Bitteres 2:3 gegen Werder - der HSV verpennt erste Halbzeit und der Videoschiri entscheidet
Als die Werder-Profis in der Ecke Südwest vor ihren mitgereisten Fans mit der HSV-Eckfahne in den Händen den 3:2-Sieg feierten, wussten sie schon, weshalb sie es so ausgelassen…

Vorab die wichtigste Nachricht aus diesem Nordderby

Als die Werder-Profis in der Ecke Südwest vor ihren mitgereisten Fans mit der HSV-Eckfahne in den Händen den 3:2-Sieg feierten, wussten sie schon, weshalb sie es so ausgelassen taten. Denn abgesehen von dem Prestige dieses Nordderbys an sich war heute auch das Zustandekommen dieses Sieges sehr glücklich für die Gäste, die damit zugleich die Tabellenführung übernahmen. Zwei Handelfmeter nach Schüssen aus unmittelbarer Entfernung – bitter. „Ich muss mich ein bisschen zurückhalten, denn beim Elfmeter zum 0:1 werde ich aus einem Meter Entfernung abgeschossen. Da auf Elfmeter zu entscheiden, ist ja lächerlich“, schimpfte Jonas Meffert nach Spielende. Und er erhielt Unterstützung von seinem Trainer Tim Walter, der sich nach dem 2:3 gegen Werder Bremen vor 25.000 Zuschauern erfolgreich bemühte, nicht den Schiedsrichter bzw. den Videoschiri zu beschimpfen. Er lobte seine Mannschaft stattdessen, mit diesen Widrigkeiten gut umgegangen zu sein. „Zumal man den Elfmeter zum 0:1 niemals geben darf, zumindest nicht, wenn man selbst mal Fußball gespielt hat. Genauso darf man das angebliche Foul vor unserem vermeintlichen 1:1-Ausgleich niemals pfeifen, und dann wird diese Szene noch nicht einmal überprüft. Das ist natürlich alles extrem bitter“, so Walter, der eine grundsätzliche Diskussion über diese Handelfer, bei denen man aus wenigen Zentimetern angeschossen wird, empfahl. Zurecht, wie ich finde.
Im Spiel selbst hatte Walter alles beim Alten gelassen. Keine Veränderungen in der Startelf trotz der schwachen ersten Halbzeit zuletzt in Sandhausen – es darf als symptomatisch für Walters Haltung gesehen werden. Denn Walter vertraut seinen Spielern. Auch dann, wenn sie wie in Sandhausen mal eine Halbzeit nicht abliefern. Bei Moritz Heyer hatte es der HSV-Trainer schon direkt nach dem Schlusspfiff in Sandhausen deutlich gemacht. Und den anderen Beteiligten demonstrierte er dieses Vertrauen mit der Startelf spätestens heute. Und die Mannschaft wird das zu schätzen wissen.
Werder beginnst stärker - HSV zu langsam
Dennoch, zu Beginn der Partie aber waren es die Bremer, die frischer wirkten. Sie störten den HSV effektiv im Spielaufbau und fanden selbst immer wieder kleinere Lücken für ihr eigenes Aufbauspiel. Und: Sie trafen. Zuerst durch Leonardo Bittencourt, dessen Kopfball aber abseits war. Allerdings hatte zuvor Jonas Meffert den Schuss von Ömer Toprak aus unmittelbarer Entfernung – und im Wegdrehen – unabsichtlich an die Hand bekommen. Per Videobeweis gab Schiri Daniel Siebert den Elfer für Werder. Einen, wie ihn der abwehrende Spieler gar nicht vermeiden kann. Aber eben auch einer, wie er heutzutage leider immer wieder gepfiffen wird. Ein Schwachsinn, von dem der HSV in dieser Saison aber auch schon profitiert hat. Heute nicht – und somit stand es 0:1 nach zehn Minuten, da Werders Toptorjäger Marvin Ducksch sicher verwandelte.

Das Spiel lief bis hierhin – und auch danach – nur für die Gäste. Beim HSV reihten sich Fehlpässe aneinander, die in der 30. Minute eigentlich das sichere 0:2 hätten bedeuten müssen. Vuskovic auf Reis, der heute immer eine Sekunde zu langsam schaltete und den Ball zu lässig weiterleiten wollte. Ergebnis: Ballverlust, Gegenangriff, Ducksch ist durch, passt quer auf Bittencourt, der den Ball nur noch reinmachen muss. Aber: Der Bremer Lautsprecher scheitert am besten HSVer: An Daniel Heuer Fernandes.
