Analyse

Dem HSV fehlt Qualität

„Dass am Ende gerade an diesem heutigen Tage nicht der Sieg rausgesprungen ist, ist natürlich doppelt bitter“, sagte HSV-Kapitän Sebastian Schonlau nach dem bitteren und…

Dem HSV fehlt Qualität

„Dass am Ende gerade an diesem heutigen Tage nicht der Sieg rausgesprungen ist, ist natürlich doppelt bitter“, sagte HSV-Kapitän Sebastian Schonlau nach dem bitteren und schwach gespielten 0:1 gegen Hansa Rostock zurecht. 90 Minuten zuzüglich der acht Nachspielminuten hatten dem HSV nicht gereicht, um gegen die ebenso tapfer kämpfenden wie schlagbaren Gegner von Nordrivale Hansa Rostock ein Tor zu erzielen und dem größten HSVer aller Zeiten, Uwe Seeler, damit eine letzte Ehre zu erweisen. Was besonders auffällig ist: Die Mannschaft von Trainer Tim Walter hat zum Start zum zweiten Mal schwach gespielt. In Braunschweig (2:0) reichte es dank Torjäger Robert Glatzel noch zum Sieg. Diesmal nicht mal mehr das.

Umso überraschender war für mich die Schlussfolgerung Walters nach dem Spiel: „Wir haben es bedeutend besser gemacht als in der letzten Woche“, befand der HSV-Coach, gab dann aber auch gleich zu: „Eine Konterchance haben wir zugelassen. Die war letztendlich drin.“ Bemerkenswert: Erstmals seit 23 Heimspielen hat das Team kein Tor mehr geschossen. Das passierte letztmals im Februar 2021. Damals war Daniel Thioune noch HSV-Trainer. Und der eilt aktuell mit Fortuna Düsseldorf von Sieg zu Sieg.

War die Vorbereitung trügerisch?

Es scheint, als hätte die Saisonvorbereitung mit guten Ergebnissen getäuscht. Oder zu sicher werden lassen, dass man gut drauf ist. Die Siege gegen Thessaloniki und insbesondere das gute 5:1 gegen den FC Basel haben die Mannschaft eingelullt. Auch Walter hatte sein Team vor dem Saisonstart auf einem deutlich höheren Niveau gesehen. „Wir sind eingespielter, wir haben einen anderen Standard“, hatte er einen Vergleich zur Vorsaison gewagt und gemeint: „Wir sind auf einem ganz anderen, höheren Niveau. Wir nehmen die Herausforderung an, Favorit zu sein.“

Und vielleicht will man das auch wirklich. Man ist dieser Rolle bislang aber noch nicht gerecht geworden. Meine Bitte: Es ist sicherlich unseriös, nach zwei Spieltagen schon klare Tendenzen ablesen zu wollen.  Wie alle Konkurrenten in der Zweiten Liga ist auch der HSV nach der sehr kurzen Vorbereitungszeit im Unklaren, wohin die Reise gehen wird. Aber man muss den Anfängen auch wehren – und die sind nun mal sehr deutlich. Nach einem taktisch katastrophal geführten ersten Spiel bei Eintracht Braunschweig stand man gegen harmlose Rostocker defensiv deutlich besser. Aber: Dafür fand man offensiv erst in den letzten zehn Minuten wirklich statt. Walter bemängelte gegen Hansa Rostock daher auch völlig zurecht fehlende Qualität. „Es geht darum, seine Leistung auf den Platz zu bringen. Die haben heute einige nicht gebracht, da hat es einfach an Überzeugung gefehlt. Uns fehlt es vorne an der Präzision, an den Bewegungen.“

Klar ist, dass erst durch Bewegung Räume und somit Möglichkeiten entstehen. Und die gab es im HSV-Spiel nicht. Ich habe sie bei den Außenstürmern Sonny Kittel nur in der ersten Hälfte sowie bei Ransford Königsdörffer gar nicht erkennen können. Auch Kreativspieler Laszlo Benes war allenfalls als Teilzeitkraft unterwegs. Als Verstärkung war aber niemand von den Dreien zu sehen. Wirklich gefährliche Situationen konnten sie allesamt nicht einleiten. Es wurde statt in die Tiefe immer wieder in die Breite gespielt. Und für alle Theoretiker unter uns: Dass man es so auf 73 Prozent Ballbesitz bringt, ist weniger ein Indiz für Überlegenheit denn für Einfallslosigkeit. Oder wie es Walter formulierte: „Nur Tempo, wenn keine Tiefe da ist, ist schwierig.“

Trainer Tim Walter spricht von nötigen Verstärkungen

Der Trainer sagte auch deutlich, was er braucht: einen Spieler auf dem Flügel. Xavier Amaechi hat erste gute Ansätze gezeigt und sich dann wieder verletzt, Bakéry Jatta ist schon seit längerem raus und wird auch vor dem Herbst nicht zurückkehren. „Es dauert noch, die Muskelverletzung war zu schwerwiegend“, so der Trainer, um zu erklären: „Die Muskelkraft ist noch nicht wieder zurück und da müssen wir einfach aufpassen. Seine Energie fehlt uns.“

Auch deshalb werde intern die Rechenschieber bemüht und die Hoffnungen auf Weiterverkaufsbeteiligungen bei Filip Kostic und vor allem Amadou Onana gehegt. Sie würden dem HSV nach bereits 7,2 Millionen Euro Ausgaben bei 3,5 Millionen Euro Einnahmen für Josha Vagnoman helfen, noch einmal offensiv nachzulegen.

Fast noch wichtiger als das ist aus einer Sicht aber, dass man den aktuellen Kader jetzt nicht mehr durch lukrative Verkäufe schwächt. Soll heißen: Abwehrstabilisator Mario Vuskovic (der sich zum Glück nur ein Band am Daumen gerissen hat und gegen Bayreuth im Pokal schon wieder spielen will) und der einzige Spieler mit Ideen im Mittelfeld, Ludovit Reis, müssen unbedingt gehalten werden, sofern man nicht mindestens gleichwertigen Ersatz sofort parat hätte. Glücklicherweise scheinen die HSV-Verantwortlichen das ähnlich zu sehen. Aber hört selbst:

Was Walter allerdings nicht so sieht wie viele andere ist, dass seine Plan-A-Taktik bei vielen Gegnern bekannt ist und es zu einfach ist, dem HSV vorn die Räume zuzustellen. Klar hätte Robert Glatzel in der 83. Minute das 1:0 machen müssen. Da bin ich bei Euch. Aber die nach dem 2:0 in Braunschweig bemühte Schlussfolgerung, dass der HSV endlich auch hässlich Spiele gewinnt, gehe ich noch nicht mit. Dafür fehlt mir die offensive Variabilität. Und die muss Walter bei seinem Team wiederherstellen. Ob das über neue Spieler oder eine nachjustierte Taktik funktioniert, ist mir ehrlich gesagt fast egal. Wichtig ist nur, dass man nicht wieder anfängt, Dinge schöner zu reden, als sie sind. Und zumindest hierbei habe ich bei Walter ein sehr gutes Gefühl.

In diesem Sinne, Euch allen erst einmal einen schönen Abend. Morgen verrät uns unser Blogfreund Dr. Olaf Ringelband, welche Erkenntnisse er aus dem Spiel und dem Auftreten der Mannschaft samt der Offiziellen ziehen konnte. Bis dahin, bleibt gesund!!

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