Bitte, nicht vergessen...
Ich freue mich darüber, dass der HSV tatsächlich am letzten Spieltag noch die Chance hat, direkt aufzusteigen. Aber ich ärgere m ich noch ein bisschen mehr darüber, dass der…

Ich freue mich darüber, dass der HSV tatsächlich am letzten Spieltag noch die Chance hat, direkt aufzusteigen. Aber ich ärgere m ich noch ein bisschen mehr darüber, dass der HSV sich sehenden Auges den direkten Aufstieg genommen hat. Und ich freue mich darüber, dass Sonny Kittel jetzt, wo sein Abschied feststehen sollte, plötzlich noch mal wichtig wird und aufdreht. Aber: Ich ärgere mich darüber, dass Kittel das erst jetzt macht. Dabei war das die ganze Zeit nicht nur möglich – sondern nötig. Was ich damit sagen will, ist: Es gibt bei allem immer zwei Seiten. So auch bei Miro Muheim. Denn der Schweizer blüht in der Schlussphase der Saison auf – sagt beispielsweise Trainer Tim Walter. „Mein neuer Torjäger hat wieder mal einen 'reingezimmert“, sagte HSV-Trainer Tim Walter nach dem 2:1 gegen Greuther Fürth und legte damit den Grundstein für eine Lobhudelei, die übertrieben wirkt.
Gegen Fürth traf Muheim nicht nur mit einem schönen Schlenzer aus 16 Metern zum 1:0, sondern ließ auch Gegenspieler Ragnar Ache ein ums andere Mal keine Chance im Zweikampf. So weit, so gut. Defensiv spielte Muheim solide, er wirkte sicher im Aufbauspiel. Und er traf. „Nachdem er schon sehr viel Kritik abbekommen hat, hat er in den vergangenen zwei Wochen total überzeugt“, sagte Walter und es wirkte, als wollte er damit alle Muheim-Kritiker Lügen strafen. Dabei war der für teure 1,4 Millionen Euro fest verpflichtete Linksverteidiger in dieser Saison häufiger ein Unsicherheitsfaktor mit hoher Fehlerquote. Offensiv hat sich Muheim immer wieder Szenen erarbeitet. Seit Beginn der Rückrunde konnte der Schweizer so gute fünf Vorlagen verbuchen, dazu kamen nun zwei Treffer mit guten Leistungen in den letzten beiden Spielen gegen Greuther Fürth und Jahn Regensburg. Aber defensiveinen Grund zum Feiern liefert das ebenso wenig wie der Umstand, dass man sich die theoretische Chance auf den Direktaufstieg am letzten Spieltag zwar offenhalten konnte – aber eben nicht in der eigenen Hand hatte.
Denn ohne Muheim hier schlechter zu machen als andere, sollte man auch seine Saison nicht von ein paar guten Aktionen zum Saisonende hin schönreden. Er selbst macht das übrigens auch gar nicht. „Ich freue mich jetzt. Aber morgen geht es schon wieder weiter“, sagte der Schweizer selbst am späten Samstagabend. Denn auch Muheim weiß, dass er in dieser Saison nicht abrufen konnte, was man von ihm erwartet hatte. Dass Muheim diese Chancen nach mehreren schwächeren Leistungen bekam, resultierte auch aus der Verletzung von Noah Katterbach.
Ein Kreuzbandriss hat die Leihgabe des 1. FC Köln außer Gefecht gesetzt. Da Bent Andresen noch nicht so weit ist, ergab sich Eine angespannte Personallage, die Muheim auf der Linksverteidigerposition quasi unantastbar macht. Muheim weiß das und nimmt eine Stufe nach der anderen. Auf die um ihn herum (wie in Hamburg so oft völlig verfrühte, überzogene) Lobhudelei lässt er sich nicht ein. „Ich will jetzt genau so weitermachen», sagte Muheim mit Blick auf seine jüngsten Leistungen. „Wenn mal einer 'reingeht, bekommt man mehr Selbstvertrauen, es ab und zu mal zu versuchen.“ Und das wiederum würde ihm Sicherheit geben. Klingt sehr gut. Sehr realistisch.
Und auch wenn Walter nur versucht hat, seinem viel kritisierten Linksverteidiger Mut zu machen, macht sich beim HSV vermehrt Verklärung breit. Nicht nur bei Muheim und Kittel, den Walter jetzt plötzlich doch wieder halten will. Es mag ein Stück weit der Ausnahmesituation der Saisonschlussphase zuzuschreiben sein, dass Emotionen die Vernunft überlagern. Aber diese Saison bietet ebensolche Angriffsflächen wie die vorigen Jahre. Daran darf am Ende auch ein immer noch möglicher Aufstieg nichts ändern. Auch dann nicht, wenn man sich zu Unrecht zu kritisch betrachtet fühlt, wie es bei Walter offensichtlich der Fall ist.
Nein, diese Saison hat ein spannendes Finale, dem wir in den nächsten Tagen gern alles unterordnen können. Da bin ich gern dabei, weil ich genau wie alle anderen auch den HSV gern aufsteigen wehen will. Aber dieses kompromisslose Unterordnen funktioniert nur dann, wenn wir dabei den Blick für die Realität nicht verlieren. Ein Happy End bedeutet nicht immer auch, dass alles vorangegangene gut war. Hier sollten beim HSV vielleicht alle ein bisschen mehr Muheim sein...
Was jetzt von Außenstehenden dazukommt, dürfen wir gern unter „Psychospielchen“ abspeichern. Das ist alles nett, aber nicht wirklich oft rational gedacht. Wobei, in diesem Fall würde ich mich extrem freuen, wenn er recht behält. Denn im „Sportclub“ des NDR sagte Felix Magath den direkten HSV-Aufstieg voraus, weil Heidenheim am letzten Spieltag in Regensburg patzen soll: „Sie sind sehr kompakt, verteidigen sehr gut und sind erfolgreich bei Standardsituationen. Aber aus dem Spiel heraus Chancen zu kreieren, da tun sie sich schwer. Und sie müssen ja gewinnen, also nach vorne spielen. Und die Regensburger sind nicht schlecht im Verteidigen“, meint Magath, der die nervliche Belastung auf Seiten der Heidenheimer sieht. „Die Heidenheimer hatten im Laufe der Saison schon mehrere Matchbälle, die sie vergeben haben. Sowas steckt im Hinterkopf“, sagte Magath und hatte am Ende noch einen (vielleicht gar nicht bewussten) Wortwitz parat. Immerhin hatte er lange Zeit damit geliebäugelt, als Investor beim HSV einzusteigen, was letztlich scheiterte. Im NDR-Fernsehen sagte er: „Wenn ich jetzt HSV-Aktien kaufen könnte, würde ich welche kaufen.“
In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend!
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