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Dem HSV fehlt der „dritte Bereich“ - Thorup ein Kandidat?

Als gestern die Nachricht reinkam, dass der HSV Schonlau aus Paderborn verpflichten wurde, haben ich mich zunächst gefreut. Der Innenverteidiger gilt als zuverlässiger Spieler.…

Dem HSV fehlt der „dritte Bereich“ - Thorup ein Kandidat?

Als gestern die Nachricht reinkam, dass der HSV Schonlau aus Paderborn verpflichten wurde, haben ich mich zunächst gefreut. Der Innenverteidiger gilt als zuverlässiger Spieler. Als einer, der nicht durch seine Genialitäten auf sich aufmerksam macht, sondern durch seine Konstanz. Und genau davon braucht der HSV noch eine ganze Menge Spieler. Es bedarf hier nicht mehr besondere Momente einzukaufen, sondern den sportlichen Alltag qualitativ zu stärken. Insofern ist Schonlau, über den ich persönlich nichts weiß und über den ich mich nur über andere informieren konnte, nominell erst einmal eine sehr nachvollziehbare Wahl. „In Paderborn ist er zu einer Persönlichkeit gereift. Er hat den Ehrgeiz, sich zu entwickeln. Ja, ich hätte ihn gerne mit nach Köln genommen“, hat Trainer Steffen Baumgart über seinen Bald-Ex-Spieler der BILD gesagt. Und das klingt gut. Gerade aus dem Munde eines Arbeiters wie Baumgart.

Dennoch:  Ob Schonlau wirklich eine gute Wahl war, wird sich erst noch zeigen. Denn wie sagte mir ein guter Bekannter, der beim HSV arbeitet, zuletzt so richtig: „Es ist schon unglaublich, was dieser Klub aus einem Menschen macht“. Und damit meinte er nicht die Fans – sondern die Offiziellen und noch mehr die Spieler. Und so, wie Schonlau gestern in Foren und einzelnen Medien schon zu einem „Toptransfer“ hochgehypt wurde, wurden zuletzt Spieler wie Klaus Gjasula als „Mentalitätsmonster“ und ein David Kinsombi als „Königstransfer“ und „absoluter Leistungsträger“ vorabgefeiert – um dann zu enttäuschen.

Von daher will ich Schonlau überhaupt nichts Böses, wenn ich ihn hier nicht als „Toptrabsfer“ feiere. Ich will ihm vielmehr mit meinen bescheidenen Mitteln zumindest hier im Blog helfen, wenn ich die Hoffnungen in ihn moderat halte. Ich versuche, dem Spieler damit nur den Raum zu geben, in dem er sich noch entwickeln kann. Soll heißen: Freundlich empfangen, aufs Beste hoffen – aber noch nicht das Maximale erwarten. Denn ansonsten kann er nur noch enttäuschen.  Wie zum Beispiel die beiden vorher Genannten.

Denn ich bleibe dabei, dass ich Spieler nicht allein daran messe, wie geil sie dribbeln und was für eine Schusstechnik sie haben. Auch Tore sind für mich kein Allheilmittel. Besondere Momente sind schön anzusehen – aber sie sind nichts wert, wenn die Basics nicht vorhanden sind. Aber okay, wem erzähle ich das? Ihr verfolgt den HSV in den letzten zehn Jahren ja alle genau so intensiv wie ich und bekommt es Jahr für Jahr gnadenlos vor Augen geführt.

Ich kann schon kaum noch nachzählen, wie oft ich hier am Rechner saß und darüber philosophiert habe, was dem HSV fehlt und was er verbessern muss. Immer dabei: Spieler mit Charakter. Und diesmal bin ich bei meiner Recherche über einen meiner bislang interessantesten Interviewgäste – Hermann Gerland - auf ein Zitat von Mehmet Scholl gestoßen. Der sagte mal bei meinem Kollegen Kai Traeman im Podcast folgendes (über seinen eigenen Sohn wohlgemerkt), als er gefragt wurde, wie er Spieler beurteilen würde:

