Bitteres 0:2 - HSV verpasst Wiederaufstieg gegen Hertha
Felix Magath umarmte kurz sein Trainerteam und verschwand erst einmal Richtung Kabine, seine Spieler machten sich überglücklich auf den Weg zu den mitgereisten Fans. Hertha BSC…

Felix Magath umarmte kurz sein Trainerteam und verschwand erst einmal Richtung Kabine, seine Spieler machten sich überglücklich auf den Weg zu den mitgereisten Fans. Hertha BSC bleibt erstklassig - der HSV hat den Aufstieg dagegen durch ein schwaches 0:2 schon wieder verpasst! Dedryck Boyata (4.) schockte den HSV nach einem dummen Ballverlust im Aufbauspiel des HSV früh und Marvin Plattenhardt (63.) traf vor 55.000 Zuschauern mit einem direkt verwandelten Freistoß nach Stellungsfehler Daniel Heuer Fernandes für die Hertha. Die Hamburger Profis und ihr Trainer Tim Walter bekamen trotz der Niederlage zwar großen Zuspruch ihrer Anhänger auch nach Schlusspfiff. Aber das tröstete nur bedingt. „Wir hatten die ganz große Chance und haben es nicht geschafft, das tut weh“, sagte HSV-Kapitän Sebastian Schonlau und Jonas Meffert ergänzte: „Das heute tut weh. Die erste Halbzeit war viel zu wenig von uns. Und als die Berliner müder wurden, waren sie schon mit einem Tor vorn.“
Und damit hatte Meffert recht. Denn obwohl ich das Volksparkstadion vor dem Anpfiff noch nie so laut erlebt habe, verpennte der HSV die kompletten ersten 45 Minuten. Noch schlimmer: Vor dem 0:1 versuchte der HSV wieder auf Krampf ein Kurzpassspiel aufzuziehen, obgleich alle Spieler zugestellt waren. Logische Konsequenz: Ballverlust, Eckball – und die frühe Strafe, weil Meffert sich von Herthas Kapitän Boyata verladen ließ und dieser ungehindert einköpfen konnte. Und schon war alles wieder offen. Der Vorteil des 1:0-Hinspielsieges war dahin.
Mit den Routiniers Boateng (schwach!) und Stevan Jovetic sowie Santiago Ascacibar (beide gut) in der Startelf agierten die Berliner zunächst viel besser als im Hinspiel, während HSV-Trainer Tim Walter nach dem frühen Gegentor sichtlich unzufrieden war, da seine Mannschaft nur sehr langsam zurück in die Partie fand. Auf Änderungen in der Startelf hatte Walter verzichtet. Leider. Denn während sich Heuer Fernandes ganz schön strecken musste, um den Distanzschuss von Tousart zu entschärfen (31.) und die Berliner kurz vor der Pause schon neun Torschüsse abgegeben hatten – brachte es der HSV auf gerade einmal einen Torschuss. Und auch das restliche HSV-Spiel war viel zu fehleranfällig.
Hertha-Torwart Andreas Christensen bekam zu Beginn der zweiten Halbzeit bei den Abschlüssen von Ludovit Reis (48.) und Moritz Heyer (49.) zwar etwas mehr zu tun. Der HSV wirkte jetzt präsenter und kam öfter in ihr eigentlich sehr offensives Spielsystem. Aber mitten ins erste Aufbäumen traf dann Plattenhardt per direkt verwandeltem Freistoß. Von der rechten Seite flog der Ball über den schlecht postierten Heuer Fernandes hinweg in das lange Eck zum 0:2 (63.). Ein bitterer Bock des bislang so sensationell auftrumpfenden HSV-Keepers. Und leider auch die Entscheidung, da der HSV es auch in der Folgezeit nicht verstand, den Ball in die gefährliche Zone zu bringen.
Magath war das wurscht. Der Hertha-Trainer lächelte. Sein Team versuchte zudem, sofort nachzusetzen. Heuer Fernandes rettete gegen Jovetic (73.). Die HSV-Profis wehrten sich in der hitzigen Schlussphase, zu vielen Chancen kamen sie aber nicht mehr. Offensiv war man heute führungslos, da auch heute wieder Sonny Kittel abtauchte. Die größte Chance hatte noch der eingewechselte Josha Vagnoman, als er in der 80. Minute im Sechzehner frei zum Schuss kam, aber geblockt wurde. Der Rest war Enttäuschung.
