Meinung

Der Fall Jatta ist endlich beendet - oder etwa nicht?

– und ich war 12. Später habe ich das alles dann wieder rückgängig gemacht, damit der Ausweis auch offiziell gültig war. Also etwas, was bei berühmteren Menschen dazu gereicht,…

Der Fall Jatta ist endlich beendet - oder etwa nicht?

Ich oute mich lieber sofort beim Boulevard und der Staatsanwaltschaft Hamburg: Ja, ich habe gefälscht. Ich habe mich auf meinen Schülerausweis mal zwei Jahre älter gemacht, um in die Schuldisco zu kommen. Damals durfte man da erst mit 14 rein – und ich war 12.  Später habe ich das alles dann wieder rückgängig gemacht, damit der Ausweis auch offiziell gültig war. Also etwas, was bei berühmteren Menschen dazu gereicht, ihnen das Leben zur Hölle zu machen. Ihr werdet wissen, was ich meine. Denn wenn ich lese, was sich nach langen Monaten beschämender Belästigung Bakery Jattas jetzt abspielt, werde ich immer wütender. Ich kann es einfach nicht fassen, mit welcher Doppelmoral einige Kollegen in ihren Texten für Frieden und Freiheit werben und nach Loyalität (aktuell mit den Flüchtlingen aus der Ukraine) heucheln, um im nächsten Text einen jungen Menschen aus Gambia selbst dann noch an den Pranger zu stellen, wenn dieser von einem ordentlichen deutschen Gericht entlastet worden ist.

Meine Frage: Wer wenn nicht ein ordentliches Gericht reicht den Kollegen denn noch als Instanz? Die Antwort gaben sie heute in ihrem Kommentar auf der Sportseite. Offensichtlich ist man sich selbst die höchste Instanz. Denn im selben Moment, indem die BILD vom Gericht der üblen Nachrede überführt wurde, setzt sich doch tatsächlich deren Sportchef an seinen Rechner und nimmt sich das Recht heraus, von Jatta etwas einzufordern. Tatsächlich schreibt der ansonsten von mir hoch geschätzte Kollege: „Spätestens nach diesem Gerichts-Sieg sollte Jatta seine wahre Geschichte erzählen.“

Wie bitte? Jatta sollte sich jetzt äußern und die Wahrheit erzählen? Ist das noch Satire? Oder hat der Kollege einfach nur nicht verstanden, wer in Deutschland in der Beweispflicht ist? Für mich ist es trotz meiner jahrzehntelangen Erfahrung in dieser Branche immer wieder unfassbar, wenn ein (zudem leitender!) Redakteur so einen Kommentar absetzt. Wobei ich mir sicher bin, dass das genau so gewollt und intern mit vielen Kollegen so abgesprochen war. Denn Fakt ist: Die BILD-Gruppe versucht selbst jetzt, wo ein ordentliches Gericht ihnen mehr als deutlich aufgezeigt hat, dass sie fahrlässig einem Menschen das Leben zur Hölle gemacht haben, die Schuld zu verschieben.

Wenn Medien sich selbst zur höchsten Instanz machen

„SPORT BILD und BILD hatten 2019 auf Grund der vielen Widersprüche die Frage gestellt: Ist Jatta in Wahrheit Daffeh? Er selbst wollte sich damals nicht dazu äußern. Die Antwort hat jetzt also das Amtsgericht gegeben: Nein, der gambische U20-Nationalspieler Daffeh sei wohl in Wahrheit Jatta gewesen“ heißt es in dem Kommentar. Ernsthaft?? Man hat nur „Widersprüche in Frage gestellt“? Indem man in zahlreichen Artikeln suggeriert hat, dass Jatta bei seiner Einreise einen falschen Namen angegeben habe und sich seinen Aufenthalt erschlichen habe? Indem man mit anderen Bundesligaklubs (insbesondere dem 1. FC Nürnberg) gemeinsame Sache gemacht hat und Jatta hinterher-recherchierte? Etliche Mitarbeiter wurden auf den „Fall Jatta“ angesetzt – und bis auf verleumderische Texte ist dabei nichts herausgekommen. „Nur in Frage gestellt“ ist bei einigen offenbar eine sehr dehnbare Umschreibung.

