Analyse

Bieder? Polzin macht es richtig! Bangen um Muheim und Heuer Fernandes

Es hat ihn überhaupt nicht tangiert. Warum sollte es auch? Er selbst hatte ohnehin keinen Einfluss darauf, was der Verein mit Außenstehenden verhandelte und besprach.…

Bieder? Polzin macht es richtig! Bangen um Muheim und Heuer Fernandes

Es hat ihn überhaupt nicht tangiert. Warum sollte es auch? Er selbst hatte ohnehin keinen Einfluss darauf, was der Verein mit Außenstehenden verhandelte und besprach. Dementsprechend hielt sich Merlin Polzin beim Jahreswechsel wohltuend zurück, wenn es um Gerüchte über andere Trainerkandidaten ging. Dass der HSV parallel mit anderen Kandidaten gesprochen und offensichtlich eine andere Priorität bei der Besetzung des Trainerpostens hatte – für Polzin scheint das nichts anderes als Motivation zu sein. Und diese Motivation hat er in den letzten zehn Spielen in 22 Punkte umgemünzt. Mehr Argumente für sich konnte er kaum sammeln. Und genau deshalb ist man heute in der Chefetage des Volksparkstadions sehr froh darüber, dass andere Kandidaten abgesagt haben. Oder anders formuliert: Die aktuelle HSV-Führung wurde zu ihrem Glück gezwungen.

Jetzt kommt es am Sonntag zum Aufeinandertreffen Polzins mit dem vermeintlich priorisierten Kandidaten des Vorstands im Winter. Und Polzin macht genau das, was er immer macht: Er fokussiert sich auf das Wesentliche – die drei Punkte, die es am Sonntag in Paderborn gegen das Team von Lukas Kwasniok zu holen gibt. Nach seinem krankheitsbedingten Ausfall sagte Polzin: „Das war natürlich keine angenehme Situation für mich, a) weil man generell nicht gern krank ist und b) weil man auch seinen Teil dazu beitragen möchte, den Jungs zu helfen. Die ganze Art und Weise, wie der Freitag gelaufen ist, war unglaublich und hat mir ein sehr gutes Gefühl gegeben – und natürlich auch geholfen, dass es mir schnellstmöglich wieder besser ging.“ Heute sei er aber wieder „bei 100 Prozent“.

Polzin interessiert sich nur für die Punkte - der Rest ist egal

Dass von außen großes Interesse an dieser besonderen Konstellation zwischen Polzin und Paderborns Trainer Kwasniok besteht – klar. Deshalb gingen die Kollegen heute auch bei der Pressekonferenz auf diesen Punkt ein. Aber Polzin war wie immer gut vorbereitet und konterte alles, was sein Team von der eigentlichen Aufgabe am Sonntag ablenken könnte. Er erkannte die Brisanz gar nicht erst an, im Gegenteil: „Ich denke, dass es für mich sowohl jetzt als auch im Dezember gar keine Rolle gespielt hat“, sagte Polzin. „Ich weiß, dass Lukas ein fantastischer Trainer ist. Wir kennen uns schon ein paar Jahre, und er macht einfach richtig gute Arbeit. Ich glaube, es ist selbstverständlich, dass dann auch der eine oder andere Verein interessiert ist.“

Zack – Luft aus der Aufregung zu 100 Prozent raus!

Ich weiß, dass es viele gibt, die Polzin als blasse Figur ohne Charisma titulieren. Und diese Ansicht kann man in gewissen Punkten sicherlich auch teilen. Aber Fakt ist: Am Ende zählt nur der Erfolg. Und den kann man Polzin bis heute absolut nicht absprechen – ganz im Gegenteil! Das wiederum lässt mich hoffen, dass der HSV in dieser Saison in der entscheidenden Phase genau die Konstellation hat, die den Unterschied beim Aufstieg machen kann. Hier steht kein Trainer an der Seitenlinie, der sich mit inhaltslosen Plattitüden nach außen hin schützt. Hier ist kein Trainer, der über der Mannschaft steht – im Gegenteil! Der HSV hat einen Trainer, der die Mannschaft fachlich überzeugt hat und für den sie bislang auf dem Platz alles gibt.

