Spielbericht

HSV besiegt Nordsjaelland mit 7:4 - David fällt mit Muskelfaserriss länger aus

„Für uns ist es ein Test, was die Fitness anbelangt. Es waren alle engagiert, alle haben Gas gegeben. Das ist für mich das Entscheidende“, lobte Trainer HSV-Tim Walter sein…

HSV besiegt Nordsjaelland mit 7:4 - David fällt mit Muskelfaserriss länger  aus

„Für uns ist es ein Test, was die Fitness anbelangt. Es waren alle engagiert, alle haben Gas gegeben. Das ist für mich das Entscheidende“, lobte Trainer HSV-Tim Walter sein Team nach der turbulenten Partie gegen den FC Nordsjaelland. Walter sah nach dem 7:4-Sieg auch wiederholte Schwächen bei seinem Team: „Wir hatten verschiedene Phasen im Spiel, haben Sachen ausprobiert und unsere Prinzipen immer wieder durchgezogen. Entscheidungsfindung ist in unserem Spiel sehr wichtig und die haben wir heute mal besser und mal schlechter getroffen. Wir hatten viele Kontersituationen, die wir nicht ganz so gut ausgespielt hatten.“

Beim Test nicht dabei waren Jonas David und Jonas Meffert. Beide fielen verletzt aus. „Jonas David hat gestern das Training abgebrochen. Er hat muskulär echt Probleme. Da muss man jetzt abwarten, wie lange das dauert“, erklärte Trainer Tim Walter vor dem Spiel. Nach der Partie, um 18 Uhr vermeldete der HSV dann, dass sich David einen Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel zugezogen hat und in den nächsten Wochen ausfällt. Bitter für den Youngster, der bislang keine einzige Spielminute in dieser Saison verpasst hatte. Besser sieht es beim zweiten Ausfall aus: Bei Jonas Meffert. Er habe sich „den Zeh gebrochen, er kann am Montag aber wieder mittrainieren“, sagte Walter vor dem Spiel - und dabei blieb es auch am Abend.

Gefreut hat sich Walter heute vor allem auch über die Youngster, die er heute reinwarf: „Besonders die jungen Spieler auf dem Platz  haben ihren Job extrem gut gemacht. Es macht richtig Spaß, dass man immer wieder Junge reinschmeißen kann, die ihr Bestes geben und versuchen mitzuspielen. Das ist schön.“ Und auch, wenn nicht alles wirklich gut war, was die jungen Spieler anzubieten wussten – es war zumindest spannend, zu sehen, wie sie sich im Wettbewerbsmodus bewiesen.

https://soundcloud.com/user-36211795/fr121121-wilder-test-im-volkspark-walter-bekommt-seinen-rasen-und-mehdi-will-talente-liefern?si=c57634db82c141f29e6bf2825f610caf

Noch spannender  war allerdings zu sehen, was dem HSV heute auf dem Platz gegenüberstand: Nämlich ein großer Teil der eigenen Zukunft. Wenn es gut gemacht wird. Denn der FC Nordsjaelland schickt sich an, den Jugendweg zu gehen, den der HSV - den deutschen Verhältnissen natürlich angepasst! - auch gehen sollte. Oder gehen muss? Heute standen bei den Dänen zeitweise nur noch Spieler unter 21 Jahren auf dem Platz. Ein wenig war das auch leistungsmäßig erkennbar, wie ich finde. Das Spiel wirkte in vielen Phasen sehr fahrig - auch vom HSV, aber vermehrt von den Gästen. Dennoch kommen gerade aus Dänemark aktuell einige gute Beispiel für gute Nachwuchsarbeit. Und für ein Prinzip, das ich hier zunächst Nordsjaelland zugeordnet hatte - das aber an dieser Stelle korrigieren möchte. Denn das von mir gern genannte Beispiel für den HSV ist der FC Midtjylland.

Der Klub aus Dänemark ist sowas wie der Prototyp des Moneyballs. Soll heißen: Beim dänischen Erstligisten ist das Ausbildungsprinzip zum Geschäftsmodell geworden – und das alles auf zahlenbasierter Basis. Dabei bezieht der FC Midtjylland mathematische Modelle mit ein. Fußballstatistiken und Parameter, die im Scouting immer wichtiger werden -  wie beispielsweise Passquote, Anzahl von Ballaktionen oder Laufleistung einzelner Akteure -, spielen in der Spielanalyse der Dänen keine zentrale Rolle.

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Als Vorbild dient die Sabermetrics-Methodik aus dem Baseball, bei der zahlreiche Werte mit Hilfe von Algorithmen in Beziehung zueinander gesetzt werden. Daraus ergibt sich eine kombinierte Betrachtung von Taktik, Technik, Physis und Psyche auf wissenschaftlicher Basis. Die Vereinsführung von Midtjylland beurteilt die Performance ihrer Profis demnach mithilfe von so genannten Key Performance Indicators, weil diese auf lange Sicht der bessere Erfolgsindikator seine, wie Vorstandsboss Rasmus Ankersen wiederholt erklärt hat. Und auch wenn ich nicht daran glaube, dass diese krasse Methodik allein dauerhaft Erfolg bringt, glaube ich daran, dass sie gut umgesetzt in einen normalen Fußballklub integrierbar ist.

