Meinung

Das Gerüst des HSV wackelt und droht zu kippen

Es ist ebenso normal wie hinderlich, wenn man über Dinge, die einem wichtig sind, emotional urteilt. Und ich behaupte einfach mal, es gibt nahezu niemanden hier bei uns bei…

Das Gerüst des HSV wackelt und droht zu kippen

Es ist ebenso normal wie hinderlich, wenn man über Dinge, die einem wichtig sind, emotional urteilt. Und ich behaupte einfach mal, es gibt nahezu niemanden hier bei uns bei MoinVolkspark, der nicht in irgendeiner Form zum Fan des HSV geworden ist. Bei Wikipedia wird der Begriff Fan folgendermaßen definiert:

Ein Fan ([fɛn]; von LateinFanaticus – von der Gottheit ergriffen, in rasende Begeisterung versetzt.

Es beinhaltet also schlichtweg wenig Objektivität – aber umso mehr Emotionen. Nun ist Fansein beim HSV zweifellos eher nicht rasend begeisternd. Stattdessen holen einen beim HSV immer mehr runter, wenn es wieder mal nicht läuft. Nach jahrelanger Misswirtschaft mit folgendem Abstieg hat der HSV zuletzt dreimal den Wiederaufstieg verspielt – obwohl er es jedes Mal hätte schaffen können – um nicht „müssen“ zu schreiben. Auch in diesem Moment steht der HSV wieder kurz davor, den Wiederaufstieg zu verspielen. Kein Wunder also, dass es hier etwas hitziger wird.

Als ich am Sonnabend extra für das Spiel des HSV in Düsseldorf auf meinen letzten (und der war wettermäßig perfekt!!) Urlaubstag verzichtet habe, habe ich mich darauf gefreut, dass der HSV zeigen will, dass er besser ist als zuvor gezeigt. Gegen Sandhausen, Werder und Nürnberg hatte der HSV jeweils nur eine gute Halbzeit gespielt und in Düsseldorf sollten s endlich wieder zwei werden. Sollten – aber letztlich wurde es nicht mal eine gute Minute. Trotz des Punktgewinns in allerletzter Sekunde war das Spiel in Düsseldorf das aus meiner Sicht bislang schwächste Spiel des HSV in dieser Saison. Und das macht mich immer noch sauer. Trotzdem versuche ich es heute mal wieder mit etwas mehr Ruhe. Denn wichtiger als die Enttäuschung auszuleben ist, die Gründe für die Probleme zu suchen. Und das Düsseldorf-Spiel hat gleich eine ganze Menge davon offenbart.

Was man nach vorne macht, bekommt man nicht nach hinten...

Angefangen bei der Defensive, die ohne einen Organisator einfach zu viele Lücken lässt. Und da Sebastian Schonlau derzeit auf mich müde wirkt, fehlt dieser in der Viererkette im Vergleich zur Hinrunde. Der Abwehrchef hatte zwar eine erneut starke Passquote – aber seine Zweikampfquote ist erschütternd. Und darauf kommt es in der Innenverteidigung leider am meisten an. Nur 12 (!) Prozent seiner Zweikämpfe konnte Schonlau in Düsseldorf gewinnen, was wiederum erklärt, weshalb er aktuell so viel mit sich zu tun hat, dass ihm die Organisation seiner Mitspieler ein wenig abgeht. Zum Vergleich: Mario Vuskovic gewann 86 Prozent seiner Zweikämpfe. Schade nur, dass der Kroate nicht als Organisator fungieren kann. Zumindest NOCH NICHT.

Hinzu kamen in Düsseldorf weiter Ausfälle. Miro Muheim wirkte zunächst sportlich gegen Khaled Narey wie ein Totalausfall, ehe er verletzt vom Platz musste und faktisch ausfiel. Der für ihn eingewechselte Kinsombi rotierte ins Mittelfeld, wo Moritz Heyer von der Sechs auf die Rechtsverteidigerposition zurückgezogen wurde, während Josha Vagnoman von rechts nach links in der Viererkette wechselte. Und Kinsombi machte, was er zumeist in den letzten Jahren beim HSV machte: Er enttäuschte auf ganzer Linie.

Kinsombi war nie in der Lage, das Mittelfeld zu sortieren. Ebenso wenig wie der für ihn auf die Sechs zurückgezogene Ludovit Reis, der mir noch am besten im Mittelfeld gefiel. Wobei dieses „Gefallen“ in diesem Fall schon extrem relativ ist… Fakt ist aber, dass der HSV einen Ausfall von Jonas Meffert nicht verkraftet. Der Mittelfeldstratege ist für mich eh die wichtigste Figur im gesamten HSV-Spiel. Allein dass sein Ausfall so überhaupt nicht aufgefangen werden kann ist bitter. Und noch auffälliger, wenn neben dem Ausfall von Meffert auch Schonlau nicht funktioniert.

