Spielbericht

Big Points in Frankfurt! HSV macht den entscheidenden Schritt Richtung Klassenerhalt

Als der Schlusspfiff von Deniz Aytekin durch den Deutsche-Bank-Park hallte, brachen im Gästeblock alle Dämme. Knapp 6000 HSV-Fans sangen, sprangen, lagen sich in den Armen. Da…

Big Points in Frankfurt! HSV macht den entscheidenden Schritt Richtung Klassenerhalt

Als der Schlusspfiff von Deniz Aytekin durch den Deutsche-Bank-Park hallte, brachen im Gästeblock alle Dämme. Knapp 6000 HSV-Fans sangen, sprangen, lagen sich in den Armen. Da war Erleichterung. Da war Stolz. Da war aber auch dieses Gefühl, das man als HSV-Fan in den vergangenen Jahren viel zu selten erleben durfte: Das Gefühl, ein Spiel gewonnen zu haben, das man einfach gewinnen musste. Und genau das hat der HSV in Frankfurt getan. Nicht perfekt. Nicht fehlerfrei. Nicht wie eine Mannschaft, die schon komplett im gesicherten Bundesliga-Mittelfeld angekommen ist. Aber mit genau der Intensität, der Leidenschaft und dem Druck, den es brauchte, um eine ohnehin schon angeschlagene Frankfurter Mannschaft endgültig ins Wanken zu bringen.

Und das ist erst einmal überhaupt nichts Schlechtes!

Denn eines war von Beginn an deutlich sichtbar: Diese Eintracht war verunsichert. Die internen Diskussionen, die Unruhe rund um Verein und Mannschaft - all das war auf dem Platz zu spüren. Frankfurt wirkte schwerfällig, fahrig und teilweise fast lethargisch. Und der HSV? Der nutzte genau das. Die Mannen von Trainer Merlin Polzin gingen aggressiv in die Zweikämpfe, liefen mutig an und zwangen die Eintracht immer wieder zu Fehlern. Schon nach wenigen Minuten war klar, dass der HSV heute nicht nach Frankfurt gekommen war, um irgendwie mitzuspielen oder auf einen glücklichen Punkt zu hoffen. Diese Mannschaft wollte dieses Spiel gewinnen.

Und sie hätte es eigentlich viel früher entscheiden müssen.

Denn schon die erste Halbzeit war im Grunde eine einzige große vertane Chance auf ein deutlich ruhigeres Fußballspiel. Immer wieder eroberte der HSV die Bälle im Mittelfeld und schaltete blitzschnell um. Immer wieder öffneten sich Räume. Immer wieder lief man mit Tempo auf eine unsortierte Frankfurter Defensive zu.

Aber dann kam das große Problem, das diese Mannschaft schon die gesamte Saison begleitet. Der letzte Pass. Die letzte Ruhe. Die letzte Konsequenz. Wie viele Konter der HSV heute unsauber ausspielte, war teilweise kaum zu glauben. Da wurden klare Überzahlsituationen unnötig kompliziert gemacht. Da fehlte die Präzision. Da wurde der falsche Laufweg gewählt oder der entscheidende Ball einen Moment zu spät gespielt. Gerade in solchen Spielen merkst du eben brutal, welche Spieler echtes Bundesliga-Topniveau mitbringen – und welche aktuell eher noch davon leben, dass das Kollektiv funktioniert.

Natürlich war da wieder ganz viel Einsatz dabei. Natürlich hat niemand absichtlich schlecht gespielt. Aber Spieler wie Poulsen, Jatta oder auch Gocholeishvili zeigten, dass zwischen engagiertem Bundesliga-Fußball und echter Bundesliga-Qualität noch einmal ein riesiger Unterschied liegt.

Und trotzdem war der HSV die klar bessere Mannschaft. Fabio Vieira scheiterte spektakulär an der Latte. Lokonga brachte endlich wieder Struktur ins Zentrum. Grœnbaek war viel unterwegs, stopfte Löcher, setzte offensive Akzente und arbeitete defensiv mit einer Intensität, die bewies, dass er zurecht den Vorzug vor Mikelbrencis erhalten hatte und dass der HSV auf dieser Position zur neuen Saison Bedarf hat. Dazu stand die Defensive über weite Strecken gegeneinfallslose Frankfurter stabil, weil Torunarigha gut dirigierte und viele Situationen früh geklärt werden konnte. 

