Spielbericht

Bittere Derby-Pleite für den HSV nach Schonlau-Rot

Ausgerechnet der FC St. Pauli hat den HSV in der 2. Fußball-Bundesliga gestoppt und seine eigene Krise auf einen Schlag beendet. Im brisanten und hitzigen 108. Stadtderby…

Bittere Derby-Pleite für den HSV nach Schonlau-Rot

Ausgerechnet der FC St. Pauli hat den HSV in der 2. Fußball-Bundesliga gestoppt und seine eigene Krise auf einen Schlag beendet. Im brisanten und hitzigen 108. Stadtderby setzte sich der Kiezclub letztlich verdient mit 3:0 (0:0) durch. Der HSV musste mehr als eine Stunde in Unterzahl agieren nach der Roten Karten für Kapitän Sebastian Schonlau (28.) wegen einer Notbremse gegen Etienne Amenyido. Eric Smith (61.), Marcel Hartel (74.) und David Otto (89.) sorgten mit ihren Treffern vor 29 205 Zuschauern im ausverkauften Millerntorstadion für braun-weiße Partystimmung und für das Ende der seit sieben Spielen dauernden Sieglosserie. Der HSV kassierte indes die erste Niederlage nach sieben Partien und nach saisonübergreifend acht Siegen auf fremdem Platz.  

Fazit: Derby Nummer 108 tut weh. 0:3 am Millerntor gegen den FC St. Pauli und dazu den Kapitän mit Rot verloren. Mehr muss man gar nicht sagen. Oder ehrlicher formuliert: Mehr möchte ich gar nicht sagen. Außer im Blitzfazit und der obligatorischen Einzelkritik:

Daniel Heuer Fernandes: Lange nicht gefordert – und dann auf einmal mit Glanzparaden (15. Minute gegen Amenyido, 20. vor Irvine am Ball) zur Stelle – das zeichnet den DHF von heute aus. Er ist eine absolute Konstante. Trotzdem hatte er heute zu viele kleine Fehler im Aufbauspiel und wirkte beim Kopfball von Smith zum 1:0 extrem behäbig. Note: 4 

Moritz Heyer (bis 88.): Er verliert das wichtige Kopfballduell vor dem 0:1 gegen Smith, weil er gar nicht erst richtig mit zum Ball hochgeht. Warum nicht? Ansonsten hatte er es nicht leicht, hielt aber sehr gut dagegen. Trotzdem reicht es so nicht. Er kann es besser. Note: 5

Filip Bilbija (ab 88.): Dabei. Konnte nicht mehr helfen.

Sebastian Schonlau: Musste das Missverständnis mit Vuskovic bei einem langen Ball des Pauli-Keepers teuer bezahlen. Ein kleiner Schubser als letzter Mann – Rote Karte nach 28 Minuten. Dieser Schubser ist übrigens durchaus gängige Praxis. Aber in diesem Fall wurde er von Schonlau mit zu weitem Abstand zum Gegenspieler und dadurch viel zu sichtbar gemacht. Von daher: korrekter Platzverweis. Und ein bitterer Derbyabend für den HSV-Kapitän, der sich durchaus mehr auf seinen Keeper hätte verlassen können. Trotzdem: Bei dem kursierenden Schonlau-Bashing werde ich nicht mitmachen, dafür ist mir der Captain zu konstant und in diesem Fall nicht allein schuld. Bis zur Roten war eine 3 - aber sein Platzverweis war spielentscheidend. Auch, weil er als Kopfballspieler fehlte. Von daher ist es nur die Note: 5

Mario Vuskovic: Bitteres, teures Missverständnis mit seinem Kompagnon Schonlau vor dessen Roter Karte. Hatte seinen Landsmann Matanovic gut im Griff – bis zur 44. Minute. Denn da reichte eine Fußsputze dem Pauli-Angreifer zur größten Torchance der ersten Hälfte. Zum Glück (für Vuskovic und den HSV) rettete der Pfosten. Am Ende ging leider auch er mit unter. Note: 4

Miro Muheim: Er spielt, weil Walter aktuell durch die Verletzung von Tim Leibold keine Alternative hat. Aber er spielt schwach. Wieder mit einem mehr als fahrigen Beginn und unfassbar vielen Ballverlusten in der Vorwärtsbewegung. So spielt er sich aus dem Team – und dem noch verletzten Tim Leibold in die Karten.  Note: 5

