Brisantes Nordderby? Der HSV gibt sich betont gelassen
Das erste Training vor dem Nordderby gegen Werder Bremen am Sonntag ist durch. Und die Stimmung ist noch immer sehr gut. Trotz des vermeintlichen Dämpfers gegen Sandhausen.…

Das erste Training vor dem Nordderby gegen Werder Bremen am Sonntag ist durch. Und die Stimmung ist noch immer sehr gut. Trotz des vermeintlichen Dämpfers gegen Sandhausen. Alle Profis konnten am Training teilnehmen. „Volle Kapelle – alles gut!“, freute sich der HSV-Coach heute nach dem Training. Auch Tim Leibold lief parallel dazu seine Runden und absolvierte sein individuelles Programm. Aber allemal Grund genug für Trainer Tim Walter, zufrieden auf das bevorstehende Derby zu blicken. Selbst die seit Wochen Gelbsperren-Gefährdeten Jonas Meffert und Moritz Heyer sind in Sandhausen ohne Verwarnung geblieben – und werden am Sonntag dementsprechend nicht nur spielen können, sondern auch zur Startelf gehören. Hoffe ich auf jeden Fall. So kann der Trainer Heyers kleine Auszeit in Sandhausen als Paradebeispiel dafür nehmen, wie sehr es sich für seine Jungs lohnt, konstant Leistung zu zeigen.
Und das hat Heyer getan. Seit dem Derby beim FC St. Pauli, wo Jan Gyamerah schwach spielte und sich dessen Ersatz Josha Vagnoman so verletzte, dass er gerade erst am Wochenende in Sandhausen sein Kader-Comeback feiern konnte, zeigte Heyer gute Leistungen. Und damit meine ich nicht seine Tore (unter anderem ein ganz wichtiges beim Hinspiel gegen Werder) allein. Nein, die waren Zugabe. Heyer liefert schlichtweg immer ab. Auf der rechten Abwehrseite ebenso ab wie ersatzweise auf der linken Abwehrseite und im zentral-defensiven Mittelfeld. Nicht so auffällig wie beispielsweise ein Sonny Kittel – aber Heyer ist für mich neben Jonas Meffert der auffälligste Unauffällige. Oder anders formuliert: Heyer ist ein entscheidender Stabilisator für das Team.
Moritz Heyer wird zum Allround-Spezialisten
Ich erinnere mich selbst noch an die Spieler früher, die positionell gefühlt überall und nirgendwo zuhause waren. Meistens waren das Spieler, die alles konnten – aber nirgendwo Spezialisten waren. Und Heyer selbst wird auch gern geschoben, weil er eben einfach viele Positionen spielen kann. Er selbst spricht immer wieder davon, dass die Innenverteidigerposition seine Lieblingsposition ist („Am liebsten spiele ich in der Innenverteidigung. Allgemein spiele ich noch lieber zentral, als auf Außen“) – aber ich habe ihn trotz sehr guter Spiele in der Innenverteidigung nicht so stark in Erinnerung wie auf der rechten Verteidiger-Position. Dass der Trainer überlegt, wo er den zurückkehrenden Josha Vagnoman noch einsetzen kann, spricht dafür, dass er es ähnlich sieht. Auf dieser Position ist Heyer schon ein Spezialist.
Walters aufbauende Worte nach dem Sandhausen-Spiel für seinen Leistungsträger waren stark. So, wie es ein guter Trainer macht: Er nahm alle in die Pflicht und fördert damit das Wir-Gefühl innerhalb der Mannschaft. Und das alles, ohne dabei Heyer das Gefühl zu vermitteln, dass irgendwas Schlimmes passiert wäre. Er nahm jede Brisanz aus dem Thema und kehrte die Lehre so um, dass alle gesondert motiviert sein dürften, füreinander einzustehen. Und das klingt nicht nur gut – das ist gut.
