Das sollte für den HSV nur ein Anfang sein
Da kann selbst das Hamburger Schietwetter der Laune nichts. „Nach so einem Spiel kann ich doch nur gut gelaunt sein“, schmetterte mir mein Freund Helm-Peter heute entgegen, als…

Da kann selbst das Hamburger Schietwetter der Laune nichts. „Nach so einem Spiel kann ich doch nur gut gelaunt sein“, schmetterte mir mein Freund Helm-Peter heute entgegen, als er da so mit Mütze, Schal und Maske vor mir stand. Zu erkennen, dass er sich freute, war nichts. Aber als Peter dann ausführte, was ihm am Vorabend alles gefallen hatte, da war ich mir sicher, dass er wirklich gut drauf ist. Richtig gut sogar. Denn Peter hatte nichts zu meckern. „Gar nichts“, wie er noch mal betonte – und damit war er längst nicht allein. Denn auch Michael Mutzel war anschließend mehr als zufrieden mit dem Vorabend. „Heute macht es doch Spaß, hier zu stehen“, so der Sportdirektor des HSV, als er sich heute den fragenden Journalisten stellte, wie er es immer nach den HSV-Spielen gemacht hat. Dass es nasskalt war, interessierte hier und heute weder Mutzel noch sonst irgendwen. Das 5:0 vom Vorabend gegen den VfL Osnabrück sorgte dafür, dass alle gut gelaunt waren.
Kritische Fragen? Keine. Kritische Worte von Mutzel: Keine. Dass Lukas Hinterseer, dessen Wechsel nach Südkorea wir hier bei MoinVolkspark vermeldet hatten, gehen wird, deutete Mutzel an. Ebenso wie den Wechsel von Xavier Amaechi, den die Jungs von HSV1887tv schon eine Stunde vor der öffentlichen Bekanntmachung des HSV heute Abend vermeldet hatten, deutete Mutzel am Vormittag schon recht deutlich an. Deutlicher, als er es sonst bei Personalien handhabt. Mit anderen Worten: Es war heute anders als sonst. Lockerer, besser gelaunt – so richtig „5:0-Heimsieg-Tabellenführer-mäßig“. Allerdings waren sich alle Beteiligten schon gestern nach dem Spiel darüber im Klaren, dass das Spiel am Sonnabend bei Eintracht Braunschweig längst nicht so ein Selbstgänger wird, wie es der Heimsieg gegen Osnabrück in weiten Teilen der Partie war.
Aber bevor wir hier schon auf das nächste Spiel eingehen, wollte ich noch einmal kurz auf das 5:0 zurückblicken, in dem schon viele Dinge so funktioniert haben, wie es sich alle vom HSV erhofft haben. Darunter – und bei mir ganz oben auf der Erkenntnisliste: Das Mittelfeld funktioniert mit David Kinsombi, Moritz Heyer und Jeremy Dudziak. Heyer legte nach seinem kleinen Hänger gegen Nürnberg gestern gegen den VfL ein bärenstarke Partie hin. 75 Prozent Zweikampfquote und 85% angekommene Pässe sprechen für ihn – wobei ich ehrlich gesagt auf deutlich bessere Werte gesetzt hätte. Denn der defensive Mittelfeldmann war gerade in der Anfangsphase, wo der HSV immer wieder gefährliche Gegenstöße verhindern musste, auffällig gut. Gleiches galt gestern übrigens für Jeremy Dudziak, obgleich sich dieser mit zunehmender Spielzeit, als das Spiel entscheiden war, mehr und mehr Pausen gönnte und meiner Meinung nach zurecht ausgewechselt wurde. Bis dahin aber hatte Dudziak seinen Anteil an den ersten 15 Spielminuten, die Osnabrück früh den Zahn zogen.
Diese Energie und Dominanz aus den ersten 15 Minuten habe ich in dieser Saison selten gesehen. Offensiv kam man zwar nicht zu klaren Torchancen – man näherte sich aber bei gefühlt 98 Prozent Ballbesitz an. Entscheidend war für mich aber, dass der HSV gestern endlich in der Umschaltbewegung nach hinten funktionierte. So konnten Heyer und Co. alle schnellen Gegenstöße schnell unterbinden und den Gästen damit deutlich machen: Hier geht für Euch heute nichts! Gar nichts sogar. Auch deshalb habe ich gestern in einem Podcast nach 15 Minuten Spielzeit gesagt, dass dieses Spiel gut ausgehen wird. Denn dazu kam, dass Spieler, die bislang noch nicht so funktioniert haben, gestern stark aufspielten. Sonny Kittel, den ich vor dem Spiel eher auf der Bank vermutet hatte, zirkelte den Ball in der ihm nachgesagten technisch hochwertigen Art ins obere rechte Eck und spielte auch sonst gut, während seine Passgeber für mich die eigentlichen Entdeckungen waren: David Kinsombi und Josha Vagnoman.