Der Weckruf? Leider nicht. Der HSV fand in der ersten Hälfte spielerisch einfach keine Mittel, sich nach vorn durchzuspielen. Auch, weil die Außen heute komplett zugestellt waren und sowohl Jatta als auch Alidou keine einzige Aktion im Eins-gegen Eins für sich entscheiden konnten. Hinzu kam, dass der Ball in aller Regel entweder in den Fuß oder in den Rücken – aber eben nicht in den Lauf gespielt wurde.
Das Mittelfeldzentrum als Knackpunkt
Und während das Mittelfeldzentrum des HSV offensiv keine Anspielpunkte hatte , war es defensiv der Schwachpunkt dieser ersten 45 Minuten. Dass es letztlich nur 0:1 stand – es war allein Daniel Heuer Fernandes zu verdanken. „Wenn sie in dieser Zeit ihre Chancen genutzt hätten, dann wären wir heute chancenlos gewesen.“, sah Meffert selbstkritisch ein. Trotzdem traf der HSV zum Ausgleich. Glatzel war es. Allerdings wurde auf Stürmerfoul entschieden, was Glatzel absolut nicht nachvollziehen konnte: „Wir kriegen erst diesen Elfmeter, der keiner ist, und dann wird auch noch unser 1:1 zurückgepfiffen. Es gibt hierbei von mir einen leichten Kontakt, aber das ist kein Foul, an keiner anderen Stelle auf dem Feld würde dieser Kontakt als Foul geahndet werden.“

Und während sich auf der Tribüne gerade die Meldung verbreitetet, dass Putin seine atomaren Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt haben soll, fiel doch noch das 1:1. Glatzels Schuss kullerte vor die Füße von Meffert und dieser stocherte den Ball zum Ausgleich über die Linie (46.). Aber bevor ich überhaupt an Freude denken konnte, war schon wieder der Videobeweis dran. Diesmal hatte Jatta den Ball trotz angelegten Armes an die Hand bekommen. Und wieder entschied Dankert auf Elfer. Füllkrug nahm das Geschenk an und verwandelte sicher in die Ecke, die Schonlau seinem Keeper vorher angesagt hatte – das 1:2 (51.). Und leider war somit nicht nur ergebnistechnisch alles wieder beim Alten.
Denn der HSV fand zunächst weiterhin keinen Weg, sich Chancen zu kreieren. Werder wartete auf den einen Fehler – und der HSV machte diesen. Mehrfach. Allein Werder nutzte die sich bietenden Möglichkeiten und Räume weiterhin nicht. Und: Heyer sah nach einem taktischen (und notwenigen) Foulspiel die 5. Gelbe Karte. Damit fehlt der Abwehrspieler am kommenden Spieltag beim 1. FC Nürnberg. Es dauerte 15 Minuten bis der HSV das 1:2 verdaut hatte und wieder etwas aktiver wurde. Jetzt endlich auch mit Sonny Kittel, der bis hierhin kaum stattgefunden hatte.
Jatta provoziert das dritte Gegentor
Trotzdem fing sich der HSV das dritte Gegentor. Weil der mehr als unglücklich agierende Jatta sich den Ball zu weit vorlegte, ihn an den besten Mann auf dem Platz, Marvin Ducksch, verlor und dieser den Gegenangriff einleiten konnte. Ducksch war es dann auch, der diesen Angriff mit einem sehr platzierten Schuss aus 18 Metern zum 3:1 vollendete. Ein unnötiger, ganz bitterer Gegentreffer! Aber der HSV noch mal zurück. Zumindest zum 2:3. Diesmal wurde der Treffer durch Robert Glatzel nicht aberkannt. Der eingewechselte David Kinsombi hatte sich über rechts gut durchgesetzt, flankt in die Mitte, wo der HSV-Angreifer mit viel Körpereinsatz zum 2:3 vollenden kann (80.).