Jonas Meffert: Er war gefordert – und selten überfordert. Gewann viele Defensivzweikämpfe, ist aber in der eigenen Offensive sowas von ineffektiv, dass es manchmal wehtut. Seine Flanken und Torabschlüsse erinnern mich an David Jarolim, wenn Ihr wisst, was ich meine… Note: 4

Ludovit Reis: Er hat Bock – immer! Und das steckt einfach an. Hatte den ersten Torschuss nach zehn Minuten beim HSV und agierte immer wieder als Antreiber der eigenen Offensive. Heute wirkte er in der Vorwärtsbewegung aber leider auch fast immer allein gelassen. Bester Mann im HSV-Team war er trotzdem. Note: 3

Laszlo Benes (bis zur 65.): Kein filigranes Aufbauspiel mit tödlichen Pässen oder eigenen Toren von ihm – dafür in der Anfangsphase zumindest angenommene Zweikämpfe, was auch wichtig war. Allerdings müssen irgendwann auch mal Impulse vorn von ihm gesetzt werden.  Und davon sehe ich weiterhin keine. Das ist mir in Gänze noch immer viel zu wenig. Note: 5

Jean-Luc Dompé (ab 65.): Warum er trotz Verletzungspause vor Sonny Kittel eingewechselt wurde, erschloss sich mir nicht. Sportlich überzeugt mich der Franzose bislang nicht. Seine Übersteiger nerven mich sogar schon, weil sie in Momenten kommen, wo es unnötig ist. Er muss sich noch massiv steigern und deutlich mehr Zug zum Tor entwickeln. Note: 5

Ransford Königsdörffer (bis 75.):  Er brauchte lange, um ins Spiel zu finden. Viel zu lange, wie ich fand. Und während ich ihn spätestens zur Halbzeit rausgenommen hätte, ließ der Trainer ihn auf dem Platz. Und: Hätte Walter auf Königsdörffers Tempos gesetzt und ihn als einzige Spitze für Konter genutzt – okay. So aber lief der zuletzt so effektive Angreifer nur hinterher. Das war nichts. Note: 5 

Sonny Kittel (ab 75.): Er kam spät und fand auch nicht mehr ins Spiel. 

Bakery Jatta: Wohl dem, der einen Jatta hat. Dank des unfassbaren Laufpensums des Gambiers brauchte Walter nach der Roten Karte zunächst nicht zu wechseln, sondern übergab Jatta einfach mal einen Doppeljob: Vorne rechts bei Ballbesitz und hinten rechts gegen den Ball.  Trotz seines wie immer starken Laufpensums blieb Jatta heute weit unter seinen Möglichkeiten. Aber er verdiente sich ob seines Fleißes eine bessere Note als das Gros seiner Kollegen, daher:  Note: 4

Robert Glatzel: Vollblutstürmer gehen in Tornähe zu jedem Ball – so auch er, als er in der 18. Minute dem einschussbereiten (und von ihm schwer zu sehenden) Heyer den Ball vom Fuß nahm. Leider fiel er heute mit vielen schwachen Ballannahmen bzw. schwachem Passspiel auf. Er machte er zu viele schnelle Angriffe langsam. War nie richtig im Spiel. Note: 5

Trainer Tim Walter: Warum er in Unterzahl nur 3 Wechsel (davon einen in der 88. Minute) vorgenommen hat, erschließt sich mir nicht. Frühere Wechsel hätten mehr Frische bringen können. Ein Suhonen hätte zudem offensiv mehr Schwung gebracht als Dompé und Kittel zusammen UND er hätte defensiv gearbeitet. Zudem wäre es vielleicht cleverer gewesen, mit einem schnellen Königsdörffer als einzige Spitze auf Konter zu setzen und defensiv zuzustellen nach dem Platzverweis. Spätestens aber zu Beginn der zweiten Hälfte. Er konnte heute keine entscheidenden Impulse setzen, daher: Mitgehangen, mitgefangen. Note: 5

Schiedsrichter Aytekin: Machte fast alles richtig. Note: 2

STIMMEN ZUM SPIEL (via HSV.de):

Sebastian Schonlau: Den Platzverweis kann man geben. Es ist meine Verantwortung, ich schließe in der Szene nicht früh genug. Ich will die Chance noch verhindern, muss aber wegbleiben. Das ist mein Ding. Das war die Schlüsselszene des Spiels. Im Elf-gegen-elf hätte das mit Sicherheit anders ausgesehen.

