Defensive Schwachstellen: Diesem HSV fehlen Stabilität und alte Tugenden
Nach dem 0:5 in Leipzig steht der HSV mit 0:12 Toren am Tabellenende. Es fehlen Stabilität, alte Tugenden, die nötige Qualität in der Defensive - und ein Umdenken von Trainer Polzin

Es gab am Sonntag in Leipzig tatsächlich Momente, in denen der HSV besser aussah als noch eine Woche zuvor beim 0:5 gegen Mainz. Die Mannschaft begann engagierter, kam auch nach der Pause zunächst mit Energie aus der Kabine und erspielte sich sogar Möglichkeiten. Aber seien wir ehrlich: Wenn man am Ende erneut mit 0:5 verliert, innerhalb von nur fünf Minuten drei Gegentore kassiert und über weite Strecken wieder viel zu weit vom Gegner entfernt steht, dann helfen auch diese wenigen ordentlichen Phasen nicht weiter. Sie machen das Ergebnis vielleicht erklärbarer – aber keinen Deut weniger erschreckend.
Der HSV steht nach drei Spieltagen mit null Punkten und 0:12 Toren am Tabellenende. Und dort steht er derzeit vollkommen zu Recht. Auf dem Platz läuft noch nichts wirklich zusammen. Die Abstände stimmen nicht, die Abläufe greifen nicht, die Mannschaft verteidigt weder geschlossen noch entschlossen und produziert dazu individuelle Fehler in einer Häufigkeit, die auf diesem Niveau gnadenlos bestraft wird. Wer dem Gegner Tore derart bereitwillig anbietet, braucht sich über fünf Gegentreffer nicht zu wundern. Das 0:5 in Leipzig war kein unglücklicher Ausrutscher, sondern das nächste Alarmsignal.
Zu weit weg, zu passiv, zu wenig Druck
Was mich dabei besonders stört, ist die Art und Weise, wie der HSV verteidigt. In Leipzig standen die Spieler häufig zwei Meter vom Gegenspieler entfernt. Die Körperspannung entsprach in etwa der eines Regenwurmes und man ließ RB den Ball immer wieder in aller Ruhe annehmen, den Kopf heben und die nächste Aktion vorbereiten. Es wirkte phasenweise wie eine passive, willenlose Raumdeckung – wobei ich mir sicher bin, dass diese Form der Zurückhaltung nicht so gewollt war. Falls doch, war sie falsch. Falls nicht, wurde der Matchplan von der Mannschaft nicht umgesetzt. Und egal wie: Beides muss aufgearbeitet werden.
Denn Leipzig hatte selbst Probleme, war nach Niederlagen gegen Bremen und in der Champions League keineswegs voller Selbstvertrauen und hätte viel häufiger früh attackiert und unter Druck gesetzt werden müssen. Leipzig war nicht einmal in Topform – und trotzdem diese 5 Tore besser. Dabei hätte der HSV gezielt Druckphasen erzeugen, RB zu schnellen Entscheidungen zwingen und das Stadion unruhig machen können. Genau das geschah aber viel zu selten. Stattdessen durfte sich Leipzig nach der Anfangsphase sortieren, das Spiel übernehmen und sich den HSV Stück für Stück zurechtlegen.
Hinzu kommen Lauf- und Zweikampfwerte, die schon in der vergangenen Saison Anlass zur Sorge gaben und auch jetzt wieder verheerend wirken. Natürlich gewinnt man ein Fußballspiel nicht automatisch, nur weil man mehr Kilometer zurücklegt. Laufleistung ohne Struktur ist auch wirkungslos. Aber wenn eine Mannschaft spielerisch noch nicht gefestigt ist, defensiv wackelt und sich selbst als Arbeiterteam versteht, darf sie bei Intensität, Sprints und zurückgelegten Metern nicht regelmäßig hinterherlaufen. Die Frage ist nicht, ob das einmal passieren darf. Die Frage ist, ob ein solcher Trend auf Dauer gut gehen kann. Meine Antwort ist klar: nein.
