten Führungsteams betont, zeigt zumindest eines: Selbst aus dieser Perspektive ist inzwischen die Erkenntnis gereift, dass ein moderner Klub mehrere starke Schultern braucht.

Parallel taucht nun wieder ein Name auf, den man in Hamburg natürlich kennt: Jonas Boldt selbst.


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Im Mai 2026 werden es zwei Jahre sein, seit der ehemalige Sportvorstand den HSV verlassen hat. Zuletzt wurde sein Name im Zuge der Suche nach einem Nachfolger für Stefan Kuntz wieder in den Raum gestellt. In der Sendung Sky90 erklärte Boldt dazu: „Der HSV lässt einen nie los, deswegen verfolgt man das natürlich.“ Gespräche gebe es derzeit allerdings keine. Der Aufsichtsrat wisse schon, „was er da machen will, mit wem er spricht und wie der HSV in Zukunft voranschreiten möchte“, so Boldt, der aktuell bei einer Berater-Agentur arbeitet.

Dass sein Name dennoch wieder kursiert, passt ins bekannte Muster dieses Vereins. Beim HSV tauchen bekannte Gesichter früher oder später fast immer wieder auf. Ganz ehrlich: Von einer Rückkehr Boldts halte ich ungefähr so viel wie von den bisherigen Rückholaktionen des HSV. Und deren Bilanz ist - freundlich formuliert - überschaubar.

Natürlich gibt es einen wichtigen Unterschied: Spieler zurückzuholen ist etwas völlig anderes als Führungskräfte zurückzuholen. Verantwortung, strukturelle Wirkung und langfristige Konsequenzen sind nicht vergleichbar. Trotzdem zeigt die Geschichte des HSV immer wieder, dass Nostalgie selten ein guter Ratgeber ist.

Das beste Beispiel dafür ist Dietmar Beiersdorfer. In seiner ersten Amtszeit war er aus meiner Sicht der mit Abstand stärkste Sportvorstand, den der HSV in den vergangenen 26 Jahren hatte. Seine zweite Amtszeit allerdings hat gezeigt, dass selbst ein zuvor erfolgreicher Rückkehrer nicht automatisch wieder funktioniert. Die Rahmenbedingungen ändern sich, die Dynamiken im Klub sind andere – und die Erwartungen meist noch größer.

Genau deshalb sollte der Blick des HSV jetzt nach vorne gehen.

Und gerade dafür ist die aktuelle Ruhe im Verein extrem wertvoll. Aber sie ersetzt keine Struktur. Wenn der HSV langfristig stabil arbeiten will, braucht er eine Führung, die breit genug aufgestellt ist, um Verantwortung zu teilen, Entscheidungen zu reflektieren und unterschiedliche Perspektiven einzubringen.

Bei allem ehrlich gemeinten Respekt vor der Arbeit von Eric Huwer: Je mehr Perspektiven, Erfahrungen und Wissen am Ende eine Entscheidung beeinflussen, desto besser wird sie in der Regel sein. Ein einzelner Vorstand – auch dann nicht, wenn ihn Claus Costa ergänzt – kann die Verantwortung für einen Klub wie den HSV dauerhaft nicht alleine tragen.

Ein großer Verein braucht mehr als Ruhe. Er braucht Struktur, Austausch und mehrere starke Schultern. Genau deshalb sollte der HSV jetzt nach vorne schauen. Nicht zurück. Denn eines hat die Vergangenheit dieses Vereins immer wieder gezeigt:

Der HSV wird nicht stärker, wenn er alte Geschichten wiederholt.
In diesem Sinne: Nutzt die aktuelle Situation, um eine langfristig stabile, tragbare Konstellation auf Führungsebene herzustellen. Denn abgesehen von dem Ausblick des HSV ist auch der Blick von außen auf den HSV aktuell sehr attraktiv. Auch und vor allem für richtig gute Führungskräfte.
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