David beweist, dass es richtig ist, künftig mehr auf Eigengewächse zu setzen
Als ich Jonas David vor etwas mehr als einem Jahr mal länger im Interview hatte, sprachen wir irgendwann über alles, außer über Fußball. Unter anderem auch über Schule,…

Als ich Jonas David vor etwas mehr als einem Jahr mal länger im Interview hatte, sprachen wir irgendwann über alles, außer über Fußball. Unter anderem auch über Schule, Ausbildung und Familie. Denn alle diese Themen spielten (und spielen) bei Jonas David eine große Rolle. Er wüsste ja nicht, wie lange seine Karriere als Fußballprofi andauern würde und wolle auf alles vorbereitet sein, sagte der damals knapp 20-Jährige, der seinerzeit einen extrem reifen Eindruck auf mich machte. Und den macht er auch heute noch, wo er endlich den Durchbruch zum Stammspieler beim HSV geschafft zu haben scheint.
Und er wird immer stärker. Im Sommer noch hieß es, dass David den Verein verlassen dürfe, bei einem passenden Angebot. „Es ist ja kein Geheimnis, dass im Sommer eine Leihe bei mir eine Möglichkeit war“, so David, ehe er einschränkt: „Aber eben auch nur, bis der Trainer zu mir kam und mir ganz klar sagte, ‚Du bleibst hier!‘. Hinter seinen Worten steckte eine Überzeugung dahinter, die mir imponierte und die mich motivierte. Der Trainer gab mir ein gutes Gefühl.“
Walters Vertrauen in David zahlt sich aus
Und das zahlt sich aus. Wie ich schon am Montag titelte („Tim Walters Geduld könnte sich jetzt bezahlt machen“) und wie ich in meinem letzten Blitzfazit gesagt habe, es wirkte nicht nur so, als sei David beim Derbysieg gegen Werder Bremen in der entscheidenden Phase ein entscheidender Stabilisationsfaktor gewesen, sondern die Statistik belegt das auch. Starke 78 Prozent seiner Duelle gewann er gegen Werder. Mehr als alle anderen HSVer. Bis dahin hatte David am vierten Spieltag gegen Darmstadt mit 54 Prozent gewonnener Zweikämpfe seinen Bestwert erzielt – was bis zuletzt immer wieder DAS Thema seiner Kritiker war. Denn bis zuletzt gelang es ihm noch nicht, ähnliche Werte wie der nach St. Truiden (Belgien) abgewanderte Toni Leistner (kam im Vorjahr auf 64 Prozent) zu erzielen. Wie gesagt: Aber eben nur bis jetzt.
Inzwischen stand der heute mit 21 Jahren noch immer junge Innenverteidiger für den HSV in allen sieben Ligapartien und dem DFB-Pokalspiel die komplette Spielzeit auf dem Platz. Und das sollte sich auch am kommenden Sonntag gegen den 1. FC Nürnberg nicht ändern. Nicht, weil mit Sebastian Schonlau der etatmäßig gesetzte Kapitän in der Innenverteidigung ausfällt und dort den Personaldruck erhöht. Sondern vielmehr, weil David bei Trainer Tim Walter ganz hoch im Kurs steht. „Ich spüre ganz deutlich das Vertrauen und nutze den intensiven Austausch mit dem Trainer und dem Team“, so David. „Ich spüre, dass mich jede Minute, jeder Zweikampf und jede einzelne Erfahrung in jedem einzelnen Spiel hilft, mich weiterzuentwickeln. Auch die negativen Erfahrungen.“
Der große Unterschied für David gegenüber den letzten Jahren ist, dass er momentan nach jedem Spieltag ausreichend Bildmaterial hat, das es zu analysieren gilt. „In den letzten Jahren waren es maximal Testspiele und die Trainingseinheiten, aus denen wir einzelne Aktionen analysieren konnten“, erinnert sich David und freut sich über den regen Austausch mit dem Trainer und seinen Assistenten: „Jetzt haben wir nach jedem Spiel etliche Szenen, an die ich mich noch erinnern kann. Wir sprechen dann darüber, wie die Aktion außen wahrgenommen wurde und wie ich es selbst auf dem Platz wahrgenommen habe – und ziehen dann die entsprechenden Schlüsse daraus, um etwaige Fehler nicht noch einmal zu machen.“
