Das neue Motto des HSV: Nicht schön - aber erfolgreich
Es ist schon spannend, zu beobachten, wie unterschiedlich auf die jüngste Serie von Merlin Polzin reagiert wird. Geht es um die 18 Punkte, sind sich alle einig: „Der Schnitt…

Es ist schon spannend, zu beobachten, wie unterschiedlich auf die jüngste Serie von Merlin Polzin reagiert wird. Geht es um die 18 Punkte, sind sich alle einig: „Der Schnitt würde langen“, heißt es dann. Stimmt auch. Und geht es um die Spiele im Einzelnen, wird eine gewachsene Stabilität defensiv attestiert. Von den allermeisten zumindest. Hier gibt‘s noch einige, die sich weiterhin an Sebastian Schonlau abreagieren und behaupten, er habe kein Zweitligaformat (was albern ist!). Vielmehr ist Fakt, dass die HSV-Kaderplaner Kuntz und Costa es einfach nicht geschafft haben, einen stärkeren Innenverteidiger zu verpflichten – Elfadli mal außen vorgelassen.
Aber zurück zur Wahrnehmung des HSV! Sehr viele kamen hier im Blog und außerhalb auch damit, dass der HSV in Münster (ebenso wie in Berlin und gegen Hannover) ja nur Glück gehabt und vor allem schlecht gespielt habe – und genau hierin steckt das große Problem dieses HSV und seines Umfeldes!!! Hier will man alles auf einmal: Spektakel, Dominanz, Torflut, überragenden Fußball – und Siege am Fließband. Aber sowas gibt es auf der Ebene einfach nicht. In der zweiten Liga ist noch keine alles dominierende Mannschaft aufgestiegen. Auch war weniger der überragende Ballbesitz-Offensivfußball entscheidend für eine Aufstieg in den letzten Jahren. Oder anders formuliert: Taktisch guter Fußball sieht zwar selten gut aus, ist aber eben erfolgreich. Andersrum funktioniert das aber maximal in einem von 100 Fällen. Siehe Tim Walters spektakulären Offensivfußball, der den HSV immer wieder spektakulär siegen ließ – aber eben zu selten, um aufzusteigen.
Weniger Tore einfangen als schießen - so einfach kann's sein...
Der einzig erfolgversprechende Weg ist der, taktisch clever zu agieren. Erste Devise muss immer sein, hinten weniger Tore einzufangen, als man vorne schießt. Und diesen Weg suchen und gehen Polzin und Co. gerade mit dieser Mannschaft. Leider wird das von zu vielen allerdings nicht anerkannt. Stattdessen freut man sich zwar über Siege, und schiebt aber sofort ein einschränkendes „aber das Spiel war echt schwach“ hinterher.
Und damit komme ich zum Punkt: Wer jetzt nicht die Geduld aufbringt, diese Festigungsphase der Mannschaft unter Trainer Merlin Polzin auch mit kleineren Dellen zu akzeptieren, der/die hat den Aufstieg nicht verdient. Dass der Weg zurück zu einer stabilen Defensive schon allein nach den Walter-Spektakelfußball-Jahren eine Weile dauern würde, war klar. Dafür hatten die Spieler viel zu lange den Anspruch vorgelebt bekommen und übernommen, jedes Spiel nicht nur zu gewinnen, sondern auch zu dominieren. Und jede/r, der/die schon mal Fußball im Leistungsbereich gespielt hat, weiß, wie schwer es ist, über Jahre antrainierte Gewohnheiten abzulegen.
Steffen Baumgart hatte das mit dieser Mannschaft schon probiert – allerdings ohne die Balance zu finden. Das aber scheinen Polzin und Co. jetzt zu schaffen. Denn die bringen die Ruhe mit, die diese Mannschaft braucht, um nachhaltig den einen wichtigen Schritt nach dem anderen zu gehen. Umso tragischer ist, dass sich jetzt viele hinstellen und anfangen, diesen taktisch absolut richtigen und guten Weg als schlechten Fußball abzuqualifizieren, anstatt diesen Weg zu unterstützen.