https://soundcloud.com/user-36211795/do100322-nigeria-will-david-vagnoman-will-bleiben-kritik-an-staatsanwaltschaft?utm_source=clipboard&utm_medium=text&utm_campaign=social_sharing

Dass man auch in den Momenten immer weitergemacht hat, in denen ihnen die Beweise um die Ohren flogen, lag zweifellos auch an einer übereifrigen Staatsanwaltschaft. Die kann selbst jetzt noch nicht loslassen. Der Amtsrichter schrieb in seiner Begründung: „Die Geburtsangabe fußt offensichtlich allein auf unüberprüften und überwiegend unüberprüfbaren Presseberichten (der „Bild“; Anm. d. Red.) und Internetrecherchen. Und das ist mehr als ein Schlag in die Weichteile der Staatsanwaltschaft, bei der Verantwortliche schon für weniger dilettantische Niederlagen gehen mussten. 

Aber ebenso wie die BILD sich der Wirkung ihrer Worte immer bewusst war und wollte, das alle Jatta für einen Betrüger hielten, genauso wusste die Staatsanwaltschaft, worauf sie sich eingelassen hatte. Der Fall Jatta war ob der Öffentlichkeitswirksamkeit eine Nummer, mit der sich der/die eine oder andere vielleicht auch profilieren wollte. Und jetzt, wo ihnen allen das Gegenteil bewiesen wird, und sie blamiert wurden, gehen die einen in die Revision und die anderen fordern ausgerechnet von Jatta ein Statement? „Flucht nach vorn“ wird sowas genannt – „einfach nur zum Kotzen“ nenne ich das.

Jatta ist nur einer von vielen zu Unrecht Angeklagten

Und obwohl ich Bakery Jatta nichts mehr gönne als ein wirkliches Ende in dieser Angelegenheit, so sehr hoffe ich, dass Jatta seine rechtlichen Möglichkeiten ausschöpft, um sich hier Gerechtigkeit zu holen. Denn eines ist klar: Jatta ist kein Einzelfall. Er ist nur einer, bei dem wir das mitbekommen haben. Andere Beschuldigte haben derweil nur nicht das Glück einer derart großen, hilfsbereiten und unterstützenden Öffentlichkeit und/oder eines derart loyalen Arbeitgebers. Ihre nicht selten existenziellen Schicksale bleiben einfach nur oft ungesehen.

Auch die HSV Supporters haben sich heute noch mal zu Wort gemeldet und einen sehr deutlichen Appell an alle Ankläger gerichtet: „Wir freuen uns, dass das Amtsgericht Hamburg-Altona die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen Bakery Jatta abgelehnt hat und hoffen, dass damit nun endlich Ruhe in dieser Angelegenheit einkehrt. Wie sehr sich die Verantwortlichen am Gorch-Fock-Wall in diesen „Fall“ verbissen haben, lässt Rückschlüsse auf den Hintergrund der Ermittlung zu: Es ging im Kern nie um die Aufklärung eines vermeintlichen Delikts. Was wir seit Jahren erleben und worunter Bakery seit Jahren leidet, ist vielmehr eine regelrechte Hetzjagd. Befeuert von rassistischen Ressentiments und der Kampagne einer Boulevard-Zeitung hat sich die Staatsanwaltschaft in mehrjährige, kostenaufwändige und unverhältnismäßige Ermittlungen verrannt, als ob es sonst nichts zu tun gäbe in Hamburg. Wir fragen uns, warum die Staatsanwaltschaft die Lächerlichkeit ihres eigenen Handelns nicht erkennt und fordern in aller Deutlichkeit: Legt diesen ‚Fall‘ dorthin, wo er schon lange hingehört – zu den Akten…“ Dass die BILD heute titelt „Fall Bakery Jatta - Supporters mit Kritik an Staatsanwaltschaft“ und die Kritik an sich außen vorlässt – es passt ins BILD... 