Auch aus der kurioserweise steigenden Erwartungshaltung meiner Kollegen an Giorgi Chakvetadze. Heute wurde schon darüber berichtet, ob und wie man ihn verpflichten kann. Dabei hat der junge Georgier gerade drei Kurzeinsätze hinter sich. Wobei, schaut man sich die Spielzeiten hierbei an (12 / 24 / 45 Minuten) dann könnte der Logik nach jetzt das erste Mal ein 90-Minuten-Einsatz bevorstehen. Aber dem erteilte Walter meiner Meinung nach zurecht eine Absage: „Jeder der trainiert, ist bereit. Aber er braucht trotzdem noch. Er ist noch nicht so weit nach der Zeit bei Gent. Das habe ich schon öfter gesagt.“
Walter nimmt seinen Spielern den Druck - auch Chakvetadze
Und dort war Chakvetadze nach seiner Verletzungspause beim Trainer nicht mehr auf dem Radar. Ich hoffe, dass Walter sich (wie sonst auch) auch in diesem Fall treu bleibt und sich gegen die öffentliche Erwartungshaltung abschottet. Denn es ist ein Phänomen, das der HSV nicht exklusiv hat, wenn sich die Fans Spieler glorifizieren, die noch nicht das Gegenteil bewiesen haben. Leider entsteht daraus aber zu oft auch eine zu schnell hohe Erwartungshaltung. „Wir haben Freude an ihm, er ist ein guter Spieler. Und er bringt eine andere Facette rein – egal, ob er beginnt oder reinkommt. Und das auch unabhängig davon, gegen wen wir spielen“, sagt Walter und verallgemeinert es, um alle Spieler anzusprechen: . „Ich freue mich über alle, die da sind, weil die immer alles investieren. Da gibt es keinen Grund, sich zu beschweren. Es geht immer um die Energie, die die Jungs mitbringen – und das machen alle top.“
Auch jetzt vor dem speziellen Spiel gegen Werder Bremen. Tabellenerster (Werder) gegen den Tabellenzweiten, Nordderby – etwas besonderes? „Nein“, antwortet Walter auf die Frage, ob er im Laufe der Trainingswoche irgendwas anders machen würde und ob er eine besondere Spannung verspüre. „Wir freuen uns über jedes Spiel das kommt. Es macht Spaß, gegen Mannschaften zu spielen auf Augenhöhe. Es ist ein schönes Spiel – und darauf freuen wir uns.“ Ob es ein Vorteil ist, dass Walter den Werder-Coach Ole Werner schon aus gemeinsamen Zeiten in Kiel kennt? „Kenne seine Art, aber er hat sich auch weiterentwickelt. Ich habe ihn immer wieder verfolgt, aber nicht mehr so konkret. Ich kenne ihn nicht aus dem Effeff.“
Ein entspannter Walter. Auf allen Ebenen. Gefällt mir allemal besser als Dampfplauderer, die das Nordderby so hochstilisieren, dass man nur noch enttäuschen kann. Denn das ist nur allzu oft schiefgegangen. Und da auch die Spieler ähnlich unaufgeregt agieren, sprechen und sich stabil präsentieren, scheint Walter seine Wirkung nicht zu verfehlen…
Und dann noch, bevor ich diesen Blog beende, ein Text, den der Adressat verdient hat. Auch wenn er schon seit einem halben Jahr beim und für den HSV keine aktive Rolle mehr innehat:
Vielen Dank und alles Gute, Aaron!
Denn Aaron Hunt hat nach 17 Jahren seine Fußballkarriere beendet. „Ich mache Schluss. Ich habe mich entschieden, dass ich nicht mehr spiele“, sagte der 35-Jährige. Im Sommer hatte der HSV Hunts Vertrag nicht verlängert. Danach hielt sich der Mittelfeldspieler für einen möglichen neuen Club privat fit. „Ich habe seit Sommer einige Möglichkeiten gehabt zu unterschreiben. Aber am Ende hat es nicht so recht gepasst. Es ergibt keinen Sinn, ein weiteres halbes Jahr zu warten. Das Thema Profi-Fußball ist für mich abgeschlossen.“

Von 2004 bis 2014 absolvierte Hunt für Werder Bremen 286 Pflichtspiele und erzielte dabei 51 Treffer. Für den HSV kam er zwischen 2015 und 2021 auf 153 Spiele (26 Tore). „Ich hatte eine lange, schöne Karriere gehabt. Und 35 ist auch ein Alter, wo man schon mal mit dem Kicken aufhören kann“, sagte Hunt, der mit Werder und dem VfL Wolfsburg jeweils den DFB-Pokal gewann. „Die Erinnerungen an das Uefa-Cup-Finale gegen Donezk mit Bremen oder mein Tor in der Champions League gegen Real Madrid sind ebenfalls noch sehr lebendig“, sagte Hunt. Der Tiefpunkt sei der Bundesliga-Abstieg mit dem HSV 2018 gewesen: „Der tut heute noch weh. Und, dass ich es mit dem Team nicht geschafft habe, in die erste Liga zurückzukehren.“
Vor dem Duell seiner beiden Ex-Teams am Sonntag im Volksparkstadion ist Hunt gespannt. Er wird sich die Partie zuhause ansehen. Und er erwartet, dass „Kleinigkeiten“ das Top-Spiel in der entscheiden werden. „Die Teams sind meiner Meinung nach aktuell gleich stark. Ich sehe keine Mannschaft deutlich im Vorteil. Ich denke, dass das Derby 1:1 ausgehen wird und beide Mannschaften mit einem Unentschieden leben können“, sagte Hunt den Kollegen der BILD.
Wir von MoinVolkspark bedanken uns bei dem ehemaligen Kapitän, der sich innerhalb des HSV und innerhalb seiner jeweiligen Mannschaften stets vorbildlich verhalten hat. Sportlich war (ist) Hunt mit einem fußballerischen Talent ausgestattet, wie nur sehr wenige andere. Selbstverständlich gab es neben einigen Hochs auch einige Tiefs – ebenso gesundheitlich. Aber am Ende stehen immerhin sechs Jahre HSV, in denen sich Hunt für den HSV aufgerieben hat. Ob er dafür nun einen Euro oder 1 Milliarde bekommen hat, das interessiert mich tatsächlich in diesem Moment Null! Ich möchte es nur nicht versäumen, einem Spieler zu danken, der für den HSV alles gegeben hat. Und das hat Hunt.
In diesem Sinne, wir wünschen Dir, Aaron, für die Zeit nach der aktiven Karriere ein glückliches Händchen, viel Spaß, und vor allem: Gesundheit für Dich und Deine Familie!
Alles Gute, Aaron! Und: vielen Dank!
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