Das eigentlich Beeindruckende aber war die Wirkung auf die Frankfurter Fans. Schon vor der Pause wurde es unruhig im Stadion. Pfiffe. Raunen. Genervte Reaktionen auf Fehlpässe und verlorene Zweikämpfe. Der HSV hatte es geschafft, die Unsicherheit der Gastgeber komplett offenzulegen. Und genau das musste man in dieser Situation tun. Denn machen wir uns nichts vor: Der HSV ist aktuell noch keine Mannschaft, die Gegner spielerisch an die Wand kombiniert. Aber diese Mannschaft kann unangenehm sein. Sie kann Druck erzeugen. Sie kann Teams in schwierigen Situationen den Stecker ziehen. Und genau das passierte heute mit Frankfurt.

Umso absurder war dann der Beginn der zweiten Halbzeit. Denn plötzlich war der HSV für ein paar Minuten komplett unsortiert. Ein verpasster Befreiungsschlag von Heuer-Fernandes, schlimmer Ballverlust vom völlig indiskutabel auftretenden Bakery Jatta, fehlende Zuordnung im Zentrum, zu große Räume - und Uzun nutzte das eiskalt zum 1:0 für die Eintracht. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als Frankfurt eigentlich komplett am Wackeln war. Und genau da wurde dieses Spiel emotional.

Denn seien wir ehrlich: Wie oft hat der HSV in den vergangenen Jahren genau solche Spiele noch aus der Hand gegeben? Wie oft war nach einem Gegentor plötzlich wieder komplette Unsicherheit zu spüren? Wie oft brach die Mannschaft mental weg? Diesmal nicht. Diesmal kam die Antwort sofort. Nur wenige Augenblicke später stieg Grönbaek nach einer Omari-Flanke hoch und traf zum verdienten Ausgleich. Der Gästeblock explodierte förmlich. Und plötzlich war der HSV wieder komplett da.

Grœnbaek spielte sich jetzt regelrecht in einen Rausch. Der Däne war überall. Grätschen. Sprints. Pressing. Offensivläufe. Und dann dieser Moment in der 59. Minute: Der perfekte Chipball hinter die Frankfurter Kette auf Fabio Vieira. Der Portugiese nimmt den Ball mit der Brust herunter, bleibt eiskalt und schiebt zum 2:1 ein. Und ehrlich gesagt war diese Führung hochverdient.

Was danach allerdings passierte, zeigte erneut beide Seiten dieses HSV. Einerseits verteidigte die Mannschaft leidenschaftlich, kompakt und mit großem Einsatz. Frankfurt fiel offensiv erschreckend wenig ein. Die Eintracht wirkte ideenlos und zunehmend frustriert. Die Pfiffe wurden lauter, die Fans immer unruhiger. Andererseits schaffte es der HSV trotzdem nicht, dieses Spiel endgültig zu töten. Und das war fahrlässig.

Die Konterchancen zum 3:1, teilweise sogar zum 4:1, waren da. Mehrfach. Aber immer wieder wurden die Situationen schlecht ausgespielt. Zu hektisch. Zu unpräzise. Zu wenig Qualität in den entscheidenden Momenten. Dadurch blieb ein Spiel offen, das eigentlich längst entschieden sein musste. Und genau deshalb liefert dieser Sieg trotz aller Euphorie auch eine ziemlich klare Arbeitsanweisung für die kommende Saison.

Ja, der HSV dürfte den Klassenerhalt mit diesem Sieg so gut wie sicher haben. Ja, genau darum ging es jetzt erstmal. Ich hatte vor dem Spiel gesagt: Es ist völlig egal, wie man diese letzten entscheidenden Punkte holt - Hauptsache, man holt sie. Und genau dazu stehe ich selbstverständlich weiterhin. Aber genauso klar muss man feststellen: Dieses aktuelle Niveau wird langfristig nicht reichen, um sich stabil in der Bundesliga zu etablieren.

Die Frage ist jetzt nicht mehr, OB der HSV seinen Kader verändern muss. Die Frage ist nur noch, WIE man das alles schaffen will. Denn wenn man ehrlich ist, braucht der HSV im Sommer nicht zwei oder drei kleine Ergänzungen. Diese Mannschaft braucht locker sieben bis zehn Spieler beziehungsweise Positionen auf stabilem Bundesliga-Niveau als Soforthilfen. Mehr Tempo. Mehr Präzision. Mehr Ruhe am Ball. Mehr Konsequenz im letzten Drittel. Mehr Qualität in der Breite. Das wird die Mammutaufgabe dieses Sommers.

