Der HSV 2023: Walter und Kühne - von Herz bis Kalkül
Wir hatten es hier schon oft thematisiert. Aber es gehört so elementar zum Erfolg des HSV, dass es heute nicht weniger aktuell ist. Trainer Tim Walter weiß das. Und er setzt es…

Wir hatten es hier schon oft thematisiert. Aber es gehört so elementar zum Erfolg des HSV, dass es heute nicht weniger aktuell ist. Trainer Tim Walter weiß das. Und er setzt es aktuell bestens um. Wenn Spieler – auch die, die wenig bis nicht spielen – über den HSV-Coach sprechen, kommt auffällig selten etwas Negatives über den Übungsleiter. Wenn ich das mit Walters Vorgängern vergleiche, bei denen sich vorrangig die Spieler meldeten und Interna preisgaben, die unzufrieden waren, dann ist das gar kein Vergleich. Walter kommt intern sehr gut an. Und weil der HSV Erfolg hat, kommt er auch öffentlich sehr gut an.
Als ich vor einer Woche schrieb, dass er in Sachen Jean-Luc Dompé konsequent und aus seiner Sicht nachvollziehbar gehandelt habe, gab es Protest. Moralischen. Und diesen konnte ich sehr gut nachvollziehen. Aber Walter nutzt auch vermeintliche Fehler zum eigenen Vorteil, bzw. zum Vorteil für die Mannschaft und den sportlichen Erfolg. Trotz des Vorfalls mit der Fahrerflucht am 6. Februar hatte Walter den Franzosen in den Spielen des Hamburger Fußball-Zweitligisten beim 1. FC Heidenheim (3:3) und am Sonntag gegen Arminia Bielefeld (2:1) in die Startelf berufen.
Walters Wagenbau-Prinzip greift
„Dadurch, dass Jean-Luc sich vor der Mannschaft und in der Öffentlichkeit entschuldigt hat und es auch vom ganzen Herzen rüberkam. Ich glaube, weil man selbst jung war und Fehler gemacht hat, dass man dann auch nachsichtig sein kann“, sagte der 47-Jährige gestern Abend im „Sportclub“ des NDR-Fernsehens. Für ihn sei es nur wichtig, dass die Entschuldigung „von ganzem Herzen kommt und dass es ehrlich rüberkommt“, sagte Walter. „Wenn das der Fall ist, hat jeder eine zweite Chance verdient.“ Wagenburg HSV – Teil XY.
Walter macht das gut, behaupte ich. Inzwischen auch drumherum. Nach dem Spiel in Heidenheim am vorvergangenen Samstag hatte der Trainer Dompé lange innig umarmt, auch wenn der Offensivmann alles andere überzeugt hatte. Er wusste zweifelsfrei um die Wirkung dieser Bilder – aber das werfe ich ihm nicht einmal vor. Denn sobald sowas intern nicht mehr von den Spielern geglaubt wird, also nicht mehr als authentisch wahrgenommen wird, würde es kontraproduktiv wirken. Walter erklärte seinen Umgang: „Das kommt bei mir von innen heraus“, sagte Walter. Es sei wichtig, „dass es von Herzen kommt. Ich spüre auch bei Jean-Luc, dass es von Herzen kommt, genauso wie bei meinen anderen Jungs.“
Dass es auch anders gehen kann – logisch. Wenn jemand aus dem Team das Vertrauen missbrauche, dann wisse derjenige, auf was für eine Ebene er sich begibt, sagte Walter. „Ich habe den Eindruck aber nicht. Deswegen kann ich meine ganze Liebe und mein Vertrauen den Jungs wiedergeben, ohne irgendwie an Autorität zu verlieren.“ Und okay, hier wurde es dann tatsächlich etwas pathetisch. Aber mir geht und ging es nur um die grundsätzliche Botschaft. Denn die lässt erahnen, dass Team und Trainer(-team) aktuell eine echte Einheit bilden. Und das wiederum lässt mich hoffen, dass der aktuelle Lauf bis zum Schluss anhält…
Etwas weniger spekulieren muss man bei Klaus Michael Kühne. Was der Milliardär, Mäzen und Investor des HSV aktuell macht, zielt darauf ab, sich den HSV nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Angesichts seines finanziellen Einsatzes sogar nachvollziehbar. Sofern er selbst es nicht immer wieder leugnen würde. Denn eineerseits selbstlos zu handeln, aber andererseits intern immer wieder Forderungen umsetzen zu wollen, das passt schwerlich zusammen. Und in diesem Konflikt wird die Thematik Kühne inzwischen diskutiert.