Umso besser für mich, dass ich morgen pausieren werde. Muss ich besser gesagt. Morgen wird es also keinen ausführlichen Blog geben, sondern nur den neuen Communitytalk. Und wenn wir schon dabei sind, dann auch gleich noch eine Ankündigung in eigener Sache für die kommende Woche: Da werde ich leider nicht schreiben können. Zu den beiden Spielen werde ich Euch jeweils Bericht erstatten können, aber in der Woche dazwischen werde ich nur sehr partiell am Rechner sein können. Es geht leider nicht anders.

Wollt Ihr euren Gedanken freien Lauf lassen?

Und ich habe auch absolut kein Problem damit, wenn dieser Blog mal für ein paar Tage Pause macht. Tut vielleicht mir und einigen anderen hier sogar mal ganz gut. Aber da ich weiß, dass hier im Blog sehr viele sind, die sich sehr gern schriftlich mitteilen und ebenso etwas zu berichten haben – schreibt mich doch an. Ich habe auch schon einen Artikel von einem User angekündigt bekommen, den ich sehr spannend finde und den ich dann in der kommenden Woche auch veröffentlichen werde. Und dazu dürfen sich gern noch mehr gesellen. Muss nicht sein – darf aber gern. 

Ich fände es auf jeden Fall mal spannend, von denen zu lesen, die hier als Dauer-Kritiker – und damit meine ich ebenso die Kritiker am HSV wie die Kritiker an mir – unterwegs sind. Es würde mich ehrlich gesagt sogar freuen (und mir vielleicht auch verstehen helfen), wenn diejenigen mal Ihre Sichten ausführlich beschreiben. Beispiel: Jörg Brettschneider könnte mal skizzieren, wie eine aus seiner Sicht optimal aufgestellte HSV AG vom Vorstandsboss bis runter zum „kleinsten“ Angestellten aussehen würde. Oder Alex schreibt mal auf, wie sein Trainingsprogramm auf einen Monat (oder erst mal nur eine Woche?) dosiert wäre. Und, was gerade in der aktuellen Phase trainiert werden muss.

Es wäre aus meiner Sicht aber mal ein Versuch, den Blog sinnvoll zu füllen und die Interaktion von Blog und Blog-User:innen mit Leben zu füllen. Aber wie gesagt: Das alles KÖNNEN wir machen – müssen wir aber nicht. Es möge sich jetzt bitte bloß niemand (auch nicht die oben benannten) genötigt fühlen, etwas schreiben zu müssen. Mich freut es auch (größtenteils), wenn Ihr im Forum unterwegs seid.

Und zum Abschluss dann noch ein kurzes Update zum HSV von heute: Sonny Kittel und Sebastian Schonlau pausierten vormittags, um individuell zu trainieren. Moritz Heyer fehlte wegen eines positiven Coronatests. Ansonsten sind alle soweit gesund. In diesem Sinne, bis morgen! Dann mit der Pressekonferenz und einem neuen Communitytalk.

Scholle 

P.S.: Rafael van der Vaart wird Interimstrainer beim dänischen Zweitligisten Esbjerg fB. Das gab der Club heute bekannt, nachdem zuvor der deutsche Trainer Roland Vrabec beurlaubt worden war. Van der Vaart übernimmt dessen Aufgaben zusammen mit dem anderen bisherigen Co-Trainer Michael Kryger, bis der Club einen Nachfolger gefunden hat. Der 39 Jahre alte Ex-HSV-Profi lebt derzeit in Dänemark, da seine Lebensgefährtin Estavana Polman dort als Handball-Profi aktiv ist. Esbjerg hat nur noch theoretische Chancen, die Aufstiegsrunde der 2. Liga zu erreichen.

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