Schon allein die Masse an Beispielen würde ihm helfen, sich weiterzuentwickeln. „Wenn ich in dem einen Spiel in einer bestimmten Szene beispielsweise zu spät reagiere, besprechen wir das - und es passiert beim nächsten Mal bestenfalls nicht mehr.“ Er merke jedenfalls auch selbst, wie es besser würde und würde daraus seine größte Motivation ziehen, jeden Tag aufs neue Vollgas zu gehen. „Ich bekomme das Gefühl vermittelt, dass es normal ist, dass mir auch mal Fehler unterlaufen. Wichtig ist, dass ich mutig bin und bleibe. Der Trainer geht in dieser Hinsicht sehr ehrlich und klar mit mir um. In beide Richtungen. Und das hilft. Ich merke, wie ich mich dadurch weiterentwickle.“
Das tut David. Erkennbar und konstant, wie ich finde. Schon nach der ersten Trainingswoche hatte uns Walter in seiner damaligen Vorstellungsrunde erzählt, wie er sich den optimalen Aufbau von jungen Talenten beim HSV vorstellen würde. Und er nannte seinerzeit Jonas David als den für ihn auffälligsten Kandidaten dafür. Aber Walter nahm ihn nie in Schutz, sondern kritisierte ihn auch im Training lautstark – Stichwort: „Zöffchen“. Und David dankt es dem Trainer mit stärker werdenden Leistungen. Und will das am Sonntag fortführen.
David nimmt jeden Schritt einzeln - und nachhaltig
Großspurige Ansagen sind nicht Davids Fall. Für den Boulevard ist er eher nicht geeignet – aber eben als jemand, der Verantwortung tragen kann. „Ich mag das“, sagt David, der sich bislang klar hinter den Führungsspielern einsortiert hat. Wie in der Abwehr neben Kapitän Sebastian „Bascho“ Schonlau. „Mit Bascho zusammen zu spielen, macht riesig Spaß. Er ist ein cooler Typ, immer ansprechbar und ein herausragender Spieler. Er ist ein unglaublich intelligenter Fußballer, an dem es leichtfällt, sich zu orientieren.“ Da dieser allerdings am Sonntag ausfallen wird, wird zunehmend auch auf David Verantwortung lasten. Er selbst steht dem positiv gegenüber. „Wir helfen uns alle gegenseitig. Schon in den letzten Minuten gegen Werder habe ich versucht noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Dass wir am Ende zu Null gespielt haben, hat uns allen mal wieder gutgetan.“
David selbst verspürt inzwischen eine andere Wahrnehmung seiner Person. Und er freut sich durchaus darüber, dass er auch von den Führungsspielern in der Kabine auf einzelne Szenen im Spiel angesprochen wird. „Früher waren es private Themen oder Szenen aus dem Training. Jetzt kommen die Jungs in der Kabine auch mal zu mir, um über die gemeinsamen Aktionen auf dem Platz im Spiel zu sprechen – das ist ein gutes Gefühl.“ Dennoch, sich selbst zu wichtig zu nehmen, davon ist David weiter entfernt als von einem Stammplatz in der A-Nationalmannschaft.
Er würde alle Entwicklungsschritte einzeln gehen, manchmal sogar etwas länger brauchen als andere – das hatte David mir schon vor mehr als einem Jahr über sich selbst gesagt. Und davon rückt er auch heute nicht ab. „Für mich muss es nicht schnell gehen, sondern nachhaltig sein. Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss. Aber ich mag das. Ich nehme das an.“ Oder anders formuliert: Er will lieber das eine ganz lernen, als viele Dinge schnell, zugleich – aber eben nur teilweise. David: „Ich glaube, dass das der bessere Weg ist. Für mich zumindest. Denn so fühle ich mich nicht überfordert, wenn es mal darauf ankommt, Gelerntes umzusetzen.“
Systemwechsel, Heyer, oder Vuskovic's Premiere?