So, wie es beispielsweise die Red-Bull-Klubs umsetzen. Die verfahren seit Jahren nach dem gleichen Muster. Über Farmklubs werden Talente ausgebildet, die nach ganz klaren Richtlinien gescoutet werden. Ein Beispiel: Wenn ein Spieler nicht über eine Sprintgeschwindigkeit von 33 und mehr Km/h verfügt, kommt er nicht infrage – weil der RB-Konzern in seinen Studien herausgefunden hat, dass Sprinttempo einer der ersten Erfolgsindikatoren ist. Und man will einfach schnellen Fußball spielen. Soll heißen: Wenn Messi nur 32,5 Km/h sprinten kann, kommt selbst der nicht als Neuzugang in Frage. Das mag alles etwas krass klingen, es ist aber ein klarer Weg. Aber der Erfolg gibt dem Klub Recht. 

Ich will damit weder sagen, dass der HSV den Weg des RB-Konzerns einschlagen soll (das kann er finanziell schon gar nicht), noch, dass der FC Midtjylland 1:1 kopiert werden sollte. Ich glaube aber, dass beide Beispiele zeigen, wie ein Klub eine eigene Philosophie entwickeln und diese über Jahre erfolgreich umsetzen kann. Es darf dem HSV gern als Beispiel dienen, denn der HSV muss in den nächsten Jahren weiter umdenken. Und das ist aus meiner Sicht längst keine neue Lehre allein aus der letzten, erschreckenden Bilanz – sondern die Lehre der letzten zehn bis 15 Jahre beim HSV, in denen immer neue Leute immer neue Ansätze mit viel Geldeinsatz umzusetzen versuchten. Erfolglos. Und wer auch immer jetzt sagt: Im Nachhinein ist man immer schlauer, dem sei der Blogbeitrag von unserem Blogfreund Dr. Olaf Ringelband noch einmal ans Herz gelegt. Denn der schrieb an dieser Stelle schon im Januar schon am 16. Januar diesen Jahres:

Ende des Jahres  las ich in der New York Times einen Artikel über den dänischen Fußballclub FC Midtjylland, den aktuellen Tabellenführer in der dänischen Superliga. Dabei fühlte ich mich an einen Blogbeitrag („Moneyball HSV“ in der Rautenperle) erinnert, in dem ich dafür plädierte, dass der HSV sich auf allen Ebenen professionalisiert und sich stärker auf Psychologie und Datenanalyse stützt, um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. In dem „NYT“-Artikel wird beschrieben, dass der FC Midtjylland den Vorteil hat, ein relativ junger Verein zu sein. Er wurde erst 1999 gegründet und hat somit nicht - wie der HSV - die Last einer glorreichen Vergangenheit zu tragen. So ist man sehr offen dafür, neue Dinge auszuprobieren und Sätze wie „Das haben wir früher auch nicht gemacht!“ hört man dort nicht.

Intensivierung des Trainings

Das erste, was Midtjylland gemacht hat, war die Trainingsintensität zu erhöhen. Außerdem hat man das Trainingsprogramm individualisiert, angepasst. Nicht nur auf die individuellen Defizite, sondern auch auf die Position des Spielers. Abwehrspieler erhielten z.B. intensive Kopfballtrainings bei Standardsituationen, Außenverteidger gezieltes Sprinttraining, etc. Ein weiterer Schwerpunkt war die Optimierung der Ernährung und der Erholungsphasen (Schlaf). Außerdem bemüht sich der Verein, Spieler möglichst in jungen Jahren in die vereinseigene Ausbildung zu bekommen, weil man zu der Erkenntnis gekommen ist, dass man möglichst früh mit der Ausbildung beginnen sollte. Der Unterschied zwischen einem Spieler, der mit 16 in die Ausbildung des Vereins geht und jeden Tag 2 Stunden trainiert und einem, der mit 14 in das Fußballinternat geht und jeden Tag 4 Stunden Training und Fußball-Schulung (Taktik, Ernährung, Mentaltraining) erhält, ist groß: wenn die beiden Spieler mit 19 Jahren in den Profibereich kommen, hat der erste Spieler 1.500 Trainingsstunden absolviert und der zweite über 5.000 Stunden (laut einer bekannten psychologischen Untersuchung wird man richtig gut in einer Sache, wenn man sie 10.000 Stunden geübt hat). 