Der Beginn eines Anlaufens des HSV, das sogar belohnt wurde. Der ebenfalls eingewechselte Wintzheimer traf in er Nachspielzeit zum 3:3 – stand aber leider im Abseits. Ob Kittel zuvor (nach Pass von Heuer Fernandes) auch schon im Abseits war, erschloss sich mir nicht. Bitter genug aber war es auch so. Glatzel enttäuscht: „Das Ergebnis ist ärgerlich, wir hätten einen Punkt verdient gehabt. Wir hatten heute viele 50:50-Entscheidungen, die gegen uns gelaufen sind, haben aber bis zur letzten Sekunde gekämpft.“
So endete ein wie erwartet spektakuläres Nordderby leider mit 2:3. Nach einer unterlegenen ersten Halbzeit reichte eine stärkere zweite Halbzeit nicht mehr, um hier wenigstens einen Punkt zu holen. Wobei sich nach dem Sandhausen-Spiel inzwischen die Frage stellt, woran es liegt, dass der HSV die erste Halbzeit erneut verschlafen hat. Ebenso bleibt positiv festzuhalten, dass sich der HSV nie hängenlässt und immer wieder zurückkommen kann. Heute auch mit erneut belebenden Einwechselspielern (Kinsombi, Vagnoman, Chakvetadze und Wintzheimer), die Trainer Tim Walter im Nachgang noch einmal lobte.
"Grandios" und "stolz" - Walter redet eigene Mannschaft stark
Insgesamt wollte HSV-Coach Tim Walter im Nachgang nichts wissen von Unterlegenheit. Im Gegenteil: Walter machte deutlich, dass er sich und sein Team durch die Elfmeterentscheidungen ebenso wie durch das (aus seiner Sicht fälschlich) nicht gegebene Tor von Glatzel in der ersten Halbzeit (er hatte seinen Gegenspieler geschoben) benachteiligt fühlte. Zudem seien 70 Prozent Ballbesitz ein klares Indiz für die eigene Stärke im Nachgang. „Ich bin stolz auf meine Mannschaft. Meine Mannschaft hat ein tolles Spiel gezeigt. In der ersten Hälfte sind wir zu Beginn zwar nicht gut drin gewesen, waren nicht so mutig. Aber in der zweiten Hälfte haben wir alles reingeworfen. Ich habe lobende Worte für meine Mannschaft. Es gibt Tage wie heute, wo wir nicht alles beeinflussen können. Aber die Jungs haben den Umständen getrotzt und nicht aufgesteckt. Deswegen lobe ich die Jungs für diesen Auftritt.“ Ich kann dem nicht zustimmen – es ist aber angesichts der kurzen Verschnaufpause bis Mittwoch, da geht es im Volkspark ja im DFB-Pokalviertelfinale gegen den Karlsruher SC, wohl aus HSV-Sicht der richtige Weg.
Die Spielerbewertungen:
Daniel Heuer Fernandes: Mit weitem Abstand der beste Mann beim HSV – und auch insgesamt auf dem Platz. Er hielt den HSV lange Zeit im Spiel und war am Ende sogar noch Ideengeber in der Offensive. Abgesehen natürlich von einem besseren Ergebnis kann man aus seiner Sicht nicht mehr machen. Ganz stark! Note: 1
Moritz Heyer (bis 80.): Besser als in Sandhausen, aber in der ersten Halbzeit wie alle anderen immer wieder überfordert im Aufbauspiel. Musste in der zweiten Halbzeit ein wichtiges, taktisches Foul beziehen und wurde danach gegen seinen Ersatz Josha Vagnoman ausgetauscht. Ob er auch am Mittwoch eine Pause bekommt, ließ Walter offen. Ich würde sie ihm gönnen. Note: 4
Josha Vagnoman (ab 81.): Es war alles andere als leicht, in dem Moment eingewechselt zu werden. Aber er brauchte trotz der fünf Monate Pause nicht lange, um sich einzufinden. Sein Tempo kann eine wichtige Qualität für die nächsten Wochen werden. Und er verleiht Walter die Möglichkeit, Heyer ins Mittelfeldzentrum zu verschieben. Heute beispielsweise wäre eine Doppelsechs aus Meffert und Heyer in der ersten Halbzeit zweifellos effektiver gewesen, um das Bremer Aufbauspiel zu stören. Note: Das war schon sehr okay – aber zu wenig Zeit, um eine ernstzunehmende Note zu vergeben.
