Meinung

Das Highlight-Spiel war (zu) früh entschieden

Man kann sich nach so einem Spiel immer in großen, ausufernden und thesenstarken Analysen ergeben – oder man macht es sich ganz einfach. Zumal das heute aus meiner Sicht so…

Das Highlight-Spiel war (zu) früh entschieden

Man kann sich nach so einem Spiel immer in großen, ausufernden und thesenstarken Analysen ergeben – oder man macht es sich ganz einfach. Zumal das heute aus meiner Sicht so einfach war. Denn der HSV ist mit seinem riskanten Aufbauspiel in der ersten Halbzeit schon am SC Freiburg gescheitert, der im Anschluss an das 3:0 mit angezogener Handbremse das Spiel über die Zeit bringen konnte und bis auf den Treffer von Robert Glatzel in der 88. Minute auch nicht zuließ. Und ja, die HSV-Verantwortlichen werden jetzt die positiven Ansätze, die vor allem in der zweiten Halbzeit auszumachen waren, in den Vordergrund stellen und das Erreichen des Halbfinales zurecht als Erfolg werten.

So, wie es Sportvorstand Jonas Boldt nach Schlusspfiff machte: „Den Beifall haben die Jungs sich verdient. Die Zuschauer haben gesehen, dass wir eigentlich eine gute Saison spielen, dass wir immer alles reinhauen. Der Spielverlauf hat uns nicht in die Karten gespielt: zwei Schüsse, zwei Gegentore. Ich glaube, wenn wir den Anschlusstreffer gemacht hätten, wäre noch was drin gewesen, Chancen waren da. Aber wir haben auch gegen eine richtige Klassemannschaft gespielt.“

Sätze, die man nicht widerlegen kann. Für die man sich aber auch nichts kaufen kann. Denn ich weiß, dass man als Spieler dieses „Raus-mit-Applaus“-Gesabbel nicht wirklich hören will. Insgeheim hat man immer die Hoffnung auf die große Sensation – und man hat diese eben nicht erreicht. Im Gegenteil: Der Wettbewerb ist an dieser Stelle beendet. Und: Das nächste Spiel findet dann auch nicht zuhause vor 57.000 Fans statt, sondern auswärts und vor 15.000 Zuschauern am Sonnabend in Regensburg. Keine leichte Aufgabe – in allen Belangen.

Die Benotung des Spiels von heute: 

Daniel Heuer Fernandes: Unglücklich gleich vor den ersten beiden Treffern der Freiburger zum 0:1 und 0:2. Bitter für ihn, dass der SC so effektiv war, Note: 5.

Moritz Heyer: Schwer zu bewerten, weil er irgendwie nur bei seinen Fouls auffiel – ohne ansonsten irgendwie abzufallen. Note: 4

Sebastian Schonlau: Doppelt unglücklich vor dem 0:2, auch ansonsten heute ein Spiel, das nie für ihn lief und das man ihm an seiner Körpersprache ablesen konnte. Note: 4

Mario Vuskovic: Aggressiv, willig, stark in der Luft. Er konnte die Gegentore nicht verhindern und schien in der ersten Halbzeit ein Stück weit zu verzweifeln. Auch nach dem Spiel war er noch stinkesauer, was Sonny Kittel zu spüren bzw. zu hören kam. Offenbar etwas zu laut, sodass Trainer Tim Walter dazwischengehen musste. Note: 4

Josha Vagnoman (bis 81.): Er hätte vor dem 0:1 enger attackieren können/müssen und war auch sonst heute immer einen Schritt zu langsam. Note: 5

Miro Muheim (ab 82.): War sofort im Spiel und wollte was zeigen. Schöne Flanke zum 1:3-Ehrentreffer. Note: 3

Jonas Meffert: Das war alles eine Nummer zu schnell für ihn. Als er sein Spiel gefunden hatte, war es zwar schön zu spät. Aber mit ihm wurde auch das HSV-Spiel geordneter und gefälliger. Note: 3,5

Ludovit Reis (bis 69.): Fehlte leider über 68 Minuten komplett und fiel das erste und einzige Mal auf, als er mit einem Handspiel die Freiburger Großchance aufs 0:4 verhinderte. Im Aufbauspiel zu handlungslahm und ein Hemmschuh. Dass er für Mikkel Kaufmann raus musste und dass dieser in der kurzen Zeit allein mit unbedingtem Einsatz mehr Aktionen als Reis zuvor hatte, es sagt alles. Note: 6

Mikkel Kaufmann (ab 69.): Engagiert wie immer, heute auch nicht ganz so stumpf und unclever wie zuletzt.Note: 4