Letztgenannter agierte auf der rechten Seite hinter Bakery Jatta und bildete damit das sprinttechnisch schnellste Duo dieser Zweiten Liga. Zudem spielte der Youngster endlich auch seine außergewöhnliche Physis so aus, dass er nicht nur alle Zweikämpfe gewann, sondern zudem gefährliche Angriffe einleitete und am Ende sogar zeigte, was ihn extrem wertvoll macht. Beim 4:0 umkurvte er seinen Gegenspieler mal eben und traf selbst. Vagnoman zeigte hier mit seinem Mut und seiner Entschlossenheit (die zuletzt noch zu oft fehlte) , warum er sogar das Potenzial zu einem sehr wertvollen Erstligaprofi hat. Er hat einfach alle Bausteine dafür – er muss sie „nur“ richtig zusammensetzen und auf den Platz bringen. So wie gestern, wo er nach einem Ballgewinn nicht nur den sicheren Pass suchte, sondern selbst Tempo aufnahm. Zusammen mit Jatta ergibt sich daraus ein derart brutales Tempo auf der rechten HSV-Seite, dass sich die Osnabrücker hier gar nicht erst trauten, selbst nach vorn etwas zu machen. Zu groß war die Gefahr, bei einem Ballverlust nicht hinterherzukommen.
Und ja, ich weiß, dass Jatta gestern zwei Tore gemacht hat. Darüber freuten sich nicht nur die HSV-Profis auffällig, sondern auch die allermeisten hier im Blog – mich eingeschlossen. Und ja, Bakera Jatta hat auch richtig gut gespielt. Aber das hat er vorher auch schon. Und wenn ich dann lese, dass Bakery offenbar mit jeder bitteren Schlagzeile meiner Kollegen über ihn besser zu werden scheint, dann verharmlost das meiner Meinung nach einen Vorgang, der längst eingestellt gehört. Insofern bleibe ich dabei, Bakery für sein Spiel gestern eine richtig gute Leistung zu attestieren. Auch die Tatsache, dass er sich das erste Mal einem TV-Interview auf deutsch stellte, fand ich stark. „Er ist einfach beliebt. Ein richtig guter Typ, den man einfach mögen muss“, sagte Mutzel heute, als ihn mein Kollege darauf ansprach, weshalb die Freude bei Jatta-Toren gefühlt größer sei.
Fakt ist, dass Jatta öffentlich zum Politikum geworden ist – und mannschafts- sowie vereinsintern verankert sich im Umgang mit ihm der neue Teamgeist. Je mehr Jatta von einzelnen Medien attackiert wird, desto mehr Zuspruch bekommt er von Mannschaft , verein und Fans. Auch von mir, dagegen kann ich gar nichts machen. Wobei, Jatta sei es gegönnt – er musste eh schon mehr über sich ergehen lassen, als man normalerweise einem Menschen zumuten sollte - womit ich zu einem weiteren Spieler überleite, der gegen Osnabrück einen kleinen Befreiungsschlag landen konnte und der für mich die positivste Erkenntnis dieses 5:0 darstellte: David Kinsombi. Denn der blüht gerade so auf, wie man ihn sich hier seit seinem Wechsel 2019 hier immer erhofft hatte. Er hatte wieder die Spritzigkeit, die Torgefahr (bereitete das 1:0 vor, gewann 86% Zweikämpfe und lief mehr als 11 Kilometer) und die geistige Frische, das Spiel des Gegners zu unterbinden und sofort das eigene Spiel anzukurbeln. Und ich bleibe bei ihm dabei: In dieser Verfassung ist er für Daniel Thioune als Achter ein eminent wichtiger Faktor, da er alles, was man im Mittelfeldzentrum brauchen kann, vereint: Defensive Stabilität, das Aufbauspiel, Übersicht und Torgefahr. Selbst das fehlende Sprinttempo kann der 25-Jährige mit außergewöhnlicher Antizipation wettmachen – siehe sein Spiel gegen Osnabrück.
Dass Kinsombi vom Typ her ein Führungsspieler sein kann, hatte er in Kiel schon bewiesen. Allein seine Leistungen beim HSV reichten nicht aus, um seinen hohen Beliebtheitsgrad bei den Kollegen auch in eine Leaderfunktion auf dem Platz umzusetzen. Auch deshalb hatte sich der HSV in Person von Trainer Daniel Thioune zuletzt mit Kinsombi zusammengesetzt und ihn gefragt, ob er beim HSV bleiben oder wechseln wolle. Von Vereinsseite hätte ihm hier niemand Steine in den Weg gelegt. Dennoch lehnte Kinsombi dankend ab. „Er hat mir klargemacht, dass er hier noch nicht fertig ist und sich hier durchsetzen will“, lobte Thioune gestern Kinsombis Entwicklung in den letzten Spielen auf der Pressekonferenz, „und er scheint langsam angekommen zu sein.“ Und das stimmt – behaupte ich. Zwar nicht zu früh – aber allemal noch rechtzeitig, um für den Rest der Saison in dieser Mannschaft noch einen Unterschied ausmachen zu können.
Apropos Abgang: Während alle nur auf den Vollzug bei Lukas Hinterseers Wechsel nach Südkorea warten, konnte Xavier Amaechi selbigen vermelden lassen. Der junge Engländer ohne Chance beim HSV wechselt zum Karlsruher SC. Bis Saisonende soll der 20-Jährigedort Spielpraxis sammeln. Und das ab sofort. Wir von MoinVolkspark wünschen Dir dabei alles Gute, Xavier! Also abgesehen vom 30. Spieltag, wenn es gegen den HSV geht. Fakt aber ist, dass der KSC ein Kaliber darstellt, das zeigen wird, ob es nur am Hamburger Umfeld oder am Spieler selbst lag, weshalb er hier so gar keine Chance hatte.
Bis morgen!
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