Womit wir wieder beim Thema Sonntag sind. Moritz Heyer könnte Schonlau eins zu eins ersetzen. Dann würde das Hauptaugenmerk in der Innenverteidigung zweifellos auf Heyer gerichtet sein. Oder der Trainer schmeißt Zugang Mario Vuskovic neben David in die Innenverteidigung – was wiederum von David eine gewisse Führung einfordern würde. „Egal, wie wir am Ende spielen werden, bei uns hilft jeder jedem“, sagt David und ich merke, dass er es auch genau so auch meint. Es stresst ihn nicht, dass er nach gerade einmal sieben Ligaspielen schon führen soll.
Wobei er es eigentlich auch schon kennt. Nur anders. Unter Dieter Hecking sollte er auch unbedingt bleiben, nachdem er schon ein Leihangebot hatte. Und er sollte in Testspielen plötzlich nicht mehr nur sich selbst präsentieren, sondern auch führen. Er hatte quasi den Auftrag, zu führen. Und es funktionierte nur sehr bedingt. Nein, das ist noch geprahlt. Es funktionierte nicht. Gleiches geschah übrigens unter Daniel Thioune, der versuchte, David Vertrauen zu demonstrieren – um ihn dann doch mit Saisonbeginn hinter Heyer, Leistner und Ambrosius chancenlos auf der Bank sitzen zu lassen. Oder gar auf der Tribüne.
„Ich kann mich wirklich nicht beschweren“, lacht David. Man merkt ihm an, dass ihn die letzten Wochen haben wachsen lassen. Er ist selbstbewusst, aber nicht euphorisch. „Das sind wir alle. Es ist ein Thema bei uns, dass wir immer 110 Prozent geben müssen, um zu gewinnen. Siehe Sandhausen. Dafür trainieren wir sehr hart. Das tut manchmal weh, aber es fühlt sich gut an, weil man sich so ausreichend vorbereitet fühlt. Wir brauchen das, denn wir spielen definitiv einen sehr intensiven und attraktiven Fußball“, sagt David, dem diese spektakuläre Offensivspiel unter Walter als Abwehrspieler nur sehr bedingt gefallen dürfte.
„Unser Spielstil bringt es mit sich, dass die Gegner Chancen haben“, weiß David. „Aber das werden wir immer weiter eindämmen. Es passiert am Ende immer nur dann etwas, wenn wir es zulassen. Die Chancen für Werder sind auch entstanden, weil wir Fehler gemacht haben.“ Davids Fazit: „Es gibt doch nicht viel besseres im Fußball, als Spiele zu Null zu gewinnen und trotzdem aufgezeigt zu bekommen, was alles noch besser werden kann und muss. Das schärft die Sinne und gibt Selbstvertrauen.“
Trainer Walter sollte weiter mutig sein - und Vuskovic bringen!
Fazit: Ich würde Moritz Heyer nicht aus dem Mittelfeld abziehen, sondern die Dreier-Kombi Kinsombi, Meffert, Heyer beibehalten, da man so zumindest einen Anflug von defensiver Stabilität auf den Platz bekommen hat. Definitiv alles noch ausbaufähig, wie es auch David sagt. Aber eben schon etwas besser als noch zu Saisonbeginn. Und da ich viel von Automatismen durch personelle Kontinuität halte, würde ich möglichst wenig verändern.
Ergo: Ich würde David am Sonntag in der Innenverteidigung mit Mario Vuskovic spielen lassen. Um wenig zu verändern – und um David den nächsten Entwicklungsschritt anzubieten. Momentan scheint das 21-jährige Eigengewächs solche Chancen nicht nur anzunehmen – sondern auch zu nutzen. Zudem würde man Vuskovic so die Chance geben, sich zu zeigen bzw. wenigstens Spielpraxis zu sammeln und neben seinen Teamkollegen auch die Liga aktiv kennenzulernen. Es wäre mutig – aber wenn Walter eines hat und von seinen Spielern einfordert, dann ist es Mut.
In diesem Sinne, bis morgen.
Scholle
P.S.: Heute fehlten Bakery Jatta (Rückenprobleme) und und Mikkel Kaufmann (Magen-Darm).
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