Heute aber darf gefeiert werden. Weil der HSV geliefert hat, als liefern Pflicht war. Weil diese Mannschaft in Frankfurt genau die Mentalität gezeigt hat, die man im Abstiegskampf braucht. Und weil der HSV nach all den Jahren des Chaos, der Rückschläge und der Selbstzerstörung plötzlich ganz nah dran ist an etwas, das zwischenzeitlich alles andere als selbstverständlich war:

Ein weiteres Jahr Bundesliga!

Glückwunsch dazu an alle HS-Verantwortlichen, an die Mannschaft - und vor allem natürlich an das Trainerteam, das mich seit längerem mit den Wechselentscheidungen während der Spiele verrückt macht. Auch heute wieder. Aber ich bleibe auch dabei, dass Polzin und Co. mit diesem Klassenerhalt alles erreicht haben, was für den HSV mit diesem Kader drin war! Über weite Strecken hat man überperformt – zuletzt hat man geschwächelt. Aber heute hat man den Deckel draufgemacht - und das freut mich zuallererst so sehr, dass ich mir heute Abend mal ein nettes Getränk einschenken und auf den HSV anstoßen werde… 

Ich hoffe, Euch geht es genauso!

In diesem Sinne, Euch allen einen wunderschönen Sonnabendabend und ein schönes Rest-Wochenende. Genießt diesen schönen Moment – schon kommende Woche geht’s weiter. 

Scholle

DIE EINZELBEWERTUNGEN:

Daniel Heuer Fernandes: Er brachte mit seinem Kurzpass-Gedaddel seine Mannschaft in die einzig wirklich brenzlige Situation und leitete mit seinem oft gefährlichen Kurzpassspiel das 0:1 ein – auch wenn Jatta das hätte vermeiden müssen! Aber er muss auch mal wieder einfach spielen, sicher spielen und den Ball wegschlagen. Was gehaltene Bälle betrifft, war nämlich alles in Ordnung – nein: gut. Trotzdem, so gibt es nur die Note: 3,5 

Albert Grönbæk (bis 78.): Er musste auf einer für ihn komplett ungewohnten Position als Linksverteidiger ran – und er gewann in den ersten zehn Minuten schon mehr Zweikämpfe als sein Vorgänger auf dieser Position. Dennoch verdeutlichte auch sein Spiel heute den Bedarf des HSV, hier nachzubessern und einen echten Backup für Muheim zu holen. – zumal der Däne seine Stärken zweifellos weiter vorn hat, wie er in der zweiten Halbzeit mit seinem Treffer sowie der Vorlage zum 2:1 eindrucksvollbewies.  Note: 2

Luka Vuskovic (ab 78.): Wichtig, dass er wieder dabei sein konnte. Seine Einwechslung war die einzige Einwechslung, die den HSV stärker machte. 

Jordan Torunarigha (bis 83.): Er bewarb sich beim HSV auf die Position des Abwehrchefs mit einem erneut sehr soliden, guten Auftritt. Und dann kam die Verletzung, die allen einen üblen Schrecken zusetzte. Zum Glück wirkte er nach dem Spiel zwar angeschlagen, aber nicht schlimmer verletzt.  Note: 3

Yussuf Poulsen (ab 83.): Weniger Körperspannung als beim Konter in der 88. Minute, den er kläglich vergab, hat nicht mal ein Regenwurm! Er hätte die Entscheidung herbeiführen müssen, war aber kein hilfreicher Faktor. Und auch deshalb bleibt er lieber ohne Note…

Nicolas Capaldo: Er hatte die erste große Gelegenheit auf dem Fuß (5.) und brachte den letzten Pass nicht an den Mann. Genau DIESE Art von Chancen MUSS der HSV nutzen, wenn er gegen international spielende Teams bestehen will. Auch sonst war er mit Ball heute eher unglücklich. Aber:  seine Energie ist sooo wichtig, die braucht der HSV!  Note: 3,5

Warmed Omari: Er ist einfach noch zu wackelig am Ball. Und das, obwohl er fußballerisch wirklich gute Qualitäten hat. Aber ihm fehlt einfach die Sicherheit, die ihm gute Spiele bringen könnten. Auch heute war das wieder nicht gut – abgesehen von dem erkennbaren Willen dazu, es besser machen zu wollen. Ich wünsche ihm, dass er gegen Freiburg endlich seine alte Form wiederfindet und diese dann in der nächsten Saison von Beginn an zeigen kann Note: 4