Kittel taucht wieder ab und Schonlau wirkt müde

Apropos funktionieren: Das hat Sonny Kittel in der Hinrunde. „Er ist gereift, will Verantwortung übernehmen“ hatte Trauiner Tim Walter immer wieder betont. Und Kittel bestätigte Walter mit guten bis sehr guten Leistungen. Kittel wurde zum Denker und Lenker in der Offensive – bis er wieder abtauchte. Ich erinnere mich kaum an Kittels letztes gutes Spiel, ehrlich gesagt. Und das in der Phase, in der der HSV ihn mit am dringendsten benötigt. Denn der HSV ist defensiv aktuell nicht stabil genug, als dass er generischem Druck standhält. In Düsseldorf hatte der HSV mehr Glück als Verstand, nicht frühzeitig aussichtlos in Rückstand zu geraten. Allein Düsseldorfs Iyoha hätte am Sonnabend drei oder vier Tore erzielen müssen. Soll heißen: Wenn der HSV seine Gegner nicht dauerhaft in deren Defensive drängt, wird es schwer.

Und damit sind wir beim nächsten Problem, denn die Offensive funktioniert nicht nur wegen Kittel nicht. Auch die Außenbahnen sind derzeit nicht zu gebrauchen.  Bakery Jatta wird inzwischen von seinem direkten Gegenspieler im Verbund mit einem tiefer stehenden zugestellt und verliert nahezu jeden Ball, wenn er ins Eins-gegen-Eins geht, während Giorgi Chakvetadze noch nicht zielstrebig genug ist aus meiner Sicht. Ich sehe bei dem Georgier tatsächlich sehr viele sehr gute Ansätze – aber die hatte ich auch bei Xavier Amaechi im Training immer wieder ausgemacht. Soll heißen: Solange Chakvetadze nur andeutet, dass er eine Verstärkung sein kann, reicht das eben nicht.

Dass letztlich Robert Glatzel den Ausgleich geköpft hat, ist dem Umstand zu verdanken, dass der Angreifer nicht schnell genug reagieren konnte. Denn eigentlich war sein erster Impuls, sich vor dem herannahenden Kopfball von Faride Alidou in Deckung zu bringen. Dass er letztlich nicht schnell genug den Kopf wegziehen konnte war es zu verdanken, dass der Ball zum 1:1 im Netz landete – und ich gönne das Glatzel. Denn bislang hat mich der Angreifer absolut überzeigt. Nicht in Düsseldorf – aber über die gesamte Saison gesehen ist er offensiv eine Konstante. Nach Kittels Einbruch in den letzten Wochen sogar die einzige, ehrlich gesagt. Abner zu Kittel werde ich mich im Laufe dieser Woche noch einmal explizit an dieser Stelle auslassen.

Fazit: Das Gerüst des HSV wackelt im Moment zu stark. Es gibt einfach zu viele Ausfälle sportlicher Natur - und einige andere (wie Meffert zuletzt), die qualitativ nicht kompensiert werden können. Und während ich in den nächsten Tagen auch einen sehr interessanten und thematisch passenden Beitrag von einem unserer User hier veröffentlichen werde, der sich mit der zweiten Reihe beim HSV beschäftigt, möchte ich heute noch einen Post beantworten, den Darmzotte (sein Teil ist fett gedruckt) an mich gerichtet hat: 

Scholle, wann genau hatte dich der HSV denn zuletzt begeistert? In Nürnberg? Gegen Bremen? Gegen Sandhausen? Gegen den KSC? Als Boldt im Doppelpass saß und vor Arroganz platzte?

Häufiger in dieser Saison. Zuletzt neben dem Pokal am meisten in Darmstadt. 

Und was genau bedeutet dieser Satz: Von daher: Crunchtime, lieber HSV! Aber diesmal nicht mehr nur theoretisch – sondern in echt… Vorher war’s egal, oder was?

Jo, war mir scheißegal. Schreib ich doch auch genau so.

Aber im Ernst und zu Deiner normalen Frage: Die Zeile sollte bedeuten, dass man jetzt nicht mehr vor den Spielen Dinge einfordern kann, ohne es auch umsetzen zu müssen. Das war zuletzt häufiger der Fall und wurde mit dem Schlagwort „Entwicklung“ kaschiert. Das wird jetzt allerdings schon angesichts der Tabellensituation und der Saisonphase nicht mehr drin sein. Denn den Luxus, sich schwache Spiele zu erlauben und trotzdem seine Ziele erreichen zu können, hat der HSV bereits jetzt komplett aufgebraucht.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit dem MorningCall und der Möglichkeit, mir für den nächsten Communitytalk wieder Fragen zu stellen. Bis dahin!

Scholle

Anzeige · Partner

Zeig deine Farben

Unsere Freunde von HANDS OF GOD setzen ikonografischen Momenten und Legenden der Vereinsgeschichte ein künstlerisches Denkmal.

Alle Hamburg-Motive bei HANDS OF GOD

Wir sind Partner von HANDS OF GOD und bekommen eine Provision, wenn du über diese Links kaufst — für dich ändert sich am Preis nichts. Gezeigt werden nur Motive, die wir selbst aufhängen würden.

Diskussion

0 Kommentare

Diskutier mit!

Registriere dich kostenlos — dann kannst du unter den Beiträgen mitdiskutieren, antworten und liken.

Jetzt kostenlos registrierenAnmelden
DU
Bleib fair — wir moderieren mit Augenmaß.
Noch keine Kommentare — sei der/die Erste.
Lies weiter Meinung HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem Ein Tag nach der Pleite sitzt der Frust tief. Neben taktischen Mängeln fehlte vor allem eins: die Bewegung und der Wille, den Ball zu fordern. Das Problem war viel tiefer als die reine Herangehensweise Weiterlesen