Dem HSV läuft bei der Kaderplanung langsam die Zeit davon
Die Nachricht, dass sich Sonny Kittel einen Haarriss im Knochen zugezogen hat, dürfte Jonas Boldt nicht ruhiger werden lassen. Denn so ruhig er derzeit auch nach außen über die…

Die Nachricht, dass sich Sonny Kittel einen Haarriss im Knochen zugezogen hat, dürfte Jonas Boldt nicht ruhiger werden lassen. Denn so ruhig er derzeit auch nach außen über die Kaderplanung sprechen mag, so weiß auch er, dass die Zeit mit „knapp“ nur unzureichend beschrieben ist. Denn so logisch spätere Transfers angesichts der finanziellen Situation des HSV in Relation zu dem intern unverändert geltenden Ziel Wiederaufstieg auch sind: So viele Positionen noch neu bzw. umbesetzen zu müssen, das ist schon hart. Das äst eine richtig gute Vorbereitung kaum zu.
Kittel verschärft die Personalsituation
Denn angefangen auf der Torhüterposition, auf der sich Daniel Heuer-Fernandes zwar ein paar Pluspunkte erarbeiten, diese aber aktuell verletzungsbedingt nicht bestätigen kann, sucht der HSV quasi noch in allen Mannschaftsteilen. Und zwar keine talentierten Ergänzungen, die man immer mal etwas später holen und entspannt mit einbauen kann – sondern potenzielle Stammspieler. Wie gesagt, angefangen bei der Torwartposition, wo sich der neue Trainer Tim Walter noch keine hundertprozentige Sicherheit holen konnte und kann, steht auch hinter dem Rechtsverteidiger noch ein Fragezeichen. Ebenso hinter der Besetzung der zentral-defensiven Mittelfeldposition, den Außenstürmerpositionen sowie der Besetzung des Mittelstürmerpostens. Zu viel zu seinem so späten Zeitpunkt.
Zumindest zu viel, um sich wirklich gut auf den ersten Spieltag vorzubereiten, der schon in zwei Wochen ist. Dass das natürlich keiner die Verantwortlichen so bestätigen wird ist klar. Man lebt Ruhe vor. Im Gegenteil: Der Veranstalter lobt immer die eigene Veranstaltung. Und deshalb suggeriert man hier – vielleicht auch zurecht – dass man intern noch auf ein, zwei oder nominell große Deals setze, die sich erst dann realisieren ließen, wenn andere Optionen für diese Spieler ausgeschieden sind. Aber auch da würde ich meine Bedenken anmelden. Denn gerade diese Spieler, die den HSV als eine ihrer letzten Optionen ansehen, sind selten die Spieler, die beispielsweise Horst Hrubesch nach seiner kurzen Interimszeit als Trainer eingefordert hatte: Spieler mit Identifikation für den Klub und dem unbedingten Willen, sich hier speziell über den HSV hochzuarbeiten.
Dass ich an dieser Stelle ausgerechnet den Spieler als Beispiel nehme, dem ich den mit weitem Abstand größten Sprung noch zutraue, tut mir weh. Denn ich bin von den fußballerischen Fähigkeiten eines Amadou Onanas zu 100 Prozent überzeugt. Ich bin mir sicher, dass der junge Belgier am Ende seiner Entwicklungsmöglichkeiten bei den Großen dieser Fußballwelt mithalten können wird. Aber: Dass seine Schwester als Beraterin nach dieser auch aus Onanas persönlicher Sicht mehr schlechten als rechten Saison gleich den „nächsten Schritt“ über einen Wechsel anstrebt, das ist kein gutes Zeichen. Anstatt dass Onana sagt „Das war noch lange nicht, was ich kann und was ich zeigen will“ und dabei Ruhe zu bewahren, bis die Großen von sich aus kommen, feuert die Schwester nicht nur den vorherigen Berater, sondern haut selbst noch auf die ganz große Trommel.
Ein Verhalten, das ich im Amateurfußball leider immer wieder zu Gesicht bekomme. Auch dort ist Selbstkritik ein Fremdwort und alle schlechten Leistungen/schwachen Saison liegen immer nur an dem zu schwachen Umfeld. Wenn junge und zweifellos talentierte Spieler an Verletzungspech und/oder mangelhafter Einstellung (die unterstelle ich Onana übrigens ABSOLUT NICHT!!) in ihrer ersten Saison nicht den nächsten Leistungsschritt gehen, wollen sie „den nächsten Schritt“ eben über einen Wechsel in ein höherklassiges Team machen. Es ist ja nicht der Spieler selbst zu schwach oder inkonstant gewesen, sondern das eigene Talent wurde schlicht nur verkannt. Man ist also eher überqualifiziert als noch nicht so weit.
Aber zurück zu Onana, dessen Wechselgedanken ja auch nicht allein aus dem Hause Onana stammen. Der HSV wird die Schwester sicher auch dazu animiert haben, für den jungen Mittelfeldspieler einen Interessenten zu suchen, da man das Geld aus diesem potenziellen Verkauf gut gebrauchen kann. Gegen den Jungen sage ich hier daher auch ausdrücklich absolut gar nichts. Im Gegenteil: Onana wirkt klar im Kopf und hat so viel im Fuß, dass ich ihm wie oben beschrieben eine extrem gute Karriere zutraue.