Bakery Jatta (bis 68.): Er verschleppt immer wieder in den seltsamsten Situationen plötzlich völlig unerwartet das Tempo – ausgerechnet das, was seine einzige (Kern-)Qualität ist. Fußballerisch ist er ein absolut durchschnittlicher Amateur – und das sieht man leider in jedem Spiel an einzelnen, sehr exemplarischen Aktionen. Aber heute ar es schlimmer! Er legte das 0:1 auf und war auch sonst gar nicht auf dem Platz. Das war tatsächlich gar nichts – sogar noch weniger als das… Er ist so definitiv nicht mehr nicht tragbar. Seine Auswechslung war seine beste Aktion. Note: 6

Giorgi Gocholeishvili (ab 68.): So darfst du nicht reinkommen! Er machte wirklich nicht viel richtig heute. Abgesehen von seinem Lauf, der Gelbrote für die Frankfurter provozierte. Note: 5

Nicolai Remberg: Das war ordentlich. Er beschränkte sich auf das Wesentliche, was völlig in Ordnung war. Note: 3

Albert Sambi Lokonga (bis 78.): Er ist wichtig. Selbst bei so durchschnittlichen Leistungen wie heute ist seine Präsenz im Mittelfeldzentrum gut für den HSV. Aber: Es kann nicht sein, dass er noch immer keine 90 Minuten durchhält. Nicht einmal heute, wo er nicht zu sehr gefordert wurde und nur durchschnittlich viel laufen musste. Note: 3

Daniel Elfadli (ab 78.): Er könnte noch ein wichtiger Bestandteil werden, wenn er seine Form wiederfindet. Ohne Note.

Fabio Vieira: Er traf in der ersten Halbzeit gefühlt nur falsche Entscheidungen – und dann hatte er auch noch Pech und traf nur die Latte (26.). Selbst seine Laufwege waren grottig! Aber dann kam die zweite Halbzeit und sein bester Laufweg sowie seine perfekte Ballabnahme vor seinem schönen Tor zum 1:2 (59.). Trotz der völlig fahrlässig vergebenen Kontersituationen ist er einfach ein ganz wichtiger Faktor für den HSV. Seine Torgefahr ist für den HSV, der nach Glatzels Herausnahme komplett ohne Stürmer agierte, unverzichtbar. Note: 3

Robert Glatzel (bis 68.): Auch wenn er wirklich nur sehr bedingt im Spiel war – seine Präsenz allein ist wichtiger als alles, was Downs imstande ist, auf den Platz zu bringen!  Note: 4

Damion Downs (ab 68.): Unfassbar, dass er für Glatzel eingewechselt wurde. Erwartbar, wie wenig er zustande brachte! Bei ihm sieht das aus, als würde ein jugendlicher Innenverteidiger auf einer für ihn völlig fremden Position gegen erwachsene Bundesligaspieler antreten müssen, so unterlegen ist er. Wie bei Jatta gilt auch beim: Untragbar. Nicht bundesligatauglich!  Note: 6

Ransford Königsdörffer: Wie kann man so uninspir5iert einen Konter vergeben, wie er in der 18. Minute??? In der Mitte lief Vieira völlig frei und Königsdörffer hatte jede Menge Zeit und Platz, den Pass anzusetzen flankte aber direkt auf den Frankfurter Keeper. Und: Wenn er defensiv mitmacht – dann muss er das aktiv machen und nicht nur zugucken, während sich andere darauf verlassen, dass er stört! In der zweiten Halbzeit schleppte er die Bälle über den Platz und wartete vergeblich darauf, dass sich Downs anbot.  Note: 5

DIE STATISTIK ZUM SPIEL:

Eintracht Frankfurt: Zetterer – Amenda, Skhiri (61. Kristensen), R. Koch, Brown – Larsson (82. Ebnoutalib) – Knauff (82. Amaimouni-Echghouyab), Uzun, O. Höjlund (61. Chaibi) , Kalimuendo – Burkardt (61. Bahoya)

HSV: Heuer Fernandes – Capaldo, Torunarigha (83. Poulsen), Omari – Jatta (68. Gocholeishvili), Remberg, Lokonga (79. Elfadli), Grönbaek (78. Vuskovic) – Fabio Vieira, Glatzel (68. Downs), Königsdörffer

Tore: 1:0 Uzun (48.), 1:1 Grœnbaek (51.), 1:2 Fabio Vieira (59.)

Zuschauer: 59.400 (ausverkauft)

Schiedsrichter:  Deniz Aytekin (Oberasbach)

Gelbe Karten: O. Höjlund, Uzun, Kalimuendo, Bahoya / Capaldo

Gelb-Rote Karten: Kristensen / - 

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