Standardsituationen machen den Unterschied

Das Management von Midtjylland (die Herren Gravesen, Berg und Ankersen) ist besessen von der Idee, den Verein und die Mannschaft permanent effektiver zu machen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Trainieren von Standardsituationen: Midtjylland hat in den letzten 5 Jahren so viele Tore aus Standardsituationen erzielt wie sonst kein dänischer Verein, insgesamt ein Viertel aller Tore. Man ist davon überzeugt, dass die Effektivität bei Standardsituationen in Zukunft der entscheidende Unterschied zwischen guten und sehr guten Mannschaften sein wird – der Meinung ist übrigens auch Ralf Rangnick, der dafür sorgt, dass die RB-Mannschaften Abläufe bei Standardsituationen so lange trainieren, bis sie automatisiert sind. 

Basketball als Vorbild

In der NBA, der amerikanischen Basketball-Liga, hat sich das datengestützte Training schon seit Langem durchgesetzt. Eine der Konsequenzen war, dass heute die Mehrzahl der Korbwürfe aus einer Zone kurz hinter der 3-Punkte-Linie erfolgt. Man hat durch Analyse der Daten festgestellt, dass hier die Wahrscheinlichkeit am größten ist, Punkte zu erzielen. Midtjylland analysiert in ähnlicher Weise Spielsituationen: In welcher Position ist die Wahrscheinlichkeit für ein Tor bei einem Schuss am wahrscheinlichsten? Welche Pässe führen am häufigsten zu Torabschlüssen? Das Gute beim Fußball ist, dass die statistischen Informationen darüber offenliegen, man muss sie nur analysieren. Der kritischste Punkt ist jedoch nicht die Analyse selbst, sondern die Vermittlung der Erkenntnisse an die Spieler  – hier sind Psychologen gefragt. 

Psychologie als Wettbewerbsvorteil

Midtjylland hat deshalb B. S. Christiansen, einen Psychologen engagiert, der rund um die Uhr für die Mannschaft zur Verfügung steht, um mit Spielern zu sprechen. Dieses Konzept hat der Verein vom FK Bodø/Glimt übernommen, einem norwegischen Verein, der kurz nach dem Aufstieg in die 1. Norwegische Liga im letzten Jahr Meister wurde. Betreut wurde Bodø/Klimt von Bjørn Mannsverk, einem bekannten norwegischen Psychologen, der den gesamten Verein auf Leistung (und nicht etwa nur auf Ergebnisse) ausgerichtet und der Mannschaft geholfen hat, sich zu einem Hochleistungsteam zu entwickeln.

Midtjylland beschäftigt sich genauso intensiv mit den Persönlichkeiten der Spieler wie mit deren technischen Fähigkeiten. Wie einer der Vorstände von Midtjylland sagt, „wir sehen den gesamten Menschen, nicht nur den Spieler“.

Im Moment läuft von Midtjylland initiiert eine Studie, in der der Verein gemeinsam mit Arbeits- und Organisationspsychologen herausfinden will, was die Persönlichkeitsmerkmale von erfolgreichen Spielern sind. Das ist ein Ansatz, der in der Arbeitspsychologie weit verbreitet ist – für viele Aufgaben und Funktionen im Arbeitsleben weiß man heute recht genau, welche Persönlichkeitsausprägungen erfolgreiche von weniger erfolgreichen Mitarbeitern unterscheiden. 

Was ich beeindruckend an Midtjylland finde, ist seine Offenheit, neue Dinge auszuprobieren. Vieles von dem, was Midtjylland als erster ausprobiert hat, wird heute von anderen Vereinen nachgemacht. Ich fühlte mich auch bestätigt in meiner Einschätzung, dass der HSV großes Potenzial hat, sich durch konsequente Professionalisierung, Nutzung von Daten und psychologischen Erkenntnissen von anderen Vereinen abzuheben und sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Gerade dann, wenn man die Qualität der Mannschaft nicht mehr durch den Kauf guter (= teurer) Spieler verbessern kann, sollte das Prinzip sein, die vorhandenen Ressourcen möglichst optimal zu nutzen. Spätestens wenn der HSV nächste Saison wieder in der 1. Bundesliga spielt, wird man nicht umhinkommen, aus dann vergleichsweise durchschnittlichen Spielern ein Hochleistungsteam zu formen.

Dass Olaf ein sehr schlauer Mensch ist, wusste ich seit jeher. Auch, dass er ein strategisch sehr schlau denkender Mensch ist, der Ziele nicht nur setzt, sondern vorher auch einen Weg zum Ziel aufzeigt. Und ich hoffe, dass der HSV eine solche Strategie nicht mehr nur proklamiert, sondern endlich beginnt, umzusetzen. In den letzten jähren war das nicht zu erkennen. Drei Jahre - drei grundverschiedene Herangehensweisen mit grundverschiedenen Trainertypen und somit grundverschiedenen sportlichen Herangehensweisen. Da kann nichts "aufgebaut" werden. Aber allein das ist der lange, sehr schwer zu gehende Ausweg, den der HSV jetzt noch hat.

in diesem Sinne, ich wünsche Euch allen einen schönen (Länderspiel-)Abend. Bis morgen!

Scholle

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