Das Problem des HSV ist man selbst...
Es ist vielleicht die anstrengendste Phase im Leben der HSV-Fans: Zum sechsten Mal in Folge scheint der HSV im Endspurt des Aufstiegsrennens zu stolpern und selbigen zu…

Es ist vielleicht die anstrengendste Phase im Leben der HSV-Fans: Zum sechsten Mal in Folge scheint der HSV im Endspurt des Aufstiegsrennens zu stolpern und selbigen zu verpassen. Nicht nur große Namen wie Köln, Bremen, Stuttgart und Hertha BSC musste der HSV im Aufstiegskampf als Zweitligist den Vortritt lassen, auch Union Berlin, Paderborn, Bielefeld, Heidenheim und Darmstadt machten es besser und stiegen direkt auf. Dieses Jahr drohen mit dem FC St. Pauli und Holstein Kiel zwei unmittelbare Nachbarn vor dem HSV zu landen. Und während der FC St. Pauli wirtschaftlich schon näher am HSV dran ist, hat es Kiel mit einem Bruchteil der Mittel geschafft, die dem HSV Jahr für Jahr zur Verfügung stehen.
Und genau darin liegt auch ein Geheimnis der Underdogs, die Jahr für Jahr am HSV vorbeiziehen.
Denn woanders ist es eben nicht so, dass man sich selbst für „den Großen“ hält und von Spieltag zu Spieltag eigentlich nur verlieren kann. Woanders muss man nicht aufsteigen, sondern „kann“ oder tut es überraschend. Woanders kann man im Gegensatz zum HSV noch etwas gewinnen.
Und ja, es ist schwer, hier die richtige Mischung zu finden. Klar ist, dass sich der HSV für eine gute Vermarktung nicht schämen, sondern freuen darf. Der HSV erwirtschaftet mehr Geld durch Ticketverkäufe, Werbung und andere Sponsoren als der größte Teil der Zweiten Liga. Das einzige Problem ist: Viel Geld macht offenbar auch träge. So, wie einst unter Klaus Michael Kühnes Millionendarlehen, die einen vormals guten, neue Wege gehenden Sportchef wie Dietmar Beiersdorfer plötzlich gemütlich werden ließen. Er wirkte „satt“ und schlidderte von einem Zonk zum nächsten. Denn noch mal: Egal wie viel Geld man hat, gutes Scouting, schlaue Personalentscheidungen und eine stimmige Strategie sind tausendmal mehr wert als teure Einkäufe. Siehe Union, Paderborn, Pauli, Kiel…
Ich weiß, dass Sportchef Claus Costa alles andere als faul ist. Der Sportdirektor ist viel unterwegs, scoutet und schließt sich mit Sportvorstand Jonas Boldt ebenso wie mit dem jeweiligen Trainer kurz. Aber im Ergebnis kommen dabei zu wenig gute Spieler bzw. zu wenige Verbesserungen der eigenen Qualität heraus. Im Winter verpasste man es sogar komplett, die bekannten Baustellen zu beheben. Unter anderem, weil man nicht vorbereitet war auf die plötzliche Absage von Wunschkandidat David Zima (heute Slavia Prag) und zudem keinen Backup für Robert Glatzel sowie für die Außen fand.
Ein weiteres Problem beim HSV ist, dass man zu selten Spieler findet, die hier ihre Karriere starten. Heung Min Son und Jonathan Tah kamen aus dem eigenen Nachwuchs, Amadou Onana wurde ablösefrei verpflichtet – und sie alle brachten Geld sowie (Onana und Son) auch sehr gute Leistungen. Aber ansonsten wird es schon schwer, derart positive Beispiele zu finden. Aber: Derartig müssen sie auch nicht sein! Denn es würde schon reichen, wenn der HSV Spieler verpflichtet, die der Mannschaft Homogenität verleihen.
Nicht minder entscheidend ist dabei, wie sich der Verein in Gänze präsentiert. Nachdem man hier vor einigen Jahren per extra dafür aufgestellter Taskforce versuchte, ein (natürlich sehr teures!) Leitbild zu erarbeiten, ist von selbigem absolut nichts mehr übrig. Wer sich auf der Website umschaut, findet beispielsweise nichts, was auf die Identität des HSV hindeutet. Oder anders formuliert: Der HSV ist irgendwie alles – aber nichts so richtig.
Zur Wahrheit gehört auch, dass mit Jonas Boldt ein Sportvorstand zum Gesicht des HSV geworden ist, der polarisiert. Ich weiß, dass ihn hier die wenigsten mögen und/oder schätzen. Dennoch hat Boldt neben einigen umstrittenen Entscheidungen dem HSV auch sehr viel Gutes getan. Er hat die bedingungslose Loyalität zur eigenen Mannschaft (Rückendeckung Walter, Jatta, Vuskovic) bis auf die Spitze getrieben. Fast so, wie es ein Uli Hoeneß immer macht(e), ist Boldt (ich behaupte: sehr bewusst) alles andere als objektiv nach Spielen mit bitteren Entscheidungen gegen seinen HSV. Boldt legt keinen Wert darauf, sympathisch zu wirken, er versteht sich als Anwalt des HSV. Er macht den HSV zu seinem HSV. Und das ist erst einmal gut.
