Analyse

Daten sprechen gegen ihn - aber wie gut passt Selke zum HSV?

Selbstverständlich stürzen sich die berichterstattenden Medien inklusive uns als Blog zumeist auf die Themen, die am meisten polarisieren. So eben auch bei Transfers, die…

Daten sprechen gegen ihn - aber wie gut passt Selke zum HSV?

Selbstverständlich stürzen sich die berichterstattenden Medien inklusive uns als Blog zumeist auf die Themen, die am meisten polarisieren. So eben auch bei Transfers, die besonders hohe Wellen schlagen. Das, was früher bei Weltklasse-Spielern wie Ruud van Nistelrooy oder Zé Roberto passierte, passiert jetzt einfach nur ein paar Etagen tiefer. Es sind einfach andere Zeiten. Heute sind es eben nicht mehr Barbarez, Petric und Olic – heute ist es ein Spieler wie Davie Selke, der die HSV-Fans zum Diskutieren anregt. Auch ich habe es hier schon getan – und werde es heute alles noch einmal mithilfe unseres Profi-Analysten von Createfootball.com auf völlig emotionsloser, sachlicher Ebene machen.

Mein Dank geht dabei an Mats Beckmann, den Ihr alle aus unseren Videos kennt. Mats hat sich kurz vor seinem wohlverdienten Urlaub die Mühe gemacht und mal ein paar Daten zusammengestellt, die uns einen besseren Blick auf die Sinnhaftigkeit bzw. die Unsinnigkeit des so genannten „Königstransfers“ geben. Denn Fakt ist auch, dass beide Spieler, die auch heute im Trainingslager im österreichischen Bramberg noch individuell trainierten,  zu den Topverdienern im Kader zählen – wobei davon auszugehen ist, dass sie es sind. Ergo: Sollte Trainer Steffen Baumgart dauerhaft jeweils einen der beiden auf die Bank setzen und damit nicht den maximalen Erfolg herausholen, würde das intern wie extern schnell zu der Diskussion führen, ob der Selke-Transfer wirtschaftlich zu rechtfertigen war. Aber lasst uns erst einmal sportlich über diesen Transfer sprechen.

Zuletzt wurde von HSV-Seite darüber nachgedacht (und im Training sogar so gespielt), mit einer Doppelspitze zu agieren. Und angesichts der Spielertypen Robert Glatzel und Selke bliebe Baumgart auch gar nichts anderes übrig, wenn er beide zugleich auf dem Platz haben will. Das Problem hierbei ist nur, dass eine solche Doppelspitze sehr eindimensional würde, weil beide sich spielerisch extrem ähneln. Beide sind sehr zentrumslastig und weichen nahezu nie in Richtung Außenbahn aus. Beide sind klare Zielspieler – und eine Doppelspitze mit Zielspielern hat fast nie zum Erfolg geführt. Als Beispiel hierfür nennt Mats Arminia Bielefeld in der Abstiegssaison oder zeitweise auch den VfL Wolfsburg mit Wout Weghorst und Daniel Ginczek, die jeweils außergewöhnlich erfolglos mit einer Doppelspitze bestehend aus zwei Zielspielern agierten.

Sowohl Glatzel als auch Selke strahlen mit dem Kopf mehr Torgefahr aus als mit dem Fuß. Mit anderen Worten, sie benötigen möglichst viele Flanken. Das Spiel des HSV würde somit noch eindimensionaler als in der Rückrunde 2023/24, wo man immer wieder schnell ins letzte Drittel spielte und dabei oft planlos wirkte bei der eigenen Chancenkreation. Ob das mit Selke besser wird? Statistisch ist das schwerlich zu erwarten. Selke kommt seit 2020 in insgesamt 118 Spielen auf gerade einmal eine Torvorlage. Als guten Torvorbereiter hat man Selke sicher nicht verpflichtet. Und da weder Selke noch Glatzel als Flankengeber agieren, käme es in der neuen Saison also noch mehr auf die Außenbahnspieler (Jean Luc Dompé, Bakery Jatta oder auch Adam Karabec) an.