Daniel Heuer Fernandes: Es tut einfach weh, so ein Spiel zu verlieren. Wir haben alles versucht, sind mutig geblieben, aber der Gegner hat es über die Räume, die wir in Unterzahl geben mussten, gut gemacht. Beim 0:2 war es dann noch schwerer, zurückzukommen. Heute und morgen wird es schwer, aber wir müssen die Köpfe dann wieder hochkriegen. Wir wissen, was wir diese Saison schon geleistet haben. Wir wissen, was wir für eine Qualität haben und wir lassen uns von sowas nicht unterkriegen. Wir ziehen unser Ding durch. 

Jonas Meffert: Im wichtigsten Spiel gewinnen wir nicht - da ist man einfach nur enttäuscht. Es tut richtig weh. Jeder von uns hätte wie Bascho versucht, die Situation noch zu retten. Wir gewinnen zusammen und verlieren zusammen. Wir müssen das Spiel nicht automatisch verlieren, weil wir in Unterzahl sind. Wir dürfen das erste Gegentor nach einem Standard nicht bekommen, dann sieht das Spiel anders aus. Wir müssen die Niederlage jetzt verdauen. Für unsere Fans tut es uns extrem leid, sie haben uns unglaublich gepusht.

Tim Walter: Wenn man ein Derby verliert, ist man sehr enttäuscht. Das Spiel war von Anfang an rassig mit vielen Zweikämpfen. Die entscheidene Szene für mich war natürlich die rote Karte. Die kann man so geben. Auch mit zehn Mann haben wir das Spiel eigentlich im Griff. Wir haben mehr Kontrolle und mehr Ballbesitz. Wir haben versucht unser Spiel durchzuziehen, dafür stehen wir auch. St. Pauli ist dann mit einem Kopfball in Führung gegangen, das darf uns so nicht passieren. Wir laufen dann noch in einen Konter, weil wir weiter probiert haben, ein Tor zu erzielen. Die Jungs haben alles reingeworfen, letztendlich kriegst du dann noch das dritte Tor.

Timo Schulz: Es war ein verdienter Sieg. Die rote Karte für Schonlau hat natürlich einen großen Einfluss aufs Spiel genommen. Wir waren bis dahin ganz gut im Spiel, uns ist dann aber ein bisschen das Herz in die Hose gerutscht. Der HSV hatte trotzdem immer noch Ballkontrolle. Wenn man die ganzen 90 Minuten nimmt, haben wir das Spiel aber verdient gewonnen.

DIE DATEN ZUM SPIEL:

FC St. Pauli: Vasilj - Saliakas (80.Zander), Dzwigala, Smith, Medic , Paqarada (86.Ritzka) - Irvine, Aremu, Hartel - Amenyido (71.Daschner), Matanovic (80.Otto)

HSV: Heuer Fernandes - Heyer (88.Bilbija), Vuskovic, Schonlau, Muheim - Reis, Meffert, Benes (65.Dompe) - Jatta, Glatzel, Königsdörffer (75.Kittel)

Tore: 1:0 Smith (61.), 2:0 Hartel (74.), 3:0 Otto (89.). - Zuschauer:29.546 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Deniz Aytekin (Oberasbach). - Gelbe Karten:Medic (33.), Vasilj (70.), Saliakas (80.) / Heuer Fernandes (70.). - Rote Karte:- / Schonlau (28.)

VORFALL:

Vor dem Risikospiel hatte ein Polizeieinsatz für Aufregung gesorgt. Die Polizei hatte mehrere Anhänger des FC St. Pauli in Gewahrsam genommen. Ein auf Twitter kursierendes Video zeigt eine solche Ingewahrsamnahme, bei der ein Polizist Zwang in Form von körperlicher Gewalt anwendet. „Ob die Verhältnismäßigkeit gewahrt wurde, gilt es zu prüfen“, teilte die Polizei via Twitter mit. In dem Video ist zu sehen, wie mehrere Menschen von Polizisten auf dem Boden fixiert werden. Ein Beamter schlägt auf einen am Boden liegenden Mann ein, während ein anderer dessen Beine fixiert. Der FC St. Pauli forderte Aufklärung. 

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