Onana als mahnendes Beispiel
Aber der Umgang mit ihm ist aus meiner Sicht falsch. Denn ihm zu signalisieren, dass er gehen könnte, wenn ein anderer Verein kommt, anstatt eben auf diesen zu warten – es wird ihm (leider) wahrscheinlich nicht guttun. Denn der junge Mann, der schon altersbedingt mit solchen Situationen noch kaum Erfahrungen hat sammeln können, hat doch ebenso wie seine Schwester, die ihn berät, seit Wochen weniger die HSV-Entwicklung im Blick als den Welt-Fußballmarkt.
Und allein schon, dieses Kopfkino auszuschalten und den Fokus zu 100 Prozent zurück auf den relativ kleinen HSV zurückzulenken ist aus meiner Sicht nicht möglich. Auch nicht bei Onana, der mir bei seinem ersten Interview zu Beginn seiner HSV-Zeit mit einer mentalen Klarheit imponiert hat. Warum ich das alles schreibe? Ganz einfach: Weil man auch diese Umstände in eine Kaderplanung mit einbeziehen muss.
Man hätte bei Onana immer sagen können: „Der Junge hat so viel spannendes Potenzial, dass wir ihn gern halten wollen. Aber wenn irgendwann der nächste Schritt für ihn möglich ist, müssen wir damit rechnen, dass wir ihn verkaufen müssen.“ Denn das würde zum einen die Wertschätzung für den Spieler an sich betonen und das Vertrauen zwischen Verein und Spieler stärken. Zudem würde es nach außen signalisieren: Diesen Jungen geben wir nicht einfach so her! – was wiederum den Preis stärkt.
Allein es kam anders. Aktuell wird Onana von seiner Schwester ins große Schaufenster gestellt und der Spieler selbst sinnt auf einen Wechsel, heißt es. Schade. Denn alles das macht es schwer, Onana fest einzuplanen. Mit Jonas Meffert hat der HSV zwar schon einen guten, neuen Sechser verpflichtet, aber neben Onana soll ein anderer Sechser gehen: Klaus Gjasula.
Der hatte schon unter Daniel Thioune einen schweren Stand und soll in den letzten Wochen vom HSV darüber informiert worden sein, dass er sich einen anderen Verein suchen soll/darf. Zwischenzeitlich soll sogar das Modell angesprochen worden sein, Gjasula zum Führungsspieler für die ganz jungen Spieler in der U21 zu machen.
Auch Gjasula soll sich neuen Klub suchen
Aber wichtiger noch als das: Auch im zentral-defensiven Mittelfeld hat der neue Trainer bis auf Meffert und den Allrounder Moritz Heyer noch keine Planungssicherheit. Es ehrt Walter, dass er so ruhig bleibt. Es spricht auch für die Wahl bzw. die Vorgespräche des HSV, dass man zumindest diese Baustelle ausschließen konnte. Denn man stelle sich nur mal vor, der HSV hätte beispielsweise Markus Anfang als neuen Trainer geholt! Der stellt sich eigentlich in jedem Jahr und bei jedem Klub hin und kritisiert die Kaderzusammenstellung. So geschehen in Kiel, in Köln und auch aktuell bei Werder Bremen. Wäre auch diese Baustelle beim HSV aufgemacht worden, der HSV hätte neben den Beirats-Wirrungen gleich das nächste Kasperletheater – wohlgemerkt hausgemacht.
Dennoch muss auch Walter natürlich zusehen, dass er seine Vorbereitung so absolviert, dass sie am Ende mit den an ihn gestellten Ansprüchen koaliert. Er wird es sein, der am Ende an den Punkten gemessen wird. Dann wird niemand mehr nach den Bedingungen in der Vorbereitung fragen. Und schon deshalb hoffe ich für den HSV, dass Sportvorstand Jonas Boldt und sein Sportdirektor Michael Mutzel sowie das gesamte Scoutingteam hier einen Transferplan haben, der schnell aufgeht. Denn in diesem Fall spielt die Zeit dem HSV vielleicht finanziell in Sachen Neuzugänge in die Karten – nicht aber Tim Walter und der optimalen Vorbereitung…
Walter bleibt zum Glück (noch) ruhig
In diesem Sinne, heute Mittag spielt der HSV zum Abschluss des Trainingslagers gegen den FC Augsburg (HSVtv überträgt kostenpflichtig live), der laut „kicker“ offenbar kurz vor der Verpflichtung meines Wunsch-Sechsers Niklas Dorsch steht. Und das mit einer Rumpfelf, zugegebenermaßen. Schon dieses Spiel wird demonstrieren, was ich mit diesem Blog ausdrücken möchte. Denn neben dem oben genannten Kittel fallen auch Heuer-Fernandes und Josha Vagnoman sicher aus. David Kinsombi musste das gestrige Training schmerzbedingt abbrechen. Wirklich auf den Saisonstart hinarbeiten kann Walter so nur partiell. Wobei, wir können natürlich auch versuchen, es wie der Trainer positiv zu sehen und sagen: So kann sich wenigstens mal die zweite Reihe (immerhin mit so tollen Talenten wie Anssi Suhonen) beim HSV über einen längeren Zeitraum beweisen und in den Vordergrund spielen…
In diesem Sinne, morgen meldet sich Joscha noch einmal mit seinem persönlichen Trainingslagerfazit bei Euch. Bis dahin!
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