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Der HSV 2024: Worthülsen schlagen Realität

Es kommt wie erwartet. Der HSV will seiner Fußball-Profiabteilung in eine neue Rechtsform umwandeln. So lautet zumindest der Vorschlag der Arbeitsgruppe Rechtsform, die seit…

Der HSV 2024: Worthülsen schlagen Realität

Es kommt wie erwartet. Der HSV will seiner Fußball-Profiabteilung in eine neue Rechtsform umwandeln. So lautet zumindest der Vorschlag der Arbeitsgruppe Rechtsform, die seit Mai 2022 tätig ist. Bei der für den 23. März geplanten, außerordentlichen Mitgliederversammlung soll aus der bisherigen HSV Fußball AG die HSV Fußball AG & Co. KGaA werden. Die Zustimmung zur Rechtsformänderung muss dabei mit einer Dreiviertelmehrheit beschlossen werden. Alles andere würde nicht reichen. „Dabei ging es um die Stärkung der Mitgliederrechte, gleichzeitig aber auch um die Schaffung einer Möglichkeit, neues Kapital für den HSV einzuwerben und die Kapitalbasis zu stärken“, sagte HSV e.V.-Vizepräsident und Aufsichtsratsboss Michael Papenfuß.

Die neue HSV Fußball AG & Co. KGaA soll die gleiche Anteils- und Kapitalstruktur haben wie die bisherige HSV Fußball AG. 75,1 Prozent liegen beim HSV e.V. Die größten Anteilseigner der übrigen 24,9 Prozent sind die Holding von Club-Mäzen Klaus-Michael Kühne (13,53 Prozent) und die HanseMerkur Holding AG (6,76 Prozent). In der bisherigen Struktur können ohne Satzungsänderung keine weiteren Anteile verkauft werden, da die 24,9 als Höchstgrenze festgeschrieben sind. Das wird in der neuen Rechtsform anders.

In der Theorie könnten dabei sogar alle Anteile an der HSV Fußball AG & Co. KGaA verkauft werden, ohne dass dem e.V. die Entscheidungshoheit entzogen würde. Der e.V. will nach Papenfuß‘ Aussage jedoch auf jeden Fall 50 Prozent der Aktien behalten. Zudem wurde eine Höchstgrenze für Einzelinvestoren bei 25 Prozent festgelegt. Beide Punkte sollen in der Satzung festgeschrieben werden. Ziel ist es, die Hälfte der HSV Fußball AG & Co. KGaA nach aktuellem Stand für etwa 100 Millionen Euro zu verkaufen. 

Ähnliche Szenarien gab es schon 2014 bei der Ausgliederung. Um aber denselben, erfolglosen Weg dieser Ausgliederung zu vermeiden, soll die Entscheidungshoheit zur Verwendung des Kapitals und die operative Führung der Profi-Abteilung bei einer neu zu gründenden HSV Fußball Management AG liegen. Diese bleibt zu 100 Prozent in Besitz des HSV e.V. Das wiederum ist schon aus rechtlichen Gründen wichtig, da man so die Einhaltung der 50+1-Regel sichert, die den Einfluss externer Investoren begrenzen soll. 

Die handelnden Personen in dieser neuen Management GmbH würden die sein, die aktuell auch die AG führen: Jonas Boldt (Vorstand Sport und Kommunikation) sowie Eric Huwer (Vorstand Finanzen und Organisation). Sowohl die HSV Fußball Management AG als auch die HSV Fußball AG & Co. KGaA erhalten einen eigenen Aufsichtsrat. Die Kontrolle des Vorstands obliegt den Räten der Management AG. Wer diese am Ende werden, ist ebenso offen wie spannend.

Für Huwers Bilanz der Zukunft hätte diese Umwandlung einen weiteren sehr positiven Effekt, da mit einer solchen Rechtsformänderung die 30 Millionen Euro, die Kühne in Form einer Wandelschuldverschreibung im vergangenen Jahr zur Verfügung gestellt hat, zum Eigenkapital der HSV Fußball AG & Co. KGaA umgewandelt werden, da Kühne seine Wandelschuldverschreibung in weitere Anteile umwandeln würde. Kühne würde so etwa 21 Prozent halten, der HSV e.V. letztlich nur noch etwa 70 Prozent.

Sportlich hatte der HSV gestern noch zu vermelden, was ebenso erwartet wurde: Noah Katterbach wechselt vom Erstligisten 1. FC Köln per sofort zum HSV. Der Außenverteidiger war bereits im Januar 2023 auf Leihbasis von Köln nach Hamburg gewechselt und absolvierte bis zu seinem Kreuzbandriss im April 2023 elf Partien für den HSV unter Trainer Tim Walter in der 2. Liga. „Wir sind auch nach dem Ende der Leihe im Sommer 2023 stets mit Noah in Kontakt geblieben, da wir sportlich und menschlich absolut von ihm überzeugt sind“, wird Sportdirektor Claus Costa auf der Website des HSV zitiert.

Und ja, Katterbach ist sicher ein talentierter Spieler auf einer Position, auf der der HSV nicht überbesetzt ist. Aber der HSV hat ganz andere Positionen, auf denen er zuerst hätte nachrüsten müssen. Ok, der HSV hat sich auf den Tschechen Zima verlassen, mit dem man weitgehend klar war, ehe dieser samt Beraterteam einen Turnaround hinlegte und zu Slavia Prag wechselte. Aber keinen klaren Plan B zu haben scheint beim HSV nicht nur bei Tim Walter eine Schwäche zu sein!