Aber es ist eben auch ein sehr schmaler Grat, auf dem Boldt wandelt. Denn diese Bedingungslosigkeit beinhaltet auch die Gefahr, arrogant zu wirken, sich irgendwann tatsächlich zu wichtig zu nehmen und mit Alleingängen viele Mitstreiter zu verprellen. Das gepaart mit der dauerhaft mit den Dauerquerelen in und um den Aufsichtsrat herum führen immer wieder zu Schlagzeilen, wie man sie von Klubs wie dem FC St. Pauli, Holstein Kiel und Düsseldorf in dem Maße beispielsweise nicht kennt.
Langem Geschreibe, kurzer Sinn: Der HSV ist inzwischen ein Zweitligist mit verbesserter Grundausstattung, aber schwacher Umsetzung. Der HSV hat es verpasst, die Zweitligamentalität auf seine Mitarbeiter zu übertragen – und hier insbesondere auf die Mannschaft. Sätze wie „wer aufsteigt, entscheiden nur wir“, „Zweite Liga schaue ich mir nicht an“ oder Ähnliches zeugen nur noch davon, dass der HSV überheblich denkt. Mit einem solch übertriebenen Selbstbewusstsein mag man viel und teuer Werbung verkaufen – aber so holt man in der Zweiten Liga eben keine Titel. Anders als andere, deutlich kleiner denkende Klubs…
Apropos, Holstein Kiel ist so ein Klub. Und der ist am Sonnabend zu Gast im Volkspark. Mit einem Mann als sportlich Verantwortlichen, der Carsten Wehlmann heißt und der für den HSV schon zu haben war. Zumindest hat der ehemalige HSV-Keeper und gebürtige Hamburger eine hohe Affinität zum HSV – und das war den Verantwortlichen hier sehr wohl bekannt. Bemüht hat man sich nie, obwohl Wehlmann sowohl in Kiel als auch in Darmstadt bewiesen hat, dass er ein außergewöhnliches Talent für erfolgreiche Kaderzusammenstellungen hat. Und wenn alles normal läuft, wird Wehlmann in diesem Jahr schon zum zweiten Mal in der Zeit aufsteigen, in der der HSV es vergeblich versucht hat. Aber das auch nur, weil es irgendwie so symptomatisch ist für die Personalpolitik des HSV in den letzten Jahren…
Aber bevor wir hier schwarzmalen: Noch hat der HSV rechnerisch die Möglichkeiten, aufzusteigen. Und positiv ist, dass der HSV in dem anstehenden Spitzenspiel gegen Holstein Kiel personell aus dem Vollen schöpfen kann. 23 Feldspieler und vier Torhüter hatte Trainer Steffen Baumgart heute im Training auf dem Platz, darunter auch der aktuell wichtigste Mittelfeldspieler, László Bénes, der gestern noch gefehlt hatte.
In diesem Sinne, wir hören und lesen uns morgen nach dem Spiel! Bleibt gesund!
Scholle
Und für alle, die sich auch für die Gegner interessieren, anbei noch ein Text von meinem sehr sympathischen Kollegen und Fußballexperten Claas Henning. Der hat einen sehr passenden Artikel über Holsteins Aufschwung geschrieben, den der HSV als Alarmsignal verstehen darf. Aber lest selbst:
Holsteins Höhenflug Richtung Bundesliga kein Zufall
Von Claas Hennig, dpa
Nach dem Umbruch im Sommer erwarten nur wenige, dass Holstein Kiel um den Bundesliga-Aufstieg spielt. Nun kommt das Team als Erster zum Top-Spiel zum HSV. Das Ergebnis einer langjährigen Entwicklung.
Hamburg - Wo Holstein Kiel ist, möchte der Hamburger SV gern sein - zumindest sportlich. Vor dem Top-Spiel der 2. Fußball-Bundesliga am Samstag (20.30 Uhr/Sky und Sport1) sind die Rollen im Norden vertauscht: Hier der Tabellenführer von der Förde, dort der Verein mit großer Vergangenheit und dem erneuten Zittern um den Aufstieg in der Gegenwart.