Polzin geht den richtigen Weg - aber dieser ist noch wackelig
Wer aufsteigen will, der muss punkten. Hinten dichtmachen, vorne schießt der HSV immer ein Tor – das sagen wir hier schon seit Jahren. Für den HSV ist diese Rechnung seit Jahren einfach und offensichtlich, nur nie umgesetzt worden. Zur Erinnerung: Diese Saison hat der HSV nur einmal kein eigenes Tor erzielt. In Hannover wurde das Hinspiel mit 0:1 verloren. Vorher und nachher traf der HSV immer mindestens einmal, zumeist sogar mehrfach. Deshalb fordere ich hier seit Ewigkeiten die Balance zur stabilen Defensive anzusteuern. Zu gern mit einem Vuskovic-Ersatz – allerdings hege ich diesen Wunsch bislang vergebens. Dennoch, statistisch würde eine stabile Abwehr eben reichen, um aufzusteigen – und genau deshalb machen Polzin und Co. das einzig Richtige und lassen genauso spielen, wie am Freitag gespielt wurde. Wenn die Mannschaft diesen Weg mitzieht, dann kann es was werden.
Dass der Gegentreffer in Münster so nicht geplant war – logisch. Aber der kann immer mal fallen. Und der wird auch immer wieder mal fallen. Die anderen Zweitligisten können eben auch Fußball. Entscheidend an dem Auftritt vom Freitag für mich aber war, dass die Mannschaft immer an sich geglaubt hat und sich nicht hat beirren lassen. Man habe gewusst, dass man jederzeit den entscheidenden Treffer erzielen könne und habe dafür immer weitergemacht, so die Spieler nach Schlusspfiff. Und das war kein dummes Gesabbel wie in den letzten Jahren so oft – sondern genau so war es im Spiel! Endlich stimmen Realität und Gesabbel überein…!
Wobei ich es wirklich schade finde (und auch überrascht war!), dass sich Polzin in dieser zweifellos noch wackeligen Entwicklungsphase zu einem großen Interview hat hinreißen lassen. Ich persönlich glaube, dass er gut daran getan hätte, seinen Spielern vorzuleben, was es bedeutet, erst ordentlich abzuliefern und dann zu sabbeln. Als 8-Spiele-Cheftrainer jetzt schon von einem „Erfolgsgeheimnis“ zu fabulieren, passt da nicht. Und damit möchte ich das Interview inhaltlich gar nicht kritisieren. Polzin sagt hierin keine dummen Sachen – was übrigens auch wieder einige als „langweilig“ abqualifizieren, dabei ist das einfach nur richtig. Aber dass die Kollegen der Tageszeitungen (in diesem Fall die BILD) Schlagzeilen brauchen, diese suchen und eben immer auch finden, ist bekannt.
Warum nicht einfach erst final abliefern, und dann reden?
Diese Zeile stand schon höchstwahrscheinlich schon vor dem Interview an sich fest. Und so kam, was kommen musste: „HSV-Trainer verrät Erfolgsgeheimnis in BILD“ war die Zeile in einem von Jung-Cheftrainer Polzin an sich unaufgeregt formulierten Interview. Aber mir geht es um die Gesamtwirkung, und da klingt diese Zeile erstmal kacke, weil das Gerüst, das hier von Polzin und Co. gebaut wird, einfach noch zu frisch und zu wackelig ist. Zudem verdient er sich selbst gerade erst seine ersten Meriten. Hier schon von Erfolg zu sprechen, passt einfach nicht. Der wäre meiner Meinung nach frühestens im Mai zu besprechen, wenn Polzin dann tatsächlich den Weg zum Aufstieg erklären darf. Aber eben nicht vorher.
Aber okay, die Presseabteilung des HSV hat das anders beurteilt, „das große Interview mit dem HSV-Trainer über das Erfolgsgeheimnis“ wurde geführt und veröffentlicht. Ich hoffe einfach darauf, dass Polzin intern seinen Weg unverändert weitergeht und sich in nächster Zukunft mehr durch erfolgreiche Spiele als Interviews profiliert. Denn, noch mal ganz deutlich: Der aktuell eingeschlagene taktische Weg ist inhaltlich der mit weitem Abstand erfolgversprechendste seit… keine Ahnung…! Auf jeden Fall seit sehr, sehr langer Zeit.
In diesem Sinne, in den nächsten Tagen werde ich mit einem neuen Video und der Beantwortung sehr vieler Fragen auf Euch zukommen, die mich in den letzten drei Tage über Instagram und per Email erreicht haben. Sozusagen ein „Communitytalk light“…! Solltet Ihr noch eine Frage haben, haut sie hier gern in die Kommentare oder schickt sie per Email an [email protected], dann nehme ich sie noch mit rein.
Bis dahin wünsche ich Euch allen erst einmal einen schönen Abend!!
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HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem
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