Sebastian Schonlau: In der ersten Halbzeit wie alle anderen auch nicht auf der Höhe. In der zweiten Halbzeit ein echter Kapitän, der voranging. Er sicherte defensiv ab und organisierte im nächsten Schritt die Offensive maßgeblich mit. Erste Halbzeit Note 4, zweite Hälfte Note 2 – das ergibt die Note: 3
Mario Vuskovic: Stemmte sich nach Kräften gegen die starken Bremer Angreifer – und machte das mit Aggressivität und Härte sogar ganz gut. Umso bitterer, dass man heute trotzdem drei Gegentore hinnehmen musste. Note: 3
Miro Muheim (bis 81.): Ihn fand ich über die gesamten 90 Minuten gesehen noch am stabilsten. Er ließ defensiv nichts zu, gewann seine Zweikämpfe und war nach vorn heute passsicher. Ist auf jeden Fall endlich angekommen und lässt den Ausfall von Tim Leibold sportlich vergessen. Note: 2
Manuel Wintzheimer (ab 81.): Er macht als Einwechselspieler immer Dampf. Das ist gut für den HSV – aber nicht wirklich für ihn. Denn so empfiehlt sich der tadellose Sportsmann für weitere Jokereinsätze. Seine Qualitäten (absolute Loyalität, immer hundertprozentiger Einsatz, Torgefahr) machen es Walter derzeit leicht, ihn immer erst von der Bank zu bringen. Note: 3
Jonas Meffert: Hatte das Spiel seiner Mannschaft ebenso wie sein eigenes in der erst5en Halbzeit nicht i Griff. War in seinen Handlungen immer einen Millimeter zu spät dran. Aber: Er fing sich und stabilisierte das eigene Spiel in der zweiten Halbzeit erkennbar. Eine Leistungssteigerung, die sich sofort im HSV-Spiel erkennbar machte. Note: 4
Ludovit Reis (bis 71.): Ist im Moment nicht in der besten Verfassung. Er will. Und das immer. Das macht ihn wertvoll. Sein Einsatz ist ungebrochen. Aber seine Ballaktionen werden. Zunehmend unglücklich. Er könnte eine Pause – die es leider nicht gibt durch das Pokalspiel – gut gebrauchen. Note: 5
David Kinsombi (ab 72.): War sofort ein belebender Faktor. Er dürfte sich für Mittwoch bei Walter weiter nach oben gespielt haben. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass Walter überlegt, am Mittwoch Kinsombi für Reis zu bringen. Es wäre auf jeden Fall nachvollziehbar. Note: 2
Sonny Kittel: Heute nicht so präsent wie sonst. Auch er wurde in der zweiten Halbzeit besser – aber es war kein gutes Spiel. Note: 4,5
Bakery Jatta: Nach vorn emsig und unglücklich – hinten mit einem entscheidenden Ballverlust und einem tragisch verschuldeten Handelfmeter. In Summe kann man da nicht besser urteilen als mit der Note: 5
Faride Alidou (bis 45.): Bei dem Youngster muss man den Reset-Knopf suchen und ihn schnellstmöglich drücken! Da geht momentan nichts. Das Vertrauen des Trainers in ihn ist zwar weiter ungebrochen. Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass Alidou sich nicht mehr selbst aus seiner Formkrise ziehen kann, sondern dringend eine Pause braucht, um an einem unbeschwerteren Moment (bei einer Führung seiner Mannschaft beispielsweise) noch mal eingewechselt zu werden. Vielleicht nutzt er dann die Situation, um noch einmal neu ansetzen zu können. Note: 5
Giorgi Chakvetadze (ab 46.): Wieder ein guter Auftritt. Einer, der zeigte, dass der Georgier eine Verstärkung wird, wenn er so weitermacht. Vielleicht ja schon sehr bald auch mal als Ersatz für die zurzeit schwächelnden HSV-Außenstürmer. Note: 2
Robert Glatzel: Hing in der ersten Hälfte ohne jedes brauchbare Anspiel völlig in der Luft - und er traf trotzdem. Leider zählte der Treffer nicht, da er sich etwas zu körperlich eingesetzt hatte. Aber auch er steigerte sich. Von dem Moment an, wo das eigene Offensivspiel auch stattfand, war er präsent. Note: 3
Die Daten zum Spiel:
HSV: Heuer Fernandes - Muheim (81. Wintzheimer), Schonlau, Vuskovic, Heyer (81. Vagnoman) - Kittel, Meffert, Reis (72. Kinsombi) - Alidou (46. Chakvetadze), Glatzel, Jatta
SV Werder Bremen: Pavlenka - Friedl, Toprak, Veljkovic - Jung, Schmid, Groß, Bittencourt (71. Rapp), Weiser (90. Agu) - Ducksch (83. Dinkci), Füllkrug
Tore: 0:1 Ducksch (10.), 1:1 Meffert (46.), 1:2 Füllkrug (51.), 1:3 Ducksch (76.), 2:3 Glatzel (80.)
Zuschauer: 25.000 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Daniel Siebert
Gelbe Karten: Jatta (51.), Hübner (57.), Heyer (61.) / Schmid (45.)
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