„Der erste Bereich ist: Was kann er technisch, taktisch, wie stoppt er, wie passt er, wie dribbelt wer, wie verhält er sich? Da ist der Lucas bei 100 Prozent, das ist erfüllt. Der zweite Bereich ist körperlich: Wie ist die Athletik, wie ist die Physis, wie ist die Ausdauer? Wie ist der Körperbau? Da ist er bei 60 Prozent. Und eigentlich der wichtigste Bereich: Wie ist der Charakter? Wie reagiert ein Spieler, wenn‘s eng wird? Wird er besser, lehnt er sich auf, legt er eine Schippe drauf oder bricht er weg? Und da ist der Lucas bei 30 Prozent. Und wenn du die dritte Kategorie nicht erfüllst, ist‘s scheisse. Wenn du die zweite nicht hundertprozentig erfüllst, ist‘s scheisse. Und die erste - da gibt es viele.“

Mehmet Scholl über seine Kriterien, wie er Fußballer bewertet

Und in der Kaderkonstellation sind davon zu viele aktuell beim HSV. Trotz der zugekauften „Säulenspieler“ Ulreich, Leistner, Gjasula und Terodde, von denen am Ende keiner mehr zu überzeugen wusste. Selbst ein Lautsprecher wie Toni Leistner fand mit seinen drastischen Worten in der Halbzeit in Regensburg zwar kurz das Gehör seiner Spieler – aber die Wirkung hielt lediglich knapp 45 Minuten. Auch, weil sich diese Mannschaft intern verbraucht hatte. Sich schweren Phasen entgegenzustemmen war nicht mehr drin. Womit wir wieder beim Thema Charakter sind.

Zuletzt hatte ich an dieser Stelle gesagt (im Blitzfazit) und geschrieben (im Blog), dass es mir suspekt ist, wenn Spieler unmittelbar mit einem Trainerwechsel leistungstechnisch eine 180-Grad-Wendung hinlegen. David Kinsombi war mir hierbei aufgefallen. Sportlich positiv gegen den KSC und in der Relation zum Komplettversagen seiner Kollegen auch in Teilen gegen Osnabrück. Aber genau so, wie ich mich die Jahre zuvor gefragt habe, was aus dem starken Mannschaftskapitän Kinsombi Kieler Tage geworden ist, habe ich da gefragt: Warum geht es so plötzlich…?

Kinsombi ist ein Streichkandidat

Ich habe jetzt ein paar Listen mit Namen gelesen von HSV-Profis, die weg sollen. Aus HSV-Kreisen sind einige Namen davon bestätigt, andere nicht. Bei mir wäre Kinsombi ein Streichkandidat, weil er abgesehen von seinen sehr durchwachsenen Leistungen in schwierigen Phasen bewiesen hat, dass man sich eben nicht auf ihn verlassen kann. Ebenso wie Gideon Jung, bei dem man ehrlich gesagt vor allem dem HSV den Fehler ankreiden muss, nicht schon längst das Kapitel beendet zu haben. Denn parallel zu den dürftigen sportlichen Leistungen Jungs hat der HSV Jung immer wieder öffentlich enteiert, indem man ihn in jeder Transferphase feilbot. Dass er da nicht in Osnabrück auf den Platz läuft und vor Selbstvertrauen strotzende das Ruder in die Hand nimmt – das ist menschlich sogar nachvollziehbar. Es war zu erwarten.

Sicher ist auch, dass der HSV sich schon mehr erlaubt hat, als der Klub eigentlich verkraften kann. Wirtschaftlich hat man keine Rücklagen. Positiv betrachtet kann man in diesem Zusammenhang die ablösefreie Verpflichtung Schonlaus noch einmal loben. Andererseits muss man auch konstatieren, dass die sportliche Leitung des HSV jetzt unter noch größerem Druck steht. Sie muss mit weniger Mitteln mehr erreichen. Und ich kann nur hoffen, dass man bei der Auswahl der Spieler ähnlich vorgeht, wie es Scholl gemacht hätte.