Ebenso entscheidend ist, dass der HSV endlich ein funktionierendes System hat. Polzin und sein Team hatten schnell erkannt, dass diese Mannschaft physisch nicht ausreichend fit war. Der Athletiktrainer musste gehen, und das Training wurde inhaltlich umgestellt. Im neuen Talk mit Stefan Schnoor sagt dieser genau das: Der HSV ist endlich wieder in der Lage, über 90 Minuten zu marschieren. Der HSV kann kämpfen, laufen, arbeiten – also genau das tun, worauf es ankommt, wenn man eine Liga höher aufsteigen will.

Euch fehlt dabei ab und zu schöner Fußball? Verständlich! Der Fußball von Tim Walter war definitiv spektakulärer – weil risikoreicher und dadurch in beide Richtungen ereignisreicher. Aber ich habe es immer gesagt und bleibe auch die nächsten 50 Jahre dabei: Schöner Fußball ist immer nur der Fußball, mit dem eine Mannschaft ihr Punktekonto maximiert und am Ende ihre Ziele erreicht. Alles andere ist nichts. Nichts als heiße Luft und Schaumschlägerei!

Polzin ist vielleicht bieder - aber dafür sachlich-fachlich klar!

Deshalb feiere ich inzwischen das, was viele hier als bieder bezeichnen! Ich feiere Merlin Polzins „biedere“ Antworten. Denn im Gegensatz zu seinen Vorgängern, bei denen er als Assistent auf der Bank saß, hat Polzin überhaupt erst echte Antworten. Polzin trägt keine Schiebermütze, er läuft nicht bei minus 30 Grad im kurzärmeligen T-Shirt an der Seitenlinie auf und ab. Er sitzt nicht bei Pressekonferenzen und versucht, mit flapsigen Antworten die „böse Presse“ bloßzustellen. Er labert nach Niederlagen nicht davon, dass sein Fußball immerhin dazu führe, dass das Stadion durchgehend ausverkauft ist. Weil er es besser weiß! Er sieht, dass auch ein Fußball, der einen starken Fokus auf defensive Stabilität legt, das Stadion ausverkauft.

Kurzum: So bieder und wenig unterhaltsam einige Polzin finden – mir gefällt seine Art, Prioritäten zu setzen. Weil er liefert – und nicht labert. Er ist puristisch auf Fußball und den Erfolg der Mannschaft ausgerichtet. Und nur darum geht es! Sollte er irgendwann auch vom Typ her noch unterhaltsamer werden – es würde mich nicht stören. Aber es ist eben auch nicht entscheidend!

Muss Mickel am Sonntag ins Tor?

Noch nicht entschieden ist, wie der Kader am Sonntag aussieht, nachdem heute mit Miro Muheim und Daniel Heuer Fernandes zwei absolute Stammkräfte fehlten. Zudem musste Fabio Baldé vorzeitig in die Kabine. Polzin sagte zwar, dass alle drei am Sonntag wohl spielen können – sicher ist das allerdings nicht. Besonders in Bezug auf die Torwartposition wäre ein Ausfall folgenschwer, da auch die angestammte Nummer zwei, Ersatzkeeper Matheo Raab, verletzt ist. Sollte DHF also ausfallen, wäre Tom Mickel die nächste Alternative.

Abschließend noch ein Wort zum neuen Videoformat mit Stefan Schnoor: Ich freue mich riesig, dass dieser extrem erfahrene Ex-HSV-Profi sich die Zeit nimmt, mit uns vor und nach den Spielen über den HSV und seine Entwicklung zu sprechen. Das ist spannend, weil wir damit dem Vorwurf aus dem Weg gehen, immer erst im Nachhinein Dinge einzufordern. Andererseits können wir auch mal absolut danebenliegen – und das wird passieren! Da bin ich sicher …

Noch wichtiger für euch ist aber, dass wir dieses Format für die Interaktion nutzen wollen. Das heißt, zum nächsten Video mit Stefan werde ich von euch per E-Mail und/oder Blogposts steile Thesen einsammeln und ihn in einer Art Blitzbefragung damit konfrontieren. Ich bin jetzt schon sehr gespannt, wie das wird!

Ebenso gespannt bin ich auf die ersten Zweitligaspiele dieses Wochenendes – zum einen, weil Düsseldorf spielt und Stefan Schnoor im Video zu den Rheinländern eine durchaus kontroverse Meinung geäußert hat. Zum anderen, weil ich wissen will, ob Schalke noch mal die Kurve bekommt oder weiter so vor sich hindümpelt.

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