So kommt Davie Selke vornehmlich zum Torabschluss

Ähnlich wie Glatzel ist Selke der Typ Spieler, der verwertet, nicht derjenige, der in die 1-gegen-1-Duelle geht. Dafür fehlen ihm die technischen und athletischen Mittel. In der Bundesliga hatten nur sechs der 56 Stürmer mit mehr als 1000 Spielminuten schwächere Werte als Selke, der sich auch deshalb nur sehr wenig ins Kombinationsspiel einbringt. Zudem empfängt der HSV-Neuzugang selten Pässe hinter der letzten Kette, was darauf hindeutet, dass er zu wenig spielerischen Tiefgang einbringt. Und das, obwohl das Spiel in Köln (Selke fehlte verletzungsbedingt viel und kommt so auf 19/34 Spiele) komplett auf ihn zugeschnitten war.

Bezeichnender Fakt: In der abgelaufenen Saison hatte in der Bundesliga nur Darmstadts Vilhelmsson eine geringere Passquote unter hohem Gegnerdruck. Ergebnis all dieser Daten ist, dass Selke mit 29 Jahren eher wenig Weiterverkaufspotential hat. Daher MUSS er in Hamburg funktionieren, um seinen Transfer zu rechtfertigen. Das bringen sein Alter, seine Erfahrung und sein finanzieller Anspruch im Gehalt schon mit sich.

Und noch einmal, völlig losgelöst von allen Daten und Statistiken, stelle ich mir die Frage, was genau Selke dazu bewogen hat, nach Hamburg zu kommen. Denn das ist eine extrem wichtige Frage! Es gilt einfach auszuschließen, dass der HSV Spieler holt, die sich ob der schönen Stadt und eines guten Gehaltes hier in Hamburg vor allem eine schöne Zeit machen wollen. Es gilt stattdessen zu sichern, dass der neue Spieler nach Hamburg kommt, weil er sich beweisen und Erfolge erzielen will. Mein Profil für HSV-Zugänge beinhaltet IMMER, dass der jeweilige Spieler den HSV sportlich braucht! Der HSV muss im er über dem einzelnen Spieler stehen. Soll heißen: Der Spieler muss den HSV als Hilfe für seine sportliche Karriere brauchen. Er muss wissen, dass ihm nur der Erfolg mit und beim HSV zum Erreichen seiner persönlichen Ziele helfen. Und genau hier sehe ich ein großes Delta bei Selke.

Mein Fazit: Ich hätte Selke eher nicht verpflichtet. Aber ich warne dringend davor, den Stab über Selke zu brechen, ehe er eine faire Chance hatte, sich hier zu zeigen und alle Statistiken zu widerlegen. Denn dass er sportlich Potenzial hat, ist unbestritten. Und es gibt auch einige positive Ansätze. Sowohl Sportvorstand Stefan Kuntz als auch Baumgart kennen Selke bereits aus alten Zeiten der Zusammenarbeit. Bleibt zu hoffen, dass beide sich in diesem Fall nicht irren und Selke dem HSV am Ende maßgeblich dabei zu helfen weiß, das formulierte Ziel Wiederaufstieg diese Saison zu erreichen. Und ganz nebenbei noch ein wenig positive Statistik: Der Abgang von Bénes könnte mit Selke durch eine Systemumstellung (4-3-3 zu 4-4-2) kompensiert werden, höherer Flügelfokus und bessere Boxbesetzung gehen damit einher. Und:  Selke gab von seinen wenigen Torschüssen viele aus zentralen, torgefährlichen Positionen ab. Er nutzte seine wenigen Großchancen in Köln zuverlässig (nur 5.5 Schüsse pro Tor). Da hat er Glatzel und dem Rest der Chancen wuchernden HSV-Profis etwas voraus...

In diesem Sinne, über Selkes Verpflichtung an sich zu diskutieren, macht nur sehr bedingt Sinn. Davie Selke ist jetzt HSV-Profi und wir sollten ihm genau die Zeit und die Chancen geben, die alle verdient haben. Ich habe damit auch völlig unabhängig von meiner bisherigen Meinung über ihn absolut kein Problem. Im Gegenteil: Ich würde mich riesig freuen, wenn ich bezüglich dieser Verpflichtung komplett irre! Aber damit bin ich ganz sicher nicht allein hier…

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