Das alles soll bitte nicht Katterbachs Verpflichtung kleinreden. Katterbach ist nur einfach nicht die Lösung fürs Hauptproblem in der Defensive, die mit 39 Torschüssen in zwei Spielen die meisten Torabschlüsse der Gegner zugelassen hat - von allen Teams in der Zweiten Liga. Normalerweise würde ich eine solche Statistik nicht per se bewerten, da man hierbei die Qualität der Torschüsse nicht wirklich herauslesen kann. Angesichts der drei Alutreffer sowie dem Treffer des FC Schalke sowie den vier Gegentoren gegen den KSC ist diese Statistik aber allemal alarmierend. Zumal auf der Stabilisierung der Defensive das Hauptaugenmerk liegen soll, wie die „detailversessene Analyse“ der Winterpause ergeben hatte.

Dass man zudem die mit weitem Abstand schwächsten Laufwerte aller Zweitligisten hat, dürfte den HSV-Trainer Tim Walter nicht sicherer im Sattel sitzen lassen. Ganz im Gegenteil: Tim Walter steht mächtig unter Zugzwang. Nach dem 3:4 gegen den Karlsruher SC muss bei Bundesliga-Absteiger Hertha BSC am Sonnabend (20.30 Uhr/Sky und Sport1) wieder eine überzeigende Leistung her. Heute auf der Pressekonferenz gab sich der zuletzt mehrfach in die Kritik geratene Coach wie immer entspannt. „Dadurch, dass wir auf Schlagdistanz sind, nicht uneinholbar hinten dran liegen, sondern nur einen Punkt auf die vorderen Plätze haben, bin ich noch relativ gelassen“, sagte Walter. Es gehe nun darum, im Vergleich zum Spiel gegen den KSC „genau diese Fehler, die jeder auch gesehen hat, dann endgültig abzustellen“. Walter schob hinterher, sie zumindest „minimieren“ zu wollen.

Und allein hier ist schon zu erkennen, dass die nötige Leistungskultur schon nicht mehr vorhanden ist. Warum auch? Walter kann machen, was er will – er hat nichts zu befürchten. Selbst so hanebüchene Analysen wie nach der KSC-Pleite, wo jeweils lange Bälle den Badenern reichten, um ein Überzahlspiel mit Torerfolg herzustellen schob Walter auf „individuelle Fehler“, die man jetzt „zumindest minimieren“ wolle. Noch Fragen??

In der bisherigen Saison kassierte der HSV schon 26 Gegentreffer. Mehr als in den letzten Jahren. Trotzdem sagt Walter: „Wir haben viel daran gearbeitet, zu blocken. Viel daran gearbeitet, den Spieler vom Tor wegzubekommen. Das haben wir am Wochenende nicht ganz geschafft.“ Nicht ganz, stimmt! Minimum vier Mal nicht. Beim 2:0 beim FC Schalke 04 zum Rückrundenauftakt habe sein HSV das aber „gut geschafft.  Und daran werden wir weiter arbeiten“, so Walter. Und das alles am 20. Spieltag. Zu einem Zeitpunkt, wo sich die Mannschaft eingespielt präsentieren muss. Zu einem Zeitpunkt, an dem der HSV auch unter Walter in den letzten Jahren regelmäßig einbrach, steht Basisarbeit auf dem Programm. Und das alles mit einem nicht nur finanziell überqualifizierten Kader.

Dass man durch verschiedene Ausfälle keine Stammdefensive finden konnte, wird hier immer gern angeführt. Weshalb man dann aber in der Winterpause nicht nachlegte, sondern sich bei der Suche auf einen einzigen Innenverteidiger festlegte, der den HSV dann überraschend foppte – es ist aus Sicht der sportlichen Leitung ebenso unerklärlich wie Walters Analysen nach den vergeigten Spielen.

Und ja, liebe Leute, ich will einen HSV-Sieg in Berlin sehen. Ich kann genauso wenig aus meiner Haut, wie wahrscheinlich fast alle hier. Ich freue mich nie über HSV-Niederlagen und hoffe entsprechend auch in Berlin auf einen Sieg. Aber inzwischen haben HSV-Siege immer auch einen Beigeschmack, da sie die eigentliche Problematik scheinbar immer wieder stilllegen. Zumindest, bis das nächste Defensivdesaster folgt. Dann selbstverständlich, weil man einfach zu viele Ausfälle hat, die Spieler zu blöd waren und individuell versagten – und so weiter. Ich befürchte ehrlich gesagt, dass beim HSV erst dann bemerkt wird, dass Walters Taktik diese Fehler provoziert, wenn der Aufstieg unerreichbar ist.

Und trotzdem hoffe ich darauf, dass der HSV siegt…

In diesem Sinne, heute mal etwas länger, weil ich zuletzt aussetzen musste. Leider auch mit dem neuen Format „Scholle trifft Stahl“, das aber kommende Woche wieder für Euch da sein wird. Dann mit Euren Fragen, die wir vorher abfragen. Eine Art „Communitytalk zu zweit“. Euch allen jetzt aber erst einmal einen schönen Donnerstagabend!

Scholle

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