Analyse

Brisanz im Nordderby? Der HSV muss auch so heiß sein...

immerselben Dummschwätzer kann ich sogar nur noch müde lächeln. „Der HSV solle bluten“, hatte Tim Wiese rausgehauen, um seinen Freunden von der Presse einen Gefallen zu tun und…

Brisanz im Nordderby? Der HSV muss auch so heiß sein...

Ich brauche es nicht. Dieses Provozieren á la „Hoeneß vs. Daum“, um Spielen noch mehr Brisanz zu verleihen. Über die bzw. den immerselben Dummschwätzer kann ich sogar nur noch müde lächeln. „Der HSV solle bluten“, hatte Tim Wiese rausgehauen, um seinen Freunden von der Presse einen Gefallen zu tun und vor allem: um sich selbst weiter anzubieten. Nichts ist schlimmer, als als Promi plötzlich kein Promi mehr zu sein. Aber selbst Wiese, der sich wirklich für nur sehr wenig zu schade ist, hatte in dem gesamten Gespräch den Eindruck nicht verhehlen können, dass das Derby eben nicht mehr so elektrisiert wie noch vor einigen Jahren auf Erstligaebene.

Inzwischen sind die Hamburger in ihrem vierten Zweitligajahr zu einem mehr oder einiger normalen Mitglied des Fußball-Unterhauses geworden. Nach dem dritten verpassten Aufstieg im Sommer ist die Erwartungshaltung an der Elbe zwar immer noch hoch, aber nicht mehr so riesig wie in den vergangenen Jahren. Das ist in Bremen anders. Noch.

Denn der Frust über den ersten Abstieg aus der Ersten Liga seit 41 Jahren sitzt immer noch tief, so langsam scheint an der Weser aber ein Stimmungswandel einzusetzen. Neben den beiden jüngsten 3:0-Siegen gegen Rostock und Ingolstadt ist dafür auch der aktuelle Kader verantwortlich, der nach dem Ende der Transferperiode besser aussieht als von vielen Fans befürchtet. Vor allem die Verpflichtungen von Torjäger Marvin Ducksch und des aus Leverkusen gekommenen Mitchell Weiser haben die Kritiker ein wenig verstummen lassen. Noch hofft man, den „Unfall“ schnell wiedergutmachen zu können und direkt wieder aufzusteigen.

„Wir sind auf dem Weg, dass wir wieder alle gemeinsam durch die Saison gehen“ sagte der neue Werder-Coach Markus Anfang zum zarten Pflänzchen der Wiederannäherung zwischen Fans und Club. Ein Sieg gegen den großen Nordrivalen am Samstag würde diese Verbindung zusätzlich verstärken. „In solchen Derbys kannst du dir sehr viel Kredit zurückholen“, sagte Anfang. Das wiederum gilt genauso für den HSV. Mit einem Sieg könnten Tim Walter nd seine Jungs am Nordrivalen vorbeiziehen und in die Spitzengruppe der Zweiten Liga vorstoßen. Und auch die Anhänger wären nach dem schwachen Saisonstart wieder versöhnt. „Wir wissen genau, welche Bedeutung dieses Spiel bei den Zuschauern hat“, sagt HSV-Coach Tim Walter. „Ob Erste oder Zweite Liga - das ist völlig egal.“

https://soundcloud.com/user-36211795/mo-20-09-2021-hsv-feiert-seine
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Das wiederum lässt mich zu meinem heutigen Punkt kommen. Denn ich glaube zwar nicht mehr an die überhöhte Brisanz dieses Nordderbys – aber daran, dass die Mannschaft gewinnt, die das Spiel ernster nimmt. Und dafür hat der HSV allen Grund, zumal er endlich mal in ein Spiel geht, in dem er nicht von vornherein der Favorit ist. Und, darauf hoffe ich noch mehr: Die Mannschaft sagt, sie wisse, was sie den Fans schulde. „Vor dem Saisonstart haben uns unsere Fans deutlich gemacht, welchen Wert für sie Derbysiege haben. Für uns Spieler brauchte es jetzt keine weitere Erläuterung, wir wissen alle um den Stellenwert und die Wichtigkeit. Es ist nun mal eine ganz besondere Begegnung, bei der viel Prestige auf dem Spiel steht.“ Das sagte jetzt gerade Jonas Meffert bei den Kollegen der „Deichstube“.

Einziges Problem: Das haben er und seine Kollegen auch schon vor dem Stadtderby gesagt. Und das wurde verloren. Aber auch hier gilt wie auf allen sportlichen Ebenen – vom Jungspieler bis hin zum Trainer und seinem System - geben wir diesem HSV die Chance, sich zu entwickeln. Geben wir den Spielern die Chance, ihren Worten Taten folgen zu lassen. Denn darin liegt aus meiner Sicht die einzige Brisanz aus HSV-Sicht, die wirklich relevant ist. Soll heißen: Dieser HSV hat intrinsisch so viele brisante Themen zu bearbeiten und so viele Entwicklungsschritte zu gehen, dass er jegliche Brisanz von außen als Bonus mitnehmen kann. Aber wenn diese Mannschaft so funktioniert, wie es die Verantwortlichen und die Spieler immer wieder betonen, dann braucht sie diese Extrabrisanz nicht, um in wirklich jedem Spiel 110 Prozent zu geben. Diese Mannschaft muss so viel Eigenmotivation haben, dass nichts mehr reinpasst...

Auch deshalb stört es mich nicht mehr, wenn ich vor Spielen wie beim Stadtderby zuletzt oder jetzt vor diesem Nordderby nicht mal im Ansatz diese Aufregung verspüre, wie noch vor ein paar Jahren. Im Gegenteil: Es fühlt sich aus meiner Sicht richtig an. Gesunder irgendwie. Es fühlt sich so an, als würde man die richtigen Prioritäten setzen und endlich wegkommen vom Dumm-Gesabbel und der falschen Show drumherum. Man hat genug mit sich selbst zu tun – und das wissen jetzt endlich alle…

Ebenfalls gut: Bis auf Josha Vagnoman sowie die Langzeitverletzten Tom Mickel und Stephan Ambrosius kann Trainer Walter auf alle Profis zurückgreifen – und steht damit vor einigen kniffligen Entscheidungen, die dem Vernehmen nach erst morgen bekanntgegeben werden sollen. Oder anders formuliert: Der Trainer schürt die Motivation bis zur letzten Sekunde…

Spannend wird es auch morgen bei uns wieder! Wenn Ihr dabei sein wollt, dann schaltet ab 20 Uhr unseren Youtube-Kanal ein. Ich werde dort mit dem ehemaligen HSV- und Werder-Profi Marinus Bester sowie mit Philipp Wenzel sitzen, die als Vollblut-HSVer natürlich mit Euch und mir das Spiel begleiten, die aber auch abseitig noch einige interessante Anekdoten parat haben.

Aber auch dazu morgen mehr. Für heute soll es das gewesen sein. Ich wünsche Euch jetzt erst einmal einen schönen Freitagabend! Bis morgen!

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