Zuletzt hatte die BILD das in ihrem Kommentar sehr deutlich geschrieben, was eigentlich alle wissen: Kühne verfolgt seine ganz eigene Agenda. Heute nun erschien ein Interview in dem „Manager Magazin“, in dem Kühne sein Bestreben noch einmal deutlich umriss. Zu seinem Engagement beim HSV sagte er erneut: „Ich sage es ganz offen: Insgesamt war es ein Flop. Ich habe mich dazu hinreißen lassen als Fußballfan; es ging damit los, bestimmte Spieler für den HSV zu sichern. Dann habe ich für 60 Millionen Euro 20 Prozent der Anteile gekauft. 5 Prozent habe ich wieder abgegeben; fast zum Einstiegspreis.“ Wobei das „fast“ in diesem Fall sehr dehnbar ist.
Kühne spricht von „Schlacht“ gegen Jansen
Aber darum allein geht es mir in diesem Interview nicht. Vielmehr verdeutlicht Kühne seinen Blick auf den HSV. Auf die Frage, ob der HSV nicht ein „teures Vergnügen“ für ihn sei, sagt er: „Irgendein Hobby braucht man schon.“ Danach kommt dann der Teil, in dem Kühne seine Passion für den HSV andeutet, indem er bei jedem Spiel vor dem TV mitfiebern würde und grundsätzlich auch noch mal Geld geben würde, sofern der Aufstieg denn gelingt. Aber: Alles eben nur unter klaren Bedingungen. „Ich bin bereit, noch einmal einen großen Betrag einzusetzen, bis zu 120 Millionen Euro. Aber dann muss sich der HSV umstrukturieren, dann müssen die Gremien anders besetzt werden. Mit einer neuen Rechtsform könnte man das Kapital erhöhen. Das geht heute nicht … aktuell wird sogar eine Rechtsform diskutiert, bei der die Aktionäre nahezu rechtlos sind. Vereinspräsident Marcell Jansen steht leider gegen mich; aber da gibt es momentan zwei Fraktionen. Die Schlacht ist noch nicht geschlagen.“
Noch Fragen? Ich weiß wirklich nicht, wie ich derartige Aussagen finden soll. Denn so verstörend sie einerseits sind, so offen und ehrlich sind sie auch. Spätestens jetzt weiß jeder, dass Kühne sein Geld nur gegen Köpfe gibt. Diejenigen, die gegen seine Vorhaben sind, müssen erst gegangen werden, damit er großzügig wird. Wobei ich frage: Ist das dann noch großzügig?
Nein. Ist es nicht. Sowas nennt man strategisch. Aber alle diese Aussagen Kühnes haben auch etwas sehr Gutes: Endlich kann ehrlich über Kühnes Geld und seine Vorhaben diskutiert werden. Viel Mühe, seinen Kampf – oder wie er es nannte: seine „Schlacht“ – gegen Jansen zu verstecken, gibt er sich erst gar nicht. Stattdessen sagt er es offen. Und wenn es nicht längst passiert ist, dürfte diese von vielen immer noch bemühte, romantische „der liebt den HSV und will doch nur helfen“-These spätestens jetzt gänzlich eingemottet werden.
Fazit: Es steht niemandem zu, Kühne zu verurteilen. ich jedenfalls bin davon weit entfernt. Jeder hätte das sehen können, vor allem die Vereinsoffiziellen in den letzten Jahren mussten das wissen. Dennoch muss man in dieser Diskussion die Mitte finden. Denn Kühne heiligzusprechen, verklärt es ebenso. Ab jetzt gilt es vielmehr, das ganze Thema zu 99 Prozent geschäftlich zu sehen und abzuwägen, wie viel man wirklich bereit ist, Kühne unwiderruflich zuzugestehen.
In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend. Genießt ihn, und vor allem: Bleibt gesund!
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