Aber: Es gab viel Applaus für Tim Walter und sein Team. Die Fans auf der Nordtribüne feierten Mannschaft und Trainer im Anschluss. Sogar frenetisch. Sprechchöre forderten Tim Walter auf, sich dem Applaus der Fans zu stellen – und der Trainer nahm diese Einladung gern an. Er verbeugte sich mehrfach und freute sich sichtlich. „Wir sind stolz auf das, was wir geschaffen haben. Wir haben hier etwas angestoßen – sind aber noch lange nicht am Ende.“
Ein deutlicher Fingerzeig auch in Richtung der nicht-sportlichen Gremien, hier auf Konstanz zu setzen. Darauf, dass an aus den Fehlern dieser Saison lernt und es in der kommenden Saison besser macht. Zusammen. In dieser Konstellation zuzüglich einiger Neuverpflichtungen für die Mannschaft. Aber dazu werde ich mich in den nächsten Tagen noch genauer äußern. Bis dahin erst einmal die Einzelbewertung:
Die Einzelbewertungen:
Daniel Heuer Fernandes: Er hätte den Ball schlagen können – nein: MÜSSEN - vor dem entscheidenden Ballverlust, der zur Ecke und dem 0:1 führte. Es war nicht seine einzige Fehlentscheidung im ersten Durchgang. Beim 0:2 zudem mit katastrophalem Stellungsfehler. Er rettete in der 73. Minute zwar gut gegen Jovetic, aber: Das war seine mit gaaaanz weitem Abstand schwächste Saisonleistung. Ausgerechnet heute. Tragisch. Note: 5
Moritz Heyer (bis 82.): Er war lange Zeit der aktivste neben Reis. Aber auch ihm gelang nach vorn nichts. Note: 4
Jan Gyamerah (ab 82.): Dabei und bemüht.
Sebastian Schonlau: Seine Kernaufgabe war es, hinten die Null zu sichern. Das misslang früh. Auch sonst heute sehr unglücklich. Note: 4
Mario Vuskovic: Es steht zu befürchten, dass er dem HSV für vergleichsweise kleines Geld weggekauft werden könnte. Denn der Kroate ist einfach zu gut für die Zweite Liga. Note: 2
Miro Muheim: Zusammen mit Kittel einfach zu ungefährlich nach vorn und zu anfällig nach hinten. Obwohl er von den beiden noch der deutlich bessere war, war es viel zu wenig. Selbst für Zweitligaverhältnisse. Note: 4
Jonas Meffert: Ließ sich vor dem 0:1 zu leicht von Boyata verladen – das kann er besser. In der zweiten Halbzeit räumte er immer wieder sehr rustikal ab und man merkte auch ihm an, dass die Kräfte einfach schwanden. Aber er biss sich durch. Note: 4
Maximilian Rohr (bis 58.): Nach vorn mit seinen langen Schritten immer wieder mal auffällig, defensiv aber erwarte ich bei einer Körperlänge von 1,93 einfach mehr Souveränität im Kopfballspiel. Insgesamt zu viele kleine Fehler. Seine Auswechslung war folgerichtig.
Josha Vagnoman (ab 58.): Hatte in der 80. Minute die große Chance zum Anschlusstreffer - und vergab.
Ludovit Reis: Er ackerte vorbildlich, gewann Bälle – verlor sie aber auch zu oft. Trotzdem: Er machte defensiv viel und offensiv zusätzlich das, was ich von Sonny Kittel erwartet hätte. Wenig verwunderlich, dass er in der zweiten Halbzeit den ersten HSV-Torschuss (48.) abgab. Für mich zusammen mit Vuskovic mit Abstand bester Hamburger heute. Note: 2
Bakery Jatta (bis 74.): Dass er die einzige echte Waffe des HSV ist, wird immer dann besonders augenscheinlich, wenn er so aus dem Spiel genommen wird wie heute. In seinem Spiel hatte der Gambier heute deutlich mehr Schatten als Licht. Note: 4
Mikkel Kaufmann (ab 74.): Heute in seinem wohl letzten Spiel für den HSV komplett ohne jede Wirkung. Note: 4
Robert Glatzel: Die ersten 45 Minuten liefen komplett an ihm vorbei. Wenn er mal ins Spiel eingebunden wurde, biss er sich an Boyata die Zähne aus. Er war heute kein Aktivposten. Note: 4
Sonny Kittel: Der Abtaucher. Mal wieder, wenn es wichtig wurde. Und etwas robuster. Der feingeist schwächte sein Team erneut durch Verweigerung. Von dem einst von Trainer Walter gefeierten Leader ist nichts geblieben. Und dieses Spiel heute wirft erneut die Frage auf, inwieweit man auf ihn setzen kann und soll. Vorweg: So schwer es mir fällt, einem vom fußballerischen Talent her so geilen Kicker das so sagen zu müssen, aber: Für mich ist Kittel so einfach nicht mehr tragbar. Sollte man es sich leisten können, ihn als Teilzeitjobber mitzuschleppen – okay. Er ist ein herausragender Fußballer in den Phasen, in denen er Bock hat. Aber allein diese Formulierung zeigt schon, dass hier etwas gewaltig nicht stimmt. Note: 5,5
Trainer Tim Walter: Seine Spielidee ist mutig und er zieht sie mit aller Konsequenz durch. Dass seine Spieler heute vor dem 0:1 nicht den befreienden Ball spielten, kann man ihm dennoch nicht allein anlasten. Im Gegenteil: Inzwischen sollte die Mannschaft wissen, wann sie wie hinten rausspielt. Dass er Kittel 90 Minuten durchspielen ließ war (s)ein Fehler. Nach Spielschluss bewahrte Walter Haltung in allen Bereichen. Er nahm die Mannschaft mit in die Kurve zu den Fans, er fand die richtigen Worte – kurzum: wer auch immer hier glaubt, ein Trainerwechsel würde den Aufstieg in der neuen Saison wahrscheinlicher machen, der hat von Teamgeist und der Kraft des Kollektivs keine Ahnung.
