Analyse

Bundesliga-Reife in Leipzig: HSV wächst an Niederlage

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die Wahrnehmung rund um den HSV in diesen ersten Wochen der Bundesliga verändert hat. Wo manch einer vor der Saison noch von einer…

Bundesliga-Reife in Leipzig: HSV wächst an Niederlage

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die Wahrnehmung rund um den HSV in diesen ersten Wochen der Bundesliga verändert hat. Wo manch einer vor der Saison noch von einer schweren Mission sprach, ist inzwischen etwas spürbar, das lange gefehlt hatte: Stabilität. Und noch wichtiger: Überzeugung. Der HSV ist nicht einfach nur „oben angekommen“, er spielt mit, er fordert Gegner wie RB Leipzig heraus, bringt sie ins Schwimmen und zeigt, dass dieser Verein nach all den Jahren Zweitliga-Mühen nicht zufällig hier steht. Entscheidend dafür war, dass sich die Mannschaft endlich wieder auf ihre Basis besonnen hat: auf defensive Ordnung. Diese Stabilität von hinten heraus ist das Fundament für das, was wir aktuell sehen. Ein junger Luca Vušković spielt dabei eine herausragende Rolle - abgeklärt, mutig, und mit einer Präsenz, die man bei einem 17-Jährigen kaum für möglich hält. Aber auch das gesamte Team versteht es, Rückschläge und Ausfälle – wie zuletzt den von Omari – erstaunlich souverän zu kompensieren. Dass der HSV in dieser Phase trotz solcher personellen Herausforderungen so stabil steht, ist deutlich stärker, als auch ich das zu Saisonbeginn in dieser Form für möglich gehalten hätte.

Das 1:2 in Leipzig war in dieser Hinsicht fast sinnbildlich. Ja, es war eine Niederlage – aber eine, die sich nicht nach Rückschritt anfühlte. Denn der HSV spielte mutig, kompakt, mit klarer Struktur und Leidenschaft. Man sah eine Mannschaft, die keine Angst mehr vor großen Namen hat. „Leipzig hat den Anspruch, die Champions League zu erreichen. Und wir schaffen es, eine solche Mannschaft komplett hinten reinzudrängen – das ist gut und ein Beleg für unsere Entwicklung“, sagte Miro Muheim danach. Treffender kann man es kaum formulieren.

HSV kann aus dieser Niederlage so viel ziehen, wenn man es richtig wertet

Natürlich: Am Ende zählen im Fußball die Ergebnisse. Und da steht nun mal ein 1:2. Aber wer nur auf die Zahlen schaut, übersieht das Entscheidende. Leipzig hatte vielleicht den Unterschiedsspieler, den der HSV an diesem Tag vermissen ließ. Christoph Baumgartner nutzte seine beiden Chancen eiskalt, während Hamburg das Pech hatte, dass Jean-Luc Dompé nur den Pfosten traf. Das Ergebnis war ein Spiegel der Effizienz, nicht der Leistung. Und das ist neu. Denn es gab Zeiten, da fehlte dem HSV in solchen Spielen die Haltung, das Selbstverständnis, die Struktur. Jetzt fehlt nur noch der letzte Punch. Trainer Merlin Polzin bleibt dementsprechend auch ruhig – und das mit gutem Grund. „Man hat gesehen, dass wir heute wieder den nächsten Schritt in unserem Prozess gegangen sind“, sagte er nach der Partie. Ein Satz, der zeigt, dass da ein Plan existiert. Eine Idee. Und die Mannschaft zieht mit.

Doch klar ist auch: Der Weg ist noch nicht zu Ende. Es gibt Baustellen, offene Fragen, Reizpunkte. Allen voran im Sturm. Die Diskussion um Robert Glatzel oder Ransford-Yeboah Königsdörffer begleitet die Saison von Anfang an – und sie ist symptomatisch für den aktuellen HSV. Beide bringen viel mit, beide haben Argumente, und doch wartet man bei beiden noch auf den Moment, in dem der Knoten platzt. Königsdörffer arbeitet, läuft, reißt Räume, aber ihm fehlt bislang der Ertrag. Kein Tor, keine Vorlage, aber jede Menge Ansätze. Und Glatzel? Der einst gesetzte Torjäger ist mittlerweile Stürmer Nummer drei. Fünf Minuten in Leipzig, 72 Minuten im Testspiel gegen Osnabrück – das ist nicht das Pensum, das er sich vorgestellt hat. Doch anstatt zu murren, bleibt Glatzel professionell. „Ich werde keine 35 km/h mehr sprinten, ein Pressingmonster werde ich auch nicht mehr. Wenn das jetzt gefragt ist, dann haben andere die Nase vorn“, sagt er ehrlich. Eine Aussage als Spiegel dessen, wie sich die Atmosphäre im Team verändert hat.

Denn der Konkurrenzkampf ist hart, aber fair. Polzin schafft es, selbst erfahrene Spieler mitzunehmen, ohne die Hierarchie zu gefährden. Mit Immanuel Pherai meldet sich zudem ein weiterer Akteur zurück, der das Potenzial hat, im Mittelfeld eine zentrale Rolle zu übernehmen. Nach Monaten voller Verletzungen feierte er in Leipzig sein Bundesliga-Comeback – und könnte, wenn er seine Dynamik und Spielfreude wiederfindet, genau der kreative Impulsgeber werden, der dem HSV im letzten Drittel noch fehlt.

HSV hat Substanz und die Mittel für den Klassenerhalt

Emotionaler Höhepunkt in Leipzig war aber zweifellos Yussuf Poulsen. Der Kapitän, Rückkehrer und Identifikationsfigur wurde von den Leipziger Fans mit einer großartigen Choreographie verabschiedet. Konfettiregen, Spalier der Mannschaft, stehende Ovationen – ein Moment, der Gänsehaut machte. Und der zeigte, dass Fußball eben mehr ist als Tabellenplätze und Tordifferenzen. Poulsen, der 2013 als 19-Jähriger nach Leipzig kam, dort Geschichte schrieb und nun beim HSV Verantwortung übernimmt, ist das perfekte Symbol für diese neue Hamburger Mischung aus Erfahrung, Demut und Ehrgeiz.

Fakt ist: Dieser HSV ist auf einem guten Weg. Die Mannschaft hat Substanz, sie hat Charakter. Und sie hat eine klare Richtung. Es wird Spiele geben, in denen Erfahrung, Kaltschnäuzigkeit oder Tiefe im Kader den Unterschied ausmachen. Aber die Basis stimmt. Denn das ist und bleibt eine funktionierende, stabile Defensive. Und wer den Auftritt in Leipzig gesehen hat, der weiß: Diese Mannschaft wächst. Sie wächst aus Fehlern, sie wächst aus Rückschlägen – und sie wächst aus Spielen wie diesem.

Vielleicht war es also gar kein verlorenes Spiel. Zumindest kann der HSV aus dieser Niederlage sehr viel ziehen, was man am Ende als Gewinn bezeichnet, wenn das dazu führt, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dann wäre es der nächste Schritt auf einem Weg, den man in Hamburg so lange vergeblich gesucht hat: der Weg zu einem stabilen, gereiften HSV. Einem HSV, der nicht mehr nur von der Bundesliga träumt, sondern der in dieser Ersten Bundesliga dann auch sportlich komplett angekommen ist.

Hoffe ich.

Scholle

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