Analyse

Das Derby bietet dem HSV die große Chance

Jonas Meffert hat gute Erinnerungen. Weniger an Derbys an sich, denn an das Millerntor-Stadion des FC St. Pauli, wo er am Freitag versuchen wird, die Auswärtsserie zu…

Das Derby bietet dem HSV die große Chance

Jonas Meffert hat gute Erinnerungen. Weniger an Derbys an sich, denn an das Millerntor-Stadion des FC St. Pauli, wo er am Freitag versuchen wird, die Auswärtsserie zu durchbrechen. „Ich habe dort mein erstes Spiel von Beginn an gemacht. Das werde ich nie vergessen“, sagte der Mittelfeldspieler heute am Rande des Trainingsplatzes. Das Gute an dieser Erinnerung: Mit dem Karlsruher SC siegte Meffert am 25. Oktober 2014 glatt mit 4:0. Im HSV-Trikot gab es indes bislang nur zwei Niederlagen (0:3 und 2:3).

Aber vergangene Spiele haben eh kaum eine Bedeutung. Selbst die bisherige Saison spielt bei derlei emotionsgeladenen Partien wie dem Stadtderby meist nur noch eine untergeordnete Rolle. So sieht es auch Meffert, der beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Clubs beim 4:3-Sieg des HSV (die letzte Liga-Niederlage des FC St. Pauli übrigens!) im Volksparkstadion im April dieses Jahres zu den besten Spielern auf dem Platz gehörte. „Letzte Saison war es im Saisonendspurt besonderer“, so Meffert heute. Aktuell sei man dagegen noch sehr früh in der Saison.

Fakt aber ist, das kann niemand kleinreden: Die Bedeutung dieses Derbys hat bei den Anhängern eine übergeordnete Rolle. Dem ist sich auch Meffert bewusst. „Man merkt das in der Stadt und in der Kabine“, sagte der 29-Jährige. Und mit „Stadt“ bezieht Meffert auch seine Geburtsstadt Köln mit ein, wo er am vergangenen Wochenende bei einem Fanclub-Besuch über kaum ein anderes Thema habe sprechen müssen. Auch deshalb ist dieses Derby aus meiner Sicht vor allem eine riesengroße Chance für den HSV und alle seine Protagonisten, mit einem Schlag von einer verheerenden Auswärtsbilanz abzulenken. Ein Derbysieg und alle Protagonisten sind erst einmal unantastbar. Zumindest kommt es mir so vor, als würden die Fans so ticken.

Umso wichtiger ist es, dass das Umfeld rationaler bleibt. Nicht jeder Sieg ist Fortschritt. Ebenso wenig wie Niederlagen automatisch Rückschritte sein müssen. Und ich würde gern auf den trotzigen Walter-Kommentar, dass man auf Rang zwei stehe und sich dafür auch nicht zu entschuldigen habe, antworten: Der Tabellenplatz sagt seinerseits leider nichts darüber aus, ob man alles aus der Mannschaft herausholt, oder nicht. Denn so gut ein direkter Aufstiegsplatz zweifellos auch ist, behaupte ich, dass in dieser Mannschaft noch viel Luft nach oben ist. Vor allem auswärts.

Obwohl, nein: Auch hier mache ich einen Fehler. Denn letztlich ist es sch…egal, ob Du zuhause oder auswärts auftrittst, es muss eine Entwicklung erkennbar sein. Mit einzelnen Ausrutschern, wie sie jedes Team hat. Aber über weite Strecken muss man erkennen können, dass alte Schwächen abgestellt werden und die eigenen Stärken konserviert werden. Ich habe es in den letzten Wochen immer wieder mit dem Begriff „Stabilität“ beschrieben. Und wer wissen will, was ich meine, der kann sich vom nächsten HSV-Gegner mal die letzten 15 Spiele anschauen. Da hat man längst nicht alles gewonnen – aber der Plan des Trainers war auf dem Platz erkennbar.