Polzin ist der richtige Mann – aber auch er muss zurück zu seinen Tugenden
Merlin Polzin ist für mich auch in dieser schwierigen Situation der absolut richtige Trainer für den HSV. daran ändert sich für mich zunächst nichts und diese Überzeugung ist kein Trotz, sondern meine Beobachtung aus der vergangenen Saison. Er hat dieser Mannschaft Stabilität, Zusammenhalt und eine klare Identität gegeben, sie zum Aufstieg geführt und anschließend den Klassenerhalt souverän dank eines immer agil umgesetzten Lernprozesses geschafft. Weil er sich selbst nicht zu fein war, dazuzulernen, Dinge zu hinterfragen und eigene Entscheidungen ggf. einzukassieren. Genau das hat ihn bei mir ein Vertrauen gewinnen lassen, das er jetzt verdient. Deshalb halte ich auch nichts davon, nach drei Spieltagen in blinden Aktionismus zu verfallen oder die Trainerfrage aufzublasen.
Aber: Vertrauen ist definitiv auch kein Freibrief. Auch Polzin muss sich jetzt nach diesem Start hinterfragen und aus den Fehlern dieser Spiele lernen. Er muss wieder stärker zu jenen Tugenden zurückfinden, mit denen er selbst den HSV aufgerichtet hat: Klarheit, Mut, Konsequenz und das kompromisslose Leistungsprinzip. Gegen Leipzig hätte seine Mannschaft häufiger nach vorn verteidigen, den Gegner früher anlaufen und viel aggressiver in die Zweikämpfe kommen müssen. Wenn diese Vorgaben gemacht wurden, muss der Trainer klären, warum sie auf dem Platz nicht umgesetzt wurden. Wenn sie nicht gemacht wurden, hätte er seinen eigenen Ansatz korrigieren müssen.
Gerade jetzt braucht der HSV keinen Trainer, der seine Spieler öffentlich fallen lässt. Polzin macht es richtig, wenn er sich vor seine Mannschaft stellt. Intern muss es allerdings vollkommen anders aussehen. Dort müssen Fehler klar benannt, Konsequenzen gezogen und Leistungen ehrlich bewertet werden. Treueschwüre allein gewinnen keine Spiele. Entscheidend ist, ob Polzin seine Mannschaft wieder erreicht und ihr jene Haltung vermittelt, die sie in den vergangenen anderthalb Jahren so stark gemacht hat.
Auch die unmittelbar bevorstehende Vertragsverlängerung sollte nicht grundsätzlich infrage gestellt werden. Der gemeinsame Weg bleibt richtig. Aber nach zwei 0:5-Niederlagen in Folge wäre aus meiner Sicht nicht der geeignete Moment, um demonstrativ Vollzug zu melden. Erst muss der sportliche Fokus vollständig auf der Reaktion gegen Köln liegen. Ein Erfolgserlebnis würde anschließend einen wesentlich besseren Rahmen schaffen. Das wäre kein Abrücken von Polzin, sondern schlicht ein kluger Umgang mit Timing und Außenwirkung.
Diese Defensive reicht qualitativ nicht aus
Mindestens ebenso deutlich muss man über die Kaderplanung sprechen. Der HSV ist in der Defensive qualitativ zu 100 Prozent unterbesetzt. Shafiq Nandja, der für den verletzten Sebastiaan Bornauw in die Mannschaft rückte, besitzt ohne Zweifel Talent. Aber der 19-Jährige kann noch nicht die Qualität und Stabilität haben, um in einer ohnehin wackeligen Innenverteidigung sofort Sicherheit auszustrahlen. Ihn nach seinem Fehler jetzt Vorwürfe zu machen, wäre unfair und würde am eigentlichen Problem vorbeigehen.
Nandja könnte sich an der Seite eines gestandenen, stabilen und führungsstarken Innenverteidigers hervorragend entwickeln. Genau einen solchen Partner hatte die HSV-Abwehr in der vergangenen Saison mit Luka Vušković. Der Kroate fing Fehler ab, gewann entscheidende Duelle, gab seinen Nebenleuten Sicherheit und verlieh der gesamten Defensive eine Präsenz, die heute schmerzlich fehlt. Das größte Problem hieran: Er wurde nicht einmal ansatzweise adäquat ersetzt.
