Beim HSV müssen sich alle weiterentwickeln
Der Tag danach ist immer schwierig. Nett formuliert. Als aktiver Spieler haben mich Niederlagen immer gleich mehrere Tage die Laune gekostet, selbst Unentschieden waren nicht…

Der Tag danach ist immer schwierig. Nett formuliert. Als aktiver Spieler haben mich Niederlagen immer gleich mehrere Tage die Laune gekostet, selbst Unentschieden waren nicht gut für die Stimmung – Siege indes schon. Und auch ich weiß, dass keiner der HSV-Profis inklusive des gesamten Trainerteams und der Offiziellen in Kiel nicht gewinnen wollte. Alle wollten das. Und in der ersten Halbzeit war das auch allen Spielern anzusehen. Aber dass selbst Heißsporn Tim Walter in der Zweiten Halbzeit teilweise schon regungslos mit ansah, wie sich der HSV ideenlos bis zum Abpfiff hangelte ist ein Indiz dafür, dass die so oft gepriesene Entwicklung – die ich nach wir vor zu 100 Prozent als richtig erachte – stagniert.
Und auch das ist noch nett formuliert. Auf der Suche nach den Gründen für dieses neuerliche Versagen in einem Moment, in dem man gewinnen muss, wird man vielerorts fündig. Angefangen mit der Saisonplanung, bei der man von einer Zusammenarbeit mit einem Mentaltrainer Abstand genommen hatte. Dass der HSV die Arbeit mit einem Mentaltrainer mal wieder negativ beschieden hatte, spricht nicht für die Professionalität dieses Klubs. Denn bei der Abwägung aus Chancen und Risiken (bzw. Kosten) kann man zu keinem anderen Ergebnis kommen, als dass dieser Mentaltrainer keine Belastung ist, solange man den Spielern den Umgang mit diesem freistellen. Im Gegenteil: Ein guter Mentaltrainer ist ausschließlich eine Chance. Zu vergleichbar geringen Kosten hätte man zumindest die große Chance, dass die Spieler in Momenten wie in Kiel eben mental fitter sind, als sie es gestern waren.
Statistisch ist der HSV überall top - außer in der Tabelle...
Aber es kann selbstredend auch ohne gehen. Wenn die Mannschaft funktioniert, wenn die Führungsspieler führen und dementsprechend Ordnung vorhanden ist. Aber: Hat der HSV diese Struktur? Ich behaupte: ja. Mit Heuer Fernandes, Schonlau, in Teilen schon Vuskovic (dem ich gestern zwingend eine bessere Note als eine 5 hätte geben müssen – zugegeben!), Meffert und Glatzel hat der HSV sehr konstante Spieler. Und auch wenn Glatzel in Kiel in der Zweiten Halbzeit eine Großchance ungenutzt ließ, kann man sich über sein Spiel nur bedingt ärgern. Denn arbeiten tut er immer. Ebenso wie die anderen eben genannten Spieler. Man hat zudem weiterhin die beste Abwehr, den meisten Ballbesitz, man spielt die meisten Pässe und hat die höchste Passsicherheit. Man läuft sogar nach Heidenheim am meisten Kilometer, oder anders formuliert: Man könnte so leicht die Besten sein – und ist trotzdem nur Sechster.
Ich versuche seit Saisonbeginn, eine Balance aus der allgemein immer hohen Erwartung und dem Weg der Entwicklung hinzubekommen. In keinem dieser Punkte aber finde i9ch eine Lösung dafür, dass der HSV immer wieder zum Saisonende in sich kollabiert. Diesmal ehrlich gesagt sogar noch weniger, weil ich das Gefühl habe (gestützt auf Beobachtungen und Schilderungen der Spieler), dass Trainer und Mannschaft weiterhin harmonieren. Allein im tabellarischen Erfolg schlägt sich das nicht (mehr) nieder. Trotzdem regt sich in mir noch nicht der Impuls, den Trainer austauschen zu müssen. Und ich erkläre auch gern, warum ich so denke, nachdem ich zu Saisonbeginn noch starke Befürchtungen hatte, dass Walter die falsche Wahl ist.
Vorweg: Ich will es nicht ausschließen, kann mir aber aktuell nicht vorstellen, dass Walter ein Trainer für Langstrecke beim HSV ist. Aber: Walters Verpflichtung hat sich aus meiner Sicht schon dafür rentiert, dass er sich Dinge traut, die seine Vorgänger vermieden haben, weil sie sich nicht angreifbar machen wollten. Alle Trainer beim HSV legten sehr viel Wert auf die öffentliche Meinung und handelten nicht selten danach – Walter nicht! Walter hat den Weg hin zu jungen Spielern gesucht und gefunden. Wider die Meinungen vieler Ratgeber hat er junge Spieler hochgezogen und spielen lassen – siehe Faride Alidou (der leider seit seiner Wechselbekanntgabe auch nicht mehr funktioniert) und andere. Das musste er sicher auch, weil sich der HSV finanziell einfach nicht mehr erlauben konnte. Aber: Walter hat es mit einer Überzeugung präsentiert, die sich positiv bemerkbar macht. Denn inzwischen ist dieser Weg akzeptiert. Weitestgehend. Die berechtigte Frage ist nur: Warum ist er nicht erfolgreicher?