Sicher ist auch, dass der HSV sich schon mehr erlaubt hat, als der Klub eigentlich verkraften kann. Wirtschaftlich hat man keine Rücklagen. Positiv betrachtet kann man in diesem Zusammenhang die ablösefreie Verpflichtung Schonlaus noch einmal loben. Andererseits muss man auch konstatieren, dass die sportliche Leitung des HSV jetzt unter noch größerem Druck steht. Sie muss mit weniger Mitteln mehr erreichen. Und ich kann nur hoffen, dass man bei der Auswahl der Spieler ähnlich vorgeht, wie es Scholl gemacht hätte.

Apropos Bayern:  Hermann Gerland wäre für mich noch immer die Wunschlösung als Cotrainer beim HSV. Seine Werte hat er mir mal in einem sehr langen Interview fürs Hamburger Abendblatt erläutert. Damals wollte ich eigentlich nur ein paar Sätze zum HSV-Zugang Paolo Guerrero hören und bekam das volle „Paket Hermann Gerland“ am Hörer. Denn der Bayern-Nachwuchschef beleidigte den unter ihm zum Profi herangewachsenen Guerrero in den gefühlt ersten 50 Sätzen zunehmend. Er stellte ihn fast so dar, als sei er nicht geeignet, als Fußballprofi zu arbeiten. Und das alles nur, um mir dann zu erläutern, wie stolz er sei, dieses faule, übergewichtige, undisziplinierte einst als Trainer geformt zu haben.

Denn Gerland konnte genauso loben, wie er kritisiert. Und Guerrero hatte seinerzeit jugendliche Dummheiten im Kopf und war als Nachwuchstürmer so gefeiert worden, dass ihm die Komplimente zu Kopf gestiegen waren.  „Wenn einer meint, abheben zu müssen, dann hänge ich mich eigenhändig unten ran. Und bei meinem Gewicht fliegen die keine zehn Zentimeter hoch.“ Das sagte Gerland zuletzt der Welt. Und genau DAS ist der Gerland, den ich in meinem Gespräch kennenlernen durfte. Was würde ich mich freuen, so einen Disziplinfanatiker im HSV-Trainerteam zu sehen… Aber wie so oft beim HSV dieser Tage sticht die Realität hier wohl leider den Wünsche wieder aus.

Kommt der neue Trainer aus Dänemark?

Apropos interessant: Der Coach des FC Kopenhagen, Jess Thorup, steht laut „Sport Bild“ auf der internen Liste der HSV-Bosse. Thorup liegt mit seiner Mannschaft aktuell auf Platz drei in Dänemarks Superligaen und hat noch Chancen auf die Meisterschaft.  Das ist schon spannend, auch, dass der Trainer beim FCK wohl trotzdem nicht unumstritten ist. Am interessantesten aber finde ich, wo Thorup davor war. Denn seine größten Erfolge feierte der 51-Jährige mit dem FC Midtjylland, den er zwischen 2015 und 2018 trainierte und der für mich das Abbild eines Klubs ist, der seinen Erfolg auf Konsequenz aufgebaut hat. Dort ist man wider alle Vorurteile und Vorverurteilungen von außen neue Wege gegangen. Das Ergebnis: Man hat Erfolge gefeiert, weil man einer Überzeugung mehr Raum eingeräumt hat als der Kurzfristigkeit. 2018 sprang sogar so die dänische Meisterschaft heraus. Und für alle, die mehr wissen wollen, warum ich Midtjylland so spannend finde, hier ein toller Bericht meines Kollegen Biermann aus dem Magazin „11 Freunde“ aus dem Jahr 2016.

Fazit: Ich würde es begrüßen, wenn der HSV seinen Spielerkader radikal auf das runterbricht, was er braucht: Charakterstärke. Dazu gehört es zwingend, diese von oben vorzuleben. Mit klaren Entscheidungen in Sachen Trainerprofil. Vor allem aber mit Entscheidungen, die verdeutlichen, dass hier alle und alles den Vereinszielen untergeordnet werden. Oder wie Mehmet Scholl es so schön sagte: Kategorie drei muss erfüllt sein. Den Rest haben viele…

In diesem Sinne, bis morgen! Dann mit den im Gegensatz zu meinen deutlich wissenschaftlicheren und fundierten Ausführungen zum Thema Charakter von meinem Freund Dr. Olaf Ringelband. Bis dahin wünsche ich Euch allen erst einmal einen schönen Abend!

Scholle 

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