Dass die KSV als Favorit im Nordduell gilt, wird in Kiel als Anerkennung für die geleistete Arbeit in der bisherigen Saison gewertet. Die Favoritenrolle annehmen will aber niemand. Viel lieber wird über die Vorfreude gesprochen. „Grundsätzlich sage ich, wenn eine Mannschaft zum HSV ins Stadion fährt, dann ist der HSV Favorit. Egal bei welchem Spiel“, sagte der neue Sportchef Carsten Wehlmann. Tabellarisch seien die Vorzeichen anders. „Trotzdem wird der HSV in 99 Prozent solcher Spiele der Favorit sein. Aber da haben wir keine Angst vor. Wir freuen uns auf das Spiel.“ Mittelfeldspieler Finn Porath, einer von drei Ex-HSVern neben Lewis Holtby und Fiete Arp im Holstein-Kader, spricht von einem „Highlight, dort zu spielen. Egal, ob wir Erster sind oder Zwölfter“.
Holstein Kiel tritt aus dem Schatten
Der Verein bleibt bescheiden. Der deutsche Meister von 1912 hat nicht die Strahlkraft wie der Hamburger SV, auch nicht wie der FC St. Pauli. Das weiß jeder in Kiel. Dennoch: der Club wird inner- und außerhalb der Stadt mittlerweile neben Handball-Rekordmeister THW Kiel oder dem Segelfest „Kieler Woche“ wahrgenommen. „Damals gab es eigentlich nur den HSV. Auch hier in der Stadt und bei mir zu Hause auf dem Land gab es nur den HSV“, erinnerte sich der gebürtige Eutiner Porath (27). „Da freue ich mich natürlich, dass jetzt auch einige mit Kiel-Trikots herumlaufen.“ Für die Menschen in Kiel sei es noch immer etwas Besonderes, „dass wir in der 2. Liga spielen“.
Möglicherweise müssen sie sich bald schon an eine neue Liga gewöhnen. Sollte der Aufstieg gelingen, wäre das historisch: Noch nie spielte ein Verein aus Schleswig-Holstein in der Fußball-Bundesliga. Es wäre der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die vor 15 Jahren begann.
Neuer Sportchef Wehlmann als Zeitzeuge
Sport-Geschäftsführer Wehlmann ist Zeitzeuge für die Entwicklung der vergangenen anderthalb Jahrzehnte. Von 2009 bis 2018 war er Chefscout und Torwart-Trainer in Kiel, erlebte den Aufstieg aus der Regionalliga Nord in die 3. Liga und 2017 in die 2. Bundesliga. 2018 ging Wehlmann für fünf Jahre als sportlich Verantwortlicher zu Darmstadt 98 und stieg 2023 mit den Hessen in die Bundesliga auf. Im März kehrte der 51-Jährige zurück und arbeitet mit dem zum Saisonende freiwillig ausscheidenden Uwe Stöver zusammen. „Infrastrukturell, gerade bei den Trainingsbedingungen, hat sich einiges getan, auch die Anzahl der Mitarbeiter hat sich erhöht“, stellte Wehlmann nach seiner Rückkehr fest. „Sportlich hat man sich auch weiterentwickelt, seit ich weggegangen bin. Und das meine ich unabhängig von der derzeitigen sportlichen Situation.“
Dass die Mannschaft fünf Spieltage vor dem Saisonende ganz oben in der Tabelle steht, war nicht zu erwarten. 16 Spieler hatten den Verein im Sommer verlassen, darunter Säulen wie Kapitän Hauke Wahl (FC St. Pauli) und Fabian Reese (Hertha BSC). Stöver blieb der Holstein-Philosophie treu und holte vor allem entwicklungsfähige Spieler.
Die Mischung macht's
Aus ihnen und erfahrenen Profis wie Ex-Nationalspieler Holtby (33) oder Torjäger Steven Skrzybski (31) formte Trainer Marcel Rapp eine Einheit. „Ich bin stolz, Teil dieses Teams zu sein“, sagte Mittelfeld-Antreiber Holtby, in dessen Vita auch Clubs wie Schalke 04, VfL Bochum, Mainz 05 oder Tottenham Hotspur stehen. „Jeder einzelne, der dich morgens begrüßt, kommt mit Freude zum Fußball, hat Bock aufs Team.“
Nach zuletzt fünf Siegen ohne Gegentor ist Kiel in der Pole-Position für den Aufstieg. Einen Punkt stehen die Kieler vor St. Pauli, sechs Zähler vor Fortuna Düsseldorf auf dem Aufstiegsrelegationsplatz und neun Punkte vor dem HSV. „Wir spielen sehr leidenschaftlichen Fußball, gepaart mit inhaltlichem Fußball. Ich glaube, das ist die Formel, warum wir dort stehen, wo wir stehen“, erklärte Rapp (45), seit Oktober 2021 an der Förde.
Wehlmann sieht den Verein „natürlich“ bereit für den (Aufstiegs-)Fall der Fälle. „Es werden alle Vorkehrungen getroffen, dass, wenn der Fall eintreten sollte, wir auch in der Liga spielen können.“ Der Verein habe gezeigt, dass er sich Stück für Stück entwickeln wolle. „In diesem seriösen und ruhigen Umfeld ist noch Perspektive und Potenzial.“
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