Diesem HSV fehlt weiterhin die taktische Flexibilität
Ich behaupte: Weil Hamburg sich noch immer uneins ist. Ein großer Teil der Anhänger ist nur mit einem Aufstieg zufrieden. Und der ist mal wieder verpasst. Nahezu sicher. Und dem werden dann auch die guten Dinge untergeordnet. Mit anderen Worten: Walter wusste vom ersten Tag an, dass er auch gegen einen Teil seines Umfeldes kämpfen muss - und so ist es. Und das kostet wichtige Körner. Körner, die ihm in anderen Bereichen dann fehlen. Oder anders formuliert: Dieser hundertprozentige Fokus auf den Sport wird keinem HSV-Trainer gewährt, solange sich dieser Klub im Fall befindet. Aber genau das ist unumgänglich. Das – und eine gedankliche bzw. vor allem taktische Flexibilität. Aber diese beiden Dinge fehlen seit Saisonbeginn.
Dass sich Spieler wie Sebastian Schonlau hinstellen und erklären, der Plan A beinhalte schon Plan B, C, D und so weiter, alles okay! Ich werte es als positiv, weil man den Trainer schützen will. Das spricht fürs interne Verhältnis. Aber es ist einfach zu augenscheinlich, dass dem HSV schon ein Plan B fehlt. Der HSV spielt sein Spiel. Immer. Und die Gegner haben das geblickt. „Heute ist der Matchplan, Ehrgeiz, Teamgeist und ein Sieg aufgegangen“, freute sich Holtby mit einem Schmunzeln und es war zu erkennen, dass der HSV es den Kielern leicht gemacht hatte. Holtby hätte auch sagen können: „Wir mussten nur gut verteidigen und ordentlich gegenhalten – das hat gereicht.“
Denn genau so ist es: Spiele gegen den HSV sind einfach nicht mehr anstrengend. Stell dich tief, verteidige kompakt, und selbst wenn Du als Gegner nicht über das Format verfügst, Dir den Sieg selbst herauszuspielen, so bekommst Du in 80 % der Fälle deine 100-prozentige vom HSV geschenkt. Siehe Paderborn, siehe Kiel, und so weiter… Walter dazu: „Dass uns selbst ein entscheidender Fehler unterläuft, das kann passieren, dafür sind wir eine Mannschaft, die sowas gemeinsam auffängt. Das ist heute aber nicht gelungen, da wir in der zweiten Halbzeit zu fahrig und zu verkrampft gespielt und uns nicht belohnt haben.“
Nicht nur die Mannschaft muss sich entwickeln
Das stimmt alles. Aber für solche Momente ist eben nicht nur die Mannschaft da. Dafür muss auch ein Trainer gewappnet sein. Seine Wechsel, seine taktischen Ideen und Umstellungen müssen erkennbar fruchten. Aber das gab es bislang nur in der Hinrunde, als Walter selbst zugab, durch viele Verletzungen dazu gezwungen gewesen zu sein, etwas defensiver zu denken. „Genau darum geht es für uns: Wir arbeiten und investieren so viel, aber wir schaffen es noch zu selten, uns dafür zu belohnen“, sagt Walter und würde ihm entgegen: Zur Belohnung gehört ein Plan, der funktioniert. Und wenn dieser mal nicht funktioniert, muss es einen Plan B geben. Andere als hier:
Meine Prognose: Schafft Walter es, alle davon zu überzeugen, dass er diesen Plan B und diese taktische Finesse hat, wird er in Hamburg keine Probleme haben, länger zu bleiben. Ich behaupte sogar, Walter kann es sich leicht verdienen, hier zu bleiben. Auch bei Nichtaufstieg Da können Kicker, Bild und Co. noch so oft „Trainer-Endspiele“ ausrufen. Das Einzige, was eben nicht passieren darf ist, dass der HSV bis Saisonende weiter so taumelt wie in den letzten Wochen.
Ich glaube Walter, dass er hier etwas entwickeln will und das auch kann. Zumindest hat er den nötigen Mut dafür bewiesen. Aber Walter darf nicht immer davon sprechen, wie wichtig die Entwicklung ist und wie sehr sie im Vordergrund steht, ohne sich selbst mit- bzw. weiterzuentwickeln. Und egal wie unmöglich der Aufstieg auch ist, schon deshalb werden die nächsten Wochen und Spiele alles andere als unwichtig.
In diesem Sinne, bis morgen.
Scholle
P.S.: Was ich in die Fehleranalyse nicht mit aufgenommen habe, ist, dass die Mannschaft kurioserweise vor dem Spiel in Kiel auch in Kiel übernachtet hat - und viele Spieler schon vor dem Spiel darüber klagten, nicht gut geschlafen zu haben. Normalerweise schläft das Team im eigenen Bett. Und abgesehen vom Stadderby gibts kein nähergebenes Auswärtsspiel (80 Kilometer Anfahrt). Dass das Spiel zu Beginn von den eigenen fans unterbrochen wurde hat sicher auch nicht geholfen (muss aber auch nicht geschadet haben).
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