Schiedsrichter Aytekin: Was hat mich dieser selbstgefällige Klappspaten heute genervt. Er versucht immer besonders cool und verständnisvoll auf Augenhöhe mit den Spielern zu sein und ist doch so abgehoben. Dann pfeift er trotz dauerhafter Verzögerungen pünktlich ab. Aber okay, sowas passiert, wenn Schiris nicht mehr unauffällig bleiben wollen, sondern sich selbst schon als Stars erachten. Trotzdem: An ihm lag es sicher nicht. Note: 4
Stimmen zum Spiel:
Sebastian Schonlau: Wenn du so ein wichtiges Spiel verlierst, dann tut das richtig weh. Wir haben es uns ganz anders vorgestellt, das frühe Gegentor hat uns schwer getroffen. Im Verlauf der ersten Halbzeit konnten wir uns zwar stabilisieren, die klaren Torchancen haben aber gefehlt. Die Fans sind bemerkenswert, aber gerade deswegen tut es umso mehr weh, da man sieht, was es den Menschen hier bedeutet. Um uns muss sich keiner Sorgen machen, wir werden zurückkommen.
Jonas Meffert: Die Berliner haben es heute besser als am vergangenen Donnerstag gemacht, sie haben dank des frühen Tores das positive Gefühl mitgenommen und super verteidigt. In der Relegation brauchst du halt das Quäntchen Glück, da man in der Regel wenig Chancen hat. So wie ich die Jungs kenne, werden wir in der nächsten Saison wieder angreifen und versuchen, noch mehr Punkte zu holen. Es ist ein großer und herber Rückschlag, aber wenn wir alle daraus lernen, dann wird uns das noch stärker machen. Mir tun die Fans einfach unfassbar leid.
Tim Walter:Herzlichen Glückwunsch an die Hertha. Kleinigkeiten waren heute ausschlaggebend. Es hat nicht die bessere, sondern die glücklichere Mannschaft gewonnen. Ich bin trotzdem sehr, sehr stolz auf meine Mannschaft. Wir haben mithilfe der Zuschauer und des Vereins über die Saison etwas entstehen lassen und sind immer noch nicht am Ende. Momentan herrscht einfach nur Leere, aber die nächsten Tage geht es weiter.
Felix Magath:Ich bin überglücklich über das 2:0. Es war ein enges Spiel. beide Teams hätten es verdient gehabt, in der Bundesliga zu spielen. Wir waren heute die glücklichere Mannschaft. Ich bin sehr froh, es für die Hertha geschafft zu haben.
Die Statistik zum Spiel:
HSV: Heuer Fernandes - Heyer (82. Gyamerah), Vuskovic, Schonlau, Muheim - Meffert, Reis, Rohr (58. Vagnoman) - Jatta (74. Kaufmann), Glatzel, Kittel
Hertha BSC: Christensen - Pekarik, Boyata, Kempf, Plattenhardt (81. Björkan) - Ascacibar, Tousart, Serdar (85. Stark), Boateng (89. Darida) - Belfodil (82. Maolida), Jovetic
Tore: 0:1 Boyata (4.), 0:2 Plattenhardt (63.)
Zuschauer:55.000
Schiedsrichter: Deniz Aytekin (Oberasbach)
Gelbe Karten:- / Boateng (30.), Jovetic (37.), Tousart (83.)
Gelb-Rote Karten:- / Tousart (90.+6)
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