Das HSV-Trainingslager ist vorbei - und jetzt?
Zehn Tage haben Tim Walter und seine Spieler im Trainingslager in Österreich verbracht. Gestern ging es kurz nach dem Abpfiff in Anis bei Salzburg nach München zum Flughafen…

Von Cornelius Link
Zehn Tage haben Tim Walter und seine Spieler im Trainingslager in Österreich verbracht. Gestern ging es kurz nach dem Abpfiff in Anis bei Salzburg nach München zum Flughafen und von dort aus zurück nach Hamburg. Mit einem Tag Abstand ist es nun an der Zeit, einmal die Tage in Kitzbühel Revue passieren zu lassen. Wo steht der HSV jetzt?
Blessuren häufen sich
Die Verletzungssorgen des HSV sind groß. Jeden Tag kamen neue Ausfälle hinzu, einige Spieler konnten nur eingeschränkt am Trainingsbetrieb teilnehmen. Kapitän Sebastian Schonlau und Miro Muheim konnten aufgrund ihrer Wadenprobleme sogar gar keine ‚richtige’ Einheit mit der Mannschaft absolvieren. Vergangene Woche fehlten sogar an einem Tag ganze elf Spieler. Verletzungspech zum ungünstigsten Zeitpunkt. Dass alle zum Ligaauftakt am 28. Juli gegen Schalke 04 wieder mit dabei sein werden, erscheint nahezu ausgeschlossen. Gerade in der Defensive musste Walter bei den Testspielen kreativ werden. Immerhin empfahl sich William Mikelbrencis im Training mit guten Leistungen. Vielleicht kann er in seinem zweiten Jahr in Hamburg nun endlich einen Entwicklungsschritt hinlegen. Auch ein weiterer fast schon abgeschriebener Defensivmann spielte sich in den Fokus von Walter. Stephan Ambrosius galt zu Saisonbeginn als erster Verkaufskandidat. Walter äußerte sich jedoch lobend über den gebürtigen Hamburger und versicherte, dass er diesen als klare Option sehe. Ambrosius ist zwar auch noch nicht voll belastbar, allerdings bewies er im Training stets seine Körperlichkeit und Zweikampfstärke. Qualitäten, die wir bereits aus der Thioune-Sasion 20/21 kennen. Wie gut Ambrosius jedoch mit dem Walter-System klarkommen wird, bleibt abzuwarten - vorausgesetzt, er bleibt beim HSV. Für mich waren Mikelbrencis und Ambrosius zwei Spieler, die trotz ihrer Reservistenrolle die Zeit in Kitzbühel für sich nutzen konnten.
Youngster Oliveira Kisilowski überzeugt
Dies gilt auch für die Youngster Tom Sanne und Nicolas Oliveira Kisilowski. Sanne bewies im Training eindrucksvoll seine Kopfballstärke und Torgefahr. Oliveira Kisilowski war für mich als Dauerläufer auf der rechten Abwehrseite vielleicht die Entdeckung des Trainingslagers. Nicht nur gegen Pilsen überzeugte er - auch in den Trainingseinheiten wirkte er auf mich schon sehr weit. Ich bin sicher, dass er im nächsten Monat seine ersten Profi-Minuten sammeln wird. Auch die anderen jungen Spieler um Felix Paschke, Hannes Hermann, Luis Seifert, Omar Megeed und Valon Zumberi präsentierten sich im Training vielversprechend. Zumberi wirkte jedoch in den Testspielen verunsichert und machte einige Fehler. Daher glaube ich, dass er noch Zeit braucht. Die Zeit ist beim HSV jedoch knapp. Die Neuzugänge um Pherai, Öztunali, Ramos und Hadzikadunic können den HSV sofort weiter bringen. Immanuel Pherai zählte in beiden Testspielen zu den besten Hamburgern. Hadzikadunic deutete seine Aggressivität und seine Zweikampfstärke im Training an, agierte jedoch gegen Salzburg wie die restliche Hamburger Hintermannschaft unglücklich.
