Analyse

Bitte nicht um jeden Preis!

Medizinbälle statt Fußbälle, Kardiogeräte statt Rasenplatz – für die Fußballprofis des HSV standen gestern und heute die durchaus anstrengenden Leistungstests an. Erst am…

Bitte nicht um jeden Preis!

Medizinbälle statt Fußbälle, Kardiogeräte statt Rasenplatz – für die Fußballprofis des HSV standen gestern und heute die durchaus anstrengenden Leistungstests an. Erst am morgigen Freitag geht es wieder auf den frischen und top-gepflegten Trainingsplatz wieder um den Ball. Und das dann zum ersten Mal unter dem neuen Trainerteam um Tim Walter. Ob dann schon alle Neuen dabei sein können und ob vielleicht noch ein weiterer Spieler fehlt, der noch beim HSV unter Vertrag steht – wir werden es morgen alle live sehen können, denn der HSV überträgt das erste Training ab 13 Uhr via youtube-Channel live. Und auch ich werde Euch am Abend über alles das informieren können, was sich dort am Platz abgespielt hat.

Freitag ab 13 Uhr das erste Training live!

Wobei ich sehr darauf hoffe, dass es nicht stimmt, was in letzter Zeit zu hören und zu lesen war. Denn ein Abgang von Amadou Onana wäre für den HSV finanziell sicher erst einmal gut – aber zu einem Zeitpinkt, an dem der Belgier gerade einen Bruchteil seines Marktwertes erreicht hat. Zumindest behaupte ich, dass Onana auf seiner Position das Potenzial hat, der beste Zweitligaspieler zu werden – und anzudeuten, dass er sogar das Potenzial zu noch deutlich mehr hat. Dafür fehlt ihm aktuell noch einiges (Ballkontrolle, Cleverness, Torgefahr) – aber nichts, was er nicht über Einsätze entwickeln kann.

Gleiches gilt in etwas abgeschwächter Form auch für Josha Vagnoman, wobei der im Laufe der letzten Saison etwas mehr Zeit und Gelegenheit hatte, sein Potenzial abzurufen. Er hat bereits einen sehr guten Marktwert erreicht, den er sicher noch steigern kann und wird. Aber wohl nicht in dem Maße wie Onana. Das ist zum einen positionsbedingt, da er als Rechtsverteidiger auf einer Position spielt, die selten solche Marktwerte zulässt. Onana als zentraler, defensiver Mittelfeldspieler hingegen ist in jedem Spiel auffällig. Und wenn er irgendwann mal so auffällig spielt, wie ich es ihm zutraue, dann könnte er den HSV mit seiner Ablösesumme fast im Alleingang sanieren. 

Aber okay, wir wissen um die Nöte des HSV finanziell. Den Anspruch, hier nach eigenem Wunsch zu handeln, hat der HSV längst aus der Hand gegeben. Und angesichts der Tatsache, dass man mit dem Stadiongrundstück sowie den vorausgegangenen Fan-Anleihen und anderen Krediten eigentlich schon alles ausgeschöpft hat, was man an Sondereinnahmen generieren kann, befürchte ich schlimmstes. Denn für die neue Saison wird sich Finanzvorstand Frank Wettstein erneut eine Sondereinnahme einfallen lassen müssen – rein sportlich ist der Bedarf an neuen Finanzmitteln eher nicht zu wuppen. Zumal, wenn ich höre, dass man einem Spieler wie Gideon Jung noch eine halbe Million Euro mit auf den Weg gibt, während man selbst fleißig Ablösesummen bezahlt und für Rick van Drongelen beim Verkauf an einen Erstligisten gerade einmal 500.000 (zzgl. Prämien maximal 1 Mio) bekommt, dann erkennt man schon den Räumungsverkauf, der aktuell stattfindet. Wirtschaftlich strategisch gedacht wird dabei erst im zweiten Atemzug. Es soll einfach alles raus, was in irgendeiner Form noch an die alten Misserfolge anknüpft. Sportlich soll ein Neuanfang auf komplett unvorbelasteter Basis stattfinden.

Onana wäre ein ganz bitterer Abgang

Onana allerdings wäre für mich ein Spieler, den ich unter allen Umständen halten und hier weiter ausbilden würde. Ihm (ebenso wie Vagnoman) würde ein individuelles Training bei Ricardo Moniz extrem guttun können. Wenn die beiden ihre technischen Stockfehler minimieren und vielleicht noch ihr Offensivspiel verbessern, werden sie automatisch mehr Wert sein als aktuell. Und, noch mal: Bei Onana steigert sich der Wert sicher exponentiell stärker noch als bei Vagnoman. Den defensiven Mittelfeldspieler hier zu halten wäre daher aus meiner Sicht sportlich ebenso wertvoll, wie dessen zu erwartende Wertsteigerung es auch wirtschaftlich mehr als rechtfertigen würde. Und zu guter Letzt: Onana ist einer der Spieler, die sich nullkommanull von alten Misserfolgen beeinflussen lassen. Der Junge dreht vor und in jedem Spiel durch, als wäre es ein Finale… Von daher, auch wenn ich es schon wegen der Verpflichtung von Kiels Sechser Jonas Meffert befürchte, hier noch mal: Bitte nicht Onana abgeben! Lieber mal mehr Wert auf die individuelle Ausbildung legen und auf Sicht finanziell doppelt oder dreifach davon profitieren.

Dass man den niederländischen Mittelfeldspieler Ludovit Reis von der zweiten Mannschaft des FC Barcelona loseisen will, finde ich spannend. Der 21-Jährige war in der vergangenen Saison an den Zweitliga-Absteiger VfL Osnabrück verliehen und erzielte dort in 30 Pflichtspielen nur ein Tor und einen Assist. Dass sein Vertrag in Barcelona nur noch ein Jahr bis 2022 läuft, bringt den HSV in eine gute Position, den Spieler vergleichsweise günstig auch komplett zu verpflichten, anstatt auszuleihen. Und wenn ich höre, dass man intern Reis dasselbe Potenzial wie Onana nachsagt, macht mich das sogar noch neugieriger. Allein, ein 1:1-Tausch von „Onana abgeben, damit wir Reis finanzieren“ wäre für mich ein Wehrmutstropfen. Ein großer sogar…

Bevor ich hier jetzt aber mit einer Befürchtung aus diesem Blog rausgehe, freue ich mich zuallererst darüber, dass es morgen wieder losgeht. Endlich wieder handfester HSV-Fußball und nicht nur ständige Wechselgerüchte. Ich werde Euch morgen auf jeden Fall darüber berichten. Auch vom ersten Gespräch mit dem neuen Trainer. 

Bis dahin wünsche ich Euch allen erst einmal einen richtig schönen (EM-)Abend! Bleibt gesund – und bis morgen!

Scholle

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