Anssi Suhonen (bis 85.): NIEMALS würde er freiwillig einen Ball verloren geben. Er schmeißt sich in jeden Ball und in jeden gegner ohne jegliche Rücksicht auf die eigene Gesundheit. So war er auch immer irgendwie mit dabei, wenn es gefährlich wurde. Er hätte auch treffen müssen (17.). Als er dann traf, war er leider mit einem Fuß im Abseits. Aber: Das war gegenüber dem guten Spiel gegen den KSC heute noch mal eine Steigerung. Es war ein richtig guter Auftritt. Der Youngster war heute aus meiner Sicht der beste Mann im HSV-Dress. Note: 1,5

Giorgi Chakvetadze (ab 86.): Dabei. Mehr nicht.

Bakery Jatta (bis 81.): Extrem engagiert und derjenige, über den es am häufigsten gefährlich wurde. Weil über die linke HSV-Seite (Kittel) nichts kam, musste er immer wieder herhalten und machte das richtig gut. Das war heute ein gutes und eines seiner besseren Spiele. Note: 2

Faride Alidou (ab der 82.): Siehe Chakvetadze.

Robert Glatzel: Erste Flanke, und er war da. Auch sonst viel unterwegs, holte sich tief die Bälle und verteilte sie. Dadurch fehlte er im Zentrum, wenn mal was kam. Dass er am Ende den Ehrentreffer markieren konnte, hatte er such verdient. Er hat das Format, auch in der ersten Liga mitzuspielen. Note: 2,5

Sonny Kittel: Aktiver als in den letzten Zweitligaspielen. Aber: Er ist und bleibt zu weich, um ein richtig guter Führungsspieler zu werden. Hätte er nur zehn Prozent der Mentalität eines Anssi Suhonen, hätte er in der 68. Minute voll durchgezogen und getroffen… Wobei: Der Finne würde bei mir zentral aktuell immer vor Kittel aufgestellt werden. Note: 4,5

Trainer Tim Walter: Sein auf fußballerischen Lösungen basierendes Spiel ist offensiv attraktiv, aber eben auch sehr riskant. Vor allem aber ist es gegen spielerisch derart überlegene, schnellere Freiburger nicht immer schlau und wurde heute brutal bestraft. Die zweite Halbzeit war besser – aber eben nicht genug, um heute Freiburg noch mal gefährlich zu werden. Seine Wechsel (Kittel und Reis anstelle von Alidou und Kaufmann) gegenüber dem 3:0 gegen Karlsruhe griffen heute nicht – waren aber vor Spielbeginn für mich schlüssig. Dass ausgerechnet der ansonsten nimmermüde Reis heute so abfiel, war nicht vorherzusehen. Ich bin gespannt, inwieweit Walter den – nach diesem Highlight im Halbfinale, zuhause und vor 57.000 Zuschauern - normalen Spannungsabfall nach diesem Aus bis zum Regensburg-Spiel abzufedern weiß. Note: 4

Schiedsrichter Deniz Aytekin: Was für ein Schwachsinns-Elfer. Da spielt Schlotterbek den Ball im Sitzen per Kopf und es gibt Foulspiel. Selbst wenn die Regel hier kein gefährliches Spiel (Kopf zu tief!) mehr vorsieht, erschließt sich die Logik hier für mich nicht. Weshalb er Freiburgs Trainer Christian Streich nicht mit Gelb verwarnte, bleibt ebenso sein Geheimnis wie das Nicht-Abseits vor dem 1:0 für die Freiburger. Ansonsten ruhiger (und beruhigender) Leiter eines früh entschiedenen Spiels. Note: 4

Das Spiel in der Statistik:

HSV: Heuer Fernandes - Heyer, Vuskovic, Schonlau, Vagnoman (82. Muheim) - Reis (69. Kaufmann), Meffert, Suhonen (85. Chakvetadze) - Jatta (82. Alidou), Glatzel, Kittel

SC Freiburg: Flekken - Schmid (90.+2 Sildillia), Lienhart, Schlotterbeck, Günter - Eggestein, Höfler - Sallai (64. Höler), Jeong (79. Haberer), Grifo (79. Weißhaupt) - Petersen (64. Demirovic)

Tore: 0:1 Petersen (11.), 0:2 Höfler (17.), 0:3 Grifo (35.), 1:3 Glatzel (88.)

Zuschauer: 57.000

Schiedsrichter: Deniz Aytekin (Oberasbach)

Gelbe Karten: Meffert (37.), Reis (48.), Kaufmann (74.), Heyer (90.+1) / Günter (57.), Höfler (63.), Schlotterbeck (72.), Weißhaupt (90.+3)

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