Bornauw sollte dieser Baustein werden, ist aktuell aber verletzt. Jordan Torunarigha, Warmed Omari und auch der derzeit völlig außer Form geratene Nicolás Capaldo vermitteln momentan nicht die notwendige Verlässlichkeit. Bei Capaldo ist der Einbruch besonders auffällig. Der Vizekapitän war in der vergangenen Saison Sinnbild für Mentalität, Aggressivität und Siegeswillen. Aktuell wirkt er gehemmt, fehleranfällig und weit entfernt von der Rolle, in der er seine Mitspieler mitziehen müsste. Gerade Führungsspieler wie Capaldo, Nicolai Remberg und Albert Sambi Lokonga müssen jetzt vorangehen. Bislang tut das keiner von ihnen.
Darauf zu hoffen, dass Mario Vušković nach dem Ende seiner vierjährigen Dopingsperre unmittelbar die Rolle seines Bruders übernimmt, wäre fahrlässig. So groß die Freude über seine Rückkehr ist und so sehr man ihm ein erfolgreiches Comeback wünscht: Mario ist nach einer derart langen Pause zunächst nichts anderes als ein Bonusspieler. Niemand kann seriös wissen, wie schnell er wieder Bundesliganiveau erreicht, wie sein Körper auf die Belastung reagiert und ob er sofort Stabilität geben kann. Der HSV darf seine defensive Zukunft nicht auf Hoffnung aufbauen. Claus Costa muss deshalb prüfen, ob auf dem Markt noch ein erfahrener, führungsstarker und sofort belastbarer Innenverteidiger verfügbar ist.
Der HSV muss wieder begreifen, wer er ist
Das größte Problem ist am Ende aber grundsätzlicher Natur. Der HSV muss wieder begreifen, wer er ist. Diese Mannschaft ist kein gestandener Bundesligist, der Spiele über individuelle Klasse oder bloße Selbstverständlichkeit gewinnt. Sie befindet sich noch immer auf dem Weg, sich in dieser Liga zu etablieren. Jeder Gegner verfügt über Qualität, jeder Fehler wird bestraft und jeder nachlassende Meter kann entscheidend sein. Wenn sich alle dessen bewusst werden und aufhören zu glauben, sie seien schon weiter – dann kann es gutgehen. Aber auch nur dann.
Deshalb muss der HSV in jedes Spiel mit der Überzeugung gehen, dass nichts von allein funktioniert. Jeder Zweikampf muss angenommen, jeder Weg gemacht und jede Aktion mit höchster Konzentration gespielt werden. Es reicht nicht, genauso hart zu arbeiten wie der Gegner. Der HSV muss härter arbeiten. Der HSV ist ein Abstiegskandidat – so, wie er es auch letzte Saison war. And genau in dieser Selbsteinschätzung lagen seine alten Tugenden: Geschlossenheit, Kompaktheit, Widerstandskraft, Leidenschaft und die Bereitschaft, füreinander Fehler auszubügeln. Davon ist momentan viel zu wenig zu sehen.
Die ersten drei Spiele müssen ein unüberhörbarer Weckruf sein. Noch ist nichts verloren. Nach drei Spieltagen steigt niemand ab, und diese Mannschaft besitzt genügend Qualität, um sich aus der Situation zu befreien. Aber sie darf sich nicht länger einreden, dass ein paar ordentliche Phasen schon eine Trendwende darstellen. 0:12 Tore und null Punkte sind keine Momentaufnahme, die man kleinreden kann. Sie sind eine Warnung.
Der HSV hat sich in herausragenden anderthalb Jahren sehr viel aufgebaut. Dieses Fundament darf er jetzt nicht fahrlässig einreißen. Der eingeschlagene Weg mit Merlin Polzin bleibt aus meiner Sicht der richtige. Aber auf diesem Weg müssen Mannschaft und Trainer dringend umkehren – zurück zu den Tugenden, die diesen HSV wieder stark gemacht haben. Und zwar sofort.
Scholle
Lies weiter
Analyse
Vor dem Duell mit RB Leipzig: Kompakt stehen und Räume nutzen
Weiterlesen

Diskussion
18 KommentareDiskutier mit!
Registriere dich kostenlos — dann kannst du unter den Beiträgen mitdiskutieren, antworten und liken.
Jetzt kostenlos registrierenAnmelden