Beim HSV werden auch Siege realistisch gesehen
Der HSV hat in Kiel ein Spiel gewonnen, das man in den letzten Jahren wahrscheinlich nicht gewonnen hätte. Es war eh das erste Mal, dass der HSV bei Holstein Kiel ein Spiel in…

Der HSV hat in Kiel ein Spiel gewonnen, das man in den letzten Jahren wahrscheinlich nicht gewonnen hätte. Es war eh das erste Mal, dass der HSV bei Holstein Kiel ein Spiel in der Zweiten Bundesliga gewinnt. Dementsprechend war die Medien-Abteilung in Sachen Statistik gefordert. Und die fand heraus, dass das 3:2 am Freitagabend nicht nur der erste Sieg in der 2. Fußball-Bundesliga im neunten Versuch gegen den Nordrivalen war. Es war der erste Liga-Erfolg der Hamburger gegen die Kieler seit fast 60 Jahren - damals noch zu Zeiten der Oberliga Nord. Also alles super. Oder?
Das meinen hier zumindest einige. Und das ist auch ihr gutes Recht. Allerdings habe ich ein Spiel gesehen, in dem der Gastgeber das Spiel über weite Strecken nicht nur offen gestaltet, sondern sich sehr viele Chancen erspielt hat. Zu viele, wie Robert Glatzel und andere Spieler nach dem Spiel zu Protokoll gaben. „Wir müssen solche Anfangsphasen abstellen, sonst wird uns das irgendwann mal um die Ohren fliegen“, so Glatzel, dem ich in diesem Punkt in meinem Blitzfazit zu 100 Prozent unterstützt habe. Denn Fakt ist: Kiel hatte ausreichend Gelegenheiten, um in der ersten Hälfte einen mehr als komfortablen Vorsprung herauszuschießen und das Spiel früh zu entscheiden. Das schönzureden wäre fatal. Aber: Abgesehen von einigen Fans macht das zumindest beim HSV auch niemand. Tim Walter mahnte vor derartigen Anfangsphasen und sah in der außergewöhnlichen Effizienz seiner Mannschaft in Kiel den entscheidenden Faktor für den Sieg. Zurecht, wie ich finde.
Gefreut haben sich aber alle über diesen Erfolg, der den HSV in der Tabelle weiter auf Platz zwei sieht. Inzwischen mit drei Punkten Vorsprung auf relegationsplatz drei und einen Punkt hinter Spitzenreiter SC Paderborn. Saison- und wettbewerbs-übergreifend war es der neunte Auswärtssieg nacheinander. Die letzte Niederlage als gab es am 10. April – passenderweise in Kiel. Wären da in dieser Saison nicht die beiden Heim-Niederlagen gegen Hansa Rostock und Darmstadt 98 gewesen – der HSV würde sogar von ganz oben mit gebührendem Abstand auf die Konkurrenz schauen. Aber so ist das mit den Konjunktiven. „Wir wissen, dass wir auswärts genauso auftreten wie zu Hause auch. Aber vielleicht haben wir auswärts gerade ein bisschen mehr das Matchglück“, sagte Moritz Heyer und Daniel Heuer Fernandes fügte hinzu: „In der Defensive läuft alles über Bereitschaft, du musst in jedem Zweikampf alles geben. Das ist unsere Basis, unser Fundament. Spielerische Lösungen haben wir dann immer“, so der überragende Schlussmann, der in den ersten 20 Minuten reihenweise einen Rückstand gegen die anfangs furiosen Kieler verhinderte.
Für Trainer Tim Walter war der Sieg in Kiel auch ein Ausdruck von gewonnener Reife. „Man sieht, was sich in Hamburg entwickelt. Das hat ein bisschen mit unserer letzten Niederlage hier angefangen“, sagte er nach seinem 50. Pflichtspiel als HSV-Trainer an alter Wirkungsstätte. Und ich erinnerte mich schnell an den Beitrag von Blogfreund und Psychologe Dr. Olaf Ringelband. Der hatte nach dem Sieg gegen den Karlsruher SC gewarnt: „Psychologisch ist der Sieg gegen Karlsruhe gefährlich. Klar, Karlsruhe war sehr stark, gerade in der ersten Halbzeit. Dass man das Spiel glücklich … gewonnen hat, wird die beim Trainer und den Spieler schon häufig geäußerte Haltung festigen, wir müssen nur Geduld haben, unsere Qualität wird sich irgendwann durchsetzen“. Kiel ist hierbei wie eine Blaupause zu Karlsruhe.
Aber noch mal: Während viele Anhänger den Sieg als verdient bis souverän (man habe ja 3:0 geführt…) ansehen, nehmen HSV-Trainer Tim Walter und die Spieler den Sieg nicht als logische Folge ihres Spiels hin, sondern hinterfragen ihn kritisch. Und sie greifen die positiven Aspekte auf. Denn dieser HSV funktioniert vor allem als Mannschaft. In Kiel bereitete der beispielsweise der eingewechselte Laszlo Benes (ausgerechnet an seinem 25. Geburtstag) das zweite und dritte Tor vor. „Das spricht für die Mannschaft und den Teamspirit. Im Verlaufe einer Saison ist es immer entscheidend, dass eingewechselte Spieler sofort die Qualität erhöhen. Das war heute und auch bereits in den letzten Wochen der Fall. Wir sind ein gutes Team. Das zeichnet uns aus“, lobte Heyer. Ob Benes am kommenden Sonnabend gegen Düsseldorf schon Kittel ersetzt? Das wird sicher im Laufe dieser Woche ein Thema sein. Das aus meiner Sicht größte Thema derzeit aber ist die noch fehlende Konstanz bei Heimspielen.
„Nächste Woche müssen wir auch zu Hause gewinnen“, weiß auch Benes mit Blick auf das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf. Und das wird wieder schwer genug.
In diesem Sinne, bis morgen!
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