Ich hatte zu einem ehemaligen St.-Pauli-Trainer ein sehr gutes, privat-freundschaftliches Verhältnis und habe mich seinerzeit vor und nach den Derbys immer wieder ausgetauscht. Damals sagte er mir kurz vor dem Spiel, dass Walters Fußball spannend sei und dass die vielen Positionswechsel auf dem Platz schnell Verwirrung stiften könnten. Und ich dachte mir: Okay, der Walter-Fußball stellt also auch die guten Gegner vor Herausforderungen. Aber danach folgte dann auch schon die Einschränkung meines Bekannten, der mir sagte, dass der HSV nicht nur Verwirrung stifte, sondern eben auch selbst genauso schnell verwirrt werden könne. Wie? Indem man das Tempo im Spiel immer wieder wechselt. Mal hoch pressen, dann wieder tief stehen – und wieder hoch pressen. Ein Plan, der seinerzeit voll aufging…

Wichtig für mich am Freitag ist daher neben dem Derbysieg vor allem, dass ich erkennen, dass Walter auf die Probleme der letzten Wochen reagiert. Ganz kurz zurückgeblickt betrifft das vor allem das HSV-Mittelfeld, wo Immanuel Pherai immer nur einzelne gute Aktionen hat, aber über den großen Zeitraum seines Spiels abtaucht. Leider betrifft das ebenso Laszlo Benes, der seit einigen Wochen seiner Frühform in dieser Saison hinterherläuft. Da parallel auch Jonas Meffert kein Spielgestalter ist, fehlt dem HSV damit der Zug nach vorn. Noch mehr, da am Freitag Bakery Jatta gelbgesperrt ausfällt.

In den anderen Medien wird gerade darüber diskutiert, ob am Freitag Lukasz Poreba ins Mittelfeld rückt. Und ich kann nur hoffen, dass es so kommt. Denn der junge Pole hat den Biss und die Physis, die Pherai fehlt. Er kann dem HSV defensiv neben Meffert Stabilität verleihen und Benes so weit den Rücken freihalten, dass dieser sich offensiv austoben könnte. Und ja, Poreba könnte auch Pherai den Rücken freihalten – aber ich sehe in Benes noch mehr Kampfgeist. Und darauf wird es am Freitagabend neben aller spielerischen Qualität vor allem ankommen. Walter weiß das: „Ein Derby ist immer etwas anderes, da geht es um Emotionen, um Willen, um Bereitschaft und vor allem um Überzeugung. Derjenige, der mehr Überzeugung hat, wird dieses Spiel gewinnen.“

Apropos Mittelfeld: Laut einem Bericht von Sky hat der HSV den zentralen Mittelfeldspieler des MSV Duisburg (derzeit Tabellenletzter der Dritten Liga), Caspar Jander, auf dem Zettel. Der 20-Jährige ist beim MSV Stammspieler (15 Einsätze, ein Tor, zwei Vorlagen) und sein Vertrag läuft am Saisonende aus. Aber von derlei Meldungen werden noch einige folgen und dem Vernehmen nach sind neben dem HSV auch andere Zweitligisten an dem U20-Nationalspieler interessiert.

Und wo wir gerade bei jungen Spielern sind: Herzlichen Glückwunsch an den U17-Nationalspieler Bilal Yalcinkaya (wurde in der 74. Minute ausgewechselt) zum Erreichen des Finals bei der WM in Indonesien. Mit 4:2 im Elfmeterschießen wurde heute Argentinien (nach 90 Minuten stand es 3:3) bezwungen. Stark!! Das Finale gegen Frankreich steigt am Sonnabend um 13 Uhr deutscher Zeit.

In diesem Sinne, bis morgen. Dann vielleicht wieder mit den zuletzt Verletzten Sebastian Schonlau und Ignace van der Brempt, die beide heute zumindest schon mal wieder mittrainieren konnten. Und während das Derby für Schonlau wohl noch zu früh kommt, könnte van der Brempt wieder eine Option werden, sofern alles hält. Zumal heute Moritz Heyer mit einem Infekt kürzertreten musste.

Bis morgen!

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