Testspiele mit wenig Aussagekraft
Durch die Verletzungssorgen haben die Testspielergebnisse für mich wenig Aussagekraft. Sowohl das beachtliche 3:3 gegen Pilsen, als auch die 1:4-Klatsche gegen RB Salzburg. Die Defensive war notdürftig zusammengewürfelt und wird in dieser Konstellation aller Voraussicht nach nie wieder auflaufen. Egal ob David und Zumberi, oder Zumberi mit Hadzikadunic - Die Innenverteidigung bleibt eine Baustelle. Auch die Außenverteiderpositionen bleiben Schwachstellen. Gegen Pilsen sahen wir zumindest offensiv mit Pherai, Öztunali und Königsdörffer gute Ansätze. Erschreckend war daher für mich zu beobachten, dass dem HSV gegen Salzburg offensiv fast gar nichts gelang. Klar war da ein Klassenunterschied. Und der letzte Tag des Trainingslager war sicher für viele Spieler auch körperlich besonders herausfordernd. Trotzdem darf der HSV mit seinen Testspielleistungen in der Vorbereitung bisher nicht zufrieden sein. Als letzter Test steht noch des Duell im Ibrox gegen die Rangers an. Auch in Glasgow geht es dann zum dritten Mal in Folge gegen einen klar favorisierten Gegner. Prinzipiell finde ich es lobenswert, sich mit Stärkeren zu messen. Allerdings wird der HSV eine wirkliche Standortbestimmung erst beim Ligaauftakt erhalten.
Walter schweigsam - aber laut auf dem Platz
Tim Walter gab auf dem Platz alles. Anzuerkennen ist, dass das Training hart und die spielerische Intensität hoch war. Walter gab sich wie gewohnt emotional. Gefiel ihm etwas nicht, schallten gerne schonmal Schimpfwörter durch das Koasa-Stadion in St. Johann. Ansonsten wirkte Walter ruhiger als sonst, fast schon introvertiert. Öffentlich sprach er nur ein Mal im Rahmen einer kurzen Medienrunde. Sorgenfreiere Zeiten hat er bestimmt schon erlebt. Die größte Herausforderung wird es sein, in dieser kurzen Zeit die verfügbaren Spieler auf Wettkampfniveau zu bringen. Dass im Trainingslager sich auch noch ausgerechnet Anssi Suhonen erneut schwerer verletzt (Anbruch Wadenbein) hat, war aus personeller Sich der Tiefpunkt des Trainingslagers. Dass die Trainingstage aufgrund der vielen Ausfälle nicht so produktiv waren wie erhofft, muss der HSV jetzt schnell abschütteln. Die erste Erkenntnis ist: Der HSV ist Stand heute noch nicht bereit für den Ligaauftakt - immerhin gibt es noch zwei weitere Trainingswochen. Eine weitere Erkenntnis ist, dass die Defensivprobleme der vergangenen Saison zwar adressiert werden, aber noch lange nicht behoben sind. Einige Spieler wie Mikelbrencis, Oliveira oder sogar Ambrosius könnten zu überraschenden Gewinnern der Vorbereitung werden. Durch die Verletztenliste wird Walter personell weiter umstellen müssen. Vielleicht ist dies auch eine Chance für eben diese Spieler, die bisher außen vor waren.
Zehn intensive Tage enden nun, doch die sportliche Arbeit geht gerade erst los. Mein persönliches Highlight des Trainingslagers waren die HSV-Fans. Die bedingungslose Unterstützung, die Leidenschaft und Liebe für diesen Verein sind besonders. Dass hunderte Anhänger:innen aus ganz Europa mit nach St. Johann gekommen sind, beeindruckt mich. Ganz liebe Grüße an euch alle! Es war mir eine Freude, euch vor Ort kennenlernen zu dürfen. Bis hoffentlich ganz bald.
Euch allen noch einen schönen Sonntag,
Cornelius
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